03.07.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 11

von Nils Röller

Der Kerzenhändler denkt über Kunst und Altervorsorge nach, er soll Mitarbeiter an einem Romanprojekt werden und sich nicht selbst bemitleiden. Außerdem eine Glosse zu David Larchers Quantum-Link, ein Hinweis auf Datschniki (bis zum 6.7. 01 im Pavillon auf dem Rathenauplatz, Köln, täglich von 17-20 Uhr), Spekulationen zu mouse on marsthematics und ein Versuch zu der neu erschienen CD niobe-radioersatz von Yvonne Cornelius.

Mo: -
Di: Alabasterschleifen
Mi: Kölner Brückengrün (Betonminze)
Do: Russenmurks
Fr.: Stromkasten
Sa: Mindmodler
So: Perlenhafen
Mo: Datschniki
Di: Sonnenjuwel

Seitdem der Kerzenhändler dies gehört hat, ist er nervös geworden. Ihn reizt es, auch Kunstausstellungen zu besuchen.

Der Kerzenhändler möchte eigentlich schnell sein Geschäft aufgeben, das macht er aber nicht, weil er auf die Rückkehr von einem Bekannten wartet. Der Bekannte hat ihm erzählt, dass man mit Kunst seine Altervorsorge sichern kann. Das hat der Bekannte auch nur gehört. Er hat es von einem Künstler gehört, der einen Galeristen kennt, der nun Bilder verkauft, wenn er Geld benötigt. Dann hat der Bekannte in einem Geschäft für seltene Musik ein Gespräch verfolgt, dass ein Mann in mittleren Jahren mit einer netten Frau geführt hat, während er, der Bekannte, sich ziellos Platten angesehen hat. Auch der Mann in mittleren Jahren hat gesagt, dass er jetzt von den Kunstwerken lebt, die er mal als Student gekauft hat. Seitdem denkt der Bekannte, dass auch er einmal mit Kunstwerken sein Leben bestreiten kann. Er nennt eine bescheidene Sammlung skuriller Kunstobjekte sein eigen und kommt demnächst von einer grossen Kunstausstellung zurück. Das sei so eine Art Vollversammlung für Kunstaktionäre, hat er vor seiner Abreise erklärt nach Venedig. Dort will sich der Bekannte umtun und den Börsengang seiner Sammlung vorbereiten. Der wolle gut geplant sein. Seitdem der Kerzenhändler dies gehört hat, ist er nervös geworden. Ihn reizt es, auch Kunstausstellungen zu besuchen. Er muss dazu nicht weit fahren. Am Donnerstag abend sind in Koeln mindestens zwei Ausstellungen eröffnet worden, am Freitag abend zwei weitere. Doch ist der Kerzenhändler nicht ein Mensch, der schnell seine Absichten ändert. Er will warten, bis der Bekannte aus Venedig zurückkommt und Genaueres über die Vollversammlung des Kunstbetriebs berichtet. Zum Zeitvertreib denkt der Kerzenhändler nach, ob er selbst ein Schreibkünstler werden könnte und möchte. Vielleicht ist das Künstlersein eine neue Form des Zwangs, die ihn davon überzeugen wird, dass er bei seinen Leisten bleibt und sich mit seinem Leben als Geschäftsmann zufrieden gibt. Plötzlich wird der Gedanke, selbst Künstler zu werden eine Art Motor, der ihn antreibt mutig und beherzt als Geschäftsmann zu leben. Er denkt: Vielleicht finde ich sogar ausreichend Mut und damit auch Glück, um mein Geschäft befriedigend zu entwickeln. Fast bekomme ich jetzt schon so guten Mut, dass ich mit heiterem Herzen mein Geschäft führe. Vielleicht muss ich mir nicht einmal Schreibfreiheit gewähren?... Aber da kommt ein Gegengedanke in Form einer Schlussfolgerung. Um sicher zu gehen, dass Du lieber Geschäftsmann als Künstler bist, musst Du erst einmal ein bisschen Künstler sein. Anstatt diese Folgerung zu hinterfragen, beginnt der Kerzenhändler zu zweifeln: Wie soll ich arbeiten und gleichzeitig meinen Geschäftsverpflichtungen nachkommen? Kunden werden mein Geschäft betreten und meine Aufmerksamkeit beanspruchen, während ich an einem Text arbeite und mich auf Zeichen konzentriere. Vielleicht kann ich Hilfestellungen von einer Gaderobenfrau erhalten. In der Bibliothek habe ich eine beobachtet, die ihm Stehen schreibt und so ein Kreuzworträtsel löst. Als ich mich der Überreiche näherte, blickte sie erst zu mir auf, nachdem sie eine Zeichenkette zuende geschrieben hat. Sie wirtschaftet mit ihrer Schreibzeit...Ausserdem hatte der Kerzenhändler gestern einen unangenehmen Besuch im Geschäft erhalten. Ein Typ, gross zum Fettansatz neigend mit frisch frisierten Lockentollen, stand vor ihm. Er fragte etwas Belangloses und wollte dann etwas zum Umsatz und zur Lage des Geschäftes wissen. Als er dann hörte, dass der Kerzenhändler nicht viel umsetzt und die Zeit mit anderen Gedanken verbringe, hob er etwas seine Oberlippe auf der rechten Seite an und sagte, dass er diese Haltung unverständlich finde. Ihn ekle es an, dass man aus einer so guten Geschäftslage nichts mache. Es gebe Leute, die Geschäfte weit grösseren Umfangs leiten und Gedankenbildung für selbstverständlich halten. Er bedauere den Kerzenhändler nicht einmal, sondern bedauerte nur, dass sich jemand in so guter Geschäftslage selbst bedauere. Dieser Mann kaufte übrigens nichts .Dem