16.03.2002

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 16

von Nils Röller

Nein, der Kerzenhändler ziert sich nicht sondern bereitet umfangreiche Notizen zu den Themen Mode, Ökonomien der Zeit, Oswalds Waschmaschine und die Republik der Tagesworte vor. Wer zwischendurch etwas lesen möchte, zum Beispiel über Yvonne Cornelius CD Niobe und neuste Kölner Geschehnisse, der findet im dritten Kapitel des sms-Romans (www.romanform.ch) etwas. Um die Navigation zu erleichtern, eine kleine Legende

Yvonne Cornelius: Taste 6
(Klangraum Niobe: Taste 7)
Rosa Barba: Taste 6
Jo Schlammpeitziger: Taste 7
Klaus Sander: Taste 7
Catrin Sieber: Taste 7
Leif Trenkler: Taste 6
Ingrid Wiener: Taste 7

Und hier ein Ausblick auf die 16.Notiz des Kerzenhändlers. (Vorher noch der Hinweis, dass nun endlich der Text von Kathleen Forde in Tuxamoon erscheint.) Zur Erinnerung. Der Kerzenhändler hat mittlerweile häufig Besuch in seinem Geschäft. Zwar ist der Umsatz nach wie vor blass, er selbst gerät aber jetzt vermehrt in weitläufigere Beziehungen mit anderen Menschen. Hier ein Ausschnitt, der nach einer langen Nacht in einer Diskothek entstanden ist.

Ökonomien der Zeit

Später ging lädt der Schelm den Kerzenhändler noch in eine Bar ein, die aussah wie ein italienische Eisdiele. Dort sprachen sie über das Wort Barnixe. Auf dem Weg nach Haus macht der Kerzenhändler eine einfache Erfahrung. Eigentlich wollte er über Mode nachdenken, hatte aber nicht mehr ausreichend Geld, um einen Fahrschein zu erwerben.

Die anderen gut bekannte Erfahrung, dass der Mangel an Geld Angst erzeugt, wurde ihm dabei eindrücklich bewusst. Am späten Vormittag, zurück in seinem Geschäft, beginnt er darüber nachzudenken, ob es möglich ist, an einem Tag einmal kein Geld auszugeben. Das setzt einen Zustand voraus, indem man zum Beispiel nicht telefoniert, nichts isst und indem man über eigene Immobilien verfügt, aber selbst die verpflichten zu Steuerabgaben. Der Geldzähler tickt immer. Als er mit dem Zeichenfischer darüber spricht, bekommt er einen Dämpfer. Der sagt ihm nämlich, dass er zu selbstmitleidig und peinlich auf Kleingeld achte, das sei dem Wesen des Gelds nicht angemessen, denn Geld fliesse ständig. Der Kerzenhändler kann damit nicht viel anfangen. "Darüber müssen wir später noch einmal reden. Du gehst mir viel zu verkrampft an das Thema ran. Warum beschäftigt Dich der Kauf von einem Fahrschein oder die Mietzahlung. Verdien doch einfach mehr, check Dir was". Und weg war er, wieder mit billigen Zeitschriften unter dem Arm.Später ruft der Schelm an und fragt, ob der Kerzenhändler gut nach Hause gekommen ist und noch einmal Lust hätte, abends auszugehen, heute zum Beispiel in das Museum Ludwig, zur Ausstellung Ökonomien der Zeit. In der Hoffnung, dort die schönen Mädchen wieder zu sehen, sagt der Kerzenhändler zu... Es kommt aber ganz anders. Der Kerzenhändler hört, wie man es macht... Eine Frau, die Zeitschriften macht, klärt ihn unter anderem darüber auf, wie man einen Artikel so variert, dass die Schriftzeichen an die verschiedene Organe angeschlossen werden können und Euros absaugen. Allerdings hat sie nur ein Beispiel parat, in dem das nicht gelingt und überlasst dem Kerzenhändler, der eigentlich die Tagesworte

Mo: Adder
Di: Hautfetzen
Mi: Flugzeuge bombadierten Höhlen
Do: Mercedes
Fr: Preis 2, - DM
Sa: Über das Schweben der Raubvögel
So: Pauschalist
Mo: hinter den Palmen die blauen Eiskristalle
Di: Salesianer Miettex Fresh
Mi: Weltkraftkonferenz

ordnen wollte, einen Satz kurzer Texte, den er noch nachts im Scheinwerferlicht einer Filmproduktion auf der Hohenzollernbrücke zu lesen beginnt:

Variation 1 Ahab Bush - Die Repubik auf Wortfischfang

Bush ähnelt dem legendären Kapitän Ahab, der auf der Jagd nach dem weissen Wal, seinem erwählten Feind, das eigene usamerikanische Staatsschiff und damit die westliche Gesellschaft in den Abgrund zieht.

