11.07.2002

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 18

von Nils Röller

Text, das käme von textura und bedeute Webstoff, früher waren die Schreibmaterialien widerspenstiger und haben den Gedanken stofflich Widerstand geleistet (das Kratzen von Gänsefedern).

Lieber S.,
nun doch eine Erwiderung auf Deine letzte mail, ich hätte Lust, Deine Idee aufzunehmen und etwas über die junkmails zu schreiben, die ich täglich bekomme. Die mailbox quillt über und ich muss täglich unnütze Minuten darauf verwenden, die mails zu sortieren. Eigentlich bekomme ich nur von Dir mails, insofern kann ich zügig sortieren, doch habe ich wohl immer auch die Hoffnung, dass mir jemand anderes schreibt und deshalb gehe ich die junkmail vorsichtig durch. Vorgestern war das wichtig, denn unter den mails war eine vom Zeichenfischer. Er hat mich eingeladen, ihn beim Besuch einer Präsentation von Galit Bechor aus Tel Aviv zu begleiten. Sie ist eine Modemacherin, die ihre Zelte für wenige Tage in Köln aufgeschlagen hat und Kleider, Jacken und feine Oberteile in den Räumen einer Agentur ausstellt, bei Syntax, hast Du von denen schon gehört? Mit dem Zeichenfischer, der mich umständlich mit seiner Karre abholte und mit GPS von Kalk in die Lindenstrass navigierte, habe ich wenig gesprochen. Er will heute noch einmal vorbeikommen. Er will auch einiges zu unserem Briefwechsel loswerden. Mann, aber der ist so immer flüchtig, nimmt mich irgendwohin mit hin oder kommt kurz vorbei, rührt an Fragen, die mich lange beschäftigen und verschiebt dann das Gespräch. Aber zum Glück hat mich die ausgestellte Kleidung ablenkt, Damenoberbekleidung, besonders gut hat mir eine Kombination einer roten Jacke, die gedämpft zu einem schwarzen gestärkten Rocksegel aus Tafft glänzte, gefallen. Die anwesenden Frauen probierten wechselseitig munter die Kleidung. Einer der Anwesenden, sagte, dass es selten geschehe, dass man ein Kleidungsstücke in die Hand nehme könne und unbekümmert die Frauen bitten dürfe, das einmal anzuprobieren... Mir neu war die Zurückhaltung der Kleidung: die präsentierten Stücke operierten diskret, beinahe geometrisch, folgten einer selbstgesetzten Struktur, einer Idee zwischen Funktion und Abstraktion... Der Zeichenfischer meinte übrigens, dass ich das nicht richtig angehe. Kleidung müsse man fühlen, Leder von Tüll und Faser fühlend unterscheiden, darum gehe es. Er sagt, dass Du Deine Erfahrungen schon noch damit machen wirst. Bei den Inkas habe man Knotenschnüre erfühlt und mit den Gedankenbildern, die sie erzeugen, gerechnet. Das hätten wir heute vergessen, dass früher das Schreiben und Notieren stärker an Materialien gebunden gewesen sei. Text, das käme von textura und bedeute Webstoff, früher waren die Schreibmaterialien widerspenstiger und haben den Gedanken stofflich Widerstand geleistet (das Kratzen von Gänsefedern). Wenn das Schreiben nicht so leicht von der Hand geht, dann denke man vielleicht sorgfältiger, überlegte er und teilte er mir mit. Tja, das nächste Mal werde ich die Kleidung erfühlen... Du weißt, dass ich sonst sprudele, sobald ein sinnlicher Reiz zu haften beginnt. Mein Gott, lieber Schelm, um meine Sprache ist es schlecht bestellt, ich komme heute nicht in die Gänge, mir fehlt die Liebe, die Liebe zu den Worten und zum schönen Geschlecht... Ich bin stumpf. Gestern abend blätterte ich in den letzten Ausgaben der taz und merkte, dass ich mich für nichts mehr interessiere, weder für die Alphabetisierung Afrikas, noch für das ausgeklügelte System zur Erhaltung der Macht im Irak, in dem Stammesfürsten und militärische Avantgarde eine Kriegesmaschine bilden. Von Euch, von Dir und dem Zeichenfischer habe ich gelernt, solche Worte wie Kriegsmaschine und Stammesfürsten vorsichtig zu verwenden, in Gesprächen mit Euch gehen diese Worte Verbindungen ein, wenn ich sie so lese, dann passiert nichts, mein Bewusstsein ist gerade ein ruhendes rostendes Auto, dem der Anlasser fehlt... Übrigens war in der Taz eine Besprechung eines Buchs vom Zeichenfischer... Wirklichkeit als Grenzidee - Abschied vom Medium als Werkzeug [Taz]

Flacher Abfall, das habe ich gestern dem etwas aufdringlichen Monolog des Zeichenfischers entnommen, ist zentral für eine Werkphase von Dieter Roth.

