15.02.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 3

von Nils Röller

Heute würde ich gerne mein Geschäft schließen. Sofort. Und nach Süden fahren. Ich könnte trampen. Im warmen Wind an der Straße stehen, den Daumen den Autos entgegen halten. Vielleicht ist ein Auto mit schöner Musik dabei. Ich würde gerne die Musik hören, die heute im Radio gespielt wurde (Brinkmann – Kounellis), aber vielleicht geht es nicht nur nach mir, sicherlich geht es nach dem Willen des Fahrers. Vielleicht ist es eine Fahrerin, die Frau zum Beispiel, die ich mittags beobachtet habe.

Sie könnte sie zurückziehen und so meine Spannung steigern, dass ich mich nicht elender fühlen kann.

Ich werde nie das Glück haben, mit dieser schönen jungen Frau fahren zu dürfen oder besser die Alpen überqueren zu dürfen. Ich würde gleich alles verderben, sobald ich bei ihr im Auto sitze. Wahrscheinlich würde ich mich so unglücklich auf den Polstern des Beifahrersitzes installieren, daß sie die Spannung, die von meinem Körper ausgeht, nicht aushalten wird. Sie wird mich schnell wieder heraussetzen. Vielleicht werde ich aber auch Glück haben, eine kleine Chance. Sie könnte, bevor meine Anspannung für sie bemerkbar wird, auf einer Raststätte anhalten. Dann würde ich eine Toilette aufsuchen und die Söhne Onans um Rat angehen. Es könnte auch etwas Außergewöhnliches passieren. Die Frau, die ich mittlerweile Dame nenne, könnte meine Erregung bemerken und sie genießen. Vielleicht streicht sie mir über die Wange. Aber es kann sein, dass sie so ein großes Begehren in mir weckt, dass ich versuche, ihre Beine zu berühren. Sie könnte sie zurückziehen und so meine Spannung steigern, dass ich mich nicht elender fühlen kann. Vielleicht sollte ich erst gar nicht in ihr Auto einsteigen, wenn sie anhält. Vielleicht sollte ich nicht trampen oder gar nicht leben. Das würde mich vor meinem Fehlverhalten schützen, wenn sie das nächste Mal an meinem Schaufenster vorübergeht.

Dabei war sie heute so schön anzusehen. Sie stand vor dem Schaufenster im Mischlicht zwischen der mittagshellen Wintersonne und dem Dunkel meines Geschäfts, beobachtete eine Weile ein Insekt, das sich auf der Schaufensterscheibe sonnte und dann zerdrückte sie das Tier in einer ruhigen, schnellen Handbewegung, mit der sie schließlich auch den Rest des Kadavers von sich streifte, so dass kein Schmutzfleck zurückblieb, wenigstens nicht auf meiner Scheibe. Ich habe die Scheibe nach ihrem Fortgehen genau geprüft.

Ich würde gerne fliessend italienisch sprechen, weil ich glaube, dass diese Sprache solche Handbewegungen in ihrer eleganten Fleischlichkeit, Verachtung und ihrer widersinnigen Heiligkeit vor der Kreatur ausdrücken kann, eine Sprache für Vorgänge mit unglaublicher Leichtigkeit, Sensibilität und Tiefe.

Es wird sich vieles zum Besseren wenden, wenn ich mein Geschäft aufgebe.

Die Freiheit, warum stelle ich sie mir weiblich vor, in verschmutzten, ehemals eleganten Kleidungsstücken? Warum so?

Ich träume, dass ich mit der jungen Frau - ich nenne sie mittlerweile die Italienerin - zusammenlebe und fürchte mich davor. Ich fürchte mich davor, dass ich sie nicht verlassen kann, mit ihr eins werde, von ihr verschlungen werde und von ihr durch eine Welt getragen werde, die ich nicht kenne. Wie soll ich zu mir und meinem Geschäft zurückkehren, wenn ich im Inneren eines anderen Menschen aufbewahrt werde? Auf dem Heimweg habe ich bei einer Galerie (Borgmann-Nathusius) vorbei gesehen, Papierarbeiten, bei denen ich zunächst an Computerdrucker denken musste. Die Norm der Einzugsschächte hat die Papierindustrie zu weltweiten Standards geführt. Nicht dass künstlerische Arbeiten etwas gegen diese Standardisierung vermöchten, doch habe ich Zeichnungen, schlichte Wellenberge, Talmi-Sterne gesehen, die die genormte Fläche in ein Niemandsland verwandeln (Jon Pylypchuk aka Rudy Best), auf dem sich die Freiheit schüchtern bewegt. Die Freiheit, warum stelle ich sie mir weiblich vor, in verschmutzten, ehemals eleganten Kleidungsstücken? Warum so? Freiheit ist doch nur ein Wort.