Kerzenhändler ging es darauf hin gar nicht gut. Er fing zu schwitzen an und eilte alle Gebiete möglichen Versagens durch: Geschäfte, Gedanken, Lust, einer schönen Frau auf ihren Busen zu sehen. Er will versuchen, seine Gedanken zu ordnen, so zu ordnen, dass er sie zuverlässig zur Hand hat, wenn ihn etwas verunsichert. Er wünscht sich eine mentale Armatur hätte und eine Hebelvorrichtung. Allmählich präzisiert sich sein Wunsch und er nennt ihn HTMP.RF-Feature, (Siehe Kü-Nawi-Gloss) die ihm helfen soll die richtigen Gedanken zu finden... Am Montag schreibt der Kerzenhändler: Die letzten Scheine in meiner Kasse sind nun zu Hartgeldstücken geworden...Von den zahlreichen Geldwechslern, die in den letzten Tagen meine Stube betreten haben und meine Scheine in Stücke verwandelten, fiel mir einer auf, der farbige Hefe unter dem Arm trug: japanische Comics...Wenn ich einen solchen Comic-Künstler für die Gestaltung einer Leuchtreklame gewinnen könnte, würde ich vermutlich mehr Kunden anziehen und Geld verdienen. Vielleicht reicht es schon, wenn ich meinem Geschäft einen schönen Namen gebe, am besten gefallen mir eigentlich die Namen von Bars , z.B. Calypso-Club und Nixy Girls-Bar oder Namen von Fernzügen wie Nebelhorn, Göttinger Sieben, Rheingold... Dann ist jemand in mein Geschäft gekommen, der sehr umständlich an einem Roman arbeitet. Er war so frei, mir seine Arbeitsweise zu erklären: Dazu legte er eine Zigarettenschachtel auf den Tisch, in der Einkaufsbons stecken. Die Rückseiten der Bons waren in einer leserlicher, aber ungelenken jugendlichen Bleistiftschrift bedeckt. Auf manchen Zetteln waren rote, blaue und gelbe Farbflecken zu sehen. Es sagte dazu; So kann man zwischendurch Gedanken notieren. Die Zettel müssten von einem geduldigen Geist, nicht durch ihn selbst, geordnet werden. Die Bons werden erst durch Kooperation zu einem Roman. Werden sie mein Romanmitarbeiter! Lesen Sie die Zettel und kleben Sie diese dann auf eine grössere Papierfläche...Er selbst stelle für den Roman schon sein Leben zur Verfügung. Sein Leben sei so eine Arte Schleppnetz für Beobachtungen und Worte. Die Verarbeitung des Fangs könne er nicht selbst übernehmen. Das wäre in Zeiten der Arbeitsteilung nicht mehr passend. Schliesslich verarbeiteten auch die heutigen Fischer nicht mehr selbst ihre Fische...Vielleicht sollte ich seine Einladung zur Mitarbeit als Anlass nehmen und mein Bedürfnis, manchmal Schriftkünstler zu werden, ummodeln. Ich könnte damit beginnen, nicht nach eigenen Gedanken zu suchen, sondern mir die Aufgabe stellen, Bestehendes und Gefundenes, das noch nicht als Text gewürdigt worden ist, zu vernetzen.... Ich bastle nun in Gedanken an dem Feature weiter, das mir ermöglichen soll, Gedanken zu finden und miteinander in Beziehung zu setzen. Die Kassenzettel des Schleppnetzfischers reizen mich. Ich könnte damit einen Kreuzworträtselroman zu schreiben, dessen Handlungen durch vorgegebene Kästchen eine Form erhalten, die mir zugleich gestattet, die Angst zu wenig Zeit zum Schreiben zu haben, bzw. beim Gedankenfassen gestört zu werden, durch ein formales Prinzip produktiv zu werden... Ich habe Anlass, dem Schleppnetzfischer zu misstrauen, schreibt der Kerzenhändler Freitag, denn er kam gestern erneut in mein Geschäft und berichtete mir nun von einer anderen Schreibtechnik. Er behauptete, dass er hauptberuflich Zeitungsartikel schreibe, aber so schreibe, dass sie später ein stimmiges philosophisches Werk ergeben. Weil ich ein ungläubiges Gesicht gezogen habe, hat er sich schnell verabschiedet. Er will aber noch einmal vorbeikommen und mir seine Artikel zeigen. Er hat mir übrigens zum Kauf eines Computers geraten für den Fall, dass ich mit ihm arbeiten möchte.... Ich glaube, dass er mich missbrauchen will. Wahrscheinlich hat er soviele Pläne, dass er einen Mitarbeiter benötigt, um nicht an den Möglichkeiten zu ersticken. Er sagte übrigens noch, dass er an einer Wahrnehmungslehre unter den Bedingungen von Film und Computer arbeitet. Begonnen hat er mit einem Artikel "Titanenkloppe, bei dem es um den Kunstmarkt geht, der nun Kotarbeiten kauft, die 15 Jahre in dem Keller eines verarmten Galeristen gammelten. Dann will er über Super8-Filme in Argentinien geschrieben haben und das Verhältnis von Entfremdung durch analoge und digitale Technik diskutieren. Er gehe von einer modernen Grundspannung aus, die er in allen seinen Texten thematisiert, sie finde sich zwischen Computer und Film, zwischen Fluxus und Diskretion, zwischen Sensation und Ration. In seinem Kopf würden ständig zwei Typen streiten: ein wuseliger Macher und ein diskreter Zögerer. Er kann in seinen Artikeln zwar nicht vom Streit dieser Gedankenmännchen berichtet, doch geht er davon aus, dass ihr Rumoren alle Zeichen, die er in die Welt setzt, bestimmen....

