23.04.2002

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 17

von Nils Röller

Sa: Kantine
So: Metaphysische Inbrunst

Abrechnungen
Der Zeichenfischer (Achtung nicht mit dem Kerzenhändler verwechseln!) möchte Zeit gewinnen. Geld ist für ihn Zeit. Sein Leben wird durch Gebühreneinheiten geregelt. Telefonate werden sekundengenau von den Netzbetreibern protokolliert und die Länge der elektronischen Nachrichten, die er von seinem Computer versendet, wird von einer Gesellschaft getaktet, von der er nicht weiss, wie sie rechnet. Er möchte demnächst ein grosses Fest geben, um die tägliche Rechnerei zu verdrängen. Er sagt, dass nach dem WTC-Anschlag, in der ausgerufenen Krisenzeit, Feste wichtiger sind denn je. Allerdings will er nicht nur so feiern. Es soll ein permanentes Fest sein (er hat Athen im Sinn), und zwar ein Fest, das mit dem Bau und dem Stapellauf eines Schiffes einhergeht. Das widerstreitet in gewisser Weise der Idee des Festes, das Energien freisetzt, indem es auf Zwecke verzichtet. Feste sind Schwellen vielleicht auch Fahrstühle in neue Zustände und wer möchte schon permanent Fahrstuhl fahren.

Mo: Audio-Ossi
Di: Erdstrich

Arabischer Prinz
"Bevor ich ein Fest veranstalte, muss ich mich erst wieder mit meiner Freundin vertragen", sagt der Zeichenfischer und verschwindet … Der Kerzenhändler, der vielleicht bald einen Namen erhält, wundert sich, über die Zuversicht des Zeichenfischers, der vorgibt, zu wissen, wann er sich verträgt und wann nicht. Der Kerzenhändler stellt inzwischen Gedanken an. Er vermisst ebenfalls schmerzlich die Anmut weiblicher Gegenwart in seinem Geschäft und er überlegt, wie er sein Ladenlokal attraktiver gestalten kann. Er könnte Musik spielen, z.B. die CD, die der Schelm in der letzen Woche erwähnt hat. Er könnte vielleicht auch den Raum lüften und die dunklen Stellen an den Wänden mit Bildern behängen … Am liebsten würde er die Wände mit orientalischen Szenen gestalten. Im Kopf hat er dabei einen Plastikteller, der in dem marokkanischen Gemüsehändler für 1, 5 Euro erworben werden kann. Er zeigt einen arabischen Prinzen und eine Odaliske. Vielleicht sollte er den Teller erst einmal kaufen und dann weiter sehen, denkt er, als die Ladentür seines Geschäfts scheppert und der Zeichenfischer wieder dasteht und ihm eine Tüte mit Texten zum Lesen übergibt.

Mi: Carbon-Nitrat
Do: Ikea
Fr: Feigen
Sa: Eisfresser

Am Kiosk
Kaum hat der Zeichenfischer eine Platiktüte (REWE) ausgehändigt, ist er schon wieder verschwunden. Dem Kerzenhändler missfällt das, aber er möchte über sein Missfallen nicht nachdenken, sondern schliesst sein Geschäft, um zu dem marokkanischen Geschäft zu gehen ... Auf dem Weg dorthin trifft er erneut mit dem Zeichenfischer zusammen, der aus einem Kiosk tritt und eine Jugendzeitung in der Hand hält. Auf dem Titelblatt ist eine rothaarige Frau zu erkennen, die ihr Hinterteil dem Betrachter entgegenstreckt ... der Kerzenhändler versucht das Gespräch darüber zu vermeiden, er wundert sich, diese Aufnahme mit Netzstrumpfhosen und einem Lackrock, an dem Fellreste hängen, in den Händen des anderen zu sehen ...

So: peinlich
Mo: in Kauf nehmen
Di: Ferienflieger
Mi: interviewé
Do: speakerines

Dreissigjähriger Krieg
Im marokkanischen Geschäft liegen Zuckerwaren aus, Zeichen des Ramadans. Die Teedosen verheissen weite Reisen: Samarkand, Taschkent, der Weg nach China und die Rückkehr mit grünem Tee gut gegen Krebs. Er ging über den Hindukusch, heute wie damals ein strategisches Gebiet. Die Granatäpfel in der Auslage kommen aus Spanien, auch einmal unter arabischer Herrschaft, Hort des Wissens und der Überlieferung der griechischen Weisheit über Menschlichkeit, Solon and his brothers … der Orient des Prinzen auf dem Plastikteller: süss wie Datteln. Dem jungen Mann, der Rubinrotes trinkt, hängt eine Schönheit im Arm, ihre Beugen quellen fleischreich, ihr Wangenhauch pfirsichfarben, die Federspitzen ihres dunkelgoldenen Haarschmucks silberblau … der Kerzenhändler zieht mit diesen Bildern zurück in sein Geschäft, wenig später ist der Schelm wieder da, im Gedankengepäck hat er den Bericht über Y… und sagt, dass dieser ein typischer Söldner sei, Interface zwischen den heutigen Ringen der Geopolitiker um Afghanistan und den Kämpfen um Europas Zukunft im dreissigjährigen Krieg vor mehr als 350 Jahren. Hoffentlich wird Kandahar zu einem Osnabrück, Ort des islamischen Friedens.

Fr: Steueroase
Sa: schief gehen
So: Kanalklinker
Mo: Intelligenz der Schwäne
Di: in lieblicher Bläue
Mi: Pracht des Nichts

Der Kerzenhändler fragt sich, ob sein Geschäft eine Gaststätte oder ein Büro ist, also ein Ort, an dem fixe Gedanken gelockert werden oder ein Ort, in dem lockere Gedanken fixiert werden... Die Tochter des Schelms war heute zu Besuch. Der Schelm hat sie öfter schon mitgenommen und der Kerzenhändler ist dann stets verwundert. Das junge Mädchen sieht sich meistens ert interessiert im Geschäft um und stellt dann Fragen, zum Beispiel warum diese Kerze brennt und nicht jene, warum der Staub sich in der Ecke ansammelt, warum das Hemd des Kerzenhändlers fleckig ist. Sie fragt solange, bis sie eine zufriedenstellende Antwort erhielt. Manchmal stellte sie keine Fragen, sondern malt Figuren. Dieses Mal hatte sie ein Block, der bereits mit Zeichnungen gefüllt war, bei sich. Auf einer Zeichnung stand Winkelgasse. Da sich das Mädchen nicht gern über die Schulter sehen lässt, hat der Kerzenhändler derzeit nur dieses Wort im Kopf und die Erinnerung an einen grossen dreieckigen Hut, der mit festen Strichen gezeichnet und einen Stab, der aus zahlreichen feinen Strichen zusammengesetzt ist. Das Mädchen will demnächst, wenn alle Figuren, wie sie sagt, gezeichnet sind, dem Kerzenhändler mehr von ihrem Buch erzählen... Der Schelm sieht seine Tochter selten. Er ist oft unterwegs, derzeit und wie immer auf der Suche nach werweisswas. Ausserdem schreibt der Schelm einen Roman.
Der erste Satz des Romans lautet: Schweres Aufwachen morgens, eine Stimme dringt aus dem Traum in den Tag (www.suppose.de). Dann muss er schon wieder abbrechen, da ihn das Zimmermädchen auffordert, den Raum in fünf Minuten zu verlassen. Er würde gerne ein Portrait seiner Zeit schreiben, hat aber zu wenig Zeit zur Verfügung. Er weiss nicht, was seine Zeit ausmacht. Aber vielleicht ist das der Punkt, die Tatsache, keine Zeit zu haben, ist bestimmend für die Zeit, in welcher der Schelm lebt. Aber soll in dem Portrait es ja nicht nur um den Schelm gehen, sondern um etwas ausserhalb seiner selbst.

