12.04.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 7

von Nils Röller

Wechselgeld und Wortwechsel, Treffen mit einem Philosophen, statt Seelenpflege nun Schiffbau, Kartenstation Netspot in Oberhausen, José-Carlos schreibt, Verneinung des Fernreiseziels, Novel-Power (Ansätze zu einer Betriebsanleitung für eine Möglichkeitsmaschine), Gloss Kultursponsoring und Button.

Di: Das intelligente Hause
Mi: Archiv
Do: Sternenfabrik
Fr: Moses’ Ersatzmann
Sa: Verlagsklugheit
So: Herzensantheil
Mo: Collezioni Donne
Di: Medusen
Mi: Souveräne Medien
Do: White Aryan Rebels

Ich überlege, ob ich meine Geschäftsidee ändern soll und tatsächlich meine Geschäfte während der Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln erledige und dann während des Tages das Geschäft für Wortwechsel nutze. Jetzt, da ich noch nicht einmal ausreichend Wechselgeld in der Kasse habe, um einem Kunden den Rest zurückzugeben, wenn er mit einem kleinen Schein bezahlt. Traurig bin ich, weil ich nur die eine Möglichkeit im Verhältnis zur anderen denken kann. Ich kann nicht das Leben im Geschäft Bedenken, ohne an das Schreiben zu denken, und ich kann nicht an ein Leben denken, das ganz dem Schreiben gewidmet ist. Etwas Schreiben und viel Geschäft oder viel Schreiben und etwas Geschäft. Aber was sind das für Überlegungen, die eindeutiges Verhalten verhindern und zum Denken von Verhältnissen ermuntern? Ich fürchte nämlich, mich selbst zu verlieren, wenn ich nur eine Sache betreibe und keinen Ausgleich finde. Ich fürchte mich z.B. vor den Details, die mein morgendlicher Blick in den Tutku-Markt mit sich bringen könnte, wenn ich ihn einmal länger, als nur flüchtig über die Auslagen gleiten lassen würde, und wenn ich mich auf der Suche nach Worten genauer mit dem sinnlich Gebotenen beschäftigen würde. Ich fürchte, dass die Beschäftigung mit Worten, diese zu Meßinstrumenten werden lässt, die durch die Messungen Unendlichkeiten erzeugen, um unendlich genutzt zu werden...

Ein tatowierter Rücken mit schwarzem Drachenhaar vor blauem Himmel, Details einer Zigarettenreklame, denen ich nicht nachgehen möchte, weil ich mich entschieden selbst aufklären müßte über meine Reaktion auf Klischees und meinem Geschäftsbewußtsein. Ich würde herausfinden, warum ich weder ein guter Schriftsteller noch ein guter Künstler bin... Kann ich davon ausgehen, dass die Details, die mir auf dem Weg ins Geschäft begegnen so überschaubar sind wie die Waren in meinem Geschäft?

Ich würde mich gern von neuem aufbauen, aber ich frage mich wie. Ein Freund, den ich in einem Cafe treffe und den ich wegen seiner Fähigkeit, nachzudenken, schätze, erklärt mir, dass er an der Philosophie zweifelt. Wir überlegen gemeinsam, warum wir zum Nachdenken tendieren und schmeicheln uns selbst mit Gedanken, dass uns der Versuch leitet, anständig zu sein. Aber vermutlich denken wir beide zuviel nach und handeln zu wenig... Nach unserem Gespräch beschliesse ich, meine unterschiedlichen Vorhaben zu koordinieren. Ich werde mich selbst nicht umbauen, sondern an Ideen bauen. Ich möchte das Raumzeitschiff so bauen, dass man damit nach Cusco fliegen kann und viele Freunde darin Platz finden.
Zunächst frage ich mich, ob ich über ein Kartenwerk verfüge, mit dessen Hilfe, das Schiff gesteuert werden kann. Zu dieser Frage wird Netspot Auskunft geben können:

Kartenstation Netspot in Oberhausen:
Netspot
5.Mai 2001 in Oberhausen (11.00h-14.00h)
Möglichkeiten von Netzkunst und Netzfilm

In der Film- und Fernsehindustrie wird die Gefahr, die den Namen "DIVX" tragen kann, noch nicht öffentlich diskutiert.

