26.03.2003

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 19

von Nils Röller

(oder der 54. Riechers-Brief)

"Es ist nicht sicher, ob die Klangmoleküle der Popmusik nicht doch hier oder da, hier und heute, ein Volk neuer Art ausschwärmen lassen, dem Radiobefehle, Computerkontrollen und die atomare Bedrohung völlig gleichgültig sind."

Rückblick, was unter anderem inzwischen geschehen: Rosa war in Neapel und hat sich mit dem Leben nahe dem Vulkan beschäftigt. Der Vesuv bleibt dem K. nach ihrem Bericht als Hausberg der Neapolitianer in Erinnerung. Sie reden von ihm wie von einem bekannten schlafenden Tier aus der Umgebung, das für viele Überraschungen gut ist. Kürzlich ist auch Rosas Buch "Off Sites" erschienen (siehe unten). Der Schelm (S.) ist gerade in einer misslichen Lage, einerseits sieht er am Horizont einen möglichkeitsschwangeren Auftrag für Telekommunikationsindustrie, für den er viel arbeiten müsste, um die Möglichkeiten in reale Verdienstchancen zu verwandeln, dann ist er noch begeistert von den langen Gesprächen und Planungen zur Medienakademie in Cuzco. Dort hat er zwei Monate verbracht. Er hat sich während seines Aufenthalts sogar vorgenommen, Mathematik zu lernen. Vorerst wird das nichts, weil er seine Notizen ordnen möchte, zum Beispiel möchte er Hinweise über das Verhältnis von Mathematik und Obrigkeit ordnen, er gerät dabei in die Geschichte und erfährt, dass arabische Gelehrte Texte griechischer Mathematiker überliefert haben. Er stellt auch fest, dass zwei Philosophen, die er schätzt, zwischen nomadischer und obrigkeitsstaatlicher Mathematik unterscheiden und den Computer als Instrument der herrschenden Verhältnisse. Nun fragt er sich, ob er sich mit der Funktion des Computers in der Gegenwart beschäftigen soll oder mit den Ursprüngen der Mathematik in Indien und im Zweistromland. Er verschiebt beides zugunsten des besagten Berichtes zur Gründung einer Medienakademie in Cuzco (siehe unten). Bei der ersten Zeile trifft er auf folgende Schwierigkeit. Er schreibt: Medien dienen der Kommunikation. Sie entstehen aus diesem Grund. Das erscheint ihm so holprig, dass er erst einmal eine CD einlegt, um auf andere Gedanken zu kommen. Später schreibt er nicht weiter, sondern kopiert folgendes Zitat: "Es ist nicht sicher, ob die Klangmoleküle der Popmusik nicht doch hier oder da, hier und heute, ein Volk neuer Art ausschwärmen lassen, dem Radiobefehle, Computerkontrollen und die atomare Bedrohung völlig gleichgültig sind" (Deleuze, Gilles/ Guattari, Felix: Tausend Plateaus. Berlin 1993 (EA Paris 1980))... Der Kerzenhändler hat ihm, einen längeren Brief geschrieben, der hier abgedruckt wird. Im Brief taucht der Zeichenfischer (ZF), der ihm einen Auftrag in Aussicht stellt, aber weil er ZF lange nicht gesehen, hat er nur noch eine vage Vorstellung von ihm. In seinem Gehirn beginnt sich eine Vorstellung von einem fremden Menschen zu bilden. Sie ist zunächst eisweiss, dann scheinwerfergelb gefleckt vor einem dunkelblauem Hintergrund, der karosseriefarben und manchmal selbst leuchtreklamenhell gesprenkelt aufscheint und in den Vordergrund ragt. Aluminium glänzt matt. Reifen quietschen, ein Mobiltelefon vibriert, eine Autotür sinkt sanft in einen perfekt tarierten Rahmen. Später dann Beats, endloser Fortschritt zu unerreichbaren Plateaus. ZF ist ein Stratege. Ihn schätzen Personalberater und Chefs von Marketingabteilungen, er ist informiert über Trends in der Softwareentwicklung, die Zukunft der Materialtechnik, hat erlesene Kontakte zur Kunstwelt und ist in der DJ-Szene bekannt. In den Redaktionen der Life-Style-Magazine schätzt man ihn... Der Steuerberater verdient zwar überraschend wenig an der Kundschaft des Zeichenfischers, denn der Aufwand der Rechnungsprüfung ist bedrohlich angesichts der relativen Geringfügigkeit des Umsatzes. Der Zeichenfischer hält jede Rechnung penibel fest, es scheint, als bestimme die Steuertabelle seine Lebensführung. Hier nun erst einmal eine mail des Kerzenhändlers an S., der zu zum Zeitpunkt noch in Peru ist und gerade ein Konzert gehört hat (siehe Notizen zur Akademie unten)

Der 54. (Riechers-)Brief des Kerzenhändlers an S. in Cuzco

Mein Blick fällt auf das Bild einer Frau mit roten langen Haaren, deren rote Spitzen über der weichen Rundung ihres Busens schwanken.