Die Gleichung wäre einfach. Bush ähnelt dem legendären Kapitän Ahab, der auf der Jagd nach dem weissen Wal, seinem erwählten Feind, das eigene usamerikanische Staatsschiff und damit die westliche Gesellschaft in den Abgrund zieht. Was für den Kapitän Ahab, der in Melvills Buch Moby Dick deutlich die Züge des legendären Präsidenten Benjamin Franklins trägt, das weisse Ungeheuer aus der Tiefe ist, das könnte für Präsident Bush der ungeheure Fundamentalismus sein. Zum Glück erscheint in diesen Tagen"Die Republik 111", mit der keine einfachen Gleichungen anzustellen sind. Gegenstand der neuen Ausgabe der unregelmässig erscheinenden Zeitschrift sind die neuen deutschen Übersetzungen von Melvills Roman Moby Dick, zugleich kann die von Petra und Uwe Nettelbeck herausgegebene Publikation als Zeichenfangschiff angesehen werden, das in deutschen Feuilletons nach eitlen Formulierungen fischt. Aber die Kritik ist die eine Antriebskraft der Republik, die maritimen Entdeckungen die andere. Dass die Zukunft der deutschsprachigen Republik auf dem Meer liegt, das zeigt der Essay "Ansichten unter freiem Himmel" in der Ausgabe 110. Stefan Ripplinger stellt dort den französischen Philosophen Joseph Joubert (1754 - 1824) vor. Joubert veröffentlichte zu seinen Lebzeiten nichts, weil er in Gedanken auf Entdeckungsreisen war. Ein grosses Werk über den Südseefahrer James Cook plante er und er beobachtete die Welt seiner Zeitgenossen wie einen unbekannten Ozean. Der Essay zeigt, dass die enge sprachliche Beziehung der Cyberpiraten zum Meer (der Daten), bereits in der Schriftkultur des neunzehnten Jahrhunderts präpariert worden ist. Ripplinger schreibt über Joubert: "Der Dichter und der Seemann sind verschwistert, der eine wie der andere liest in den Sternen, der eine wie der andere gleitet auf den Wassern dahin und rechnet mit der Unberechenbarkeit des Meeres, auf dem er segelt...Wie Cook, schweigend und aufmerksam auf dem Verdeck seines Schiffs die Eisgebirge um sich her betrachtet ... so betrachtet Joubert die Welt. Er wartet auf die leiseste, die feinste, auf jede fast unmerkliche Berührung". Eben den feinen Bewegungen, dem Rascheln im Blätterwald der deutschen Meinungsmache, geht die "Republik" der Nettelbecks nach. Sie wird vom Regisseur Heinz Emigholz vertrieben, der in den Nummer 68-71 und 94-97 Zeichnungen mit dem Titel "Basis des Make Up" veröffentlichte. Ein weiteres Kennzeichen der Nettelbecker Republik ist, dass sie mit langem Atem Raum für sperrige Projekte bietet. More Gloom, so der Titel der jüngsten Nummer, sollte man deshalb nicht pessimistisch als selbstmitleidige Klage begreifen, sondern als Aufforderung "mehr Schwermut" aufzubringen, und die Worte so zu setzen, dass das sprachliche Netz, in dem das Gleichnis vom Ahab Bush und dem fundamentalistischen Wal gefangen ist, deutlich wird.

Die Nummer 111 erscheint am 28. Februar. 84 Seiten. 15 EUR. Die Nummern 41-110 sind noch lieferbar. Zu bestellen bei Pym Films. Postfach 63 01 11 - D-10266. die.republik@pym.de .

Variation 2...Variation 3: Die Frauen waren für ihn Südseeinseln und er zog es vor, von ihnen zu träumen. Geschätzt wurde er von Ministern Napoleons. Joseph Joubert veröffentlichte zu seinen Lebzeiten nichts, weil er in Gedanken auf Entdeckungsreisen war. Ein grosses Werk über den Südseefahrer James Cook plante er und er beobachtete die Welt seiner Zeitgenossen wie einen unbekannten Ozean. Erstmalig kann man nun Joubert kennenlernen. Stefan Ripplinger hat in der Republik einen Essay über den Seelenfahrer Joubert veröffentlicht. Die Zeitschrift von Petra und Uwe Nettelbeck ähnelt Joubert, von dem es heisst, dass er an seinen Zeitgenossen vorbeigezogen sei wie ein Komet, den nur wenige wahrgenommen haben. Vertrieben wird die Republik 110 vom Regisseur Heinz Emigholz.