24.09.2003

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 21

von Nils Röller

Der Zeichenfischer kommt nun öfter vorbei. Er möchte, dass der Kerzenhändler (K.) für ihn arbeitet. Sein Auftrag sieht vor, das Werk und Leben eines Künstlers (Dieter Roth) so zu untersuchen, dass es Hilfe für das Management von Problemen und Krisen bereitstellt. Für den Auftrag hat ZF (von nun Kürzel für den Zeichenfischer) dem Kerzenhändler zwei Kursbücher in die Hand gegeben. Nach einer kurzen Beschäftigung mit einzelnen Abschnitten dieser Bücher, nähert sich K. der Frage, wie ein Bild entsteht. Zwischendurch passiert viel, so viel, dass K. unter anderem überlegt, die folgenden Notizen so zu kürzen, dass sie komfortabler zu benutzen sind (handy werden). Wichtig sind ihm verschiedene sinnliche Eindrücke, z.B. eine Sonnenbrille auf rotblondem Haar, dann Farbflächen auf einer Hofansicht Vermeers, so wie die Hoffnung auf mögliche Reisen nach Amsterdam, Paris, Neapel und Peru, das spielt in seine Gedanken hinein und das lässt ihn seinen Aufenthaltsort in Kalk als Startbahn für fliegende Teppiche erleben.

Sein Teppich ist allerdings nicht einwandfrei flugtauglich, derzeit webt er noch Signalfarben ein, die seine Sicherheit im Luftraum erhöhen sollen.

Sein Teppich ist allerdings nicht einwandfrei flugtauglich, derzeit webt er noch Signalfarben ein, die seine Sicherheit im Luftraum erhöhen sollen. Ausserdem sucht er noch nach einem passenden Gestell, um die zahlreichen Bücher, die er in der Zwischenzeit erhalten hat, zu sortieren, und dann möchte er ein Fensterbrett auf dem Teppich wissen, das ihm ermöglicht, Blumen und Gewürze mitzunehmen. Er denkt an eine Orchidee. Aus einem Buch von ZF Jungmanager hat er nämlich etwas über einen Orchideenroboter erfahren. Das hat ihn gelehrt, dass Orchideen, die Pflanzen mit dem längsten Genen sind und dass sie sehr trickreich bemüht sind, sich auf der ganzen Welt zu verbreiten. Der Kerzenhändler würde gerne eine Orchidee als Reisebegleiterin mit sich führen. Er hofft, dass sie die Erfahrung im stetigen Umgang mit neuen Situationen besitzt, die ihm fehlt. (Hier sind Credits nachzutragen, und zwar erwähnt K. die interaktive Arbeit "Orchoid" von Masaki Fujihata. ZF hat sie während der "Hierarchies of Communication" im ZKM kennengelernt). Ausserdem sollte auf dem Fensterbrett ein Aquarallkasten mit kleinen Wassergefässen Platz finden.

Eines seiner Kursbücher ist eine kleine Schrift des barocken Philosophen Leibniz, die andere ein kleines Heft mit Aufsätzen des italienischen Philosophen Agamben (Siehe unten: Exzerpte).

Vorerst Agamben: Er bezieht sich auf den Philosophen Deleuze, der die reine Kontemplation am Beispiel von Ratten erklärt. Und zwar können selbst Tiere kontemplieren und zwar ist die Kontemplation so etwas wie der Leerlauf des Gedankengetriebes. Mit Gedankengetriebe lässt sich das Wort Einbildungskraft übersetzen. Die Einbildungskraft ist das Vermögen, Wahrnehmungen im Inneren wachzurufen. Die Einbildungskraft verarbeitet und kombiniert sinnliche Eindrücke, also das, was von der Welt in das Innere gerät. Nun sei eine reine Kontemplation ein Akt, in dem verschiedene Wahrnehmungen in ein Musterbild hineinsortiert werden. Deleuze spricht nicht von Sortierung, sondern von Faltung. Diese Faltung lässt sich als ein übergeordnetes Muster vorstellen, mit dem Wahrnehmungen effizienter organisiert werden können. Kurz kommt K. in den Sinn, dass der fliegende Teppich, den er gerade bestücken möchte, so eine Faltung sein könnte. Er verfolgt den Gedanken jedoch nicht weiter. Die reine Kontemplation ist der Moment, in dem unterschiedliche Wahrnehmungen/in, weitere Bilder zu einem Bild zusammenfliessen, das dann zur geordneten Handhabung der vorher ungeordneten Gruppe von Wahrnehmungen dient.

