25.10.2001

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 15

von

Do: Reglementierung
Fr: Wachbold
Sa: abenteuerlustig
So: etwa 150. 000 Worte
Mo: Melancholie
Di: purpurseglig
Mi: achterlich
Do: Jadebusen
Fr: Optimat
Sa: vagheze
So: Schneegrenze
Mo: nichts Charmanteres
Di: Langhalslaute
Mi: Lorelei
Do: Medienbaron

Der Kerzenhändler hat heute in einem marokkanischen Geschäft Trauben und Karotten erworben. Der Verkäufer an der Theke verzichtete wie oft auf die Centbeträge. Das stimmte den Kerzenhändler nachdenklich, der das schwindende Wechselgeld in seiner eigenen Kasse fürchtet. Ihm graut davor, dass einmal ein Kunde kommen könnte und mit einem grossen Schein, eine Kerze kaufen möchte. Der Kerzenhändler würde ungern zugeben müssen, dass seine Barbestände nicht ausreichen, um den Schein zu wechseln.
Der Kerzenhändler hat über dieses Problem mit dem Schelm gesprochen. Der Schelm ist eine Mischung aus den Personen, auf deren Rückkehr der Kerzenhändler gerade wartet. Er kennt sich neuerdings gut in islamischen Dingen aus und er ist derzeit spendabel. Er verschenkt gerne seine Zeit. Heute ist er in das Geschäft gekommen, als der Kerzenhändler an alten Notizzetteln pfriemelte. Gewöhnlicherweise unterbricht der Kerzenhändler nicht seine Zettelwirtschaft und Gedankenhebelei, wenn der Schelm kommt, aber heute war ihm das willkommen. Der Schelm hat in seinem Erfahrungsschatz nachgesehen und Beruhigungen auf die Wechselgeldsorgen hervorgebracht. „Ist doch kein Problem“, sagt er. „Mach es, wenn einer mit einem grossen Schein kommt, wie die Italiener. Die sagen den Kunden, dass er sich woanders den Schein verkleinern lassen soll, und dann zahlen kann. Du musst eben das Risiko eingehen, dass er nicht zurückkehrt, aber was nützt es Dir jetzt, Dich zu quälen? Willst Du etwa Dein Geschäft schliessen oder Dir Geld leihen, für den Fall, dass mal einer mit einem grossen Schein kommt. Du kannst auch die orientalische Variante nehmen. Gib dem Kunden einfach die Kerze und sage ihm, dass er beim nächsten Mal zahlen soll“. Tja, so einfach ist es, wenn man dem Schelm zuhört.
Der Kerzenhändler ist nun erleichtert und er überlegt sich, wie lustig es wäre, wenn der Schelm in die Weltpolitik ginge und Stoff für einen Roman zwischen Bush und Bin Laden produzierte. Mit dieser Überlegung wendet sich der Kerzenhändler einem Gedankenhebel zu. Der M-Gedankenhebel produzierte Sätze, die wir lieber in den Fussnoten anführen möchten (am Ende der Notiz)Ausserdem hat der Kerzenhändler heute Poststücke erhalten. Einmal Post vom Zeichenfischer (siehe Kü-Nawi-Gloss und dann noch eine Büchersendung von Heinz Emigholz (Raumzeitschiff).

Fr: fliegende Garküchen
Sa: ens entium
So: Medienbaron
Mo: Schwarm
Di: Phantasie mit tausend Perlen

