13.02.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 2

von Nils Röller

Hatte ich überhaupt eine Wahl? ...

Ich habe heute Abend die Tür meines Geschäfts nicht geschlossen, sondern nur angelehnt. Wenn ein Dieb etwas entwenden möchte, so soll er es nur tun. Ich leiste Buße. Ich leiste Buße dafür, dass ich die Freundschaft zu einem verunsicherten gelehrten Mann aufgekündigt habe, der nun in einer Unterkunft für Obdachlose wohnt. Noch bin ich feige und lasse mich möglicherweise beschädigen, um ebenfalls als Armer ihm gegenüber zu treten, anstatt auszuhalten, dass es Unterschiede zwischen uns gibt, zwischen arm und reich und zwischen gelehrt und ungelehrt...Ich beschäftige mich viel mit mir selbst. Der Grund dafür ist äußerlich in meinem schlecht gehenden Geschäft zu sehen, innerlich in meiner Wahl, überhaupt ein solches Geschäft zu betreiben. Hatte ich überhaupt eine Wahl? ...

In einer Zeitung habe ich eine Darstellung eines arabischen Prinzen gelesen. Er ist ein bedeutender Minderheitsaktionär von gut geführten und renommierten Unternehmen. Seine Handkasse beträgt zwischen einer und drei Millionen Dollar für schnelle Aktienkäufe. Er macht keine Schulden. Ich mache auch keine Schulden, aber meine Handkasse beträgt zwischen zehn und dreissig DM. An den meisten Tagen könnte ich Kunden, die mit großen Scheinen bezahlen möchten, kein Wechselgeld herausgeben. Deshalb bin ich oft froh wenn niemand etwas kauft. Es wäre peinlich nicht herausgeben zu können...

In derselben Zeitung stand auch, dass Buenos Aires gute Lüfte bedeutet. Ich frage mich, ob dieses Wort meinen heutigen Geschäftstag verschönern kann. Wie lange wird sich die Vorstellung schöner Luft in meinem Bewusstsein halten. Sie kann schnell verschwinden. Es braucht nur ein Kunde kommen, der eine Kerze mit einem großen Schein kaufen möchte. Dann muss ich zugeben, dass ich keine Wechselkasse führe. Kein Handel wegen Armut trotz guter Luft...