29.03.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 6

von Nils Röller

Und weil in der letzten Woche nicht so viel geliefert werden konnte, folgen auch noch: Wortwaagen, arabische Gedanken, Mandarinen-Orange vor dem Tutku-Market, ein Raumzeitschiff NRW wird erstmalig erwähnt, Jürgen Claus wird vorgestellt nebst ersten Teilen eines begrifflichen Werkzeugkasten zum Raumzeitschiffbau, Parzival kommt wieder zu Wort und erwähnt schöne Damen, die auch während Olaf Hirschbergs Präsentation in der Simulatanhalle anzutreffen waren, Gedanken zur Ökonomie von Catherine Sullivan werden formuliert sowie bescheidene Fussnoten (zu der Chemie von Mouse on Möglichkeiten).

Fr: Meerschall
Sa: Heidegemeinheit
So: I ate the wind
Mo: Seekartenwesen
Di: nonoral
Mi: Rosenapfel
Do: schön, in der Art, wie ein kampfbereiter Ritter schön ist
Fr: eminenza di mente
Sa: Mondökonom
So: Jongleur-Bücher
Mo: Spielleute
Di: Oberhausen
Mi: Alkaloid Spaniens
Do: Annalen Einhards
Fr: Lage der Blüten
Sa: Sexoek
So: Fliegkraftregler
Mo: Tuwatt

Ich frage mich, wie es wäre, wenn ein Kunde in das Geschäft käme, dem mehr daran liegt, mit mir zu sprechen, als mir etwas abzukaufen. Vielleicht lege ich dann jeden Satz von ihm auf die Waagschale und hoffe ungeduldig darauf, daß er sein Portemonnaie zückt und meine Wechselkasse herausfordert. Vielleicht lege ich auch einzelne Worte auf die Waagschale und lerne sie schätzen für meine Notizen und meine Gedanken über Kunden.

Vielleicht finde ich Worte, die meinem kargen Lebenswandel, die Feigen aus dem Tutku-Market, verbinden mit Oasen,Wüstenschiffen und arabischen Gedanken im Allgemeinen.
Vielleicht lerne ich seine Worte so schätzen, dass ich mich nach seinem Besuch sehne. Vielleicht fasst er Zutrauen zu mir und stellt mir seine Freunde vor. Seine Freunde können Bücher sein und Freunde, die mit ihm über seine Bücher sprechen. Vielleicht werde ich auch sein Freund, und mein Geschäft wird ein Treffpunkt für seine Freunde und ich kann daran Anteil nehmen.

Natürlich fürchte ich mich auch vor dieser Vorstellung, bedenke, dass meine Ordnung durcheinander gerät und ich in Gespräche verwickelt werde, in denen ich meine Lage darstellen muss. Die Freunde werden dann schnell bemerken, dass mein Geschäft auf Nichts gebaut ist. Ich höre schon Formulierungen und lege sie in Gedanken auf eine Waagschale, ohne ein Gegengewicht zu finden. Nun höre ich das Wort "bewaffneter Widerstand" und weiß nicht, wie ich das mit dem Nichts meines Geschäfts in Verbindung zu bringen habe, aber eben das beginne ich zu fürchten, nämlich dass ich Worte vorgesetzt bekomme, die mein Leben verändern, anstatt zu verschönern. Ich wünsche mir Anregungen, die meinen Alltag verschönern, Oasenworte, die mich ermuntern, die kargen Verhältnisse zu verdrängen in der Hoffnung, dass sich in meinem kümmerlichen Geschäftes etwas ändert. Ich werden jetzt morgens bewusst an dem türkischen Geschäft vorbeigehen und dort Anregungen suchen. Heute morgen habe ich im Vorrübergehen grüne Mandarinenblätter gesehen. Sie lagen auf dem Verkaufstisch an der Straße. Grüne Blätter an Mandarinenorange auf dunkelgrünen Untergrund...Ich könnte allerdings auch konstruktiv vorgehen und mein Geschäft als Planungsbüro modellieren, das eine Alternative zur der Internationalen Raumstation im All entwickelt, die nur von wenigen besucht werden kann. Als Partner für die Planungsarbeiten spreche ich Jürgen Claus an:

Für Jürgen Claus ist die Entwicklung von Weltraum- und Medientechniken, wie Satellitenaufnahmen und Computergraphiken im Kontext der ökologische Krise prägend.