Achtung: Es entsteht nun ein Gewichtsproblem, denn zwischendurch hat K. ein weiteres Buch erhalten, das er mitnehmen möchte und zwar ein weiteres Buch von Agamben mit dem Titel "Homo Sacer". Dieses Buch hat ihm der Zeichenfischer gestern gegeben. Es enthalte eine Theorie der Leerstelle, und sei gut, um Wind zu erzeugen, falls der fliegende Teppich einmal absacken sollte. ZF betrachtet das Buch als Beispiel dafür, wie der Gedanke der Leertaste und des nichtbeschriebenen Feldes, das für die Computerprogrammierung strukturell unverzichtbar ist, sich in der politischen Philosophie niederschlägt. Agamben hebt nämlich immer wieder auf den Moment ab, in dem sich die Unterscheidungen zwischen Recht und Unrecht verkehrten, ein Moment, der konstitutiv für die westlichen Rechtsysteme sei. ZF ist nun der Ansicht, dass ein solches Denken sein Pendant im Leerzeichen der Turingmaschine findet. Er sagte das zum Kerzenhändler am Rande eines Konzerts im Stadtgarten, wo sie einen Mann mit Band, deren Mitglieder glitzernde Umhänge trugen, während der Hauptbandmann sich leger kleiden durfte, unter anderem das Lied sang "I am an open book for you, you can read me as much as you can". K. hat nicht alles vom Lied verstanden, noch weniger die hierarchische Ordnung des Bühnengeschehens und bei der einsetzenden Lautstärke konnte er ZF’s Argumentation akustisch überhaupt nicht wahrnehmen. Wieder in seiner Wohnung angelangt, malt der Kerzenhändler erst einmal ein Aquarell. Er möchte sich schon an die tägliche Nutzung der Aquarellfarben während der Reise gewöhnen, und dann liest er bei Agamben nach, was dieser über Satzzeichen mitteilt. Zur Leertaste hat er nichts gefunden.
Er fragt sich, ob die Satzzeichen als Steuerungseinheiten von Maschinen aufzufassen sind, geht dem aber nicht so allgemein nach, sondern wendet sich Dieter Roth noch kurz vor dem Einschlafen zu, um den Werkauftrag, nicht zu vernachlässigen.

Hat er das geschickt und da habe ich gedacht, jetzt ärgere ich den, indem ich das auf Käse male.

Von Dieter Roth weiss der Kerzenhändler, dass er Leben ins Werk gesetzt hat, indem er unter anderem Schimmelbilder machte:
"Das erste war so, da hat ein Kunsthändler in der Schweiz, der wollte mit mir einen Vertrag machen, hat es auch gemacht, der wollte für hundert Franken im Monat Bilder bei mir kaufen. Da habe ich von Reykjavík geschickt, zwei, drei, und dann nach 3,4 Monaten war das vorbei, da hat er sie mir zurückgeschickt und gesagt, er wäre ihm zu wenig farbig und er könnte das nicht verkaufen, das wäre nichts für ihn. Da hat er mir aber später trotzdem nochmal geschrieben, er hätte ein Jubiläum, ich glaube 50. Geburtstag oder so was, und alle seine Leute, die für ihn jemals gearbeitet haben, von denen möchte er sich ein Portrait malen lassen, er bezahlt mir dann hundert Franken dafür. Da habe ich geschrieben, wenn er im voraus bezahlt, mache ich es. Hat er das geschickt und da habe ich gedacht, jetzt ärgere ich den, indem ich das auf Käse male. Dann habe ich auf ein kleines Brett so Käse ausgestrichen, so Gorgonzola [lacht], ganz weiß mit so ein bisschen grünlich drin, und hab dann ein fotografisches Negativ, d.h. ein fotografisches Positiv, aber durchsichtig, so ein Filmtransparent machen lassen von einem meiner Freunde. Von seinem Portrait, so solarisiert, daß das so ganz starke schwarz-weiß-Kontraste gibt. Hab das in den Vergröberungsapparat getan und auf diese Käsefläche geworfen und habe dann alle Schatten nachgemalt, sodaß fast ein fotografisches Bild auf diesem Käse stand, nicht. Dann habe ich ein Glas drum gemacht und habe ihm das geschickt und habe gedacht, das wird dann so richtig arbeiten. Aber später habe ich gemerkt, dass es ein furchtbar teures Objekt ist, daß er es schwer teuer abgeschlagen hat, der Hund. Ich habe das gemacht, um ihn zu ärgern. Ich habe gedacht, der wird grün und blau, wie’n Käse. Aber das war für ihn eine grosse Ehre".

