01.01.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 1

von Nils Röller

Ich meine, daß man Kerzen nur brennend ausstellen sollte, weil man anders den möglichen Kunden nicht die Feinheit der Dochte demonstrieren kann.

Ich bin Kerzenhändler und betreibe eine Geschäft, das nur selten von Kunden besucht wird. Der Grund dafür ist, daß ich in meinem Geschäft Kerzen nicht angemessen präsentieren kann. Ich kann und darf sie nicht brennen lassen. Ich meine, daß man Kerzen nur brennend ausstellen sollte, weil man anders den möglichen Kunden nicht die Feinheit der Dochte demonstrieren kann. Läßt man die Kerzen brennen, so wird es schnell sehr warm im Geschäft und die Kerzen brennen im Laufe eines Tages ab. Das brennt einen Verlust in meine Lagerhaltung und Wirtschaft. Weil ich Halbheiten nicht mag, verzichte ich darauf, Kerzen in meinem Geschäft zu zeigen. Aber das ist schlecht, da es mir so nie gelingen wird, Kunden zu finden. Manchmal werde ich übermütig und überlege, alle Kerzen, die ich noch habe, anzuzünden. Aber was geschieht danach? Soll ich das Geschäft verlassen, auswandern oder Landarzt werden? ...

Heute abend habe ich das Geschäft frühzeitig geschlossen. Meine Schwester hat mir empfohlen, einen Film anzusehen, der ihre Situation betrifft. Sie wohnt in einem Viertel, in dem viele Moslems wohnen. Der Film stellt dar, wie solch ein Viertel in Amerika einem Ausnahmezustand unterworfen wird. Das Militär riegelt alles ab und konzentriert mögliche Attentäter - und das heißt alle männlichen Moslems des Viertels - in einem Fußballstadion. Das könnte in Kreuzberg auch passieren. Ich werde den Film ansehen, ob ich ihr dann einen Brief schreibe, entscheidet sich danach.

... Ich schreibe ihr keinen Brief. Mir fehlt dazu die Zeit. Ich muß wieder ins Geschäft und mich auf den nächsten Tag vorbereiten. Mir ist im Film deutlich geworden, daß man nicht die Augen vor seiner Situation verschließen darf, sondern seine Chancen und Rechte abwägen und wahren muß, so wie der schwarze FBI-Agent, der sich trotz der Übermacht der Militärs und ihrer besseren Ausrüstung (Kurzwellendetektoren-Überwachung) nicht in seiner Rechtsauffassung beirren läßt und den leitenden Militär, General D., wegen Folterung und Amtsmissbrauch verhaften läßt. Meine Pflicht ist es, mein Geschäft und meine Qualitätsauffassung zu bewahren. Ich muß mir überlegen, wie ich den Kunden die Qualität meiner Kerzen, die besonderen Eigenschaften ihrer Dochte nahe legen kann, ohne meine Lagerbestände zu vernichten. Vielleicht sollte ich nur eine Kerze täglich abbrennen. Kein schwieriger Gedanke, doch wird er dem Wechselspiel zwischen Farbe und Flamme nicht gerecht und ich fürchte auch, dass jeder Docht anders brennt...

Heute morgen bekam ich Besuch. Ich sage Besuch, weil ich nicht sagen kann, daß ich Kundschaft erhalten habe und meinen Umsatz erhöhen konnte. Nein, heute kam ein Mann, der zwar nichts gekauft hat, der sich aber eingehend nach meiner Ware erkundigt hat, in der Absicht, seinem Sohn und seiner Frau eine Freude zu bereiten. Sie möchten feiern, daß ihr Sohn nun eine Zukunft als Drehbuchautor haben kann. Sie beziehen sich auf die Ankündigung von George Lucas "Jede Generation hat ihre Legende". Diesen Satz hat ihr Sohn wiederholt ausgesprochen. Das vertraute mir der stolze Vater an. Er sucht nun zur Feier des Ereignisses eine Kerze. Sie wollen feiern, daß ihr Kind kongruent zum Zeitgeist denkt und vielleicht einmal eine chancenreiche Zukunft hat. Leider konnte ich dem Mann keine passende Kerze verkaufen. Ich habe seine Freude nicht teilen können und habe unwirsch auf das Sortiment in meinem Laden verwiesen, anstatt mich in ihn hineinzuversetzen und ihn angemessen zu beraten. Wahrscheinlich wird er ein anderes Geschenk suchen, um seine Freude auszudrücken. Was für ein Tag...