11.10.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 14

von Nils Röller

Di: Deine Seele, die die meine liebet,
Mi: Spannt der falbe Staub zur Sonne
Do: Ist verwirkt mit ihr im Tibetteppich
Fr: Blüten wiegen im Haar!
Sa: Strahl in Strahl verliebte Farben
So: Geperlt
Mo: Aurorablau
Di: Bubertät
Mi: Sterne, die sich himmellang umwarben
Do: Verästelt

Die weiteren Tagesworte (Heuerstall, Golddollar, Flying P, Sea Rose St. Malo, Teerennen, Heraklits Joystick, Lamasohn, Groschenkrug, Hochperu, Rosenholz-Gitarren, Weltenwender, Timorgraben, Experimentalysteme, Inca Kola, Nordpolfahrer) der Monate August und September, dienen als Schnüre, mit denen Gruppen von SMS- Nachrichten zu Paketen geschnürt werden.

Mo: Schriftbesitzer
Di: Kontosperre
Mi: Waffensammelaktion
Do: Erwartungs-Religion
Fr: Pastoralmacht
Sa: Professor für die Geschichte Roms
So: Anita: Laura des Films
Mo: Im Rückzug siegen
Di: trad. Polo mit toten Ziegen
Mi: informelle Gebiete
Do: Bündnisfall
Fr: Linderung
Sa: Schiffe mit Hülsenfrüchten
So: Kunstwerke
Mo: Linienkranich
Di: Weimar Konsum
Mi: Ollimonade

Von dem Philosophen Vilém Flusser wisse er, dass er diese Dynamisierung begrüsst hat, weil sie das Ende der Nationalstaaten bewirkt und zu einer Vernetzung führt.