Do: Glocke von Bremen
Fr: atemberaubend töricht
Sa: Winkelgasse
So: Barometrina
Mo: das unlebendige Allgemeine
Di: Ernst des Begriffs
Mi: Blenden der Bewohner fremder Küsten

Beginn einer Minimalversion eines Romans
Unausgesprochen arbeitet im Schelm der Gedanke, dass man in einer individuellen Lebensform die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bewegungen seiner Zeit einfangen kann. Da der Schelm eigentlich keine Zeit hat, einen Roman zu schreiben, entscheidet er sich für eine Minimalversion und arbeitet, mit den Worten, die er findet. Eine schöne Formulierung hört er in einem Vortrag über Hubert Fichtes Forschungsbericht (www.suppose.de).

Fichte ist in Makkaresch. Er steht auf dem Platz der Gehängten und sieht hinter den Palmen die blauen Eiskristalle des Atlas. Er notiert Wortfunde in einem Cafe, nachdem er sich die Hände gewaschen hat und sich dann mit Handtüchern abgetrocknet hat, deren Hersteller ihn an ein Gefängnis erinnert, das in der Strasse Franz von Salis liegt. Nun schwankt der Schelm, ob er selbst oder Hubert Fichte in dem Cafe sitzen lässt. Er folgt einer Ablenkung durch ein Wort, das er etwas später am Tag notiert hatte (am Tag bevor er den Roman beginnen wollte), und zwar dem Titel einer Konferenz der Atomindustrie, zu der Schrödinger (www.suppose.de) eingeladen war. Der aber statt zum erbetenen Thema der Weltkraft zu sprechen, über die Naturphilosophie der antiken Griechen vortrug. Salisaner, je nach zeitlichem Aufwand könnte man aus dem Wort etwas machen, z.B. in einem Lexikon oder im Internet nachschlagen, wer Franz von Salis war und was der Orden der Salesinaer bewirkt, zum Beispiel gegenwärtig in der Entwicklungshilfe tätig. Das sind wieder Fragen der Zeit, je nachdem, ob man im Internet nachsieht oder in einem Lexikon nachschlägt, wird man informiert über die Salesianer. Also liesse sich die Suche nach einem Wort so darstellen, das die Suche zugleich ein Bild der gegenwärtigen Medientechniken wird? Solche Gedanken teilt der Schelm dem Kerzenhändler mit, den das eigentlich nicht interessiert.

Do: Vertuschen
Fr: Falzbein
Sa: betulich
So: Rechentafel aus Salamis
Mo: Adder
Di: Hautfetzen
Mi: Flugzeuge bombadierten Höhlen

Lesen und Leben (Basteln?)
Der Schelm wird sehr nervös, als der Kerzenhändler ihm die REWE-Tüte mit Texten zeigt: "Was!", rief er aus, "das sollst Du alles lesen. Der Kerl, der dir das gegeben hat, ist ganz schön eingebildet. Da kannst Du ein Geschäft ganz vergessen, wenn Du all die Kopien lesen sollst. Also ich denke, dass man sich nicht hinter Gelehrsamkeit verstecken soll, sondern Gelehrsamkeit machen soll, man erbastelt sich mit ihr die Welt. Mir scheint, als will der Typ Dich in die Irre führen. Er selbst kommt ja gut über die Runden und hat offensichtlich einen Weg gefunden, wie er seine Geschäfte hebeln kann. Er ist Journalist, sagst Du? Du kannst mir nicht erzählen, dass ein Journalist all das gelesen haben muss, um seine Zeichen zu vertreiben. Ich bastel mir meinen Weg und kann Dir nur raten, lass Dich nicht zu sehr auf das Lesen ein, aber er will ein Fest veranstalten, sagst Du? Ich wäre gern dabei, ich mach die Musik, wenn Du nichts dagegen hast?" Der Kerzenhändler hat natürlich nichts dagegen, kann nur noch nicht einen Termin für das Fest nennen und belässt es erst einmal dabei.

Do: Mercedes
Fr: Preis 2, - DM

Der Kerzenhändler ist mit zwei Fragen beschäftigt, einmal überlegt er, wie er mit den schönen Menschen umgehen soll, die er auf Plakaten sieht und dann wie er seine Kragen reinhalten kann. Der Schelm, der beim Verlassen des Geschäftes bemerkt, dass es dem Kerzenhändler nicht so gut geht, schenkt ihm eine CD, "für sein freundliches Zuhören". Ausserdem lädt er den Kerzenhändler ein, am Abend mit ihm ins E-Werk zu kommen. Dort spricht der Kerzenhändler mit zwei Frauen, die ihm wunderschön vorkommen.

Sa: Über das Schweben der Raubvögel
So: Pauschalist
Mo: hinter den Palmen die blauen Eiskristalle
Di: Salesianer Miettex Fresh

Schönheit und Mode
Der Kerzenhändler ist mit zwei Fragen beschäftigt, einmal überlegt er, wie er mit den schönen Menschen umgehen soll, die er auf Plakaten sieht und dann wie er sich eine Waschmaschine besorgen kann, mit der er wenigstens seine Kragen reinhalten kann. Der Schelm, der beim Verlassen des Geschäftes bemerkt, dass es dem Kerzenhändler nicht so gut geht, schenkt ihm eine CD, "für sein freundliches Zuhören". Ausserdem lädt er den Kerzenhändler ein, am Abend mit ihm ins E-Werk zu kommen. Dort spricht der Kerzenhändler mit zwei Frauen (waren es Modegestalterinnen aus Bielefeld?), die ihm wunderschön vorkommen. Er findet sich zunächst nicht mit ihrer Kleidung zurecht.
Eine von ihnen fällt ihm auf, weil sie mit einen schweren pelzartigen Mütze in seiner Nähe tanzt. Sie bewegt sich umherschauend zwischen den Tanzenden und spricht mir diesem oder jenem Mann. Einmal fliegt ein grosser Plastikball, der von den Tanzenden hin und her geworfen wird, in ihren Nacken. Der Kerzenhändler hätte sie gerne vor diesem Wurf geschützt. Aber das war nicht nötig, da ihr der Stoss kaum etwas anzuhaben scheint. Ihre Hose erinnert ihn an die farbigen Stoffe, die seine Verwandten vor zwanzig Jahren bei Festen auf dem Campingplatz getragen haben. Mit ihren Schuhen kann er nichts verbinden. Er meint weiss eingefasste Fussballen zu sehen, die sich stumpf von den blauen Knöchelschonern aus grober schwarzer Wolle unterscheiden. Der Kerzenhändler hätte gerne etwas Liebliches in ihrem Aufzug gesehen, etwas von dem lindgrünen und granatapfelroten Stoffen, wie es die schöne arabische Prinzessin auf dem Plastikteller im marrokdanischen trug, aber die Schönheit der pelzbewehrten Tänzerin war anders. Es war für ihn erst einmal keine Schönheit, sondern nur Auffälligkeit, von der er nicht wusste, ob sie der Armut geschuldet war oder einem Kalkül entsprach, dass seinem verhutzelten Händlerdasein verschlossen war. Später hört der Kerzenhändler, als er an eine Wand lehnend, in die Gespräche einer Gruppe, die mit Bier spritzt, hineingezogen wird, dass die Tänzerin eine Freundin hat, und beide als die schönsten Frauen des Abends gelten, von denen ein Mann im gelben T-Shirt und einem silbernen Knopf in der Lippe sagt, dass sie Mode studieren. Der Kerzenhändler kommt dann nicht umhin, die Freundin der bereits beobachteten Modestudentin näher zu betrachten.