Rudolf bin Baden nennt die FAZ Rudolf Scharping, und zwar in einem Bericht über den Swimmingpool, an dem der Verteidigungsminister ins Gerede geraten war. Der Zeichenfischer sieht in dieser Buchstabenknobelei ein Indiz für den Grenzverlauf zwischen Phantasie und Realität. Er stellt sich vor, wie ein Journalist und ein Redakteur nach einer Formulierung suchen, um auszudrücken, dass Scharping auf Grund der Attacke des World Trade Centers, als deren Veranlasser Bin Laden genannt wird, sein politisches Leben verlängern konnte. Können so nicht aus Gedanken Wortwitze und später Begriffe werden, die das tägliche politische Geschehen verändern? Der Schelm sieht das anders. Er betont die Rolle der Kunst und spricht von einer neuen CD. Dort singt jemand, den man sich als netten jungen Mann vorstellt, der von Worten gehässig geschubst wird und Freunden davon erzählt. Einer hat eine Gitarre und ein anderer ein Rhythmusgerät. Gemeinsam sortieren sie die geschüttelten Vorstellungen und lockern unangenehme Formulierungen auf. Dabei sind sie lustig. Das ist viel lustiger als sich über andere wie den Scharping lustig zu machen. Der Kerzenhändler hebt sich folgende Worte auf und lässt sie immer wieder durch den Kopf wandern: “Dass wenn man Scheusal meiden will, es schwerer ist als Denken, doch niemals ohne Ziel... hej, der Topf ist aufgesetzt, jetzt passt alle auf... Laufen wie am Spiess... Man klopft sich rein... Neulich schiebt mich schweigend an, der Mann mit Karren...” Die CD ist von Workshop und heisst Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit (www.sonig.com)

Mi: Kunstmarkt
Do: vergrüsst
Fr: Jagen Blitze Tiere

Raumzeitschiff:

Joseph Joubert war ein Mann der Revolutionszeit, der zu seinen Lebzeiten nichts veröffentlichte, aber Pläne zu mehr als 20 Büchern durchdachte und elegant formulierte Notizen anlege. Den Mann und seine Notizen hat Stefan Ripplinger in einem Essay vorgestellt. Dieser Essay ist ein Fenster, in den Spiegelsaal der Ideenwelt des überlegenden Herrn Joubert. Er zitiert Passagen aus den Reiseberichten des Weltumseglers Cook, die der gelehrte Franzose ausdauernd studierte. Für die Raumzeitschiffplanung ist das eine willkommene Hilfe. Der Essay legt dar, dass Seemänner und Dichter Gemeinsamkeiten besitzen: „Der Dichter und der Seemann sind verschwistert, der eine wie der andere liest in den Sternen, der eine wie der andere gleitet auf den Wassern dahin und rechnet mit der Unberechenbarkeit des Meeres auf dem er segelt, beide wissen, dass es nichts Schöneres gibt als seinen Anblick, keine grössere Herausforderung als die, sich von ihm tragen zu lassen“ (Ripplinger, Stefan: „Einige Ansichten unter freiem Himmel – Joseph Joubert (1754-1824. In: Die Republik 110 – 15. Oktober 2001, S. 66. 25 Mark. Siehe auch:www.pym.de). Beim Bau eines Raumzeitschiffes wird der Unterschied zwischen der Zeit der französischen Revolution und der Globalsierung am Beginn des 21. Jahrhunderts zu bedenken sein. Cook und Joubert segelten in dem Bewusstsein, unbekannte Meere erstmals zu befahren. Heute werden die Meere von Satelliten überblickt, die den Kurs garantieren sollen. Sie werden automatisch abgetastet und überwacht. Sie sind ihrerseits fremd und bedrohlich. Die Unendlichkeit ist nicht mehr offensichtlich. Sie ist wahrscheinlich zwischen den Zeichen, mit denen die Kultur Schiffahrtswege bezeichnet, versteckt. Deshalb wird ein Raumzeitschiff Findekünstler benötigen, die im Dickicht der Signale Reisewege aufspüren.

Kü-Nawi-Gloss

Warm-time-machine
The word was coined by the artist Joseph Beuys and it is an answer on the novel with the title time machine of H.G. Wells. The Cuscokids hope that the warm-time-machine will lead today to a possible answer, an answer of artists and researchers on the time machines of dominant media like CNN and opinion leading newspapers. The time machine of H.G. Wells is simply scientific-numeric. It enables a person to go up and down in the line of time, for example from 31 december 1899 back to 099 or forwards to 20.997. The time-machine is simply scientific because it presumes that there is only one numeric time.

