19.07.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 12

von Nils Röller

Diesmal mit Anekdoten aus Namibia, Trauer um Frau Hannelore Kohl, einem Hinweis auf Ingrid Wiener und Oswald Wiener, Bemerkungen zum logischen Aufbau der Welt und zur Audiophilosophie mit Flusser und von Foerster.

Mi: Schoner
Do: Mitteldeutschland
Fr: Mona being sempre
Sa: Webgüter
So: Meisterstücke der Gedrängtheit
Mo: Sinustonjünger
Di: Horn von Afrika
Mi: Johann ohne Land
Do: EheHyg.mittel
Fr: Leichtmatrose
Sa: Jadeperle
So: Saunahaus
Mo: Atom-BSE-Turm
Di: Sperrmüllmusikinstrumente
Mi: Pestbetriebe
Do: Saum

Während der Kerzenhändler auf den Besuch des Kunstkenners wartet, erinnert er sich an Denkwürdigkeiten, die ihm einmal eine Filmemacher aus Namibia erzählt hat. Der Filmemacher heisst Cecil Moller. Er ist übrigens Mitglied von SACOD – Organization of Filmmakers in Southern Africa.

"Ein Mexikaner sagt zu jemanden, der einen Berg besteigen möchte: 'Vergiss nicht, dass Du dem Berg etwas Grosses mitbringst, wenn Du etwas Grosses vom Berg erwartest. Der Berg wird es Dir sonst nehmen'."

"Wenn Du Dich im Wald verlierst, vergiss nicht, dass Du im Wald wenigstens jederzeit ein Dach über dem Kopf hast".

Dann ist Cecil noch eingefallen: "Ein junger und ein alter Bulle sehen auf einer Weide eine Herde schöner Kühe. Der junge Bulle sagt: 'Komm wir rennen, dann kriegen wir sie noch' Der alte Bulle sagt: 'Wir gehen langsam, dann erreichen wir sie'".

Des weiteren bastelt der Kerzenhändler an einem Set von Worthebeln, der ihm helfen soll, jederzeit einen Gedanken zu haben. In der zehnten Folge hat er dazu folgendes geschrieben: HTMP.RF: H: Heb ab; T: Tauche tiefe; M: Hab Mut; P: Bleib aufmerksam passiv; RF: Betrachte das von aussen. Leider ging die Fussnote verloren, in der ein erster Test dokumentiert wurde. Obwohl die ersten Schritte schwach und stotternd sind, möchte der Kerzenhändler nicht auf sie verzichten. Deshalb hier noch einmal die Fussnote:

Dort hat der sächsische Ministerpräsident den Kopf des Altbundeskanzlers Herrn Dr. Helmut Kohl zu sich herunter gezogen.

Der Kerzenhändler nimmt derzeit regen Anteil an der nun nachlassenden Berichterstattung der deutschen Presse über das Ableben der Gattin des Altbundeskanzlers. Besonders gerührt hat ihn das Requiem im Dom von Speyer. Dort hat der sächsische Ministerpräsident den Kopf des Altbundeskanzlers Herrn Dr. Helmut Kohl zu sich herunter gezogen. Auch Bernhard Vogel hat den Arm des Trauernden gehalten. Monsignore Erich Ramstetter hat in seiner Ansprache die Presse getadelt. Das soll hier nicht wiederholt werden, der Kerzenhaendler überlegt jedoch, wie er zu Verbesserung der deutschen Presse beitragen kann. Er wird nicht zu Hannelore Kohl recherchieren, er wird auch nicht befreundete Musiker animieren, ein Lied für H. zu singen, nein, der Kerzenhändler denkt nach vorne. Er arbeitet an einem Bericht über eine tolle Familie, die ein brasilianisches Strassenkind gross zieht, das gern vor dem Fernseher sitzt, obwohl die karibische See nur einige Schritte entfernt ist. "Toll" ist die Familie, weil sie ihren grosszügigen Umgang mit eigenen und fremden Schiksalen nicht thematisiert, aber ein Leben führt, das auch die Trauergäste, die von den Medien in den Dom von Speyer gelockt wurden, beschäftigen könnte, wenn die Welt denn anders wäre, als sie gerade ist. Da der Kerzenhändler nicht dem Requiem beiwohnen konnte, weiss er nicht, ob Monsignore Erich Ramstetter von dem Problem des Antlitzes gesprochen hat. Das wäre hilfreich gewesen. Hätte es doch gestattet, die Trauer zu würdigen und zu bedenken, dass ein Mensch, der in den Medien Beachtung findet, auf unheimliche Weise liebenwert werden kann. Was wäre das für eine Welt, in der alle Menschen, die Trauer tragen, so medial präsentiert werden, dass alle alle lieben?