Jürgen Claus
setzt die Untersuchungen des Biologen Ernst Haeckel fort. Ernst Haeckel publizierte zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein Mappenwerk mit dem Titel "Kunstformen der Natur", für das er detaillierte, teilweise farbige Zeichnungen von Meerestieren anfertigte bzw. anfertigen ließ, insbesondere von Radiolarien, die mit dem blossen Auge nicht zu erkennen waren. Haeckel, der während seines Studiums der Medizin, u.a. bei Rudolf Virchow, zögerte, ob er eine künstlerische oder eine medizinische Laufbahn einschlagen sollte, war nicht nur ein bekannter und umstrittener Naturforscher, sondern auch ein hervorragender Zeichner. Er konnte zur Verblüffung seiner akademischen Lehrer und Freunde mit einem Auge durch das Mikroskop sehen und mit dem anderen die Bewegungen seines Zeichenstiftes verfolgen. Für Haeckels Forschungen waren das damals in Jena hochentwickelte Mikroskop, die Verfeinerung von Fangtechniken an Bord der 'Challenger' und das u.a. durch die Verlegung von Telegraphenkabeln vermehrte Interesse an den Bodenstrukturen der Tiefsee und im weitesten Sinne das kolonialpolitische Umfeld, prägend. Für Jürgen Claus ist die Entwicklung von Weltraum- und Medientechniken, wie Satellitenaufnahmen und Computergraphiken im Kontext der ökologischen Krise prägend. Jürgen Claus' Arbeiten ab der zweiten Hälfte der neunzehnhundertsechziger Jahre sind dem "Planet Meer" gewidmet und das ist auf vielfältige Weise eine Widmung an das Sonnensystem.

Als Taucher ist er von den Naturformen des Meeres begeistert und stellt diesen von Menschen geschaffene Kunstformen im Meer gegenüber. Dazu benötigt Claus Licht in größeren Tiefen und im Meeresdunkel. Die Energie, die zur Beleuchtung von Wasserskulpturen notwendig ist, gewinnt er mit Hilfe photovoltaischer Zellen. Sie schwimmen auf der Meeresoberfläche und verwandeln Sonnenlicht in Strom, der dann künstliche Beleuchtungen speist. Die Arbeiten aus den siebziger Jahren lassen Claus die Beziehung zwischen der Meereswelt zum kosmologischen Rahmen erkennen. Diese Beziehung visualisiert er in dem Film "Planet Ocean" (ARD 1980) mit Hilfe einer ausgearbeiteten Unterwasser-Choreographie. Die Filmaufnahmen werden 1983 auf Video umkopiert und elektronisch bearbeitet. Im Vordergrund der Arbeit steht der visuelle Reiz und der Bann durch ungewöhnliche Formen, Erfahrungen, die es zu vermitteln gilt. Ökologischer Hintergrund der künstlerischen Arbeit ist das Plädoyer für einen rücksichtsvollen Umgang mit den Kunstformen der Natur, die für die fragile Schönheit der Erde sensibilisieren. Indem künstliche Formen in die Unterwassernatur versetzt und von Taucherinnen bewegt werden, wird auch der Kontakt zur unbekannten Natur des Meeres aufgenommen. Der künstlerische Eingriff verändert die Umgebung so wie auch ein naturwissenschaftliches Experiment die Natur inszeniert. Bemerkenswert ist, dass die Faszination für die Sonnenergie sich auch einem ökonomischen Mangel verdankt, nämlich der schlechten Energievorsorgung gerade an den Stellen der Erde, an denen das Geräteauchen besonders reizvoll ist. Der Mangel an geeigneten Ladegeräte liess Jürgen Claus nach alternativen Möglichkeiten der Stromerzeugung suchen und die Solarenergie kennenlernen. Diese Kenntnis führt schon früh zur Nutzung der Sonnenergie und des photovoltaischen Prozesses für künstlerische Projekte, sie gestattet auch eine Ahnung zu präzisieren, nämlich der von strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Unterwasserwelt und dem Weltall. Das betrifft die Sonnenflügel, die Satelliten über der Erde und Taucharbeiten unter der Wasseroberfläche mit Energie versorgen und das betrifft die Verwandtschaft zwischen den geometrischen Konstruktionen von Satelliten und der symmetrischen Struktur der Fauna und Flora Unterwasser, deren Haeckels grossartiges Zeichenwerk hat anschaulich werden lassen.

In seinen Gouachen und Ölbildern recherchiert Claus nach Übergängen zwischen Kristallen, Pflanzen/Blüten, geometrischen Objekten (platonische Körpern) und Satellitenbauten. Diese Recherche wird von der Hand und dem Auge geleitet, sie streift wissenschaftstheoretische Einsichten, schlägt aber nicht den Weg der logischen Argumentation ein. Damit stellt sich Jürgen Claus in die Tradition des Konfliktes zwischen Abstraktion und Intuition, den - in der Interpretation von Gilles Deleuze - Francis Bacon produktiv gemacht hat.