Ich überlege, wie ich den bestimmten unruhigen Menschen, der mir Zettel und Artikel vorbeibringt, nennen soll. Er ist mir wichtig, auch wenn er nichts kauft, denn er befördert den Umsatz an Zeichen in meinem Geschäft. In einer früheren Notiz habe ich ihn Zeichenfischer genannt, denke aber nun, dass er auch ein Zeichenhändler ist. Zwar leben auch Fischer vom Verkauf ihres Fangs, doch im Unterschied zu Händlern nehmen sie nicht gezielt eine Vermittlerfunktion ein. Als Händler steht man zwischen Lieferanten und Produzenten einerseits und den Kunden andererseits. Da ich beginne, diese Unterscheidung zu treffen, wird mir die Problematik meiner eigenen Lage bewusst. Der Bekannte ist in einer glücklichen Position. Er produziert oder fischt und er ist zugleich Händler. Ich bin nur Händler und auf Lieferanten und Kunden angewiesen. Der Zeichenmensch hingegen produziert, verkauft und erwirbt. Wenn sein Verkauf nachlässt, kann er zumindest seinen Fang selbst bearbeiten und verzehren in dem Gefühl, dass er sich auch dann mit Nachschub versorgen kann, wenn er kein Geld in der Kasse hat. Das ist bei mir anders. Ich kann meine Kerzen verbrennen, und zum Beispiel eine Zeitlang auf die Stromversorgung verzichten, aber wenn meine Kerzen verbraucht sind, bin ich am Ende. Der Zeichenfischer, der zugleich Zeichenhändler ist, muss nicht fürchten, dass ihm einmal der Zeichenvorrat ausgeht. Er kann dann einfach neue fischen... Ich habe ihn heute darauf angesprochen und er sagte, dass ich einen grundlegenden Unterschied zwischen Zeichen und anderen Handelswaren berücksichtigen müsste, nämlich die Doppelnatur von Zeichen. Doppelnatur bedeute, dass Zeichen eine passive und eine aktive Seite besitzen, sie sind einerseits eine Ware, anderseits sind sie Maschinen, die Waren produzieren. Zum Beispiel eine CD. Man kaufst sie, um sie zu hören. Sie ist insofern doppelgesichtig, weil sie einerseits ein Produkt ist, über das man verfügst, andererseits verändert sie die eigene Stimmung, so bald man sie anhörst. Eigentlich sind alle Dinge so, sie wirken meistens wie Objekte, mit denen man etwas anstellt, meistens vergisst man, dass die Dinge auch etwas mit uns anstellen. Eine Auto lädt uns ein, schneller zu fahren, eine Parkbank legt uns nahe, Ruhe zu suchen, ein Computer veranlasst uns, mehr Zeichen und mehr Papier zu verwenden, als wir uns jemals geträumt haben. Allerdings sei er nicht sicher, welche Funktion Kunst und Kultur ausüben können. Manchmal denke er, dass die Kunst neue Funktionsweisen erfindet, dann überlege er, dass sie nur irritiert und wuselt. Wichtig sind Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtensendungen und Werbung. Das seien Umschlagplätze für Zeichen, Transformatoren oder Umspannwerke. Deshalb interessieren ihn übrigens Wissenschaft und Technik, auch wenn das allgemein klingt. Er frage sich, ob wissenschaftliche Begriffe taugen, um Kulturprozesses zu beschreiben. So zum Beispiel mal die Titelseite der Süddeutschen Zeitung. Kernworte eines Tages sind: "Stellenabbau", "Sonnenwind" und "Anschlag". Er habe die Worte in einer anderen Gewichtung genannt, als es der Chef vom Dienst vorgesehen hat. Er gebe zu, dass ihn der Stellenabbau von Bayer Leverkusen sehr beschäftige, weil er das wirtschaftliche Klima betrifft, in dem er sich bewege Merkwürdig ist die Nachricht über die Mission der Genesis, die im Lagrange-Punkt 1 ( Insel der Ruhe -1,5 Millionen Kilometer über der Erde) Sonnenstaubpartikel auffangen soll. Nicht die Kosten der Mission von 475 Millionen Mark beschäftigen ihn, sondern das Denken in Verhältnissen, der Ausdruck eines dynamischen Weltbildes sei.
Diese dynamische Weltbild beschäftige ihn in Hinblick auf Bayer Leverkusen und den Nahost-Konflikt. Von dem Philosophen Vilém Flusser wisse er, dass er diese Dynamisierung begrüsst hat, weil sie das Ende der Nationalstaaten bewirkt und zu einer Vernetzung führt. Doch er frage sich, ob die Vernetzung schon ein Wert ist. Offensichtlich schafft sie nicht das Übel aus der Welt. So der Zeichenfischer, den ich nun gerne in meinem Geschäft sehe. Seine Gedankengänge beschäftigen mich und merkwürdigerweise sehe ich die Engpässe in meinem Unternehmen nun in einem anderen Licht. Immer lieber würde ich das Geschäft schliessen, um zu lesen und zu schreiben oder Kunst zu sammeln, doch zugleich würde ich gerne das Geschäft erhalten, ausbauen und neu strukturieren. Das ist widersprüchlich. Ich habe mit dem Zeichenfischer über diese Widersprüche gesprochen, und er meint, dass das keine sind. Er denkt, dass ich schwanke, welchen Motor ich für mein Leben benutzen soll. Zur Auswahl steht der meditative Antrieb oder die Turboidee vom Aufbau eines grossen Gerüstes. Das will er demnächst näher erklären, doch gibt er mir schon zu verstehen, dass mein Hin und Her zwischen den beiden Antrieben zeige, dass ich über einen eigenen Motor verfüge und dass ich diese Kraftquelle ausbauen und nutzen kann. Das klingt sehr kryptisch und er möchte demnächst wiederkommen und mehr mit mir darüber sprechen. Allerdings fährt er jetzt für einige Zeit nach Braslien, um dort zu Vilém Flusser zu recherchieren. Flusser habe eine Theorie für Zeichenumschlagplätze und die will er mir nach seiner Rückkehr vorstellen. Das ist nun schon der zweite Besucher meines Geschäftes, der Köln verlässt und mir nach seiner Rückkehr Auskunft geben möchte. Der Biennale-Mensch ist übrigens noch nicht zurückgekehrt. Ich sehe einem langen verregneten Frühherbst in Köln entgegen. Vielleicht beschäftige ich mich mit den Zetteln und Artikeln, die der Zeichenfischer dagelassen hat. Ja, ich glaube, dass ist gut. Ich nehme mir ein Arbeitspensum vor, dann schaffe ich in meinem Geschäftsalltag einen besonderen Zeitraum, in dem ich mich unabhängig von ökonomischen Gedanken bewegen kann.

Raumzeitschiff:

Der Bau des Raumzeitschiffes ist in den vergangenen Wochen fortgeschritten. Die Aktivitäten des Baubetriebs richten sich auf den Antrieb, die Wärmezeitsmaschine, die in den folgenden Sätzen aus dem Towards Cuzco-Manifesto skizziert wird. Dann möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Phänomenotechnik von Andreas Kaufmann und das Aurora Blau von Achim Mohné lenken.