Schönheit und Mode(Forts.)
Später hört der Kerzenhändler, als er an eine Wand lehnend, in die Gespräche einer Gruppe, die mit Bier spritzt, hineingezogen wird, dass die Tänzerin eine Freundin hat, und beide als die schönsten Frauen des Abends gelten, von denen ein Mann im gelben T-Shirt und einem silbernen Knopf in der Lippe sagt, dass sie Mode studieren.

Er kommt dann nicht umhin, die Freundin der bereits beobachteten Modestudentin näher zu betrachten. Sie tanzt in einem grauen Faltenrock. Zu dem trägt sie Schuhe aus Adidaswildleder mit warnrot leuchtenden Streifen. Aufregend ist, dass sie beim Tanzen den Blick frei auf ein schwarzes Gymnastikkostüm gibt, das scharf ihre dünnen Beckenknochen konturiert und an ein schwitziges Sportvergnügen mit der ganzen Familie erinnert, als man noch vom Mutterkind-Turnen sprach und väterlich Fitness betonte.

So als sei die Turnerin stets dem Ausbruch eines warmen Sommerregens gegenwärtig, bedeckt sie die schwarze Synthetik-Fläche auf ihrem Oberkörper mit einer durchsichtigen roten Windjacke, die mit zwei weissen Ärmelstreifen an Haut und Stoff klebt und kleine Seen aus Kondensationswasser im Scheinwerferlicht aufscheinen lässt.

Später im Gespräch, das sich der Kerzenhändler nicht zu beginnen scheut, sagen beide, dass er sie sehr direkt angesehen habe, was sie aber nicht unsympathisch fänden. Wahrscheinlich finden sie das nicht unsympathisch, weil der Kerzenhändler schon im zweiten Satz das Wort Schönheit verwendet. Sie bekunden übrigens ihr Interesse, den Kerzenhändler wieder zu sehen, vielleicht sogar sein Geschäft zu besuchen, fragen aber nicht nach der Adresse...

Mi: Weltkraftkonferenz
Do: Schnitzel

Ökonomien der Zeit
Später lädt der Schelm den Kerzenhändler noch in eine Bar ein, die aussieht wie eine italienische Eisdiele. Dort sprechen sie über das Wort Barnixe. Auf dem Weg nach Haus macht der Kerzenhändler die anderen gut bekannte Erfahrung, dass der Mangel an Geld Angst erzeugt, z.B. vor Kontrolleuren. ...
Am späten Vormittag, zurück in seinem Geschäft, beginnt er darüber nachzudenken, ob es möglich ist, an einem Tag einmal kein Geld auszugeben. Das setzt einen Zustand voraus, indem man zum Beispiel nicht telefoniert, nichts isst und indem man über eigene Immobilien verfügt, aber selbst die verpflichten zu Steuerabgaben. Der Geldzähler tickt immer. Als er mit dem Zeichenfischer darüber spricht, bekommt er einen Dämpfer.

Der sagt ihm nämlich, dass er zu selbstmitleidig und peinlich auf Kleingeld achte, das sei dem Wesen des Gelds nicht angemessen, denn Geld fliesse ständig. Der Kerzenhändler kann damit nicht viel anfangen. "Darüber müssen wir später noch einmal reden. Du gehst mir viel zu verkrampft an das Thema ran. Warum beschäftigt Dich der Kauf von einem Strassenbahnticket oder die Mietzahlung. Verdien doch einfach mehr, check Dir was". Und weg war er, wieder mit billigen Zeitschriften unter dem Arm. Später ruft der Schelm an und fragt, ob der Kerzenhändler gut nach Hause gekommen ist und noch einmal Lust hätte, abends auszugehen, heute zum Beispiel in das Museum Ludwig, zur Ausstellung Ökonomien der Zeit.

In der Hoffnung, dort die schönen Mädchen wieder zu sehen, sagt der Kerzenhändler zu... Es kommt aber ganz anders. Der Kerzenhändler hört, wie man es macht. Eine Frau, die Zeitschriften redaktionell betreut, klärt ihn unter anderem darüber auf, wie Schriftzeichen an die verschiedene Organe angeschlossen werden können und Euros absaugen. Allerdings hat sie nur ein Beispiel parat, in dem das nicht gelingt und überlasst dem Kerzenhändler, der gerade in einem Buch blättert, den folgenden einen Satz kurzer Texte, die ihm bekannt vorkommen (Zwischenstopp).

Fr: zarthopfig und goldhell
Sa: Seelenlage
So: Nilsmusik
Mo: ebay-Verbot

Tomas Schmit und Nam June Paik
Dem Kerzenhändler triff auf dem Weg eine vorläufige Unterscheidung: Ein Katalog ist eine Anleitung, eine Ausstellung konzeptuell zu erfassen, ein Buch hingegen ist eine Aufforderung, als Leser an einem Projekt mitzuarbeiten. Vielleicht hat der Zeichenfischer ein solches Projekt im Sinn, wenn er ein Fest des Verstandes ausrichten möchte (Übrigens hat der Kerzenhändler geblättert in: Tomas Schmit: und dies ist der katalog 3 der ausstellung tomas schmit im portikus 1997. Frankfurt/M. 1997. isbn 3-928071-5. Dort ist ein Telefax von Nam June Paik abgedruckt, in dem von Korruption und elektronischen Müll die Rede ist:

"MY IDEAL SELF – TOMAS SCHMIT –
WHEN I WAS ABOUT 30
I WAS AT THE CROSSROAD
THERE WERE TWO WAYS –
ONE WAS TO DIG MY INNERSELF
AND EXTEND ON NARROW BUT STRAIGHT ROAD
TO MAKE MYSELF MORE PURE AND
MORE PROFOUND THROUGH MY PERFORMANCE ACTIVITY
WHICH WAS OFTEN TITLED
"SIMPLE"; "ATMAN", ETC.
I THOUGHT, WHEN I CAN UNIFY MYSELF AND COSMOS,
I GET ENLIGHTENED AND I ACHIEVE THE MEANING OF MYSELF/ LIFE – BUT I FOUND, "ELECTRONIC JUNK-WAY".
IT WAS EASIER AND MORE Fun,
AND IT WAS MAKING ME FAMOUS…
I WISH I WOULD HAVE BECOME TOMAS SCHMITT INSTEAD OF NAM JUNE PAIK…)

