06.06.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 10

von Nils Röller

Die 10. Folge ist unter besonderen Umständen zustande gekommen. Das Wetter war zeitweilig so schön, dass der Kerzenhändler an das Meer gefahren ist. Einen Schimmer von Mittelmeerstimmung findet er trotz des nun einsetzenden Schlechtwetters in der Bitte an Aphrodite und einem Purpurbakterium. Es folgen ausserdem Gedankenspäne und der Bericht von einem Frühstück im Bett, das der Audiophilosophie gewidmet ist, die kreischende S-Bahnen vor dem Schlafzimmerfenster berücksichtigt.

Vorweg einige Tagesworte: Sie zeigen, dass der Kerzenhändler derzeit einer Kompassnadel gleicht, die nach allen Seiten in ausschlägt. Grund dafür sind gewaltige atmosphärische Veränderungen (siehe Kü-Nawi-Gloss) :

Mi Gewürzkästen
Di: Gaukelwerke
Fr: Eierlikör
Sa: Berlinfloss im Blütenmeer
So: Hafenfindung
M: Markenbar
Di: Solonoid
Mi: Bildteppich
Do: Solonoid
Fr: Regenschauer
Sa: Blicken lassen
So: Ultraarm
M: Magnetsturm
Di: bleiche Ophelia
Mi: Naturpfarrer
Do: schwedenhaft
Fr: Neugiersnot
Sa: In einem seltsam bernsteinhaften Schein
So: Im Schatten junger Mädchenblüte
Mo: An der See Obst haben


Eine Bitte an Aphrodite
Aphrodite des blumenprangenden Bildes,
ich flehe Dich an, Dich, Tochter des Zeus,
die Du Verwirrungen strickst, oh Herrscherin,
bitte bestürm nicht meine Seele mit Leiden und Schmerz.

Aber komm nun!
Letztens hörtest Du von fern meine Stimme,
vernahmst mein Bitte,
einmal verlassen das Haus des Vaters,
auf goldenem Wagen kamst Du.

Anmutige, schnelle Vögel
trugen Dich über die schwarze Erde,
dicht wühlten ihre Flügel in den himmlischen Lüften.

Und plötzlich waren sie da. Und Du, Seelige,
lächelnd im strahlenden Gesichte,
fragtest Dich nach meinem neuen Leiden und dem,
was ich beim letzten Mal herbeirief

Und was ich weiter verlangen würde
in meiner unruhigen Seele.

"Wen willst Du, dass Péito zwinge zu Deiner Liebe,
oh Sappho? Wer verletzt Dich?

Wer Dich jetzt meidet, der wird bald Dich verfolgen,
wer nun Deine Gebote abweist, wird bald selbst bieten,
wer Dich nicht liebt, wird bald wider Willen,
Dich lieben."

Komm zu mir, auch jetzt;
Befrei mich von Qualen,
geschehe das, was meine Seele will;
hilf mir, Aphrodite.
Sappho nach der Übersetzung von Quasimodo

Di: Talenge
Mi: Edelsitze
Do: Spiralstrudel
Fr.: Klapplupen
Sa: Steinhude
So: Seeboy
Mo: Türkenoper
Di: Palastmitarbeiter
Mi: Angestelltenblau
Do: Schlammmenschen
Fr: Ikonen
Sa: Ischia
So: Posilippo
Mo: Duschgelhalter
Di: Napolione
Mi: Seeigeleier
Do: Meerkneipe
Fr: Ping
Sa:: Nameserver
So: Blosse Freude am Angenehmen
Mo: Ohm
Di: Niobe
Mi: Ozean
Do: Simon
Fr: Malzeug
Sa: Bobo
So: Sonnenkringel

Raumzeitschiff: Siehe Portrait von PerZan.

Kü-Nawi-Gloss:
Bacteriohodopsin: Molekül des purpurroten Farbstoffes des Hallobacterium Salinarum, verwandt dem Sehpurpur unserer Netzhaut. Wird als Energieumwandler tätig: trifft ein Lichtteilchen (Photon) auf ein solches Molekül, wird ein Teil dieser Lichtenergie in Bewegungsenergie umgesetzt (Protonen). Diese Energie-Währung kann überall dort ausgegeben werden, wo der Organismus gerade biologische Arbeit leistet ... Die Protonen-"Pumpe" des Moleküls ist eine Art "Motor des Lebens", der aus dem universell präsenten Licht spezifische biologische Energie erzeugt. (PerZan) Weitere Begriffe von PerZan sind dem Portrait beigefügt.