Raumzeitschiff:
Derzeit hört man das Wort Leuchtturm in Debatten über die Kulturpolitik in Nordrhein-Westfalen. Leuchttürme sind Navigationshilfen für Schiffe. Bevor das Raumzeitschiff Navigationshilfen benoetigt, muss man an seinem Antrieb und seinen Radargeräten arbeiten. José-Carlos Mariátequi spricht sich in einem Text über den Video-Kuenstler Gianni Toti dafür aus, die Œprimitive-Sprache Totis als Radargerät zu betrachten.

Kü-Nawi-Gloss:

Datschniki:
Jeder dritte Russe besitzt eine Datscha. Dort erholen sie sich und bauen unter anderem Pfingstrosen und Radieschen an, die sie an Strassenecken und Märkten verkaufen. Diesen Farbtupfern auf Bürgersteigen und Einfallsstrassen im russischen Wolgograd ist Achim Riechers nachgegangen. Die Bilder seiner Recherche sind zu sehen bis zum 6.7. 01 im Pavillon auf dem Rathenauplatz, Köln, täglich von 17-20 Uhr. Während der Finissage hielt Lena Chiriaewa einen Vortrag zum sozialen Hintergrund der Datschniki. Bemerkenswert ist, dass Datschniki Diebstähel fürchten und aus diesem Grund auch während der Woche in den kleinen Häusern übernachten.