Unitalienisch, dieses Wort blockiert mich, es war eines Deiner letzten. Habe das Gefühl, dass ich der Frage nach der sensomotorischen Intelligenz näher komme, wenn ich beobachte, was die Worte mit mir anstellen und welche Beziehung sie zu den beiden Schönen haben. Aber schon das Wort "schön" setzt mich wieder auf eine andere Spur. Zunächst wird durch die Spur meine Blickrichtung verändert, er möchte nicht bei den schriftlichen Zeichen bleiben. Auf meinem Display habe ich die von Dir empfohlene Webseite mit Fotos (www.richas.de) liegen. Mein Blick fällt auf das Bild einer Frau mit roten langen Haaren, deren rote Spitzen über der weichen Rundung ihres Busens schwanken. Ich sehe, möchte aber eigentlich, bevor ich fortfahre, sie zu beschreiben, das Wort Medienbaron setzen, mit dem ich die Lenkung meiner Gedanken, meiner Gefühle, meines Bewusstseins, durch Medientechniken verbinde. Aber dazwischen geraten einige Worte, die Du in Deinem letzten Brief geschrieben hast, ohne mit Ihnen etwas zu verbinden: unitalienisch, Seilabstürze, Brezel Göring. Ich nehme sie als Knoten, mit denen ich ein Netz knüpfen kann, um die Eindrücke hier zu sammeln. Einem Wort ordne ich die Bemerkung eines Italieners zu einem anderen Italiener zu, der sagt, dass in der Pizzaria Futuro mehr Türken Pizzen bestellen als Italiener, denke mir aber, dass mit dem Wort eine andere Bewertung zum Ausdruck gelangt als eine Unterscheidung von Käufern nach verschiedenen Nationalitäten... das andere setzt eine Diskrepanz zwischen den Namen der Gaststätten hier und luftiger Akrobatik. Warum heisst eine Kneipe hier Kajüte und nicht Trapez? Nur weil der Rhein und damit die Hafenatmosphäre dem Bewusstsein vertrauter sind, als fahrende Artisten und Zirkuszelte... das dritte Wort motiviert eine Suche: Gibt es hier einen Menschen, der einen postheroischen Namen tragen könnte? Brezel Göring, vielleicht der Spitzname eines Junkies, der gerne politische Sendungen im Fernsehen verfolgt. Mir fällt nur der Typ ein, der sich vor zwei Tagen liebevoll und beruhigend über einen schnittigen (dreirädrigen) Kinderwagen beugte und dabei eine Bierflasche und eine Zigarette mit Hand und Mund balancierte... Möchte dir vom Medienbaron schreiben, nachdem mein Blick auf die Fotografie gefallen ist, die ein rothaariges Mädchen in einer Jeansjacke vor einem weissen Bus zeigt. Auf dem Bus steht in blauer russischer Schrift das Wort Flughafen. Empfinde eine wohltuende Ablenkung durch die Verbindung zwischen Gedanken über das "Schöne", der Fotografie und dem Titel "Baron", der aus Zeiten stammt, als technische Medien noch nicht das Vermögen hatten, das sie heute besitzen.
Medienbaron, das klingt auch nach Lügenbaron, nach jemandem, dessen Machtanspruch nicht solide ist. Insofern lockert der Medienbaron die soeben angestellte Verknüpfung zwischen Seelenlenkung, Technik und Schönheit. Seitlich versetzt und etwas näher am Bus steht eine blonde Frau mit einer Baseballkappe, sie lacht. Sie lacht schön und mein Herz beginnt zu hüpfen.
Ich freue mich, dass ich die beiden Frauen auf einem Photo täglich betrachten kann, dass das Photo in meinem Besitz ist. Ich: ein Fotobaron. Verfüge ich damit auch über die Schönheit? Ist Schönheit nicht etwas, das man nie besitzen kann, etwas, dessen man sich vielleicht für einen Augenblick gewahr wird. Man sagt dann, wie jetzt angesichts der schön lachenden Frau, "ja, die ist aber schön" und schon in diesem Moment - von dem ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen kann, ob er gerade dann einsetzt, wenn das Wort "schön" gesprochen oder geschrieben wird – setzt ein Zweifel ein, nämlich was das eigentlich ist: Schönheit? Besteht Schönheit im Besitz eines schönen Bildes oder im Gefühl, in der Nähe angenehm auf die Sinne wirkender Menschen zu sein oder besteht Schönheit in dem Gewahrwerden einer Ahnung, dass ein gefälliger Zusammenhang zwischen den Erscheinungen und dem eigenen Leben möglich ist. Ortsforscher, das Wort entspannt mich. Ich denke zunächst an ein Bild von Spitzweg. Es zeigt einen Schmetterlingsjäger. Es war auf einem Buchumschlag abgedruckt, irgendeine Publikation zur Krise der Anthropologie. Dann kommt mir ein weiteres Photo der Website in den Sinn. Es zeigt Kleidungsmuster, ein schwarz-weisses Hemd, dann weisse Flammen auf einem anthrazitfarbenen Autositz, dann rote Blüten auf dünnen weissem Stoff. Im Hintergrund des Bildes eine coole Sonnenbrille, im Vordergrund eine Goldkette. Die Materialien prangen und glänzen reinlich und bewusst, zugleich ärmlich. Gezeigt wird das Innere eines Kleinbusses. Der Tarif für den Transfer beträgt 9 Rubel. Die Fotografie hält einen Moment während einer Übergangssituation fest: die Fahrgäste haben sich auf den engen Sitzen niedergelassen, der Fahrer hat ihnen den Kopf zugewandt. Eine Raumzeit wird durch Fotografie fixiert. Sie wird definiert durch die Abgrenzung und Rücksicht, mit der sich die Fahrgäste auf die Fahrt mit der motorisierten Kutsche zu einer verhalten. Kutsche, das schreibe ich jetzt, weil ich ein Klischee ins Spiel bringen möchte. Das möchte ich ins Spiel bringen, um nicht zu romantisch zu klingen. Merkwürdige Sorge... Eine junge Frau hat eine breite Schiebermütze aus Cord über ihre langen blonden Haare gezogen. Ich sehe ihr nach und frage mich, was meinen Blick lenkt. Wird er durch denselben Mechanismus gelenkt, der andere veranlasst ihr unflätige Worte dreist beim Verlassen der U-Bahn hinterher zu rufen. Ist es der Ekel vor diesen Mechanismen, der sie veranlasst, die Mütze tief in das Gesicht zu ziehen, damit sie nicht die Sprüche und Anmache hören, von denen Martina sagt, dass sie krass und verletzend in Kalk zu hören seien... Mechanismen. Ein Foto von Riechers zeigt einen gelben Schiffsmotor, der auf einem Messestand diskret inszeniert wird, diskret und mächtig wie ein heiliger Gral der Antriebskraft. Wie sind die Maschinen gebaut, die meine sinnliche Wahrnehmung organisieren?