Raumzeitschiff
Das Raumzeitschiff kann an unterschiedlichen Plätzen montiert werden. Die Montage ist nicht an einen Ort gebunden, wohl aber an Monteure, die andere motivieren können, Zeitvorräte an diesen Orten zu geniessen. Ich frage mich, wie ein Kerzenhändler Genuss fördern kann. Er kann den Genuss anderer anregen, muss aber mit seinem Genuss haushalten. Ich müsste mein Geschäft schliessen, wenn ich meine Kerzen gemeinsam mit mir werten Personen verbrauchen würde.
Ich frage daher zunächst nach der Motivation der möglicher Monteure. Und wende ich erneut an Wolfram von Eschenbach. Er schreibt am Endes der Parzivals, des Heldengedichtes, das von einem provenzalischen Sänger gehört hat folgendes:
"Wer am Ende seines Lebens sagen kann, dass er seine Seele Gott bewahrt und sie nicht durch Sündenschlund verloren hat, und wer es ausserdem versteht, sich durch würdiges Verhalten die Gunst der Menschen zu bewahren, der hat seine Mühen nicht vergebens aufgewandt. Edle und kluge Frauen (guotiu wip) werden mich nach der Vollendung dieses Werkes bei einigem Wohlwollen um so höher schätzen, und die Frau, für die ich’s geschrieben habe, möge mir dafür ein freundliches Dankeswort gönnen".

Freundliche Dankesworte wird Olaf Hirschberg nicht zu knapp gehört haben für das Raumzeitstück, das er in der Simultanhalle montiert hat. Schöne Kölner Damen, vom Eifelplatz, aus der Eburonenstrasse und anderen reizenden Bezirken Kölns sind eigens in den Westen gefahren, um in der russischen Holzhütte bei der Simultanhalle bei Speis und Trank aus der Tartarei und Utmurtien mit Lobesworten nicht zu sparen. Olaf Hirschberg hat in Halle ein Zelt errichtet und dort vier Monate lang einen Film geschnitten, den er während einer Reise durch Russland aufgenommen hat. Der Film zeigt Hände, die in einem engen Abteil der russischen Eisenbahn Fisch entgräten, er zeigt einen dickleibigen Herren, der sich im Gang des Zuges umständlich in eine Duftwolke einhüllt, er zeigt eine Frau, die einen Grabstein aus Granit abwäscht, er zeigt russische Soldaten, die einen Kreidestrich auf der Strasse ziehen, eine Schaffnerin, die ein weissen Läufer auf dem Teppich des Waggongangs ausbreitet, so als würde sie eine Fahne im Fahrtwind wehen lassen, er zeigt Bewegungen durch das endlose Russland.

Während der Film in der Simultanhalle zu sehen ist, erklingen russische Lieder, die eine Sängerin vorträgt, zuweilen a cappella, meist begleitet von Klavierspiel. Der Vortrag und die Bilder lockern den Zeitteppich der Russlandreise. Die Zeit der Russlandreise wird durch den Schnitt und den Gesang in eine Reihe von raumzeitlichen Inseln gegliedert. Die strenge Regelhaftigkeit der Vorführgeräte ist die Umgebung, aus der heraus Formen kristallisiert werden, die der Gesang aufleuchten lässt.

Catherine Sullivan
spricht anlässlich ihrer Ausstellung (Gestus Maximus (Gold Standard) – Galerie Christian Nagel ) von der Ökonomie der Selbstbeherrschung und der Mehrdeutigkeit im Bühnenraum. Ökonomie heisst im Griechischen Kunst der Haushaltsführung. In ihrer Ausstellung sieht man auf zwei Videos eine rote Küchenzeile zweimal. An dem Tisch sitzen in den zwei Videos unterschiedliche Personen. Sie stehen auf, setzen sich, als wären sie Marionetten, die von einem epileptischen Spieler geführt werden.
In den Videos stehen drei Ökonomien in einem Spannungsverhältnis: Die Ökonomie der bürgerlichen Sitten, die Ökonomie der Darstellung der bürgerlichen Sitten im Film, die Ökonomie der modernen Tanzperformance. Die Videos von Sullivan speichern die künstlerische Arbeit mit diesen Darstellungsformen. Die bewegten Bilder des Videos stehen im Ausstellungsraum in einer Beziehung zu einer Reihe von Schwarz-Weiss-Photographien, auf den puppenkastenartig Bühnensituation inszeniert werden. Jedes Medium erfordert eine eigene Ökonomie der Darstellung besitzt, die erst entdeckt werden kann, wenn ein Medium einem anderen gegenübergestellt wird.