... [Eine gekürzte Fassung des folgenden Textes erscheint in: Balkenhol, Bernhard und Geogrsdorf, Heiner (Hrsg.): x mal documenta xi – Eine NachLesebuch zur 11. documenta] Jetzt weiss ich mehr über unseren gemeinsamen Bekannten, den Zeichenfischer, den ich noch immer nicht einen Freund nennen möchte. Er hat mir gestern begeistert von Dieter Roth erzählt, einem Künstler, den er als Wirtschaftswunder betrachtet und den er mit Artikel und Projekten umkreist. Dieter Roth soll auf der letzten documenta die Zuschauer mit seiner grossen Tischruine begeistert haben. Kennst Du die Arbeit? Ich schicke Dir im attachment eine Aufnahme zu. Dann kann ich mir die Beschreibung sparen. Der Zeichenfischer hatte gestern übrigens eine Fotographie dabei. Er trägt ständig ein Bild oder irgendein Werk von Dieter Roth mit sich herum. Das ist schon merkwürdig so einen geschniegelten Typen zu sehen, der in seiner Aktentasche, von der er stolz sagt, dass er sie in Neapel erworben hat, "flachen Abfall" mit sich herum trägt. Flacher Abfall, das habe ich gestern dem etwas aufdringlichen Monolog des Zeichenfischers entnommen, ist zentral für eine Werkphase von Dieter Roth. Der Zeichenfischer spricht darüber in Management Seminaren. Er hat ein zehn Punkte – Programme künstlerischer ökonomie entworfen. Von den Seminaren kann er übrigens gut leben. Wie Du weißt, fährt er einen Sportwagen mit Navigationssystem (im Kofferraum die Gesammelten Werke von Dieter Roth, darunter auch die sogenannten Scheisse-Bücher). Der erste Punkt besteht darin, seine Schwächen zum Beispiel Neid und Unsicherheit zu erkennen und diese als Chance zu begreifen. Der zweite Punkt, den weiss ich schon nicht mehr so genau. Ich konnte ihm nicht so leicht folgen. Der Zeichenfischer holte bei den einzelnen Punkten immer ziemlich weit aus und gab mir dabei einen Eindruck von der katastrophenreichen Lebensgeschichte Roths, von der ich mir nicht vorstellen kann, dass Manager diese als Vorbild akzeptieren, höchstens Manager, die persönliche Krisen verwinden müssen, aber der Zeichenfischer hat offensichtlich das richtige getroffen. Er sagt, dass die Führungsetagen ihn anhimmeln, er kann sich vor Aufträgen kaum retten. Roth wurde übrigens 1930 in Hannover geborenen und 1998 in seinem Basler Atelier tot aufgefunden.

Fein merkt er an, wenn "typische Galeriekatalogwörter" wie "Assemblage" und "Mischtechnik" den Blick auf seine Arbeit verstellen.