[...] vielleicht, weil ich merke, dass ich Elemente, die ich sonst beim Gang zur U-Bahn übersehe, heute mit Gedanken verbinde.

Der Motor wird von einem Benzingemisch angetrieben, meine Wahrnehmung der Trimbornstrasse durch ein Wortbildgemisch, zum Beispiel sammle ich die Namen der Geschäfte "Atlantiker-Markt", "Devrim" oder ich speichere bildliche Eindrücke wie den grünen Käfer mit dem Aachener Nummerschild vor dem Kiosk, den roten Erker in der Ecke Antoniastr., der den Blick weiterlenkt zum weissen Erker, der über der Holzballustrade der S-Bahnstation seine Nase hängen lässt. CAT MARINE POWER, kann es sein, dass Riechers’ Fotografien die Modi meiner sinnlichen Wahrnehmung einstellen? Der gelbe Motor der CAT MARINE POWER in meinem Inneren, er funktioniert, je nach dem welcher Kapitän und welche Reeder mein Bewusstsein wie einfährt.
Das unlebendige Allgemeine im Unterschied zum lebendigen Allgemeinen ist das eine Formulierung, die meine Vermutung stärkt, dass es ein Prinzip, einen Maschinenbauplan, für mein Bewusstsein gibt. Das lebendige Bewusstsein ist dann eine Maschine, die durch Alltagserfahrung und durch Erziehung eingefahren wird. Heute fühle ich mich in meiner Kalker Laufumgebung wohl, vielleicht, weil ich merke, dass ich Elemente, die ich sonst beim Gang zur U-Bahn übersehe, heute mit Gedanken verbinde. Dabei ist mir klar geworden, dass ich anfangs die Reize unterdrückt habe, z.B. das eingestampfte goldene Aluminiumpapier auf dem Bürgersteig als Abfall vernachlässigt habe, während es mich heute an ein 500-LireStück oder ein Ein- oder Zwei-Eurostück erinnert. Könnte jetzt noch mehr schreiben, mit deinen Worten weben ... sie mit Eindrücken, Fotografien und Bildern verknüpfen ... vielleicht setze ich dieses Webstück fort, bis ich alle deine Worte verwendet habe, heute aber nicht mehr... (Achim Riechers’ Europa Index 1 ist ab dem 29.3.2003 in der Galerie Sabine Schmidt – An der Schanz 1a – 50735 Köln, Di – Sa von 11-18 Uhr zu sehen/Eröffnung Samstag, 29.3.2003 ab 15 Uhr, Kontakt: galerie@sabineschmidt.com)

Aus den Berichten von S.