An der Stelle ist bemerkenswert, dass ein Bild entsteht, weil Ärger und Geld im Spiel sind. Das Bild arbeitet, es ist nicht fixiert, sondern veränderlich. Es arbeitet. Der Künstler setzt die Rahmenbedingungen: Käse, Brett, Projektion, Rahmung und verfolgt eine Absicht, nämlich jemanden zu ärgern und die Deckung der Unkosten zu sichern. Diese Absicht erreicht er aufgrund einer "Idee", dass er mit einem grün und blau schimmelnden Käse, jemanden grün und blau vor Ärger werden lassen kann. Das geschieht in einem Rahmen allgemeinerer Art, ein Portrait zu erstellen. Das Portrait versteht Roth dynamisch: es arbeitet und es soll eine Dynamik hervorrufen, Ärger. Die Abbildungsbeziehung ist dynamisch und berücksicht den Zeitfaktor, das erinnert mich an die Physik, die die Performanz, das heisst die Rechenzeit für ein Modell mitbedenkt. Über die Beziehung zur reinen Kontemplation muss ich noch weiter nachdenken, hält K. fest, dass Roth mit Zeichenträgern experimentiert innerhalb des Rahmens einer Auftragsarbeit. Ob, dieser Rahmen vergleichbar ist mit den Regeln, die die Grammatik setzt, den Regeln, die nach Agamben die Zeichensetzung bestimmen?
Fragen, die der Kerzenhändler im Traum nicht beantwortet, er fragt sich aber, ob die Steuerung der Gedanken schon mit der Zeichennutzung einsetzt. Bilden die Zeichen Formen, die Gesetzen gleich das Denken und Fühlen bestimmen? Und wie ist das bei Dieter Roth, der zwar viel schrieb, aber die Schrift als religiöses Gerät fürchtete und deshalb mit allen möglichen anderen Ausdrucksformen experimentierte.
Der Kerzenhändler nimmt sich vor, eine Liste der Ausdrucksformen Dieter Roths zu erstellen und weiters genauer über das Verhältnis von Zeichen, Technik und Gesetz nachzudenken...

Exzerpte
Leibniz/Maschinen: "Daher ist jeder organische Körper (Leib) eines Lebendigen eine Art von göttlicher Maschine oder natürlichem Automaten, der alle künstlichen Automaten unendlich übertrifft. Eine durch menschliche Kunst verfertigte Maschine ist nämlich nicht in jedem ihrer Teile Maschine. So hat zum Beispiel der Zahn eines Messingrades Teile oder Bruchteile, die für uns nichts Künstliches mehr sind und die nichts mehr an sich haben, was in bezug auf den Gebrauch, zu dem das Rad bestimmt war, etwas Maschinenartiges verrät. Aber die Maschinen der Natur, d.h. die lebendigen Körper, sind noch Maschinen in ihren kleinsten Teilen bis ins Unendliche. Das ist der Unterschied zwischen der Natur und der Technik, d.h. zwischen der göttlichen Kunstfertigkeit und der unsrigen". [Monadologie § 64]

Agamben/Glückseligkeit: Im Text von Agamben stehen folgende Sätze, die auf Sätze anderer Philosophen Bezug nehmen und zugleich das Wort "Glückseligkeit" einführen, das wie ein fremder Stern, die anderen Begriffe zu leiten scheint: "Das Leben 'besteht aus Virtualitäten', es ist reines Vermögen, das auf sehr spinozistische Weise mit dem Sein zusammenfällt, und das Vermögen, insofern im 'nichts fehlt', insofern es ein das Begehren begehrende Sich-selbst-Erschaffen ist, ist unmittelbar glückselig. Sich ernähren, sich sein lassen, bedeutet jedenfalls glückselig zu sein, sich selbst zu geniessen".[Giorgio Agamben: "Die absolute Immanenz", S.123.] Spinoza, ein Philosoph in Amsterdam, der seinen Lebensunterhalt mit dem Schleifen von Linsen, also mit der Herstellung von High-Tech-Geräten verdiente wurde einmal von Leibniz besucht. In Leibniz kleiner Schrift fällt das Wort Begehren häufig.

Agamben/Zeichensetzung:
Komma, Kolon: Zeichen, dass an dieser Stelle Luft geholt werden kann
Punkt: Zeichen für eine Pause
Doppelpunkt: Stellt eine Verbindung her zwischen zwei Ausdruckseinheiten, fordert aber zugleich aber ein Pausenwert. Grünes Licht im Sprachverkehr.
Gleichheitszeichen: Identität der Bedeutung
Bindestrich: Dialektik von Einheit und Trennung.

Kohr, Leopold: Oberndorf/Salzbrug 5.10. 1909 - Gloucester/Massaachusestts/USA 26.2. 1994 Studium an der Universität Wien, Innsbruck, d. Sorbonne u. d. London School of Economics, 1933 Dr. jur. Univ. Innsbruck; 1938 Emigration in die USA, 1939-42 Sekretär d. kanad. geisteswiss. Prof. G. M. Wrong; 1943-45 Forschungstätigkeit an d. Internat. Law Division, Carnegie Endowment for Internat. Peace, 1946-55 Ass. Prof. für Wirtschaft an d. Rutgers Univ; NJ, 1951 Dr. rer. pol. an d. Univ. Wien, ab 1955 Prof an der Univ. Puerto Rico, Rio Piedras; ging 1970 nach GB; Lehrbeauftragter für pol. Philosophie aam Extramural Dep. an der Univ. College of Wales, Aberystwth;
1955 veröffentlicht das Ende der Grossen, in dem er das Modell einer Welt von Kleinstaaten sowei die Theorie vom menschlichen Mass entwickelt
1957: The Breakdown of Nations
1977 The overdevelopped Nations
Nach Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18.-20. Jahrhundert. Herausgegeben von der Österreichischen Nationalbibliothek. München 2002: Saur Lechner, Gerald: Die Biographie des Philosophen und Ökonomen Leopold Kohr.
Wien 1994: Deuticke.