Raumzeitschiff:
Oswald und Ingrid Wiener arbeiten an den Navigationsinstrumenten des Raumzeitschiffs. Einen Bericht über gemeinsame Tests mit Gesche Joost, Stefan Schmidt und Florian Thümmel in Neapel und Hinweise auf neue Texte von Fritz Heubach und Oswald Wiener sind auf dem Heise-Server zu finden.

Flying Footnotes to Mumford: Berlin based artist Oliver van den Berg (Ollimonade) has a special interest. He is concerned with the desire of technical dispositions for human beings.
One of his examples are the nazis tactical bombs V1 and V2. In his book "Vn” van den Berg writes: "Due to its automatic steering system, the V1 was also called the ‘robot bomb’. The steering system led Londoners – the target of these weapons – to attribute a consciousness to the V1 rockets, to consider them as beings. The inaccuracy of the steering system led to the restoration of the pilot in the V1. However, the V1 was a wholly unsuited enviroment for pilots.” (p. 81). There have been plans to give extra-man to fly the weapons, to "rehumanize” them. Of course the pilots were suggested to never come back. Nevertheless plenty of pilots had offered to make the job. The first man able to fly the bomb was a woman called Hanna Reitsch (By the way: the german radio informed yesterday about the death of Beate Uhse, who was also a pilot in the Nazi airforces).
For different reasons the german Nazi airforces did give up the plan. This strange case to "rehumanize” a rocket is more than a strange case. It leads to the insight that artifacts have build within their plan an idea how man will behave with the machine. Van den Berg says that mostly this plan is a plan of a single group. It is based on the concept of man that the building engineers do have. The rehumanized bomb is an example that this plan was not exact enough and therefore it was necessary do be fulfilled with real man/woman. I do think that van den Berg gives also a hint, how to argue today with Mumford.

He quotes Mumford on page 84: "In other words, the mechanical metaphor is not itself a suitable means of elimination of human relations… because mechanisms are themselves subjectively conditioned creations. Their particular characteristics…are precisely that which has to be explained. Considered on its own, the machine is a riddle, not an explanation.” (Mumford 1964: 437). The explanation of the riddle lies in the nature of man. But I wonder what this nature is. Is there only one nature or many? Experiments like the discussed V1 are an example of special madness and attitude. I doubt that this is a common feature of the nature of man. The Vn shows a feature of a single group.
The problem I do have with magnific study of Mumford is its olympic view of the nature of man, that is very Goethe-like, a different view is directing its focus to single and individualistic features.

Kü-Nawi-Gloss:
Symbolischer Aufbau der Welt: Dieser Titel übt eine Anziehungskraft aus, die stark genug ist, das gleichnamige Buch von Carnap in die Hand zu nehmen, die jedoch zu schwach ist, das Druckwerk zu lesen. Man nimmt schon beim ersten Blättern einen Wortbau war, der architektonische Qualitäten besitzt. Diese sind offensichtlich mit den Bauweisen der Recherche Prousts oder des Tods des Vergils von Hermann Broch nicht vergleichbar. Ähneln diese Romane Theaterbauten, so erinnert Carnaps Buch an ein Bankgebäude (Hypothekenbank): Massiv, schlicht, eindrucksvoll. Zwischen den Symbolen wittert man eine Atmosphäre, die der Tragik von Trakls Psalm ("Es ist eine Insel in der Südsee... der Dampfer bringt Seuchen herauf... im Hof spielen Kinder in Kleidern von herzzereissender Armut") entkommen möchte durch den Traum einer klaren Welt, kompakt und zuverlässig wie die Akropolis oder die Monadologie von Leibniz.