The idea that there is a clear order in time is simply naiv. At the Festival Videobrasil Luis Valdovino and Dan Boord showed in their film “Standards” that before 1884 there have been many different local times in Europe and North-America: A coexistence of different beginnings of the day. This got cleared by introducing the standard of Greenwich time. This change was necessitated by the organisation of continental railroadnetworks. This is an example that technology like trainnetworks does change our being in the time.

Now we do face how the view of CNN does shape our understanding of the WTC-Attacks. From the Afghan nation (and their different ethnic peoples) we do know that they do not have TV’s. They have a different timestructure and understanding of the events, not because they are enemies, just because they are informed by different media.

For the Cuscokids it was important that they got informed through the german radio, that invited the citizens to do something for the americans. It was a good and wise invitation to use the telephone and the internet to express solidarity and to simply show our personal friends that we are with them, that they are still connected. A warm gesture.

The Cuscokids do believe that every medium can be used to create warmness. But in order to realize this one needs to see differences between CNN and a well informing broadcast services, also between the time of a western movie and the time it takes to read one Thousand and one night. At the moment we are not only in a time of political change but also in a time of time-structures.

The fastest networks, the fastest computers do set standards of acting globally. This has not to be necessarily so. Videobrasil is an example how artists can change attitudes towards time.
For example the film of Edgar Endress “La Procession”. The subject of this 7 minutes 13 seconds long film is a moment that changed his life. The moment when his father refused to applaude a procession of Pinochet. History books will not tell this. It is too individual. But modernity has shown that one day in the life of a man in Dublin can attract on the long run more spirits than daily affairs reported in the news and in the history books. Edgar Endress’ film is one of many important examples about possible warmness.

One of the major impulses of Videoart is its different use of the electronic medium. Videoart shows that the medium used by CNN can be used as counter-time-machine, that pays attention to single individual events.

The Towards Cuzco-Manifesto stops by saying: we want to build step by step the Cuzco Academy. In the following month we wish to invite international artists to make works on pieces of pre-Columbian art and science. Second we want to start a series of debats towards Cuzco.

Zeichenumschlagplätze (Abbildung und Zeichentransformatoren)
Das Verhältnis von Menschen, Zeichen und Institutionen laesst sich mit dem mathematischen Begriff der Abbildung beschreiben, wenn man Institutionen wie Tageszeitungen oder Fernsehsehsender als Transformationsvorschriften und Zeichenumschlagplätze versteht. Die Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft von Hermann Weyl ist eine Sprachkritik. Auf den vorherigen Satz angewendet, lässt sich mit Weyl argumentieren, dass der Zeichenumschlagplatz nicht als geographischer Ort verstanden werden kann, sondern als dynamisches Objekt. (Eine Abbildung ist nach Hermann Weyl immer dann definiert, wenn eine Regel aufgestellt wird, die jedem Punkt p einen Bildpunkt p` zuordnet.)
Die Dynamik ist doppelgesichtig, denn nicht nur die umgeschlagenen Zeichen ändern sich, sondern auch die Umschlagplatz unterliegt dem Wandel. Er kann aktiv und passiv beschrieben werden, so wie ein Marktplatz Käufern und Verkäufern ein bestimmtes Verhalten auferlegt, so ist auch möglich, dem Marktplatz zu verändern und ihm etwas aufzuerlegen. Das gilt auch für Zeichenumschlagplätze wie Zeitungen und Fernsehanstalten. Weyl schreibt: “Zwischen der wirklichen Welt und dem Gegebenen besteht eine Zuordnung, eine Abbildung im mathematischen Sinne; doch steht dabei auf der einen Seite die eine quantitativ bestimmte objektive Welt, auf der anderen Seite nicht alleine das tatsächlich und augenblicklich Gegebene, sondern die möglichen (ev. erinnerten oder auf bestimmte Willensintentionen hin erwarteten) Wahrnehmungen eines Ich, und es gehen dann in die Zuordnung außer dem einmaligen objektiven Bestand der Welt noch die möglichen objektiven Zustände dieses wahrnehmbaren Ich (Weltlinie des Leibes usw.) ein” (Philosophie, 154).
Er setzt dabei eine Unterscheidung zwischen erstens den Zeichen, die die exakte Naturwissenschaft setzt, dann zweitens der sichtbaren Welt und drittens einer unsichtbaren Struktur der Welt voraus.
Eine Kulturtheorie, die dieses Verständnis von Abbildung übernimmt, kann die Transformationsregeln untersuchen, die zwischen einzelnen Zeichenproduzenten und den Zeichen, die in Publikationen umgesetzt werden, wirksam sind. Ich möchte nun das Bild des Marktplatzes verlassen und von Zeitungen sprechen, um mir Weyls Definitionen zu veranschaulichen.