Di: Spezialeinheit
Mi: Puller
Do: nettimität
Fr: Haftpflicht

Der Schelm und Otto Rössler
Der Schelm war gerade wieder da, er wollte den Kerzenhändler anpumpen, weil er nächste Woche nach Lima fahren möchte und dort einen kleinen Schritt für die Welt nach dem 11. September wagen will. Er ist davon überzeugt, dass man jetzt nach vorne denken muss, indem man beispielhaft zwischen armer und reicher Welt vermittelt und zu gemeinsamen Handlungen gelangt. Er hat vor, dort das Rätsel von Manhatten zu lösen und zwei Ideen mit einander zu verschweissen, erstens eine Idee von Otto Rössler, der den Bau einer freie Wissensgesellschaft mit dem Namen Lampsacus vorschlägt. Hintergrund dieser Idee ist, dass die Würde aller Menschen unantastbar ist. Die westliche Welt d arf nicht zu sehen, dass sich die Jugend in der nicht-westlichen Welt um ihre Chancen betrogen sieht. Dazu ist viel zu sagen. Der Schelm sagt aber vorerst nur, dass man mit der strikten Trennung von westlich und östlich aufhören muss, schliesslich leben auch Menschen im Wesen würdelos, sowohl geographisch, nämlich in Südamerika, das auch im Westen liegt, dann leben aber auch in der westlichen Gesellschaft Menschen, denen täglich ihre Würde vorenthalten wird. "Wir können durchaus alle gemeinsam würdevoll auf der Erde leben, die moderne Physik und Biologie liefert Gründe dafür", so der Schelm in seiner Begeisterung für Otto Rössler, den er tags zuvor gesehen hat. Die zweite Idee stammt von Joseph Beuys, kann aber hier nicht entfaltet werden, denn der Kerzenhändler ist missmutig, er kann mit Euphorie für weltpolitische Perspektiven nichts anfangen und muss sich sehr konzentrieren, um nicht gehässig zu fragen, ob der Schelm selbst ausreichend die Würde der Menschen in seiner Umgebung achtet. Denn so schön die Aprilsonne auch scheint, das Gemüt des Kerzenhändlers ist finster. Er fragt sich, wer denn bei dem Sonnenschein Kerzen kaufen möchte. Keiner, antwortet er sich selbst und mag nicht daran denken, was das für sein weiteres Werden bedeutet. Es gelingt ihm nicht, dem Schelm zuzuhören. Der ist so rücksichtsvoll, dass er das bemerkt. Er verzichtet darauf, einen weiteren Teil seines Romans vorzulesen.

Sa: die zwölfte Stadt
So: Atlantis
Mo: frohlocken
Di: Strandnutte

Kot im All
Der Schelm versucht den Kerzenhändler zu ermuntern, indem er von einem Biologen erzählt, der Ideen ins All schickt und abwartet, ob jemand antwortet. Dabei hat der Biologe unter anderem herausgefunden, dass Satelliten von einer dünnen Kotschicht bedeckt sind. Das sind Toilettenabfälle, die von amerikanischen Astronauten in den Weltraum gespült werden. Gerade als er das näher ausführen möchte, kommt der Zeichenfischer zur Tür hinein. Er fragt die beiden, ob sie eine Waschmaschine gebrauchen können...

Mi: erdbebensicheren
Do: Ikonenkontankte
Fr: Scheibenwischertakt
Sa: Africolaphilosoph
So: Melos
Mo: Sonnendeck
Di: Haeckel

Biologie der Worte
Der Schelm hilft dem Kerzenhändler am nächsten Tag, die Waschmaschine zu transportieren. Zunächst fahren sie nach Krefeld und werden noch grosszügig von Ingrid Wiener, so der Name der Dame, die dem Kerzenhändler die Waschmaschine überlässt, bewirtet. Auf der Rückfahrt erzählt der Schelm einiges von Ingrid und ihrem Mann Oswald. Doch ist sein Bericht oberflächlich, denn es drängt ihn offensichtlich etwas anderes, nämlich eine biologische Theorie, die seinen eigenen Roman motiviert. Der Schelm geht davon aus, dass sich mit Worten die Welt einrenken lässt. Er stellt sich einen Roman als Produkt von Prozessen zwischen unterschiedlichen Kulturen vor, die wie Pilze, Boden, Bakterien und Baum eine ökologische Nische gestalten. Der Kerzenhändler versteht das nicht.

"Na ja, das ist auch nicht so ausgearbeitet, ich muss es einfach machen. Erst einmal werde ich verschiedene Worte in einem Reagenz schütteln und dann sehen wie sie miteinander agieren", sagt der Schelm, den es nervt, sein Konzept genauer zu erklären. "Übrigens", so lenkt er um, "habe ich gestern mich noch einmal mit dem Zeichenfischer getroffen, der war sehr merkwürdig. Irgendwie leidet er unter was. Interessant war immer hin, dass er mir einen Katalog und eine Zeitschrift für Dich mitgegeben hat. Du würdest Dich dafür abends im Museum Ludwig interessiert, meinte er. Zu der Zeitschrift will ich erst einmal nichts sagen, aber der Katalog hat es in sich". Er greift, während er am Steuer sitzt, hinter sich und nimmt aus einer Tüte den Katalog von Tomas Schmit (siehe oben).

Mi: Seeunfall
Do: vielheitstauglich
Fr: Nährkulturall

Zwischenräume
"Guck Dir mal an, wie kompliziert er beginnt".
Der Kerzenhändler weiss nicht, was der Schelm damit meint, er kann gar keinen Beginn des Buches ausmachen. "Meinst Du die erste Seite, da ist doch sonst eine weisse Seite?".
"Nein, es beginnt nach dem Fax von Paik, da kommt eine komplizierte Formulierung und dann eine Zahl. Das Buch erzählt sich Zwischenräume. Es beginnt mit der Nummer 311 und endet mit der Nummer 473. Zwischen den Zahlen gibt es Schriftzeichen. Mich macht das ganz nervös, ich habe erst gedacht, der macht es sich einfach und erschleicht sich mit der Auflistung eine Struktur, um nicht erzählen zu müssen, aber das ist vertrackter. Sieh Du Dir das einmal an, ich habe keine Zeit, ich muss morgen noch viel schaffen, bevor ich fahre". Der Kerzenhändler, der froh ist, dass ihm jemand hilft, die Waschmaschine zu transportieren, verkneift es sich den Widerspruch zwischen der mangelnden Geduld des Schelms und seinem erklärten Ziel, die Welt in Lima zu verbessern, zu erfragen.

Auf einer Autobahnraststätte (der Schelm musste kurz pinkeln) blättert der Kerzenhändler in dem Katalog von tomas schmitt. Er wundert sich, dass ein Künstler eine Seite dem Wort Quagga widmen kann. Das klingt nach geistigem Kindergarten, nicht reflektierter lautlicher Lust, überheblich – und dafür schämt sich der Kerzenhändler bereits während er das denkt – überlegt er, ob die Tochter des Schelms etwas mit dem Katalog zu tun hat. Dagegen spricht die strikte Zahlenfolge, die den Katalog gliedert und dann die Ausführung zu dem Wort Quagga. Quagga war der inoffizielle Name eines Geschäfts für Künstlerbücher. Und weil der Kerzenhändler nach Partnern für ökonomische Überlegungen sucht, freut er sich über folgende Zeilen. Vorausgeschickt werden muss, dass tomas schmitt einen laden mit exakt quadratischen Grundriss angemietet hat und mit baraba wien nach einem Namen für das Geschäft sucht. Im Wörterbuch -zwischen Quadrat und Qualität – finden sie das Wort Quagga, Bezeichnung einer ausgestorbenen Art des Zebras.

Sa: Handynymphe
So: Mona being sempre

Rechentechnik der Quagga-Ökonomie
Quagga ist eine Name für den internen Sprachgebrauch und Quagga wird zum Wortstamm, der gestattet, die besondere Wirtschaftsform von Barbara Wien und Tomas Schmit zu bezeichnen: "wenn barbara zu art oder buchmesse in frankfurt war, habe ich eben gequaggt. dabei allerdings nur wenig verquaggt. Anquaggen ist, wenn barbara erst nachmittags irgendwoher kommt und ich also die erste zeit mache, abquaggen, wenn sie nachmittags weg muss und ich also die letzte zeit mache, usw—rechentechnisch bewegen sich die geschäfte eines solchen ladens zwischen zwei extremen. Das eine ist: man bringt eine haufen geld und einen haufen nerven zum drucker und kriegt dafür tausend exemplare eines produkts auf lager. Und sofern man bereit war, den repro-, druck- und binde-menschen zwei haufen nerven zu spendieren, ist es sogar ein gelungenes produkt (das ist der sogenannte drei-haufen-druck). man verkauft dann so zirka alle zwei wochen so ein ding und kann sich also leicht ausrechnen, dass man in weniger als zwanzig jahren von minus soundsoviel auf null kommt.
das andere extrem ist: man kriegt etwas auf den tisch gelegt, das praktisch nichts kostet und das man in vergleichsweise kurzer zeit, vergleichswiese teuer verkaufen kann. also in wochen, monaten, maximal ein paar wochen von null auf soundsoviel plus. und da barbara anfangs vehemet zum ersteren tendierte, wollte ich mit diesen heften für die andere seite sorgen." (S. 12: Tomas Schmit: und dies ist der katalog 3 der ausstellung tomas schmit im portikus 1997. Frankfurt/M. 1997. isbn 3-928071-5.)