Das Internet weckt derzeit nur noch eine verhaltene Aufbruchstimmung in der Kulturindustrie. Die Stimmung erinnert an die Atmosphäre bei der geplanten Ausfahrt einer gewaltigen Flotte. In den Werften werden grosse Transporter gebaut, die Hafenanlagen und Kanäle werden erweitert, Seekarten neu gezeichnet und es wird vor allen Dingen spekuliert, wann der grosse Aufbruch beginnt und wann mit der reichen Beute der einmal aufgebrochenen Flotte zu rechnen ist. Kundschafter, die bereits mit ersten Funden und Hinweisen auf Schätze zurückgekehrt sind, verspielen inzwischen ihr Guthaben und ihren Kredit in der "new economy". Dass grosse Veränderungen bevorstehen, und dass die new economy nur ein Vorspiel ist, das ist Konsens in der Kulturindustrie. Die Musikindustrie ist bereits nachhaltig durch Sharing- und Komprimierungs-Software im Internet erschüttert worden. Dadurch ist es fragwürdig geworden, wie geistiges und künstlerisches Eigentum im digitalen Zeitalter geschützt werden kann und vor allem Dingen für wen es geschützt wird, für die Künstler oder für die Industrie? Die Reizworte in der Musikindustrie heissen "Napster" und "MP3". In der Film- und Fernsehindustrie wird die Gefahr, die den Namen "DIVX" tragen kann, noch nicht öffentlich diskutiert. Mit einer Software ist zu rechnen, die gestattet, Hollywood-Filme aus dem Netz zu laden oder auf CD’s zu kopieren. Die Codes der Bildplatten sind bereits geknackt und neue Datenleitungen werden von der Telekom und anderen Anbietern weltweit in Aussicht gestellt. Sie werden die Übermittlung von Bilddaten zu einem Bruchteil der gewohnten Zeit ermöglichen. Die Bedingungen des Aufbruchs werden also noch von der Infrastruktur der Anbieter von Übertragungsnetzen definiert.

Die Veranstaltung netspot diskutiert in dieser Situation mit fünf eingeladenen Gästen den Status von Musikvideos und Kurzfilmen im Netz.
Rüdiger Hennecke stellt in Netspot "eyedoo" vor. eyedoo ist ein Portal, dass mit Musikvideos und Serviceangeboten im Netz Alternativen zum Musik-Fernsehen auslotet. Auf die Zeit der freien "downloads" von Musikprodukten war die Kulturindustrie schlecht vorbereitet. Den Wandel der Musikszene durch Napster und MP3 und was die Filmindustrie daraus lernen kann, wird der Journalist Janko Röttgers schildern. Zu seinem Schwerpunktthema Musik im Netz veröffentlichte er im August 2000 das Buch "Netbeats - Musik im Internet" (Markt und Technik). Christopher Gersten stellt Planungen vor, die er bei Universal Music spekulativ entwirft und konkret umsetzt, um z. B. mit der Gründung eines Labels im Internet auf die sich verändernden Gewohnheiten und Rechtspraktiken von Konsumenten zu reagieren. Monika Halkort ist eine freie Produzentin, die Konzepte für Filme und Sendungen im Internet entwickelt und die Rahmenbedingungen kritisch beleuchtet. Adam Hyde hat in Amsterdam das Festival "net.congestion" veranstaltet, das unabhängige Sendeformen für Musik und Video im Internet präsentiert hat. Er wird das Spektrum der Möglichkeiten zur Produktion und Distribution von Musik und Film durch "streaming" und "downloaden" vorstellen.

Eine mögliche Nutzungsform des Videos im Internet wird durch die Musikindustrie vorgezeichnet.

Amsterdam ist ein Beispiel dafür, dass die Beteiligung von Künstlern und Hackern an infrastrukturellen Entwicklungen ökonomische Standortvorteile schafft. Künstlerische Alternativen zur Nutzung von Kurzfilmen im Internet müssen vor dem Hintergrund der kulturellen Kompetenz dringend diskutiert werden. Folgende Fragen ergeben sich: Ist derzeit ein Wandel des Musikvideos unter den technischen Bedingungen des Internets denkbar und wie können sich Produzenten und Filmemacher darauf einstellen? Wird das Internet die Rolle des Fernsehens übernehmen? Gibt es künstlerische Alternativen bei der Nutzung des Internets? Eine mögliche Nutzungsform des Videos im Internet wird durch die Musikindustrie vorgezeichnet. Das Musikvideo schafft ästhetische Umgebungen und ist zugleich ein Weg zum Konsumenten, der sich im Internet Musik herunterlädt oder online bestellt. Clips und Kurzfilme können als Köder eingesetzt werden, um Konsumenten zu locken; Köder, für deren Herstellung die Produzenten im Internet weniger Mittel als die Werbeindustrie bereitstellen. Es sind Initiativen denkbar, die das Format "Netclip" als Kunstform fördern wie dies z.B. durch den Kurzfilmwettbewerb bei arte geschehen ist. Von Hackern sind die Autoren von Netzfilmen weit entfernt. Netzfilmer verwenden standardisierte Software und Programme. Hacker hingegen schreiben Programme selbst oder passen existierende Software ihren Bedürfnissen an. Diese Fähigkeit wird in der zukünftigen Entwicklung der europäischen Kulturlandschaft eine entscheidende Rolle spielen. Denn vergleicht man die Entwicklung der Datenkommunikation mit dem Entstehen einer neuen Sprache, dann verfügen die Autoren von Netzfilmen zwar über Ideen, aber nicht über eigene Stimmbänder und organische Werkzeuge, mit denen sie ihre Ideen ausdrücken und modulieren können. Ein Programmierer hingegen verfügt über eigene Stimmbänder und kann die Sprache mitgestalten. Er ist – nach der Metaphorik des Datenmeers - in der Lage, ein Schiff so zu bauen, dass es mit den Widrigkeiten der Strömungen und Windverhältnisse auf dem Datenmeer auch dann zurecht kommt, wenn andere noch im Hafen auf den grossen Aufbruch warten oder bereits Schiffbruch erlitten haben und auf das Eintreffen von Seenotrettungskreuzern hoffen.

