15.03.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 5

von Nils Röller

Ohne Madonna, dafür mit Zitrusfrüchten, Datteln, Mandelaugen einer schönen Verkäuferin und bemerkenswerten Worten, die zum Beispiel als SMS-Signaturen eingesetzt werden können.

Fr: Carrier-Shell
Sa: Vegetativ
So: Seelenforscher
Mo: Krebssequenz nachfahren
Di: Im Land des Raums von heute
Mi: Sonnensegel
Do: Restwasserstreitgebettel

Dann stelle ich mir auch eine zielstrebige Person vor, die bestimmt, aber geduldig die Waren in meinem Geschäft in ihren Händen wiegt und taxiert, meine Empfehlungen anhört und mir den Eindruck vermittelt, daß sie mich schätzt, so wie ich mich auf ihre Disziplin, die kalten Dusche am Morgen, Absistenz und schnelle Auffassungsgabe verlassen kann. Vielleicht sollte ich auch so werden und mich karg aber ausgesucht ernähren. Datteln und Tee zum Frühstück, zuweilen eine Zitrusfrucht und abends Wasser. Aber so ernähre ich mich ohnehin, mir bleibt wegen meines geringen Umsatzes nichts anderes übrig. Gern hätte ich auch einen Kunden, der meine Ernährungsweise mit schönen Geschichten und Phantasien begleiten kann. Manchmal glaube ich in dem türkischen Markt, in dem ich Feigen, Orangen und Oliven kaufe, einen solchen möglichen Charakter zu finden. Die Tochter des Geschäftsführer hat weiche dunkle durchdringende Mandelaugen. Sie schlägt oft ihren Blick näher, verschleiert sich, wenn sie an der Kasse bedient und die Groschen zählt, die ich auf den Tisch gelegt habe. Dazu muß sie allerdings auch niedersehen, wie soll sie sonst auch zählen? Vielleicht ändert sich ihr Verhalten und sie sieht mich länger an, wenn ich die Groschen schon abgezählt auf den Kassentisch stelle.

So ungefähr stelle ich mir die Burg- und Ehrendamen der mittelalterlichen Sänger vor. Nicht nur die Damen, sondern auch die Gesänge sind anmutig. Wolfram von Eschenbach spricht über seine eigenen Verse so, als beschreibe er seine Herzensdame. Sie heisst Aventüre, und Aventüre ist manchmal unberechenbar. Frau Aventüre ruft am Anfang des Neunten Buches "Macht auf!" und der dichtende Wolfram erkennt sie nicht, so maskiert ist sie. Ich will versuchen meine geschäftliche Lage als Techtelmechtel mit der Frau Aventüre zu betrachten. Dazu reite ich erst einmal fort und versuche Geschichten von anderen Abenteuern zu hören. Mein erstes Ziel ist die A-Musik am Brüssler Platz, mein zweites die Galerie Nagel, dann setze ich über zur DLR, springe hoch zur Raumstation und werde dann im Bergischen von einem genetischen Interpreten des Buchs der Weisheiten aufgefangen. Ich erlebe so viel, dass ich ganz vergesse nach meinem Geschäft zu fragen und abends, wenn ich Kassensturz mache, kommt dann die Ernüchterung. Der Verdienst dieser Woche ist auf alten Kassenzetteln notiert, Fundworte des Tages, die ich noch nicht einmal zu einer Kurzgeschichte fügen kann... Zum Trost schreibe ich noch etwas aus Heldengedicht heraus und denke, dass ich so eine Verbindung zum längeren Bericht der vergangenen Woche schlagen kann:

"Macht auf!"
Wem? Wer seid Ihr denn?
"Ich will zu dir, in dein Herz!"
Das ist doch viel zu eng für Euch!
"Was tut’s! Käme ich auch nur mit Mühe und Not hinein, sollte es dich freuen, dass ich Einlass begehre, denn ich erzähle dir die wunderbarsten Geschichten!"
Ach, Ihr seid es, Frau Aventüre! Wie geht es eigentlich unserem trefflichen Helden? Ich meine den edlen Parzival, den Cundry mit bitteren Worten auf die Suche nach dem Gral trieb. Viele Damen bedauerten seinen unabänderlichen Entschluss. Von Artus, dem Bretonen, brach er damals auf. Wie geht’s ihm jetzt? Erzählt von ihm Zieht er immer noch freudlos umher, oder hat er wieder hohen Ruhm errungen? So erzählt doch, was für Taten hat er vollbracht? Hat er Munsalwäsche wiedergesehen und den gütigen Anfortas, den er in Verzweiflung zurückliess? Seid so gut und gebt Bescheid, ob Anfortas jetzt von seinem Leiden erlöst ist! Berichtet...



Fussnote:

Kann ich, darf ich meinen Gedankenritt von der A-Musik zur Raumstation mit diesem Zitat verbinden: z.B: Georg: Hüter des Vertriebsgrals; Cundry: Zwang zum Fortschritt
Dame 1: Catherine Sullivans Helen Keller; Anfortas: Max-Planck; Artus: taz-Kulturredaktion?

P.S.: In der letzten Sendung verweise ich auf die Fussnote 1, die ich leider nicht gesendet habe. Hier kommt sie nun. Mir ist dass Wort Flüssigkeit wichtig: "Der euklidsche Raum ist zu vergleichen einem Kristall, der aus lauter gleichen unveränderlichen Atomen in der regelmäßigen und starren, unveränderlichen Anordnung eines Gitters aufgebaut ist, der Riemannsche Raum einer Flüssigkeit, die aus denselben untereinander gleichen unveränderlichen Atomen besteht, aber in einer beweglichen, gegenüber einwirkenden Kräften nachgiebigen Lagerung und Orientierung ... Die Natur der Metrik ist im Riemannschen Raum gleich. Aber das Koordinatensystem, in welchem das Maßgesetz diese feste Normalform annimmt und das ... charakteristisch ist für die `Orientierung´ der Metrik, ist im allgemeinen von Stelle zu Stelle ein anderes ... Die Natur der Metrik ist eine, absolut gegebene; nur die gegenseitige Orientierung in den verschiedenen Punkten ist kontinuierlicher Veränderung fähig und abhängig von der Materie”
(Weyl, Hermann: Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft, S. 117)