Mo: Mikroelektronische Schaltungen
Di: Odysseus
Mi: Busenfusch
Do: Todays
Fr: Talentprobe

Sozialromantik
Der Kerzenhändler merkt, dass er seine Umgebung belastet. Im wörtlichen Sinne, denn der Schelm musste schwer atmen, als die beiden die Waschmaschine der Wieners die Treppen hinauf in die Wohnung des Kerzenhändlers trugen. Aus dieser Belastung im wörtlichen Sinne folgt eine Belastung im weiteren Sinne. Der Kerzenhändler fragt sich, wer er überhaupt ist, dass er seinen Bekannten zumutet, ein schweres Haushaltsgerät in die vierte Etage zu tragen. Wer ist er für den Schelm, was stellt er für den Schelm dar und wie verhält sich das zum Zeichenfischer, der unangekündigt in die Privatsphäre (im Geschäft wäre das nicht weiter bemerkenswert) eindringt und seine Hilfe anbietet, als schon alles vorbei ist.
"Das Ich ist eine Funktion der anderen", steht auf einem der Zettel im Geschäft, auf einem anderen steht: "Sorge um sich selbst" oder "ich will wissen, wie ich ticke". In diesem Moment ist der Kerzenhändler froh, dass er den Schelm kennt, der sagt, dass er nicht so viel nachdenken soll. Es sei denn, es diene einer guten Sache oder bereite Vergnügen. Er hört das immer von seiner Freundin und das sei gar nicht schlecht. Ohne sie wäre seine Sache in Südamerika viel verkrampfter. Ausserdem hilft der Schelm im Umgang mit dem Zeichenfischer

Der Zeichenfischer hat nichts besseres zu tun, als sich über die Wohnlage des Kerzenhändlers auszulassen. "Na ja, das lädt wenigstens zur Sozialromantik ein, du musst nur sehen, dass die wichtigen Prozesse, in denen gemacht wird, nicht an dir vorbeigehen. Hier ist die Gegend derer, die passiv auf die Prozesse der Lenker und Produzenten reagieren, ist denn die Miete wenigstens billig?" Aber er will keine Antwort, sondern nur eine Schanze für eine weitere Frage bauen, auf die er dann keine Antwort erhält, weil der Schelm ihm etwas mitteilt, das hier nicht berichtet wird.

Sa: Theorie des Glühens
So: Wunst
Mo: Vibraphon (14. Januar)
Di: Blamage

Traum von Leifs Zeichnungen
Nun sitzt der Kerzenhändler vor seiner Waschmaschine, links neben sich hat er eine Gebrauchsanweisung, rechts einen Haufen Bücher. Seine Lust zu lesen, geht gegen null, weder die Gebrauchsanweisung mag er in die Hand nehmen, noch daran denken, den Rest des Tages mit den Schriften zu verbringen, die seine Freunde bei ihm ablegen. Er möchte raus. Auf der Treppe zur S-Bahn sieht er einen Dealer, der ein dickliches Mädchen in weissen Hosen mit hohen Absätzen bedrängt. Der Kerzenhändler ist zu feige, einzuschreiten. Nachdem er eine Weile auffällig lange in Sichtweite der beiden den Fahrplan der S-Bahn studiert hat, ändern die beiden ihre Positionen. Sie sitzt dann auf der Treppe, kramt in ihrer Tasche. Er wartet. Dann strömen Fahrgäste aus dem heranfahrenden Zug. Die beiden verschwinden. Der Schelm fährt nach Peru, um dort die Verhältnisse zu verändern, warum macht er nicht hier etwas, fragt sich der Kerzenhändler, dem selbst nichts einfällt ... In der Strasse hat sich etwas verändert. Der verrümpelte Altwarenhändler hat sein Geschäft aufgegeben. In seinen Räumen wirken nun junge Typen, die komische Photos in das Fenster hängen. Unweit davon wird ein leerstehendes Geschäft von Afrikanern bezogen. Die Umgebung verändert sich, aber selten hat sich der Kerzenhändler so leer gefühlt. Die Aussicht, den Abend mit Gebrauchsanweisungen, geliehenem Werkzeug und einer Tüte mit Texten zu verbringen, missfällt ihm. Der Plastikteller mit dem orientalischen Liebespaar kommt ihm in den Sinn, dann das Titelblatt der billigen Zeitschrift, mit der vor kurzem den Zeichenfischer gesehen hat. Er kann gerade keinen Entschluss fassen, sondern setzt sich in die U-Bahn, lässt sich treiben... In der Nacht schläft er unruhig. Gegen Morgen kramt er doch in der Tüte mit Texten und nimmt sich ein dünnes weisses Heft heraus. Zeichnungen, teilweise koloriert, mit lose nebeneinander gefügten Motiven: eine Ritterrüstung steht neben einer Zapfsäule, eine Frau mit Kind sitzt in einem flachen Motorboot und gleitet an rankendem Blattwerk vorbei, eine mittelalterliche Dame mit spitzen Hut und reichbesetzter Kleidung wartet auf etwas an einem bonbonfarbigen Objekt... Kurz stellt er sich vor, diese Bilder zu einer Geschichte zusammenzuträumen. Er als fahrender Scholast gerät in die Dienste eines BMW-Ritters, der zwischen der Geldnot hanseatischer Pelzhändler und den reichen Fuggern vermittelt.

Sie rasen während einer Geschäftsreise nach Eisenach, dort zeigt man ihnen die leiblichen Reste eines Eremiten, der aus ein Tropfsteinhöhle geborgen worden ist. "Gut, dass man ihn birgt, bevor die Protestanten kommen", sagt der BMW-Ritter und erntet Missfallen bei den höfischen Damen, die keine Männer mögen, die Ängste aufbauen. Sie locken den Scholasten in eine Kemenate und becircen mit Anspielungen auf die sich lockernden höfischen Regeln. Er schläft auf einem Floss aus weissem Hermelin ein, treibt an bizarren Städten vorbei und wacht auf, als er in einem Gestrüpp mit Mikroskopen hängen bleibt, die unweit des Saale-Bahnhofs in sein Gemüt ragen... im Aufwachen möchte der Kerzenhändler noch einmal in dem dünnen Heft mit Zeichnungen blättern, aber ss liegt weder nebem ihm auf dem Bett, noch ist es zwischen den Büchern in der Tüte, es ist überhaupt nicht in der Wohnung zu finden. Wie kann es sein, dass er träumt, schlaflos ein Heft mit Zeichnungen im Bett zu durchblättern und dann davon zu träumen?

Mi: Herrlicher Reisetag erster Classe
Do: Niemand zeugt für den Zeugen
Fr: tight before teatime
Sa: Hühnchen
So: Ortsforscher

Oswalds Waschmaschine I
Verschlafen setzt sich der Kerzenhändler vor die Waschmaschine. Was wäre, wenn er die Gebrauchsanweisung nicht hätte, wenn er auch nur von ihr geträumt hätte? Könnte er dann die Maschine zum Laufen bringen, und endlich seine schmutzigen Kragen reinigen? Sogar verschiedene Waschmittel hat er geschenkt bekommen: Gallseife zum Entfernen von Flecken, dann eine Plastikflasche mit Waschmitteln für dunkle Wäsche, eine weitere mit Waschmittel, mit das Bügeln nach der Wäsche leichter sein soll...