Er kam auf die Tischruine mehrmals zu sprechen. Einmal, ich glaube, dass es der dritte Punkt war, als er die Chancen betonte, die in der Verzettelung liegen. Dieter Roth wohnte an verschiednenen Orten. In Stuttgart, wo die Tischruine 1972 zu entstehen begann, hatte er ein Atelier. In Island hatte er ein Haus, in dem er Bücher sammelte, in Hamburg hatte er ein Büro zu Vermittlung und arbeitete dort mit dem Rechtsanwalt Buse an einem Schimmelmuseum, in Berlin unterhielt er das Redaktionsbüro der Zeitschrift für alles und in Basel hatte er ein weiteres Atelier. Zugleich waren viele Arbeiten in Bewegung. Zum Beispiel schickte er oft an Ingrid Wiener, zunächst an ihre Berliner Adresse, dann an ihre Adresse in Dawson City Webvorlagen. Er hat die Ortsbewegungen als Möglichkeit gesehen, Ordnung zu vermeiden. Zugleich war er sehr penibel, er führte mehre Tagebücher gleichzeitig und im Alter von siebenundsechzig Jahre korrigierte Roth die Promotion von Dirk Dobke mit einem genauem Blick. Fein merkt er an, wenn "typische Galeriekatalogwörter" wie "Assemblage" und "Mischtechnik" den Blick auf seine Arbeit verstellen. Dann war da noch der Punkt Verletzung. Roth hat seine Verletzung produktiv gemacht. Die Verletzung durch andere, zum Beispiel, wenn seine Arbeit verhöhnt wurde oder durch die Sprache. Er betrachtet die Sprache als Waffe: "Wenn jemand über etwas nachdenkt, ist es doch eigentlich nur so, wie wenn er Vokabular gewinnen will. Wie eine Mine, die ausgebeutet werden muss... Mein Leben gibt mir Vokabular, mit dem ich andere Leute erfolgreich bekämpfen kann". Ich habe den Zeichenfischer gerfragt, wie Waffen produktiv sein können, denn mir ist schon der Gedanke zu wider, dass jemand Waffen gegen andere schmiedet und mir graut davor, dass es mehr so Typen wie den Zeichenfischer gibt, die nun auch noch die Kunst ausbeuten, um die maroden Führungstechniken der Konzernmanager zu sanieren. Der Zeichenfischer lies sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern holte aus seiner Aktentasche zwei CD’S, die er mir schenkte. Beide nehmen die Idee von "Tote Rennen" auf. Einem Hörstück und einem sprachlichen Turnier, den Dieter Roth mit Oswald Wiener geführt hat. Der Zeichenfischer hat mir dann noch gesagt, dass er mir einen Text dazu mailt. Er ist vorhin gekommen und füge ihn hier ein. Mir ist das folgende sehr wichtig, denn ich glaube, dass ich den Zeichenfischer dadurch in einen Widerspruch verwickeln kann. In dem Text über Dieter Roth und Oswald Wiener ist folgendes zu lesen:

"inkognito sitzt er in Island und häuft Selbstgefühl an; was er wohl leisten könnte, wäre er wo etwas los ist!", schreibt Oswald Wiener über seinen Freund, den Künstler Dieter Roth. Sie treffen sich zum ersten Mal 1966. Wiener war zu diesem Zeitpunkt ein Star in seiner Heimatstadt Wien angehimmelt als Fahrer einer Harley Davidson, sagenumwoben als zeitweiliger Mitarbeiter von Olivetti und berühmt berüchtigt als Dichter, der seine eigenen Werke verbrennt und mit dieser Ästhetik der Entsagung die konzeptuelle Radikalität der Wiener Gruppe auf die Spitze treibt. Die Gegensätze zwischen dem 1930 in Hannover geborenen Schweizer Dieter Roth und dem fünf Jahre später in Wien geborenen Dichter konnten Mitte der sechziger Jahre kaum grösser sein. Wiener schreibt später, dass er damals eine schlechte Chance gehabt hatte, eine "komplizierte Wahrnehmung" an dem armselig wirkenden Roth zu machen, der zwischen Island und den Städten Mitteleuropas pendelte. In der Schweiz hatte Roth in den fünfziger Jahren nach einer Lehre als Druckgraphiker seinen Unterhalt mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Bau verdient. Aus gesundheitlichen Gründen war er 1952 aus der Schweizer Armee entlassen worden. Er schreibt Gedichte, notiert unaufhörlich in seine Tagebücher und hält sich mühselig über Wasser. 1957 heiratet er in Reykjavík eine isländische Studentin, die mit Zeichenunterricht auch seinen Lebensunterhalt bestreitet. Ihm selbst wird die Aufnahme in den isländischen Graphikverband untersagt.

Der österreichische Schriftsteller schlägt ihm zur Begrüssung mit der Faust auf die Brust und nennt den damaligen Mittdreissiger aus Island einen "alten Trottel".