Kü-Nawi-Gloss

Zur weiteren Vorbereitung eines möglichen Raumzeitschiffs NRW benötige ich einen künstlerisch-naturwissenschaftlichen Werkzeugkasten (Kü-Nawi-Gloss) und stelle Begriffe, die Jürgen Claus (J.Cl.) erklärt hat, zusammen.

Photovoltaik
"Das griechische Wort für Licht und der Name des Pioniers in der Elektrizitätsforschung Alessandro Volta verbinden sich in dem Wort Photovoltaik. Die Solarzelle wurde 1954 erfunden. Bausteine dafür lieferten Forscher wie Heinrich Hertz, Werner von Siemens, Max Planck, Albert Einstein. Licht ist ein Fluß winziger Energieteilchen, der Photonen, die bei Auftritt auf bestimmte Materialien Elektronen freisetzen und damit schließlich elektrischen Strom. Die Photovoltaik ist der Königsweg in den erneuerbaren Energien. Für mich wurde sie ab 1983 in künstlerischen Kontexten für Solarskulpturen wertvoll." J.Cl.

Gouache
"Sympathischer Überbegriff von 'Deckfarbenmalerei'. Das Wort taucht auf im 18. Jahrhundert, die Technik selbst ist uralt - man nehme die Papyrusrollen als Beispiel. Das Gouache ist ein opakes Aquarell. Im Unterschied zur Transparenz des Aquarells kann das Gouache fast Ölmalerei werden. Viele meiner Arbeiten auf Papier sind Gouachen, verbunden mit Blei, Collagen, Tuschen. Ich liebe auch die Tuschen. Auf dem sonntäglichen Flohmarkt von Spa habe ich alte große Tuschflaschen erworben - aus der Zeit, als die Tusche einen hohen Stellenwert auch für Büros, Verwaltungen, Schulen hatte. Tuschen in ihrem fluiden Charakter können Gouachen überlagern, überfließen, aufschwemmen." J.Cl.

Ölbild
"Sehr alt, aber auch zeitgenössisch. Kostbar. Traditionsbeladen. Bei jedem Pinselstrich mißt du dich auch mit den Malereien der Tintoretto, Monet, Baumeister. Ob du willst oder nicht: es gibt nur Dialoge, keinen Ausstieg aus den Traditionen. Ölmalerei ist auch Geruchskunst. Ätherische Öle und harzige Balsame wie das Terpentinöl, die das Atelier mit dem Spezifikum der Ölmalerei durchziehen. Als ich nachhaltige Erkältungen nicht loswurde, verschrieb mir Dr. Benoit Terpentinöl zum Einatmen. Medizinische Atelierkost, sozusagen." J.Cl.

Platonische Körper
"Drei Namen von Interpretationen über die Zeiten hinweg: Timaios - Kepler - Buckminster Fuller. Platon (427-347 v.Ch.) gibt das Wort dem Timaios als dem 'Sternkundigsten unter uns' und demjenigen, 'der es zur Hauptaufgabe seines Lebens machte, zur Kenntnis der Natur des Weltalls zu gelangen'. Im Dialog Timaios, einem Alterswerk Platons, ist das Weltall mit regelmäßigen Körpern besetzt. Fünf Körper (Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder), die von regelmäßigen, untereinander kongruenten Vielecken begrenzt sind. Kepler (1571-1630): 'Also daß es einer auß meinen Gedancken ist / ob nicht die gantze Natur vnd alle himmlische Zierligkeit / in der Geometria symbolisirt sey.' Die Welt-Harmonik ist die Harmonik der regelmäßigen Figuren. Buckminster Fuller (1895-1983) hievte die platonischen Körper ins elektronische Zeitalter. Er aktualisierte sie in Bezug auf eine umfassende all-regenerative Designtheorie. Die platonischen Körper sind mir gegenwärtig als Konstruktionsprinzipien meiner bisher ausgeführten Solarskulpturen und der konzipierten Entwürfe. Ihr Verhältnis zur kristallinen Welt ist ein Teil meiner malerischen Recherche." J.Cl.