Quantum:
Stumpling about the word "quantum-link" on David Larchers Homepage. I start to rearrange my thoughts. I do consult The Penguin Dictionary of Physics”. It says: "The smallest amount of energy that a system can gain or lose". Other lines do follow. Somehow I do think, that I’m myself a system, that loses or gains energy exactly at the moment when I read the word "quantum”. Reading more the following lines appear: "The change in energy corresponding to a quantum is very small and only noticeable on an atomic scale. See quantum theory”. Now energy is cleary asked: I have to look for more details, skip the existing pages and go to page 379. The article "quantum theory” is more than two columns large. Now my system is losing energy, because I feel that I will need energy in order to read the columns. So I start to search at Larchers Homepage an explanation or a hint to rearrange my stumbling thoughts. I press a button. That makes me lose energy, but very little. Then I have to wait. Sure now another systems works, it is losing energy in order to comfort me. While I’m waiting I do try to precise the feeling of not behaving correctly. First I did assume that every action is work (work is change of energy) and I did also assume that every action does imply gain or lose of energy. So I worked already with an implicit knowledge about the behaviour of energy although I did fancy not to know it. Second I did assume that I can regard myself as a system and distinguish it from other systems like Davids Homepage. In case of The Penguin Dictionary of Physcis I did not clear this. In fact I startet the clearance when I did notice that there is a short explanation of quantum and a large explanation of quantum theory. Third in my mind my mind vague concepts were already bouncing viceversa when I did start to write this note about "quantum”. This vague concepts were for example a.) the words "videøvoid” of David Larcher, b.) they did appear in my mind when I was trying to read a text of Bryce deWitt: "Platonic Quantum Mechanics: Taking the Theory Literally” that was written in honor of Otto Roessler (See: Diebner, Hans H.; Druckrey Timothy; Weibel, Peter (eds.): Science of the Interface), c.) in this text words to appear that I would like to let be explained. This Vaguenesses do appear now in a clear order (a.-c.). But this order is a result of a strategy that becomes evident now. Starting with David Larchers Homepage I could rearrange the vague thoughts that stumpled through my mind after having read Bryce de Witt. This makes clear that my assumption that did help me to clear up thoughts was not correct. In fact: Bryce de Witts text and not Larchers Homepage did make me stumble. So the text you are reading is based on a wrong assumption. This is not a problem. In fact it makes clear that the effects the homepage did cause and the effects that the text of Bryce de Witt did cause be rearranged and correlated to each other. The product of this correlation is the text you do read now. Writing this text made me lose energy but I did give me also energy, because I feel better now. I hope that it is for you the same or did your system lose energy while reading this text? David Larcher will be angry because he will realize a more fundamental uncorrectnes. I visited his homepage Wednesday and Thursday and the text was written Sunday. Obviously I did check really his work and I integrated it into an ungoing research. But is this really a problem?

HTMP.RF: H: Heb ab; T: Tauche tiefe; M: Hab Mut; P: Bleib aufmerksam passiv; RF: Betrachte das von aussen.

Unity-Idiology:
Imagine a world where calculations are different? With their new album Idiology Cologne Pop-Band mouse on mars work on favourite of a modified view on calculations and mathematics. Track 9 "unity-concepts” is devoted to "marsthematics”. marsthematics stands for mathematics on the mars. This approach to calculation is different from the current digital one. The vocals of "unity-concepts” are difficult to understand. The voice is charming and clear and seductive. But one gets the meaning of the spoken words only by permanent rewinding or simply by reading the text on the CD-tray. marsthematics find their roots in a struggle on the foundations of mathematics at the beginning 20th century. In this struggle two concepts were fighting for the right view on mathematics. One that with David Hilbert works with the concept of correct operation and another with Luitzen Brouwer that keeps track of the meaning. The struggle did make Turing conceive the Turing-machine and the turing-mashine did lead to digitial computing devices. Digital stands for discretness and exact distinction between one step and the other. marsthematics do open a way for a different view on the relation between one and the other. marsthematics focus on the connecting force. The vocals say: "The one that if it is seen with others it is in the position to become more than one”. Here a thought of Brouwer is reformulated. Brouwer argues that the connection and not the discretness is first. Only at second place the split into one and the other occurs and numbers and calculation become possible. mouse on mars’ Idiology is an example of marsthematical music. The soundfiles used by andi thoma, dodo nkishi, and jan werner are all constructed. Constructed that does imply that every step of the sound production is retracable to "Eigen” (selfmade)-sounds. They are all produced by the musicians. The opposite of construction is sampling of found or copied material. But is this information interesting? I doubt that because it does reinforce distinctions and not connections ( between construction and sampling, between one and the others). Instead of informations about distinctions one should look for ideas of connection. The connection between mouse on mars and Brouwers constructivism is scholastic, it remains scholastic even in the context of Deleuze and Guattaris Mille Plateus, where Brouwer is worshipped as a nomad. marsthematical constructivism becomes inspiring looking at the context of mouse on mars. A part from their career they do build a network of strange musicians that support each other viceversa. For more information: www.sonig.com.