Einen Koffer mit "unverkäuflicher" Kunst soll Roth bei sich gehabt haben, als er Wiener zum ersten Mal begegnet. Der österreichische Schriftsteller schlägt ihm zur Begrüssung mit der Faust auf die Brust und nennt den damaligen Mittdreissiger aus Island einen "alten Trottel". Nachzulesen ist diese erste Begegnung in einem Buch, das Wiener wenige Jahre später mit den frühen Schriften und Zeichnungen Roths herausgibt. Das Buch ist ein Zeugnis der konstruktiven Poetik Wieners, in dem die erwähnten Grobheiten zu Bausteinen einer ehrgeizigen Vermittlungsanstrengung der sperrigen Kunst Roths werden. Die Darstellung ist brilliant, denn der wortreiche Wiener erstickt das Werk nicht in einem Netz von Begriffen, die dem gelehrten Poeten und avangardistischen Automatentheoretiker zweifellos zur Verfügung stehen. Stattdessen arbeitet Wiener konsequent die Nicht-Vermittelbarkeit Roths mit modischen Tendenzen heraus. Der "Trottel" wird so zu einem unzähmbaren Widerspenstigen, an dem die ihn abbildenden Spiegel zersplittern.

Roth hat 1973, als das von Wiener herausgegebene Buch erscheint, bereits über 300 Graphiken, ca. 67 Veröffentlichungen, zahlreiche Materialbilder und-objekte aus Schokolade, Hasenmist, Vogelfutter, Wurstscheiben und Gewürzen geschaffen. Der Titel des Buches lautet "Frühe Schriften und typische Scheisse". Der Titel "Scheisse" ist den zuvor veröffentlichten Gedichtsammlungen Roths entnommen und Wiener bezeichnet seinen Kommentar als "einen Haufen Teilverdautes". Zu diesem Zeitpunkt lebt Wiener bereits in Berlin. 1970 hat er Österreich nach vierwöchiger Untersuchungshaft und Schikane durch österreichische Behörden und Medien verlassen. "Teilverdaut" wird in dem Kommentar das Werk des isländischen Pendlers und auch die Diskrepanz zwischen beiden. Roth produziert ununterbrochen, holt Romane und Erzählungen aus dem Tagebuch und schläft nicht: "vielleicht stört ihn am schlaf die ruhe; jedenfalls ist er verlorene zeit für die produktion, in der allein er sich immer wieder tröstet und repariert... er ist spezialist aus eigener kraft, und sein spezialgebiet ist von dem bereich, von welchem er gar nichts versteht, so schwer zu unterscheiden, weil es derselbe ist".

Der produktive Fluss Roths steht im Gegensatz zu Wieners schriftstellerischer Abstinenz. Er entscheidet sich nach dem grossen Wurf, dem Roman "Verbesserung von Mitteleuropa", Mathematik zu studieren und konzentriert sich auf naturwissenschafltiche Erkenntnistheorien. Das ist eine Entscheidung gegen eine materialreiche eigene Produktion und für die Reflexion. Der "Haufen Teilverdautes" nimmt dabei eine Mittelstellung zwischen Praxis und Theorie Wieners ein. Wiener entwickelt in dem Kommentar eine Methode, sich ein Bild von Werk und Person Roths zu schaffen und markiert zugleich die Beschränktheit seines Vorgehens: "dass ich so gut wie immer irgendwie verstehe, das täuscht mir ähnlichkeit mit dem verstehen der anderen vor: wir tasten uns durch ein labyrinth, das mehr dimensionen hat als unsere vorstellungen, und begegnen einander in den gängen" .

Wiener geht der Frage, ob Roth nun eigentlich handwerklich geschickt oder ungeschickt ist, nach, weil er so zeigen kann, dass das Werk seines Freundes jenseits dieser Bewertung liegt.

Die Naivität Roths irritiert Wieners Vorstellungen: "er hat gar kein handwerkliches geschick", schreibt Wiener: "er baut sich möbel, die in ihrer armseligkeit ihresgleichen suchen (wie von einem achtjährigen gebastelt). aber er sagt: diese sogenannt ungeschickten möbel müssen als versuch in 'scheisse' angesehen werden. er hat früher möbel entworfen, die ganz ausserordentlich gut gefügt waren, sagt er; für andere leute". An anderer Stelle im selben Buch betont Wiener, die praktische Sicherheit des Künstlers: "sein handwerkliches geschick ist bemerkenswert, die behändigkeit, mit der er sich im vertrauten gelände bewegt, seine Beherrschung künstlerischer technik(en)... er lässt die hindernisse stehen und versucht, um sie herum zu fliessen... er lässt schlamperei zu, aus einsicht, dass man nicht alle dimensionen beherrscht, auch dann nicht, wenn man die 'unterste ebene' des elementaren aufsucht".
Wiener geht der Frage, ob Roth nun eigentlich handwerklich geschickt oder ungeschickt ist, nach, weil er so zeigen kann, dass das Werk seines Freundes jenseits dieser Bewertung liegt. Denn Roth nutzt technische Fehlgriffe und Missgeschicke als Chance: "ein teil der leistung besteht dabei aus dem verzicht auf eigene leistung... was wie ein absichtlicher bruch in vielen seiner arbeiten steht, ist das hineinnehmen von faktoren, derer er sich im augenblick des arbeitens bewusst wird. Er will dem betrachter zwar alles klar machen, denkt jedoch nicht weiter nach. auch stellt er sich fast nie neben sich selbst".