Mo: cedille
Di: Guantánamo
Mi: Tobymankala
Do: vulkanbedingt arbeits- und obdachlos

Charmstreit
Der Zeichenfischer überlegt, charmanter zu werden. Gestern hätte er nämlich beinah ein blaues Auge bekommen. Zufällig sass er mit dem Schelm an einem Tisch. Der Schelm war im Gespräch mit einer Künstlerin. Er wollte sie offensichtlich zur Teilnahme am Cusco-Projekt überreden. Der Zeichenfischer hat sich dann eingemischt und weltmännisch von seinen Erfahrungen gesprochen. Es ging in dem Gespräch über Künstlerkataloge und Bücher. Während der Schelm, von seinem Roman sprechen wollte und erzählte, dass für ihn Bücher Flösse oder Schiffe sind, mit denen man zu neuen Ufern aufbricht, hat der Zeichenfischer von Funktionen und Abbildungen gesprochen, von Büchern als Instrumentem, um geschäftig Zeichen in Zahlen zu verwandeln. Das eigentliche Gesprächsthema blieb dabei auf der Strecke. Die Künstlerin hat sich von den beiden fortgesetzt, deren Blicke immer sturer wurden.

Fr: complexio oppositorum
Sa: fleischig elegant

Schelms Romanansatz 2 a und b
Der Schelm versucht sich nach durchzechter Nacht zu stabilisieren, indem er ein Wortfeld seines geplanten Romans besucht und zwei Wachstumsproben entnimmt:
Nach einem Gau im Nonnenreich plustern sich überlebende Sonarmatrosen vor einem zerschmetterten Autohaus. Sie verwehren Untertagberechtigten den Weg zum schützenden Thymianteppich und schieben als Grund ihres Weigerns ein von anderen veranstaltetes Buddha-Massaker vor. So verdörren die in der Strahlung zügig und können kurz noch den Glamour eines Pal-Ritters an dem Blutsegel verhangenen Himmel wahrnehmen. Kein Handlungsansatz zur Verbesserung der Welt in Aussicht. Das Argument der Röntgenbeugung trifft auf sie nicht mehr zu. Vorbei die Hoffnung, dass meldundleize Gerechtigkeit nach dem Gezeitenkalender der Hoffnung eintritt. Akutalsiert der Pessimismus.
"Man ist das negativ, das kann ich so nicht stehen lassen", denkt der Schelm und konstruiert, nachdem er in Gedanken an die Zukunft seiner Tochter einen mentalen Kurzurlaub unternommen hat, folgendes:

"Streicht die Blutsegel, zügig naht unserer Röntgenbeugung, fern dem Glamour von Buddha-Massaker, Autohaus und Medienunfall. Im Gezeitenkalender des Thymian-Teppichs verliert selbst ein grösster anzunehmender Unfall seine Wucht. Seht hin, der Sonarmatrose und der Pal-Ritter, wie sie im Nonnenreich der Entbehrung die Anmut des Granatapfels meldundleize würdigen. Akutalsiert die Chance für eine erträgliche Zukunft aller im gemeinsamen Handlungsansatz", rufen die amerikanischen College-Studenten dem amerikanischen Präsidenten zu, der einen Abstecher nach Machu Pichu macht und von einem Berater auf die Enklave seiner lebenslustigen Mit-Patriotinnen hingewiesen wird.

"Wie wäre es aber", überlegt der Schelm weiter, "wenn ich von der Bedeutung absehe und die Silben als Farbklangflächen betrachte?", und so produziert er folgendes: Meldunleize buddha massak er pal rit. Ter glamour akut al isiert thymian tepp. Ich sonar matrose non nenreich grana. Tapfel aut ohaus rönt gen beu gung ge zeit. Enkalen der hand lungs an satz medi enun fall blutse. Gel un terta geberech tigzügig g rösster anz unehm enderun fall. Ihm ist das selbst so peinlich, und weil er keine Lust zum Packen hat, besucht er den Kerzenhändler.

So: Medienarbeitsplätze
Mo: mutterseelenallein
Di: ardono attraverso la notte
Mi le stelle lucentissime
Do: Stammzellen
Fr: V-Mann-Panne

Anschlüsse
Der Kerzenhändler hat sich inzwischen eine Wasserwaage, Engelshaar und einen Satz Anschlüsse besorgt. Der Besuch des Schelms ist ihm willkommen, denn der hat einen Vorschlag, wie man die noch undichten Verbindungsstücke festziehen kann. Aus seinem Auto holt er eine Wasserpumpenzange und damit sind die tropfenden Anschlüsse erledigt.

Sa: Südstadtkern
So: Smswechsel

Erkenntnistheorie
Die Maschine läuft, ohne dass der Kerzenhändler die Gebrauchsanweisung zu Rate ziehen muss. Später im Geschäft lässt sich der Zeichenfischer darüber aus. "Du hast da eine gewaltige Chance zur Selbstbeobachtung verpasst". An Deiner Stelle hätte ich den Erwerb der Maschine genutzt, um mir über die Bedeutung von Mechanismen in unserer Welt Rechenschaft zu geben. Ich glaube, dass Dir das Einblicke verschaffen hätte, mit denen Du Dein Geschäft zum Laufen gebracht hättest. Du musst Dir über die Gesetze klar werden, nach denen die Welt funktioniert. Warum nimmst Du an, dass die Wäsche bei 60 Grad gewaschen wird? Weil das auf der Armatur des Reglers steht? Du vertraust darauf, wie auf den täglichen Aufgang der Sonne. Wenn die Waschmaschine kaputt ist, dann rufst Du einen Monteur oder kaufst eine neue. Du bist nicht in der Lage, die Maschine selbst zu reparieren. Interessanterweise kannst Du aber Dein Bewusstsein selbst ausbessern. Wenn Du zum Beispiel erblindest und das Sonnenlicht nicht mehr sehen kannst, kannst Du Dir weiterhin davon ausgehen, dass die Sonne scheint und Du kannst weiterleben, indem Du Deine Tast- und Hörsinne verfeinerst. Allerdings gibt es auch da Irritationen, mit deren Reparatur seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrtausenden die denkende Menschheit beschäftigt ist. Das beginnt bei dem Phänomen, dass aus einem geraden Stock ein geknickter Stock wird, wenn man ihn ins Wasser hält. Das betrifft den Geschmack. Eine Erdbeere schmeckt Dir nur, wenn die Zunge vorher nichts kaltes oder heisses bewegt hat. Es hängt aber nicht nur von unseren Sinnen ab, wie wir einen Gegenstand behandeln, sondern auch von den Übereinkünften, die wir treffen. Wir einigen uns, den Stock stets als gerade anzunehmen, auch wenn er manchmal krumm aussieht. Die Waschmaschine funktioniert, weil viele dieser Einigungen den Status von Gesetzen haben. Aber viele zweifeln, ob die Welt tatsächlich nach Gesetzen gebaut ist. Man kann behaupten, dass unsere Bewusstsein nach Gesetzen sucht, weil wir selbst gesetzmässig gebaut sind. Ich frage mich, nach welchen Gesetzen der Kulturbetrieb, in dem ich Zeichen umschlage, geordnet ist. Mir hilft dabei die Hypothese, dass Abbildungen der Schlüssel dazu sind." Der Zeichenfischer hält mit seinem Monolog inne, da in diesem Moment, zwei miteinander streitende Gruppen von Kleindealern vor dem Geschäft des Kerzenhändlers schreien...