Die Klänge haben ihre Kampfanzüge abgelegt, als ein hagerer blonder Mann mit Gitarre kam.

Wellenlehre, das Konzert heute abend. Erst haben microstoria mit ihren Klängen die Gegend grüsst, sie als Gastgeber gewürdigt, indem sie Klangorganismen in die Luft setzten, die mit den Atomen hier herumtollten. Dann gab es einen Kampf zwischen dem Mützenmusiker und peruanischen Elektronikern: Flüsse sind angeschwollen, Wolken gebrochen, Wind fetzte ... dachte daran, dass sich zwei Catcher mit den Namen Natur und Kultur treffen. Die Klänge haben ihre Kampfanzüge abgelegt, als ein hagerer blonder Mann mit Gitarre kam. Das ist der, von dem es hiess, er wolle ein Kanu verwenden. Seine Name ist Joseph Suchy. Er hatte nur eine Gitarre und Effektgerät dabei und hat seine Klänge zwischen die Kontrahenten geschoben, indem er die Forderungen und wechselseitigen Muskelzerrungen musikalisch gebrochen hat. Mir fehlen die musikalischen Begriffe, ob es Riffs, Breaks - wie auch immer seine Saitenbehandlung zu bezeichnen ist - waren, das kann ich Dir nicht angeben; mein Eindruck war, dass er mit seiner Gitarre eine Klangspannung gebildet hat, an die sich die anderen so angeschlossen haben, dass sie gemeinsam einen luftigen Turm bauen konnten. Und während der Turm entstand, hatte ich das Gefühl, mit ihm zu schwanken und mich in allen Richtungen den Bergen hinzuwenden, die sich wie grosse dunkelgrüne Tiere wohlwollend mir auf dem Turm entgegen neigten, in freudiger Anerkennung des gelungenen Versuchs, durch Klangspannungen ein stabiles Verhältnis zwischen den Streitenden zu schaffen. Ich müsste anders schreiben... Es liegt nicht an den Worten, sondern ich müsste eine Grammatik entwickeln, um Worte mit Gitarrengriffen zum Klingen zu bringen, eine Grammatik, die Hallgeräte und Verzerrungen zur Verfügung stellt. Oder vielleicht Metaphern, die mit einer bestehenden Grammatik ein Sprachfeld innerhalb der Sprache separieren ... ein Wortschwarm verdichtet sich zu einen Turm, den andere Worte umfliegen, der Ausblick auf entfernte Berge und die darunterliegenden Flächen bietet. Hast Du Dich einmal mit Feld- und Wellentheorie beschäftigt? Habe übrigens noch mit Joseph gesprochen, habe nun das Gefühl, seiner Musik nicht gerecht geworden zu sein. Du findest etwas von ihm unter entenpfuhl.com.
Weitere Berichte von S. unter zkm :: Artikel.

Ein Hinweis auf Rosas Buch "Off Sites / Sets":

"Eine Zelle im Halbdunkel. Darin surrt ein Projektor, der bewegte Bilder an die Wand wirft: Bald verlangsamt sich sein Lauf, dann beschleunigt er wieder und steht plötzlich still, um sich kurz darauf mit einem Ruck erneut in Bewegung zu setzen. Der willkürliche Rhythmus, die vermeintlichen Macken der Mechanik in Rosa Barbas Installationen mögen Erinnerungen wecken an die Frühzeit des Films. Doch kann im Werk der Kölnerin nicht die Rede sein von technischer Unwägbarkeit. Denn hinter dem Schauspiel steckt ein ausgeklügelter Strichcode, der das Stop-and-go in jedem Detail digital vorbestimmt. Barba nutzt nicht nur, sie bespiegelt das Medium Film und seine Historie, fragt nach Formen der Inszenierung und kreist um die Konstruktion von Wirklichkeit.” (Stefanie Stadel)

Rosa Barba. Off Sites / Sets. Köln 2003. Verlag der Buchhandlung Walther König

Texte von: Laetitia Sadier, Siegfried Zielinski, Ralph McKay, Micah Magee,Iris Kadel, Klaus Sander, José-Carlos Mariátegui, Nils Roeller, Olaf Karnik, Peter Gorschlueter, Carlos Enrique Garza Caballero
Gestaltung: Frieda Luczak, icon Kommunikationsdesign, Koeln