Ist Roth kompliziert, weil Wiener sich ein kompliziertes Bild von Roths Naivität macht oder ist die Naivität eine kritische Strategie Roths? Für das Publikum schreibe Roth, dass Kunst die Aufgabe habe, einen Bereich der Freiheit der Vorstellungen gegen technokratisches Reglement zu verteidigen und vielleicht zu erweitern. Aber er selbst erscheint viel komplizierter als die Verhältnisse. Er hält seine Versprechungen, er ist freigiebig, grosszügig und leidet zugleich darunter. Der Dreh- und Angelpunkt des Kommentars ist Island, Roths Stützpunkt: "überall findet man island bei Dieter". Wiener hat dabei nicht Roths Graphiken mit isländischen Motiven wie dem Surtsey-Vulkan vor Augen, sondern zunächst den Gedanken, dass sich jemand schon in den fünfziger Jahren fort von den europäischen Zentren bewegt und an der Peripherie ansiedelt: "er ist in island wirklich zuhause, d.h.: er denkt wahrscheinlich daran, nach einer verschlechterung aller verhältnisse sonst wo dort zuhause sein zu können... sicher wollte er das feld seiner tätigkeit reduzieren. Ende der fünfziger-jahre hat er ja nicht sehr viel produziert. Jedenfalls schrecken ihn die leute und island ist mehr land als leute, und sogar die dinge hocken dort nicht so aufeinander wie anderswo... er hat wohl beharrlich versucht, dort heimisch zu werden, aber die einfachheit der leute lässt das nicht zu, seine naivität ist sozusagen kompliziert, weil sie aus einer komplizierten umgebung stammt".

Ein Ausgangspunkt der Konzerte war die Überlegung, dass die Musik Schönbergs, Stockhausens und Cages eine Musik sei, die erst vom Zuhörer geschaffen werde, der ein gehöriges Mass an Kennerschaft einbringen müsse, um die Musik zu geniessen.

Es kommt im Verlauf der Freundschaft zu Gegenbewegungen. Roth reist nach Berlin, Wiener reist häufiger nach Island. In Berlin veranstalten sie gemeinsam mit Gerhard Rühm, Günter Brus und Friedrich Achleitner Dichter-Workshops und Konzerte "selten gehörter Musik". Ein Ausgangspunkt der Konzerte war die Überlegung, dass die Musik Schönbergs, Stockhausens und Cages eine Musik sei, die erst vom Zuhörer geschaffen werde, der ein gehöriges Mass an Kennerschaft einbringen müsse, um die Musik zu geniessen. Die "selten gehörte Musik" gibt den Zuhörern keine notierten Kompositionen zu Gehör, sondern ihre Interpreten holen aus Instrumenten, die sie nicht beherrschen, ungewohnte Klänge. Der Zuhörer wird aufgefordert, sein Repertoire an musikalischem Verständnis einzusetzen, um die Dürftigkeit der dargebotenen Musik in einen ästhetischen Genuss zu verwandeln.