Mo: Tiefenzeit
Di: Sternanis
Mi: den reinen Konsonanten erfinden

Fotzenschnitzel
"Man verpiss Dich, ich hab Deinen Scheiss nicht", "Hast Du wohl, ej, gib den zurück, Mustafa". "Eh verpiss Dich, iss doch selbst Dein Fotzenschnitzel". Eine von diesen Wechselrede reisst den Kerzenhändler nachmittags aus seinen Gedanken. Zwei Jungen streiten über irgendetwas vor dem Geschäft, während der Kerzenhändler über eine neue Einrichtung nachdenkt. Merkwürdigerweise kommt ihm Sappho in den Sinn. Vielleicht verdichtete sie nur die Geräusche in ihrer Umgebung und garnierte sie mit ihrem Wissen um würzige Namen. So wird aus einem "Fotzenschnitzel", der thymianreiche Garten einer Geliebten, denkt er muss lachen über die beiden vor dem Fenster, die sich schon wieder vertragen und mit ihren Rucksäcken zum Kiosk wackeln. ...

Do: Justice Fielding
Fr: Hitler, Hitler, Ficken, Ficken
Sa: Brezel Göring

Netz der Unterscheidungen
Der Kerzenhändler traut seinen Augen nicht, noch weniger wird der Leser dieser Zeilen glauben, dass das folgende geschehen sein könnte, aber wen erblickt der Kerzenhändler, als er den beiden Streithähnen nachsieht? Die beiden schönen Frauen aus der Diskothek. Die beiden sind in Kalk unterwegs, um Eindrücke für eine Kollektion zu sammeln. Sie versprechen auf dem Rückweg im Geschäft des Kerzenhändlers vorbeizukommen, dem eigentlich lieber wäre, wenn sie gleich Zeit für ihn hätten, denn er wird nun nervös und beginnt sein Geschäft aufzuräumen. Nach zehn Minuten entschliesst er sich, die beiden zu bewirten, etwas Gebäck einzukaufen und frische Minze zu besorgen... Er stellt sich viel vor, während er auf wartet. Zum Beispiel, dass sie im Geschäft die Funde ausbreiten, die sie für ihre Kollektion kaufen, dann dass sie ihn beraten, wie er sein Geschäft besser gestalten könnte und überlegt sich, dass die eine unter besser, effektiv attraktiv versteht und die andere problematisch attraktiv. Er merkt, dass er die beiden in einem Netz von Unterscheidungen fassen möchte. Eine der beiden tendiert zur Kunst und die andere zur Gestaltung, eine zur widerständigen Form und die andere zur bestimmenden Form. Aber es kommt ganz anders. Der Kerzenhändler beginnt gerade, die Kleidung der beiden in dieser Hinsicht zu unterscheiden (Filz-Grace-Kelly-Fee versus Gucci-Princessin), als die beiden ins Geschäft kommen.

Dummerweise liegen noch einige Bücher im Geschäft, als die Damen eintreten, als erste sagt die eine, oh, hast Du viele Bücher, mein Onkel steht darauf. Er sitzt noch täglich vor diesen Wälzern und betrinkt sich. Ich mag das nicht. Sie stampfen meine Ideen ein. Altherrenkoffer sind diese Bücher, immer hat irgendjemand irgendein Problem mit einer Frau und wälzt das über Seiten aus. Gerade als sie das sagt, klingelt ihr Handy, sie murmelt etwas, fragt dann nach der Adresse des Ladens und wenige Minuten später steht eine dunkle Limousie vor der Tür. "Das ist meine Tante. Sie hat heute gute Laune, weil die Haie gestern gewonnen haben und da möchte sie mit mir shoppen fahren. Sehen wir uns später in Düsseldorf?", sie verabschiedet sich mit zwei Küssen auf den Backen ihrer Freundin und lässt diese mit dem Kerzenhändler im Geschäft stehen.

So: Funkzelle
Mo: Blömche

Manien
"Man ich bin froh, dass ich nicht so eine Tante habe, die ist voll krass und unberechenbar. Kein Wunder, dass ihr Alter trinkt", erklärt die andere Schöne, die übrigens Pia heisst. Pia trägt heute ein schwarzes glänzendes Cape mit fleckig gelb gefärbter Kapuze, einen grünen fusslangen Rock und Plastikbadelatschen mit dottergelben Blumenschmuck. Ihre Netzstrumpfhosen sind so geschnitten, dass ihr grosser Onkel unbedeckt bleibt. "Wohnt sie denn bei ihrer Tante?", fragt der Kerzenhändler interessiert. "Ja, man, wie bist Du denn drauf. Du stellst Fragen, wer wohnt denn noch bei seinen Eltern, ach stimmt ja, ich habe immer bei meiner Mutter gewohnt, auch wenn mich ihre Freunde voll angekotzt haben, aber das geht Dich nichts an". Den Kerzenhändler befremdet die Diskrepanz zwischen dem feinen Gesicht und der groben Ausdrucksweise, aber er hält weiterhin die Augen und Ohren für seinen Gast offen. Einen Gast muss er Pia wohl nennen, denn sie wird wahrscheinlich nichts von ihm erwerben und er bietet ihr jetzt an, mit ihm Tee zu trinken. Er findet sogar eine saubere Tasse und ein Glas, in dem er die Minze präsentieren kann. "Und du wohnst und arbeitetst hier, ist das dein Geschäft", will sie wissen, ganz schön schmutzig hier, aber das stört mich nicht, bei uns siehts auch so aus, ganz anders als bei Mona und ihren Zieheltern, weißt Du, seit ihr Vater in die Klapse musste, wohnt sie bei ihrer Tante, das heisst eigentlich studieren wir ja beide noch in Bielefeld, aber sie ist vorher bei denen untergekommen. Ihr Vater war Delphinbiologe und hatte irgendwie krassen Stress mit der Uni und den haben sie dann eingewiesen. Ich würde so gern auch einmal mit Delphinen spielen. Sie hat das früher. Sie ist früher in Hawai und am schwarzen Meer gewesen, an echt tollen Plätzen", aber seitdem sie bei Onkel und Tante ist, nur noch Nobelhotels, ich durfte auch mal mit. Die Alte hats ja, aber die gucken immer so komisch, wenn ich rede, so wie Du, nur dass der versoffene Onkel immer mitschreibt, wenn ich was sage. Aber wir lassen den machen, eigentlich sind die voll in Ordnung, nur irgendwie unberechenbar, aber was geht Dich das an? Das ist also Dein Laden, sag mal, eigentlich ganz schön, lieb das Unkraut da, was gut riecht auf dem Tisch, ach, das ist Pfefferminz..." und so redet sie den ganzen Nachmittag. Später geht sie und gibt beim Abschied dem Kerzenhändler zwei Küsse auf die Backen und sagt noch, dass sie heute abend in Düsseldorf ist, vielleicht, sieht man sich ja wieder...

Di: Weltbürger
Mi: Alfredusbad

Minznymphen
Der Kerzenhändler malt sich nachdem, die Schönen sein Geschäft verlassen haben, so einiges aus, zum Beispiel wie es wäre, wenn die beiden wiederkämen und Bilder mitbrächten, um seine Wände aufzufrischen oder sie anrufen würden und fragen würden, ob er ihnen nicht aushelfen könnte und Minze aus dem arabischen Geschäft zu einer Gartenparty bringen könnte. Dort würde er Leute kennenlernen, die in sein Geschäft investieren, allerdings schliesst sich an diese Vorstellung ein Zweifel, nämlich, was überhaupt durch Investitionen gefördert werden könnte, eigentlich bräuchte er nur mehr Kunden oder sollte er sich um eine Förderung seiner Gedankenhebelei bemühen?
Schön wäre es, wenn der Umschlag von Gedanken und Worten, der mittlerweile in seinem Geschäft von statten geht, gefördert werden würde. Aber Förderung würde wiederum bedeuten, dass er eine förderungswürdige Form findet und vielleicht ist dann schon wieder alles vorbei. Aber findet überhaupt etwas statt, das vorbeigehen könnte? Der Kerzenhändler merkt, dass er diese Gedanken nicht zuende denken möchte und schaut seine mittlerweile verstaubten Zettel durch.