Audiophilosophie:
Einleitung* zu der Studie

Khora sampeln

Heinz, wie hast Du das Alphabet gelernt?
Keine Ahnung!

Heinz von Foerster

Heinz von Foerster und Vilém Flusser sind antipodische Migranten. Heinz von Foerster hat Mitteleuropa verlassen, um in Nordamerika zu leben und zu studieren; Vilém Flusser hat Mitteleuropa verlassen und 32 Jahre in Südamerika gelesen, gesprochen und erneut zu leben begonnen. Gemeinsam ist beiden philosophischen Wanderern, dass sie mit der Schriftkultur Europas hadern und dass sie sich zur dialogischen Philosophie Martin Bubers bekennen.
Beide sind Vermittler, die ein Licht auf die Medienentwicklung als Problem der europäischen Kultur werfen. Dieses Problem ist ein Anliegen der Audiophilosophie und das ist ein Plädoyer für den kritischen Einsatz von technischen Innovationen. So verstanden macht die Rede vom Ende Philosophie keinen Sinn mehr. Sie scheint vielmehr am Anfang zu stehen. Und ein Kennzeichen dieses Anfangs ist die Tendenz zu kopieren und zu sampeln. Doch die Audiophilosophie kann sich nicht mit schlichten Aneignungsstrategien zufrieden fühlen, sondern sie möchte diese kritisieren und dekonstruieren . Im folgenden werden anhand der im supposé-Verlag publizierten Beiträge zur Audiophilosophie Chancen markiert, die in der Veröffentlichung von Audio-Dokumenten liegen. Ihr Potential erscheint als bedenkenswertes Ziel einer sich verändernden Philosophie. Dieses Potential unterscheidet sich von den Möglichkeiten, die in der Geste des Sampelns liegen. Deshalb soll hier der Begriff des Medienwechsels eingeführt werden..

*in den nächsten Sendungen des Kerzenhändlers folgen die weiteren Abschnitte

Fussnoten:
Hier nun erste Hebelsätze, die sich bei einer ersten Anwendung der einzelnen Funktionen von H., T., M., P. ergeben haben :
M: Vielleicht besteht die Kunst nicht mehr darin, Figuren und Helden zu konstruieren, die in Romanen oder Bildern auftauchen, sondern die unterschiedliche Funktionen im Umgang mit Zeichen darstellen.
H: Der neue wissenschaftliche Geist lehrt, dass Du nicht abwarten darf, dass jemand angemessen auf Dich reagiert, sondern Du musst wissen, dass Du jederzeit die Bedingungen änderst, unter denen Dir etwas angemessen erscheint. Du veränderst diese Bedingungen, weil Du Dich selbst ständig änderst. Du bist eine Maschine, deren Abläufe nicht absehbar sind. Es ist nicht vorhersehbar, wie diese Maschine auf die Welt reagiert. Dir bleibt nichts anderes als einfach auf Dich selbst zu reagieren; einfach das heisst: nicht planen, wie Du reagieren wirst... Frag nicht, was ein Zeichen bedeutet, sondern was es auslöst.
T: Möchte so denken, dass jeder nachvollziehen kann, wie er zu einem Gedanken gekommen bin. Jeder soll ihn und sich selbst als Maschine nachbauen können (Maschinenwärter~Maschinen-Werther)
P: [Derzeit nur ein Attraktor für vertrackte Eigenschaften wie rechenschaftslos, entorientalisiert, seerosenteilend].

Philosophie der Unterentwicklung. Dafür suchen T und H nach Typen. Sie fragen sich, ob man einen Candide der Tropen (Gaetano Veloso), einen Silentius Namibias oder einen Idioten Indonesiens finden kann oder ob diese Formen der Beziehungssetzung nicht von vornherein so kolonial verstellt sind, dass nichts anderes herauskommen kann als ein Kant in multikultureller Verkleidung.