Fussnoten

Zur Erinnerung: der Kerzenhändler bastelt seit einiger Zeit an einer Vorrichtung, die ihm helfen soll, die richtigen Gedanken zu rechten Zeit zu haben. Er nennt die Vorrichtung: HTMP.RF-Feature: H: Heb ab; T: Tauche tiefe; M: Hab Mut; P: Bleib aufmerksam passiv; RF: Betrachte das von aussen.

Mercadoreste
Marcello, Du bearbeitest elektronisch Kadaveransichten mit Tastaturen und elektronischen Bleistiften, bei denen die Verkrüppelung Deiner Hand unerheblich ist. Ist Deine Freude über ein gut prozessiertes Bild eine Freude über technische Verwandlungsmöglichkeiten oder des Bewußtseins, daß Relikte gehässiger und brutaler menschlicher Akte schön erscheinen können, bevor sie wieder ins Grauen kipppen? Wie stehst Du zu der Frage des Afrikaners, der Dich angehalten hat, Deine Geschichte zu erzählen? Wirst Du mir sagen, daß Du die Techniken des Erzählens studierst, um Dich nicht von Ihnen zur Bequemlichkeit verführen zu lassen. Wirst Du mir sagen, daß die Farbreste, die ich morgens zufrieden in meinem Laienglück betrachte, zu trügerisch sind? Deine Wahrheit möchte ich nicht akzeptieren, weil sie mir meine Freude zerstören würde.

Hallo Ödipus,
die Kirchenglocken meines protestantischen Bewußtseins schlagen im programmierten Takt gesichtsloser Gemeindediener und fordern mich auf, missionarisch Deine Mäßigung zu erwirken zum Lob meiner Gottgefälligkeit. Du sprichst von einem Operationsaal, den Du als Vierjähriger gesehen hast und für einen Frühstücksraum gehalten hast, in dem Dir Dein Vater Frischfleisch zubereitest, du sprichst vom Zynismus, der entsteht, wenn man nachts unterwegs ist und Herren in Smoking und Fliege trifft, die verschwitzte Hautflächen berühren wollen, Du sprichst vom Blut, das Dir morgens im Mund zusammenläuft, wenn Du die Erfahrungen der Nacht durcharbeitest und von den Maschinen, an denen Du Bilder bearbeitest, eine Katharsis erhoffst, die sicherlich nicht von den schlichten protestantischen Bemühungen erwartet werden kann, die selbstgerecht die Suspension der Harmonie in der Ewigkeit verarbeiten, in dem sie Wünsche erst gar nicht formulieren.

Grausamkeit der Nachbearbeitung
Die elektronische Nachbearbeitung eines Bilds ermöglicht, daß die Aufnahme eines Standardteppichbodens ebenso gewalttätig wirkt wie die Photos von Gefolterten, die Du auf einem Müllplatz in Argentinien gefunden hast.