Do: suck my dick
Fr: Stabreimbeat

Der Kerzenhändler findet zwei Zettel mit schönen Zitaten, eines lautet: "Unsicherheit ist das Ehrenzeichen eines Intellektuellen" (Paul Valery) und das andere lautet: "We also have soundhouses" (Francis Bacon). Er hebt sich diese Zitate auf, um seine Freunde nach den Verfassern zu fragen. Für das erste merkt er sich, dass diese Worte seine Stimmung heben und er fragt sich, ob er nicht diese Zitate an die Wände seines Geschäfts hängen sollte. Was würden die Modefrauen dazu sagen? ... Später kommt der Zeichenfischer vorbei und sagt, dass er jetzt ein Problem hat. Er muss seinen Betrieb sanieren und steht vor der Entscheidung, morgens früher aufzustehen, um etwas für seinen Kopf zu tun, zum Beispiel Mathematik zu treiben. Er hätte aber auch Lust, eine Sprache zu lernen, am meisten Lust hätte er auf Griechisch. Das kommt daher, dass er am Wochenende einen Vortrag von Friedrich Kittler gehört hat. Der hat erzählt, dass griechische Lyrik nach dem Prinzip von Sex, Drugs und Rock n’Roll funktioniere. Kittler, der sonst von Maschinen und Computer spricht, habe richtig heiss geredet und die Zuhörer mit Namen wie MOUSA, EUBOÄA zum Vibrieren gebracht. Musen und Nymphen, die in der griechischen Literatur erwähnt werden, dass seien wirkliche Frauen gewesen- und man müsse die Text der Antike auf die Manien und Begeisterung hin lesen. Gerade die Mathematik sei inspiriert. Dem Kerzenhändler lässt der Zeichenfischer zwei Gedichte da, an denen er heute morgen seine Sprachlust gestärkt hat:

Verrecken wird Du, keiner wird noch einmal an Dich denken, von Dir kriegt ja keiner Liebe, nichts wächst da, denn tust nichts für die Bodies, bist noch nicht mal pieriert.

Bist Du mal in der Gruft, dann irrst Du allein zwischen Zombies, die Dich noch nicht mal grüssen

"Pieriert", erklärt der Zeichenfischer, "das kommt von den Pieriden und das kann man im Lexikon nachlesen".Der Zeichenfischer war dann schnell wieder weg, er hatte eine Verabredung in der ICE-Bar des Hilton, wollte aber nicht darüber sprechen...

Sa: unitalienisch
So: seilabstürze

Viel zu tun
Drei oder mehr Wochen sieht der Kerzenhändler keinen seiner Freunde, der Schelm ist in Südamerika, der Zeichenfischer ist nach der Verabredung in der Ice-Bar verschollen, und auch von den beiden Schönen keine Nachricht. Übrigens hat in den Notizen bisher noch nie das Telefon geklingelt, es ist auch kein Fax eingetroffen. Das nur am Rande. Immer noch ist nicht klar, wer wer ist es und ausserdem hat auch das Fest noch nicht stattgefunden. Der Kerzenhändler hat in der Zeit fleissig mit seiner neuen Waschmaschine gewaschen und sich entschlossen, beherzter sein Geschäft zu betreiben. Bevor er sich jedoch dazu drängt, möchte er und noch vieles anderes betreiben und das macht ihn so mutlos, dass er einen Tag im Bett verbringt. Im Bett sieht er sich einen Fotoband über Kleingärtner an und lernt, dass die deutsche Kartoffel im Kampf gegen England eingesetzt wurde. Die Kleingärtner wurden angehalten, Kartoffeln für den Sieg anzupflanzen. In dem Buch findet er auch ein Foto mit der Unterschrift Reste eines im Krieg zerstörten Autobusses als Wohnlaube. Er nimmt ausserdem zur Kenntnis, dass in öffentlichen Grünanlagen, Hackfrüchte angebaut wurden. Dann ist da ein Buch über ein locker gefügtes Dorf Köln, in dem Häuser von radikaler Bescheidenheit, zugleich jedoch von radikaler Originalität, zu finden sind. In dem Buch liegt ein mit Handschrift beschriebener Zettel. Auf ihm steht: habe unglaubliche Frau kennengelernt, sie trägt eine anthrazithfarbene Jacke, in die emblemartig ein pixelig gelber Teddybär eingestrickt ist. Sie und ihr Mann sind alt, ausgemergelt. Sie haben Kinder aufgezogen, zuletzt einen Türken, davor ein behindertes Kind. Deren Eltern haben die Kinder nicht aushalten können. Sie und ihr Mann schon, trotz der Armut. Der Kerzenhändler weiss nicht mehr, von wem er diese Bücher erhalten hat und er überlegt sich, ob die Kleingärten etwas mit der Biologie der Worte zu tun haben, von denen der Schelm sprach. Wieviel Worte passen in eine Gartenlaube mit 3x4 Meter Grundfläche, in der zwölf Personen leben (acht Erwachsene und vier Kinder), fragt sich vielleicht der Schelm, so jedenfalls überlegt der Kerzenhändler.

Mo: seeverkehr+endederwelt
Di: abtut

Dann ist da noch ein Buch über den Gestalter Bruce Mau. Das ordnet der Kerzenhändler beiden zu, es könnte zu dem Schelm genauso gut passen, wie zu dem Zeichenfischer, den er zwar für planvoller (prometheus) als den Schelm (epimetheus) hält, der jedoch auch etwas befreiendes hat. Er kann sich gut vorstellen, dass der Zeichenfischer eine von den zwölf Strategien aus dem Buch verinnerlicht hat und zum Beispiel die Zeitungsleute, mit denen er Geld verdient, dadurch überrascht, dass er zur Begrüssung die linke und nicht die rechte Hand reicht oder dass er Visitenkarten verteilt, die so gross wie Notizblöcke sind, aber selbst Bedenkenswertes auf Bierdeckeln festhält, weil er kein Notizbuch führt. Und dann fällt ihm ein Bild in die Hand (UFO-FD von Leif Trenkler). Während er das Bild betrachtet, denkt er über den Unterschied zwischen Photographie und Malerei nach und kommtzu dem vorläufigen Ergebnis, dass Bilder im Unterschied zu Logos und visueller Information, die Zustände der Gesellschaft verdichten. Dann findet er folgende Verse, die ihn couragieren:

Vergeblich habe ich gekämpft, um mein Herz zu überzeugen, dass es er sich ergeben soll;
Vergeblich habe ich ihm gesagt:
"Es gibt grössere Dichter als Dich".
Seine Antwort, wie Wind und Lautenklang,
wie vage Klage in dem Kampf, der mir keine Ruhe gibt, ist immer:
"Ein Kampf, ein Kampf".
Und ihre Echos schaukeln eine im anderen im Sonnenuntergang,
immer auf der Suche nach einem Gesang.
Ah, und ich bin verbraucht von der Arbeit
Und das Schweifen über unendliche Strassen hat mit Veilchen eingekränzt,
hat mit Pulver meine Augen gefüllt.

Mi: schamgebüsche