Solch ein Konzert nehmen Wiener und Roth 1976 in Mosfellsveit auf Island auf und veröffentlichen es unter dem Titel "Tote Rennen". Im Untertitel sprechen sie von Liedern, tatsächlich zu hören sind Ausschnitte aus einem Gespräch über Gleichnisse und Vorstellungen. Ein Küchenwecker tickt, im Hintergrund übt jemand Boogie-Woogie. Ab und zu kann man einen Klagegesang vernehmen, der ruft: "Ohh, was ist der Wiener gut". Je nach dem Argument kann der Ausruf auch lauten "Ooh, was ist der Wiener klug" oder "Ooh, was ist des Wieners Blut". Der Wecker, das Tastengezitter des Klaviers und die Ausrufe relativieren das Streitgespräch, das die beiden nach einer durchzechten Nacht führen. Wiener spricht langsam, trotz des Katers bemüht, scharf zu formulieren, Roth rülpst, flucht, warnt und lenkt von den Argumenten ab. Vergeblich eilt Wiener dem ständig ausweichenden mit einem stringenten Argument hinter her. Zugleich führt er das Gespräch, das dem anderen, der gerade eine Boulette ist, die "scharf wie der Satan schmeckt", Chancen der Darstellung bietet.Wiener hebt an und behauptet, dass in der heutigen Welt grösserer gedanklicher Reichtum zu finden sei, als früher. Roth hält ihm entgegen, dass das Wort Reichtum arm ist. Es sei zu arm, um Wieners Gedankenreichtum mit zuteilen. Will Wiener darlegen, dass technische Entwicklungen wie das Auto oder die Fotographie zu neuen Vorstellungen geführt haben, so sagt Roth, dass zu allen Zeiten die Menschen zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase und Haut gehabt haben. Fortschrittsideen leiht er nicht sein Ohr. An sein Ohr dringt nur, dass er und Wiener die gleichen Worte verwenden. Worte seien für ihn wie Geschosse, die durch die Luft pfeifen. Ihr Flugbahn sei zwar jeweils unterschiedlich, sie sind und bleiben aber immer die gleichen Geschosse. Für Wiener sind die Worte nicht Geschosse, aber auch nicht Instrumente, um einen Konsens herzustellen, sondern Aufforderungen, seine Vorstellungen vom anderen schärfer einzustellen. Dabei interessiert ihn eigentlich nicht, wer der andere nun eigentlich ist, sondern die grundsätzliche Frage, wie Vorstellungen und Gedanken überhaupt entstehen. Die geographischen und sozialen Bewegungen des Schriftstellers und des Künstlers kreuzten sich in Island. Später wird Wiener das an sozialen Beziehungen reiche Mitteleuropa verlassen und sich in der kanadischen Wildnis, nahe der Goldgräbersiedlung Dawson City, ansiedeln. Offensichtlich drängt es ihn, weniger Leute und mehr Landschaft um sich zu wissen. Roth stirbt 1998 in Basel. In der Zwischenzeit sendet er von seinen Stützpunkten in Island, Stuttgart und Basel Materialien für einen Teppich an Ingrid Wiener in Dawson City. Der im Privatbesitz befindliche Teppich ist ein Gleichnis der Beziehung zwischen dem Abfallkünstler Dieter Roth und dem Dichter-Theoretiker Oswald Wiener. Schachbrettartig sind dort Flächen mit "tiefen" und "flachen" Bildern zu sehen. Roth hat der Künstlerin bedruckte Plastiktüten aus Island, Bestellzettel und andere graphisch besetzteDinge als Webvorlagen für das "Flache" geschickt. Während sie selbst Photographien mit räumlichen Ansichten ( tiefe Abbildungen), als Webvorlagen aussuchte. Wer von beiden, der österreichische Dichter im Exil mit dem schmalen, aber konzeptuell geschliffenen Werk oder der Künstler mit den 40 Bänden an gesammelten Schriften, der eigentlich tiefe oder flache war, dass ist eine Frage des Standpunktes. Wieners Schriften kann man als Werkzeugkasten betrachten, mit dem die Wahrnehmung für den Totalkünstler Roth geschärft wird; Roths Schaffen kann man als Hintergrund ansehen, vor dem die poetischen Anstrengungen Wieners ihre Kontur als zentraler Beitrag zur zeitgenössischen Ästhetik gewinnen.

In der Hoffnung, dass Du mir noch folgst, versuche ich fortzufahren. Ich glaube, dass der Turnier zwischen dem Künstler und dem Schriftsteller ein Bild ist. Es verdeutlicht, dass Gegensätze produktiv sind, wenn eine Form gefunden werden kann, um die Gegensätze auszudrücken. Gibt es aber eine Form, so frage ich kritisch in Hinblick auf die Managementseminare des Zeichenfischers, in der die Gegensätze zwischen Kunst und Management ausgedrückt werden können? Der Zeichenfischer leugnet doch die Differenzen, anstatt sie als Chance zu nutzen. Er integriert die Kunst in das System der Unternehmenskommunikation, nimmt ihre Vereinnahmung durch eine übergeordnete Form in Kauf. Welcher Manager wäre schon bereit, seine strategischen Papiere in die Tischruine einzufügen, welcher Aufsichtsratsvorsitzende würde die Unterlagen zur feindlichen Übernahme eines anderen Konzerns in der Zeitschrift für Alles publizieren? Unangenehm ist daran, dass es dem Zeichenfischer bei seinem Unternehmen gut geht. Er verkauft, allerdings wäre es nicht schlecht, wenn es auch um meine materiellen Grundlagen etwas besser stehen würde...