Was kann der Antrieb des Raumzeitschiffes sein? Ich behaupte zunächst einmal, dass Erzählungen als Antriebskräfte wirken. Erzählungen, die aus geeigneten Wortverbindungen bestehen. Diese Behauptung muss ich umständlicher begründen. Jetzt ist es jedoch wichtig, mit der Arbeit zu beginnen, denn aus Peru schreibt José Carlos Mariategui, dass Cusco, das Fernziel des Raumzeitschiffs durch Phantasielosigkeit bedroht ist.:

José-Carlos schreibt:
Betreff: Re: Book is published
Datum: Wed, 04 Apr 2001 10:27:00 -0500
Von: Jose-Carlos Mariategui

Dear candle-dealer,
… I was in Belford in December, and I was telling my Latin-American friends about how important is the development of such a center in Cuzco, but the majority don't believe in the project, they think is impossible for Latin America, other don't understand the idea of having it in Cuzco, which is a center in Latin America, a symbolic center of one of the most important cultures of the world. I was discouraged about my Latin-American friends, not all of them but most of them. The reason is also related to their professional skills, some of this people are mostly related to art, but not the other medias, or they don't understand the imporatnance of a laboratory for creation. Curiously Solange Farkas, from videobrasil was the only person interested. To bootstrap the project I am asking some money to the Foundation Daniel Langlois for a first media laboratory in Lima (first, but you know the real project is to have it in Cuzco), but is still a small thing, I need to do more, to battle for for what I believe its the Center in Cuzco (the center in the center....) will be. And I need your help and support in this, I know that you believe the same as me in this project…
Your Peruvian friend jose-carlos

Verneinung des Fernreiseziels:
Ein Problem ist die absolute Negation der Möglichkeit von Cusco, ein weiteres ist der Übergang von der Möglichkeit zur Wirklichkeit der Cusco-Akademie. Ich beschäftige mich zunächst mit dem ersten Problem, denn sie betrifft das Projekt in erheblichen Masse. Wie kann man mit gutem Gewissen ein Raumzeitschiff bauen, das die Internet-Akademie Cusco anfahren soll, wenn noch mehr die Aussicht besteht, dass es diese Internet-Akademie geben kann. Vermutlich benoetigt Cuso ebenso wie das Raumzeitschiff einen Antrieb.
Deshalb folgende Überlegungen:

Novel-Power (Ansätze zu einer Betriebsanleitung für eine Möglichkeitsmaschine): Dear José-Carlos,

The most important thing is to create a space (of possibility) for the Internet-Academy. This is indeed very problematic: We have to consider the general worldwide destruction of our habitat and the growing gap between poor and rich, between electronic business and traditional manufacture, between the south and the north, those who can survive catastrophes and those who are confronted with earthquakes, fluddings and tempests.
We can see already that we will not survive. The end of the Academy of Cusco is therefore obvious, but the beginning not. Only a novel power (romanhafte Kraeft) will help us to create a space between today and the end of human relations in the next future. With the term novel I come to an set of axioms for media strategy:

1. Every medium is an engine.
2. Text is a medium
3. The power of one medium can be seen only in the context of other media
4. Text was changed by print
5. Text was changed by radio and cinema
6. The study of this changes shows the hybrid power of text.

Conclusions:
We may use the hybrid power of texts in order to create the Internet-Academy in Cusco. We may create a novel power. This could have (after reflecting the historical changes of texts) the following features.
a.) dynamic because it leads to an action
b.) particular because it is an alternative to absolute hierarchic power
c.) functional because the characters of the novel to develop themselves mutually.

Example for C: José-Carlos meets Nils, Nils meets Angie and everybody is after the meeting a different person. When the three see each other again, they do form a special spacetimearchitecture.

Gloss:
Kultursponsoring: Früher wurden Dichter und Philosophen von Fürsten zur Erziehung der Prinzen eingestellt, heute werden Kulturwissenschaftler in multinationalen Konzernen als Berater für Kultursponsoring angestellt. Früher wurden Philosophen als Symbolberater angestellt, die halfen, politisch Verantwortliche mit der richtigen Software zu versehen, heute unterstützen Kulturwissenschaftler die Verwaltung und Pflege des Ansehens von Konzernen.

Button:
Was ist der Screenbutton eigentlich. Ist er real wie der Tisch und die Hardware oder ist er immateriell wie Software? Gibt es zwischen Hard – und Software noch ein drittes? Ein drittes das, sich an den imaginären Bedarf des Nutzers von Hard- und Software wendet. Befriedigt der Button einen ähnlichen Bedarf wie politische Schlagworte und Fanfaren des Lifestyles?