Medien:
Bedingen Seinsweisen. Sieht man den Film "Gattaca" , so fühle man sich als Teil einer genetisch unterpriviligierten Klassen. Liest man Joseph Conrads "Taifun", denkt man dass unsere Zeit einem Sturm gleicht, der nichts am rechten Platz lassen wird (der erste und der zweite Weltkrieg sind dann gewaltige Böen, die eine Ahnung von schlechtesten Wetter vermitteln, das jedoch im Vergleich zu dem noch kommenden Unwetter harmlos ist).

Erkenntnistheorie:
Sie beobachtet, wie sich Geräte (Teletechniken), Menschen und die Darstellung von Welt zu einander verhalten.. Wenn Arno Schmidt Otje und sich selbst beim Benutzen einer Kreissäge in einem Heidedort beschreibt, dann erfüllt das erzählende Ich die Funktion, gelehrig geschliffene Formulierungen in das Bewusstsein der Leser zu schaufeln. Wenn Oswald Wiener, in einem Hubert Fichte gewidmeten Text, vom Holzfällen schreibt, dann führt dieses Text- Ich die Schwierigkeit vor, die Verarbeitung von Sinnesdaten zu erfassen. Diese beiden Texte sind Hinweise auf unterschiedliche ästhetische Generationen, zugleich illustrieren sie den Gegensatz zwischen einem enzyklopädischen und einem konstruktiven dichterischen Anspruch. Die Enzyklopädie setzt ohne Diskussion ein Ordnungssystem voraus, mit dem Worte in Beziehung gesetzt werden können; der Konstruktivismus sucht nach Begriffen, die den Status von Gesetzen haben.

Atmosphärische Veränderungen:
Am 26. und 27. August 1883 explodierte die vulkanische Insel Krakatau. Der Schall der Explosion reiste einmal um den Erdball, ebenso reiste eine Luftdruckwelle mit 1200 Kilometern pro Stunde um die Erde und die "Magnetnadeln in den Observatorien sämtlicher Kontinente begann zu zucken..., in durchaus ungewöhnlich schnellen Schwankungen..." (Nach Arno Schmidt: Krakatau. In: Ders.: Krakatau – Erzählungen. Stuttgart 1975 [Reclam])

Fussnoten zur Audiophilosophie:

Audio heisst: ich höre. Ich höre nun, während ich schreibe, im Hintergrund Musik, die sich deutlich von den Geräuschen auf der Strasse und dem Motorengeräusch der S-Bahn vor meinem Fenster unterscheidet. Ebenso höre ich das Klappern, das die Bewegung meiner Finger auf der Tastatur auslöst. Diese Geräusche sind mir eigentlich nicht wichtig, sie werden mir jedoch fragwürdig, in dem Moment, da ich schreibe, "ich höre", dann merke ich auch, dass ich sie wohl nacheinander höre. Ich wollte eigentlich etwas anderes schreiben, aber ich bringe es nicht über mein Herz – ich weiss nicht, ob es mein Herz oder mein Verstand ist - , das oder der mich hindert, die Zeichen "ich höre" zu schreiben, ohne sagen zu können, was ich nun höre. Dabei ist es nicht wichtig, dass ich genau angebe, welche Stück ich höre, z.B. das es jetzt die Klaviersonate Nr. 8 von Beethoven ist. Das ist nicht wichtig, weil ich die Musik als Hintergrundgeräusch eingerichtet habe, das den Lärm von der Strasse dämpft. Ich benötige dieses Hintergrundgeräusch, um mich auf die Lektüre konzentrieren zu können, die ich mir zu einer Tasse Tee und einer Schale Müsli bereitgelegt habe. Nun komme ich zu gar nichts, weder zur Lektüre, noch höre ich aufmerksam Musik, sondern schreibe. Das Schreiben steht offensichtlich in einer lockeren Beziehung zwischen dem Gehörten und dem zu Lesendem. Diese Beziehung lässt sich straffen, indem ich konzentrierter zuhöre. Dann kann ich aber nicht gleichzeitig schreiben. Das gleiche gilt für die Lektüre. Offensichtlich kann ich nicht wahrnehmen und zugleich produzieren, sondern muss bestimmte Wahrnehmungsangebote zurückdrängen, wenn ich schreiben möchte oder ich muss das Schreiben unterbrechen, um aufmerksam wahrzunehmen. Jetzt möchte ich noch zwei Dinge ansprechen. Manchmal höre und Musik und stelle mir vor, dass ich beim Hören der Musik einen Roman schreibe, das will ich demnächst versuchen. Dann möchte ich jetzt ein Gedicht von Rimbaud notieren. Das Gedicht beschreibt eine Person als Empfindungsorgan. Empfindungsorgan, bei diesem Wort fällt mir das Wort: Staubsauger" sein. Doch das Wort ist nicht stimmig. Ich werde fragen müssen, was ein Worteinfall eigentlich ist.