Seine Grösse besteht darin, dass er andere in diesen Prozess einbezogen hat, auch wenn es wenige mit ihm ausgehalten haben.

Ich vermute, dass ein Graben Roths Lebenskunst von den Regierungskünsten trennt, die Manager benötigen. Roth ist ein neidischer Mensch, der versucht seinen Neid prozessual aufzulösen. Seine Grösse besteht darin, dass er andere in diesen Prozess einbezogen hat, auch wenn es wenige mit ihm ausgehalten haben. Roth versteht die Auflösung als Lebensform. In dem Auflösungsprozess nimmt er andere auf (Hast Du die Cassetenrekorder in der Tischruine bemerkt?). Im Management geht Auflösung mit Ausgrenzung einher. Der produktive Teil des Unternehmens muss von dem unproduktiven getrennt werden. Die anderen, die nicht mehr zum Unternehmen gehören, lösen sich auf, das Unternehmen und seine Führung stabilisieren sich durch Abgrenzung von den sich auflösenden, zerfallenden Teilen.

Schreib mir doch, was Du darüber denkst. Zum Zeichenfischer noch folgendes. Er schlug mir zwei Projekte vor. Einmal ein Handbuch für Gestalter und Designer. Ihnen möchte er Roths Werke als geistige Urlaubsplätze vorstellen, an denen die durch Computer formatierten Augen und Aufmerksamkeitsmuskeln ausruhen können, dann hat er mich gefragt, ob ich zu einer Fleissarbeit bereit sei. Er hat mir den Wälzer mit den Gesammelten Interviews von Dieter Roth dagelassen, damit ich Stellen heraussuche, die dem zehn Punkte-Programm entsprechen. Er will dann den ECON-Verlag ansprechen. Der soll ein Buch publizieren: Dieter Roth für Manager. Schon auf den ersten Seiten habe ich folgendes gefunden und da liegt das Problem. Man verfälscht Roth schon unangemessen, wenn man zu streichen beginnt. Denn die Interviews sind mit der wichtigen Vorgabe publiziert worden, möglichst nichts zu streichen, damit der "Unsinn" nicht verloren geht. Zum Unsinn gehören die Nebenbedingungen, die im Journalismus sonst gestrichen werden, zum Beispiel das "deutsch eingefärbte" Schweizerdeutsch, das Roth manchmal spricht, dazu gehören auch Unterbrechungen durch stockende Tonbänder, Kabelsalat und der Mangel an Alkohol. Hier ein Auszüge, den ich ausgewählt habe:

Schwäche:
Flacher Abfall: "Wie die Idee gekommen ist? Ich glaube, es war aus einer gewissen Rührung heraus über diese Gegenstände. Das erste Jahr habe ich 1973 gesammelt, 73. Und ich weiss, das ich 72, 71 s, da habe ich of Zettel nicht wegschmeissen können – wenn irgendwelche Leute mir was geschrieben haben, kleine Zettel, dann konnte ich das nicht wegschmeissen. Ich wusste genau, dass der Sohm das nicht nicht sammelt in seinem Archiv, das waren nun wirklich nur Angaben, wie ich da und da hinkomme und was weiss ich. Und da bin ich so gerührt gewesen davon – das sind so alles Zeichnungen gewesen, oder kleine Notizen von anderen Leuten, die Handschriften, das Leben das dadrin – ja, wie soll man sagen: zum Ausdruck gekommen ist, dass ich die einfach nicht wegschmeissen konnte und ich hab plötzlich gemerkt, dass ich Tüten voll habe von dem Zeug. Ich bin da mal auf die Reise gegangen und kam – auf Umwegen, über Kopenhagen und was weiss ich – nach London und hatte einen kleinen Koffer. Und der war, der war so voll geworden von diesen Zetteln, die ich da nicht wegwerfen konnte, dass ich Mühe hatte, meine Hemden und den Mist unterzubringen, den ich sonst mitschleppe. Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt: das ist im Wege, das ist zuviel. Der Hansjörg Mayer hat das gesehen und hat gesehen und hat gesagt, damals noch: sammel das doch, mach doch ne Sammlung von dem Mist. Weil er gemerkt hat hat, ich konnte das nicht wegschmeissen. Da habe ich mir überlegt: was soll ich sammeln? Soll ich nur Zeichnungen sammeln oder Autographen und habe ich mir gedacht, ich hab ja gemerkt: jeder Zeittel ist rührend, nicht? – alles – jeden dämlichen Plastikbeutel für Schwarzbort in Scheiben hat einer entworfen (zeigt auf ein rotes Strichmännchen) da hat einer gesessen, gezeichnet und gemacht – na ja und dann hab ich das alles gesammelt ein Jahr lang. Alles was überhaupt flach ist, hab ich dann gedacht. Auch wenn es so zerdrückt ist und zermatscht und faul – Scheisse, stinkt und so was ..och! rührend, nicht?" (Dieter Roth Interview von Irmelin Lebeer-Hossmann, Hamburg, 28. – 30. September 1976, und Stuttgart, 20. - 22. Juni 1979. In: Dieter Roth: Gesammelte Interviews. Herausgegeben von Barbara Wien. Mit einem Nachwort von Barbara Wien und einem Text von Tomas Schmit. London und Berlin 2002: Edition Hansjörg Mayer, S. 10)

In der Unsicherheit kann man alles machen was Du willst, schmieren, pissen, quatschen und auch Kitsch machen.

Neid und Unsicherheit: "Ich bin immer so schnell und Richard macht ganz langsam und überlegt sich das. Es war für mich die beste Zeit meines Lebens, glaube ich, wir haben fortwährend geredet. Was mir so eingefallen ist, bei alle diesen Zusammenarbeiten mit Wewerka, Rainer und Richard: bei diesen Leuten habe ich einfach am meisten beneidet, das jeder auf seine Art ganz sicher aufgetreten ist. Rainer sichert sich in seinem Leben, indem er ziemlich viel Geld ansammelt und ganz ruhig lebt und zurückgezogen und Disziplin hat. Und Richard sichert sich durch die ganz langsame Arbeitsweise und Ruhe, durch sichere Bilder wo man kein Scheissdreck seht, keine Verzweiflung. Und der Wewerka der sichert sich durch rein verbale Sicherheitsfloskeln, der drückt sich immer ganz sicher aus: "so ist das, das ist ein schlechter Mann, das ist ein guter Maler, ach ich weiss ganz genau wann die Stunde geschlagen hat, Morgen treffen wir uns dann und dann, dann kommt das und das... ." Dieses auftreten hat mich dann so fasziniert, das habe ich alles nicht – ich glaube ich habe das nicht und ich habe das so beneidet. Ich habe dann, zunächst unbewusst und dann bewusst, mit den Leuten versucht das den weg zu nehmen, zu zerstören. Weil ich mich gemerkt habe; ich kann mich diese Sicherheit nicht erwerben. Die Sicherheit sich zu erhalten ist viel schwieriger als in der Unsicherheit zu leben. In der Unsicherheit kann man alles machen was Du willst, schmieren, pissen, quatschen und auch Kitsch machen. Wenn du die Freiheit hast, dann hast du weniger Krampf und etwas weniger Unischerheit als wenn du auf sicher machst. Wenn du sicher sein willst, bist du immer unsicher, sonst brauchst du nicht sicher sein zu wollen. So habe ich das gesehen jedenfalls. Ich kann mich in die Unruhe hinein begeben und dort fühle ich mich eigentlich sicher, weil ich merke, das ich davon leben kann" Dieter Roth Antworte auf Fragen von Kees Broos. In: Gesammelte Interviews, S. 243f.

Was meinst Du, soll ich mit dem Zeichenfischer zusammenarbeiten? Ich habe ja Zeit und ein kleiner Nebenverdientst kommt mir zugute. Aber glaubst Du, dass der Econ-Verlag so ein wahnsinniges Projekt finanziert. Die Lektoren bekommen doch schon Angst, wenn sie die Tischruine sehen? Ich hoffe, von Dir zu hören.

Alles Gute