28.05.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 9

von Nils Röller

Diesmal mit Tagesworten aus Berlin, Bochum, Köln, Weimar und Oberhausen, dem Missgeschick eines DJ’s, einer anderen Art von Witzen und zwei Versuchen zu Kant

Tagesworte:
Do: Seekabelwerke
Fr.: Kernpore
Sa: Segeln?
So: Austerngötter
Mo: Grubenfunk
Di: Zwillingstiger
Mi: Christus-Dampfmaschine
Do: Seelilien
Fr: Die Sterne in Ruhe lassen
Sa: Thermik
So: Menge flotter Existenzen
Mo: Im Feld der Erscheinungen
Di: Kleeblatt
Mi: Granatapfel
Do: Halbweiche Schalentechnik
Fr: Fürst des Werdens
Sa: Schwarzer Hafen
So: Wu(n)schgen
Mo: sprühende Feste
Di: Schwarzer Hafen

Gerade spiele ich mit dem Gedanken, meine Waren preiswerter anzubieten und so dem schnellen Verbrauch meiner finanziellen Rücklagen aufzuhalten, da kommt jemand in mein Geschäft, um mir Kerzen anzubieten, weil er selbst einem finanziellen Engpass entkommen möchte, in den er geraten ist, seitdem er mit Schallplatten experimentiert...Er ist DJ und verstritten mit seiner Szene. Keiner kommt mehr, wenn er auflegt. Einen Monat lang hat er zu Hause aufgelegt und es mit einem privaten Dauerclub versucht. Seine Freundin hat die Bar organisiert. Daher die Kerzen. Sie hatten kein Geld für ausgefeilte Beleuchtungstechnik. Aber das ist nicht der Grund für die ablehnende Haltung der Szene, auch nicht sein Stil am Turntable. Das kann er und das weiss auch jeder. Es waren auch nicht die Rhythmen, seine Baseline, sondern sein Problem mit den Inhalten. Er hat vieles probiert, Stimmen von Tageschausprechern, Politikern, aus Werbespots, was anfangs für die Szene o.k. war. Es war eben neu. Das Problem war das Horst-Wessel-Lied...Das Horst-Wessel-Lied, er hat es durch einen Zufall bekommen (Im nachhinein denkt er, jemand habe ihm das Lied zugespielt, um ihn zu verführen – eine Attacke von Seiten der Ladenleute). Der Anlass, zu dem er es gespielt hat, war zwar nicht zufällig, aber auch nicht zwingend. Es war eine Gegenveranstaltung zur Love Parade: die Ladenleute haben die Szene versammelt, um dem billigen Technotourismus und der Kommerzialisierung eine elitäre Sache entgegen zu setzen, aber dass er an diesem Abend auch das Horst-Wessel-Lied in seinem Set verwendet hatte, war zufällig. Nun gut, es war ein kalkulierter Freiraum, den er für etwas Besonderes freihalten wollte, aber dass er dann zu Horst-Wessel und nicht zu Mike Ink gegriffen hat, nun das war ein Versehen, da hat ihn irgendetwas gejuckt, das er im nachhinein nicht mehr nachvollziehen kann. Seitdem ist es aus für ihn. Die Ladenleute haben ihn ausgeschlossen.

Diese Geschichte ist humorlos. Humor hat jedoch Christian Morgenstern. An den Humor muss man sich jedoch gewöhnen. Er verteilt ihn auf verschiede Figuren, die Namen tragen wie Korf oder Palmström

Korf erfindet eine Art von Witzen
Korf erfindet eine Art von Witzen,
die erst viele Stunden später wirken.
Jeder hört sie an mit langer Weile.

Doch als hätt’ ein Zunder still geglommen,
wird man nachts im Bette plötzlich munter,
selig lächelnd wie ein satter Säugling.

Palmström legt des Nachts sein Chronometer
Palmström legt des Nachts sein Chronometer,
um sein lästig Ticken nicht zu hören,
in ein Glas mit Opium oder Äther.

Morgens ist die Uhr dann ganz 'herunter'.
Ihren Geist von neuem zu beschwören,
wäscht er sie mit schwarzem Mokka munter.

Raumzeitschiff: Siehe Ausstellungsbesprechung Translated Acts



Fussnoten zur Audiophilosophie:

Freiheit: Kant betrachtet die menschlichen Handlungen unter zwei Gesichtspunkten und seine Philosophie ist deshalb eine Schalter-Wissenschaft. Sie lehrt zwischen mindestens zwei Ansichten hin und her zu schalten, so als könne man zwischen verschieden gefärbten Brillen unterscheiden. Es stellt sich die Frage, ob es eine Sichtweise gibt, die frei von jeglicher Färbung ist, d.h. eine reine Sichtweise. Kant versucht, die Bedingungen zu erkunden, wann man von reiner Sichtweise sprechen kann. Interpretiert man Kant wohlwollend, dann arbeitet er an einer Theorie der Freiheit. Besondere Aufmerksamkeit muss man den Begriffen Raum und Zeit widmen. Mir ist noch nicht klar, ob Kant Freiheit unabhängig von Raum und Zeit zu denken versucht oder nicht. Wenn sie nur innerhalb von Raum und Zeit gedacht werden kann, dann müssten sie mit dem Begriff der Turing-Maschine in ein Verhältnis gesetzt werden können und dieses Verhältnis wird die Kritik der digitalen Vernunft beschäftigen. Der Gedanke der Maschine impliziert zwar das Gegenteil von Freiheit, bei näherem Hinsehen wird sich vielleicht zeigen, dass die Opposition von Freiheit und Maschinismus nicht in Opposition zum Begriff der Gerechtigkeit stehen muss.
Der Clou liegt vermutlich in der Unterscheidung von denkbar und wirklich. Freiheit ist widerspruchsfrei denkbar, aber ob sie gegeben ist, das kann nicht innerhalb raumzeitlicher Verhältnisse bewiesen werden.

Digitale Vernunft: Der Clou ist, dass wir anfangen, eine digitale Vernunft zu schaffen, wenn wir gemeinsam fragen, fragen nämlich, was wir anderen und uns selbst zumuten, wenn wir Zeichen setzen. Hubert Fichte lässt seinen Protagonisten Jäcki sagen: "Jäcki glaubte, es müsse eine Sprache geben, geschliffen wie Sand, Texte, welche das Alltägliche, das Verhalten von Bauern, Irrenwärtern, Strassenarbeitern, Gammlern ...sachte berühren und wenden, dass Formen entstehen, wie sie die Gezeiten im Watt hervorrufen, für ein paar Stunden. /Und die Tide nimmt es wieder zurück.". Die digitale Vernunft ist damit nicht die Aufgabe eines einzelnen Schriftstellers, sondern ein Rahmen, an dem gemeinsam gewirkt wird. Siehe dazu auch Felix Klopotek in der Spex Mai 2001 "Hubert Fichte - Das ordnend Disparate" über zwei CDs von Hubert Fichte.