For more information on ethetics and problems of science:



Audiophilosophie: niobe – Radioersatz: 1. Annäherung

Ich bin zwischen einem aktuellen, noch nicht vermarkteten Kunststück, der CD niobe - radioersatz, und einem alten Kunstwerk, dem Ritterroman Parzival, zwischen nächster Gegenwart und mittelalterlicher Vergangenheit hin und her gerissen. niobe wird bald an ausgewählten Orten zu hören sein (Vertrieb: www.tomlab.de). Es wird dann kaum eine Rolle spielen, dass der Titel der CD auf eine Sagengestalt aus der griechischen Antike verweist. Auch in der Gegenwart ist Vergangenheit zu spüren und jede Gegenwart wird schnell Vergangenheit (2h Stunden bevor ich dies schreibe, hat Josef Suchy die CD in der A-Musik gespielt), aber auch jede Vergangenheit wird schnell Gegenwart, z.B. dadurch dass man einen alten griechischen Namen auf einer neuen CD platziert. Ich versuche, die Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Antike und Radio zu lösen, indem ich Ableitungen vornehme. Doch das verspannt meine Gedanken meistens so, dass ich nicht mehr schreiben kann. Denn das hat zur Folge, dass ich beginne, mit Hilfe des Ursache-Wirkungsgesetzes Beziehungen zu stiften und Kunstwerke als Effekte von anderen Kunstwerken als deren Ursachen zu erklären. Dieser Stiftungsversuch verlangt viel Geduld und Recherche. Er lohnt sich unter Umständen, doch muss man sich dazu aus der Gegenwart verabschieden und gegenüber neuen Eindrücken, weil diese von literarischen Stiftungsversuchen abhalten. In niobe liegt eine Chance zur Beziehungsstifung anderer Art verborgen, die sich mir erst erschliesst, als Josef eine Improvisation von Yvonne, Tim und ihm selbst vorgespielt. Sie verdeutlicht, dass Stimmung durch rücksichtvolle Verteilung von Stimmen und Klängen entsteht. Rücksichtsvoll meint, dass es keinen Klangbefehl gibt, dem sich Bass, Stimme und Guitarre unterordnen, sondern sie aufeinander reagieren, sich abstimmen, anstatt übereinander zu bestimmen. Diesen Gedanken übertrage ich auf niobe. Sie entwickelt die Stimmung eines antiken Hains, in dem Geräusche und Stimmen anzutreffen sind, aber nicht ein Chor oder eine tragische Figur, die sich bedeutungsschwanger Klänge unterordnen. Radiogeräusche aus Mexiko und Venezuela wispern in Hintergrund der Klangstücke. Zuweilen meine ich, eine antike Schönheit auf der Dachterasse über einem mexikanischen Vorort auszumachen, wie sie zum Klang einer Gitarre Lieder singt, die Lust auf Spielfilmproduktionen wecken, dann schwebt die sagenhafte Gestalt über Antennen hinweg. niobe streift durch Gebiete im Raum zwischen Kolonialgeschichte, seichter südamerikanischer Muse und eleganter Elektronik. Sie arrangiert um, löst festgewordene Klangklischees und weckt Lust, elektronische Haine zu besuchen und selbst anzulegen. Beim ersten Hören habe ich das Gefühl, dass Niobe Landschaften gestaltet und zugleich dem Hörer akustische Mittel bereitstellt, mit denen er die Landschaftsgestaltung modulieren kann, so dass sie nicht zu mächtig werden. Der Hörer hat die Chance, eigene Pfade durch den Nioben-Hain zu suchen und zu verfolgen und sich immer wieder überrascht einer Sagengestalt gegenüberzufinden, von der es heisst, dass sie viele Kinder hatte und dass sie keinesfalls eine Mondgöttin war.

Josef sagt, dass im letzten Stück Sampels verwendet werden. Niobes Sampel erinnert mich an das Geflecht eines tragbaren Teppich, den man bequem auf Reisen mitnehmen kann. Ich denke, dass sich auch die Suche nach Parzivalsampeln lohnt, Kunstgriffen, die sich selbst thematisieren, wie z.B. Noch siehet mein sterblich Lied den Tag, der, Diotima ! nächst den Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleich" An diesen Zeilen gefällt mir, dass der Dichter Hölderlin im Lied das Lied thematisiert und ausdrückt, dass Worte und sprachliche Kunstwerke wertvolle Gegenstände sind.

Niobe Versuch II (Nach dem Erwerb der CD und ... –Hören): folgt demnächst.