"Empfindung

An blauen Abenden, auf Sommerpfaden,
An Ähren, die mich kitzeln, streif ich hin:
Geh, meinen blossen Kopf im Wind zu baden
Und spüre unterm Fuss das frische Grün.

Ich spreche, denke nicht, doch steigt dem Träumer
Unendlich Liebe in die Seele lau.
Durch die Natur streif ich wie ein Zigeuner,
Weithin – und glücklich wie mit einer Frau."

Arthur Rimbaud im März 1870. (Übersetzt von Klaus Möckel. In: Gedichte französisch und deutsch. Hrsg. von Karlheinz Barck. Leipzig 1991[Reclam Leipzig])

Rimbaud schreibt nicht, wie das Gedicht zustande gekommen ist, wie er als Schriftsteller zu den Empfindungen des zwischen kitzelnden Ähren auf dem Boden und den "badenden Winden" am Kopf eingespannten Ich gelangt ist. Hat er dem Ich zugehört und dann das Gehörte in Verse geschmiedet, so als wären die benannten Empfindungen ein Stück Eisen, das man durch regelgeleitete Geschicklichkeit (Rhythmen und Versmasse) bearbeiten und in Form bringen kann? Rimbaud schreibt, dass das Ich nicht spricht (Je ne parlerai pas), wie erfährt er denn von den Empfindungen? Ich möchte gerne mehr darüber wissen und blättere weiter und lese das Gedicht "Ophelia".
(Zitate nach der Übersetzung von Helmut Bartuschek. In: Gedichte französisch und deutsch. Hrsg. von Karlheinz Barck. Leipzig 1991[Reclam Leipzig]).

Ophelia nimmt die Stellung ein, die im vorherigen Gedicht, das Ich ausgefüllt hat. Ophelia ist passiv, eine Wasserleiche. Naturkräfte wirken auf sie ein, sie treibt "einer Lilie gleich... auf Wassern, still und bleiern..." Sie treibt "seit tausend Jahrn" und:
"Der Wind küsst ihre Brust und wölbt die Schleier-Seiden,
Dich weich die Welle wiegt, als Blumenkelch empor;
Auf ihre Schulter weinen wehnde Trauerweiden,
Auf ihre hohe Traumstirn neigt sich tief das Rohr"

Das Gedicht berichtet auch über sachte Äusserungen von Ophelia:

"Dein Wort erstickte in der Schau von Geister-Räumen
Und deinen blauen Blick erschreckte irr das All".

Handlungen oder Aktionen möchte ich ihre erstickten Worte und ihren erschreckenden Blick nicht nennen. Es sind Reaktionen auf Empfundenes. Ophelia ist eine Membrane, an der sich Bewegungen der Natur feststellen lassen, ohne dass sie ein nennenswertes Merkmal hinterlassen. Bekannt ist sie als bleiche, seit tausend Jahren treibender Wasserkörper, weil ein Dichter etwas sagt:
" – Der Dichter sagt, dass, nachts in strahlenden Sternen-Feiern,
Du, die du pflücktest, suchen kommst der Blumen Nähn,
Und dass er auf den Wassern weiss, in ihren Schleiern,
Wie eine Lilie gleich hat Ophelia treiben sehn"

Der Dichter erstattet Bericht. Das setzt voraus, dass er Zeit hatte, etwas zu erfahren und dann zu formulieren. Wenn ich also über das von mir Gehörte schreiben möchte, dann ist ein zeitlicher Abstand nötig, der mir gestattet, das Gehörte zu formulieren. Audiophilosophie setzt zeitliche Abstände voraus, das nächste Mal versuche ich zu klären, wie ich diesen zeitlichen Abstand fassen kann.