08.10.2003

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 22

von Nils Röller

Geschichtsfetzen

In den Büchern des Zeichenfischers findet K. folgende Notizen:

"Plötzlich verstand ich, als wir beide uns da in jenem zu kleinen Raum in jenem zu modernen Gebäude befanden, das über jenen See ragt, um den wir beide unsere Kunst gewunden hatten, dass es für die Architektur keinen Grund mehr gab, überhaupt noch den Raum zu umschliessen, dass wir es waren, die umschlossen wurden, dass die Architektur wie die Bildhauerei anderswo hingeganngen war." Charles Olson: "Cy Twombly". In: Ders.: Ich jage zwischen Steinen. Bern 1998: Gachnang und Springer.

Er ist ein kritischer Statiker, der untersucht, wie Blicke medientechnisch gelenkt werden.

Stadionaugen. Rundung, Betonträger- und flächen, in der Mitte ein grünes Oval. Der Blick fokussiert unwillkürlich auf den Ort möglicher Geschehen. Wie wird der Blick gelenkt, welche Geometrien und Gewohnheiten sind am Werk, wenn ein Stadion geplant, gebaut und fotografiert wird? Das sind die Fragen, denen Thomas Ravens in seinen Landschaftsstudien nachgeht. Er ist ein kritischer Statiker, der untersucht, wie Blicke medientechnisch gelenkt werden. Sein Primärmaterial sind gerasterte Aufnahmen, die von Nachrichtenagenturen in die Redaktionsbüros der Zeitungen und die Archive der Bildbankenhändler gespült werden. Sie zeigen Bauwerke und Landschaften, die Profit versprechen, weil sie an der Grenze zwischen gewöhnlich und aussergewöhnlich operieren. Ravens untersucht diese Bilder, die er in Tageszeitungen, Prospekten und Reiseführern findet, auf ihre Geometrien hin. Geometrie muss hier im Plural gesetzt werden. Da ist die Raumlehre, die durch die Kamera impliziert wird, das ist auch die Raumpraxis, die mit Gebäuden, Strassen und technische Artefakte den dargestellten Raum strukturieren und das ist die diskrepante Raumempfindung, die dem Unbehagen nachgeht. Es entsteht dort, wenn es beim flüchtigen Blick, bei der Registratur der dargestellte zertrümmerten Tribünen, zerfetzten Bahnlinien oder glänzend hohen Türmen, nicht belässt. Diese geometrische Empfindung bildet sich im Spannungsfeld zwischen dargestelltem Glanz oder Elend der Architekturprodukte und dem stets gleichbleibenden Kamerablick und der längst akzeptierten Strukturierung der Landschaft durch menschliche Eingriffe. Ravens stützt, indem er gemalte Betonkörper als Leitplanken in die Darstellungen einbringt, Leitplanken der Wahrnehmung, Sehhilfen für die Stadionaugen. Er betreibt Geometrie als Empfindungslehre. (Thomas Ravens zeigt vom 24.10.-8.11.03 Arbeiten bei WBD – Brunnenstr. 9 – 10119 Berlin)

Hardy führte eine permanente Fehde mit Gott und war überzeugt, dass Gott alles tue, um seine Pläne zu durchkreuzen.

Eine Anekdote zum Mathematiker Godfrey Harold Hardy. Hardy führte eine permanente Fehde mit Gott und war überzeugt, dass Gott alles tue, um seine Pläne zu durchkreuzen. Diese Fehde soll der Engländer einmal geschickt als Lebensversicherung eingesetzt haben, als er sich vor der Überfahrt von Dänemark auf die Heimatinsel gezwungen sah, bei Sturm ein seeuntüchtiges Schiff zu benutzen. Bevor er das Schiff bestieg, soll er mit einer Postkarte seinem Freund Harald Bohr angekündigt haben, dass Riemann-Problem – stets der erste Punkt auf der Agenda ihrer Diskussionen - gelöst zu haben. Beim Durchblättern des Bilderbuches entdeckt man im letzten Drittel eine Aufnahme des stark gealterten Hardys. Offensichtlich hat er die Schiffsreise überstanden.



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Literatur: Pólya, Georg: The Pólya Picture Album – Encounters of a Mathematician. Edited by. G. L. Alexanderson. Boston 1987: Birkhäuser.