Satelliten
"Von Bord des mit Solarzellen ausgestatteten Satelliten 'Explorer 6' schickte im Jahre 1959 eine Fernsehkamera erstmals Bilder der Erde von einem Erdtrabanten aus live zur Erde zurück. Der Medienraum Erde wurde von diesem Datum an durch den solaren Raum, beziehungsweise seine Energienutzung, erlebbar. Übrigens war der deutsche Ingenieur Dr. Hans Ziegler, der mit Werner von Braun am Kriegsende in die USA kam, der Promoter der solaren Energieversorgung der Satelliten - gegen intensive Widerstände. Was 1945 noch dem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke vorbehalten war, nämlich drei solar versorgte Raumstationen zu beschreiben, die das weltweite Kommunikations-Netzwerk übernehmen, wurde durch die Initiative von Ziegler und einigen anderen vor allem während des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 Wirklichkeit. Die ersten vier Solarzellen auf dem Fußballgroßen 'Vanguard'-Satelliten von 1958 funktionierten im All, die chemischen Batterien fielen aus. Die Probe war bestanden. Was da heute in einer Höhe von 12 bis 80 km über der Erde energietechnisch abläuft, läßt jeden terrestrischen Solarfreak vor Neid erblassen. Nicht nur, dass die solare Energie hier 'satellitendeckend' eingeführt ist, sie stellt überdies ein Experimentierlabor für neuartige Techniken dar, die weit über den Einsatz des herkömmlichen Siliziums hinausgehen. Da wurden etwa die beiden knapp 18 Meter langen Solarflügel der Raumsonde 'Deep Space 1' (1998) mit Konzentratoren-Solarzellen belegt, bei denen 720 zylindrische Fresnel-Linsen den Wirkungsgrad der 3600 Solarzellen aus unterschiedlichen Gallium-Kombinationen mit einem Wirkungsgrad von über 22 Prozent steigern. All das ist konstruktiv von hoher Ästhetik. Die Satelliten mit ihren miniaturisierten Anlagen gewinnen spielend leicht jeden Vergleich mit unseren irdischen Bautechnologien - und seien diese noch so sehr aus der Computer-Morphologie abgeleitet, weil sie die Energieversorgung an die solare Quelle gebunden haben und dies auch visuell demonstrieren. Hier gilt die Losung: 'Form folgt der Energie', die einige Kilometer weiter drunten so schwer umzusetzen ist." J.Cl.

Sonnensegel
"Sonnensegler sind technologische Zwitter, an denen Raumfahrtgeschichte, Science Fiction, Gestaltungswille beziehungsweise Design, Poesie, Mathematik und aktuelle Raumfahrt- und Nanotechnologie-forschung beteiligt sind. Sonnensegler offerieren Alternativen für die Weltraum-Erkundung, die, unabhängig von Raketen, nunmehr wirklich das Universum anpeilen, in langen, wenn auch nicht langsamen Zeiträumen. Sonnensegler fliegen mit Licht, besser Lichtdruck den gegenwärtig informationell erreichbaren Räumen weit davon, erweitern sie damit gleichzeitig. Sonnensegler sind Träume und Studienobjekte. Auf den Internetseiten zeigen sie sich den Interessierten als visuelle Attraktionen; in den wissenschaftlichen Abhandlungen navigiert der Laie zwischen ihm unzugänglichen mathematischen Berechnungen, gelegentlich flüchtige Eisschollen an Verständlichkeit aufsuchend, aus denen er sich seine Bilder macht." J.Cl.

Alkaloid Spaniens: Ein Mann, der Philosoph Unamuno, wird Alkaloid Spaniens benannt, und diese Bezeichnung verbindet einen Begriff der Bio-Chemie mit einer geographischen Dimension. Die Bezeichnung ist mindestens dreidimensional und verursacht eine Gedankenstockung, die zu einer Verdichtung wird, wenn ich genaueres über die einzelnen Bestandteile Alkaloid, Spanien und Unamuno weiss. Von Unanmuno kann ich hier vortragen, dass er einen "glühenden Verewigungsdrang" besass. Man kann überlegen, ob Verewigungsdrang das Raumzeitschiff antreiben kann.



Fussnoten:

Zur Audiophilosophie: Texte kann man kopieren (xeroxen), abschreiben, zusammenfassen und paraphrasieren, nacherzählen und kommentieren. Sounds kann man nachspielen, zu ihnen improvisieren, sie schlicht kopieren, man kann sie aber auch nachbauen. Nachbauen kann bedeuten, dass man versucht, sie zu verstehen. Verstehen jedoch nicht im Sinne von erklären oder der Vermittlung zugänglich machen, sondern im Sinne von Einsehen. Die Intuitionisten sehen ein und konstruieren.

Zum Intuitionismus: Der Intuitionismus sagt, dass man nur über die Zahlen sprechen kann, deren Bildungsgesetz man im Geiste nachvollzogen hat. Dieser Begriff kann es gestatten, über die Chemie der Mouse von Moeglichkeiten zu sprechen.