05.12.2003

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 23

von Nils Röller

Würde ihm das gefallen?

Der Kerzenhändler wirkt unregelmässig. An manchen Tagen möchte er auf den Rücken von Walen oder Mantas reiten, an anderen mit Johnny Depp über Planken stapfen oder mit Ossip Mandelstam im zaristischen Russland auf einer Schwelle stehen und zögernd auf den Schnee horchen, der unter den Kufen von Mietschlitten knirscht. Dies spürt er zuweilen, er vermutet, dass sie das Resultat unterschiedlicher Wirkungen, die auf ihn ausgeübt werden, sind. Sein Geschäft ist täglich, sogar oft bis spät in die Nacht, geöffnet. Er spürt die Bewegungen anderer und versucht sie mit Gehörtem und Gelesenem zu verbinden. Das hält er, je länger er in seinem Geschäft sitzt, für immer schwieriger. Er überlegt sich, wie es wäre, wenn die Damen und Herren von den Bildern, die ihm in die Bude rauschen, bei ihm Halt machen würden, aus ihren eingebildeten Ferraris steigen, in den locker geschnürten Ledermänteln ihrer Abbildungen erscheinen und mit spitzen Schuhen über seine Schwelle treten würden. Würde ihm das gefallen? Er hat eigentlich schon genug von den Besuchen des Zeichenfischers, der sich allerdings jetzt für längere Zeit verabschiedet hat: er ist zu Business-Terminen in die Ski-Gebiete der Wintersaison gefahren. Genug oder nicht genug, das hängt von den Zeichenbeständen in seiner Umgebung ab. Es gibt Tage, da liest er einen Satz wie diesen:

“... Es geht ein Infragestellen von dort aus, ein Appell an die eigene Existenz, der wohltätig wirkt, denn er drängt uns dazu, uns selbst gegenüber dem, was unzugänglich bleibt, zu verändern ... Man denke an jenen Heiligen, den Heiligen Bonaventura, der – Chateaubriand hat uns daran erinnert – von Gott die Gunst erhielt, aus seinem Grabe aufzuerstehen, um seine Memoiren zu beenden. Der Schriftsteller soll überleben, um sein Leben zu erzählen, und dann soll er gewiss auch dieses Überleben überleben, um es wieder zu erzählen, und so endlos weiter.”. Maurice Blanchot: „Der Wahnsinn par excellence“. [Editions de Minuit, Paris 1953/1970] In : Jaspers, Karl : Strindberg und van Gogh : Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse. Berlin 1999: Merve Verlag.

Und er möchte dann Tür und Fenster seines Spitzweg-Geschäfts öffnen, den Typen, der vor dem Penny-Markt vom Fahrrad fällt, ansprechen oder sich Zeit nehmen, den mit zuckenden Gesichtsmuskeln am Eingang der U-Bahn stehenden Südländer zu beobachten. An anderen Tagen fischt er sich aus der Inbox seines email-accounts Zeichenreihen wie:

“tek de chek
new mail then ¿¿

will pass it (www.aim.)one.. but pasa la dena is a long way from peter der welter
let alone perdi ru
if du getz my meinung..
some chileans might be interested.. guess mariatequi an co are semi
responsiconscientious

dis de bis

dvd »

[...] dann möchte er ein Feuer in seinem Geschäftsraum anzünden, [...]

dann möchte er ein Feuer in seinem Geschäftsraum anzünden, davor sitzen und Buchseiten vor die Flammen halten und ihrem Schattentanz zusehen. An anderen Tagen, es sind meist solche mit Sonnenschein, möchte er den Arbeitstisch auf die Strasse stellen, eine geringe Anzahl von Druckwerken auf ihnen platzieren und dann seine Schreibtechnik üben, während die Leute auf der Strasse an ihm vorbeigehen. Sätze könnten wie diese könnten dann entstehen:

Weisse Wale, kann man sie heute noch finden? Tim Severin ist dieser Frage nachgereist. Er hat Fischer in den Philippinen gesprochen, die mit Harpunen auf Mantas springen und Fischer im südlichen Indonesien, die auf Wale springen. Sie kennen auch weisse Mantas und weisse Wale als Schutzmächte und würden nicht wagen, diese anzugreifen, geschweige denn, auf diesen zu reiten. „Weiss“, schreibt Severin, „ist im Zusammenhang mit dem Meer nichts Besonderes“. Diese Ansicht verweist auf eine widersprüchliche Haltung des Autors dieses gutlesbaren Buches. Severin prüft die Dichtung eines anderen, Melvills Moby Dick, auf ihren heute noch prüfbaren empirischen Sachverhalt hin und geht dabei streng mit Melville, der den weissen Wal zu einem Begriff gemacht hat, ins Gericht. Severin schreibt selbst freizügig über farbliche Eindrücke und er fragt sich nicht, ob das Meer, das er blau nennt, wirklich blau ist oder ihm Gelesenes und Gehörtes immer wieder dann in die Sprache hineingerät, wenn er etwas beschreiben möchte, das sich aufgrund seiner Unermesslichkeit einer genauen Beschreibung widersetzt. Es ist so leicht etwas weiss oder dunkelblau zu nennen, leichter als es gedanklich in den Griff zu bekommen oder sich zu überlegen, warum wir für Farben Namen verwenden, anstatt sie zu malen oder Geschichten um sie herum zu schreiben.
Severin, Tim: Der weisse Gott der Meere [In search for Mobby Dick – Quest for the White Whale]. Berlin 2000: Rütten und Leonig [London 1999: Little, Brown, and Company]

Die Stadt Troja soll reich geworden sein, weil Schiffe vor ihren Gestaden auf Wind warteten, mächtig war sie deshalb noch nicht, sondern ein Spielball der Mächte. Auf den Sturz Trojas wurde ein Johnny Depp der Frühantike angesetzt. Einer, dem die mächtigen Herrscher des grossen Hethiterreiches den Tod wünschten, weil er an den Küsten sein Unwesen trieb, ganze Städte, so auch Troja, gegen die Hethiter aufrührte. Der Aufwiegler hatte Unterstützung von einem anderen Mächtigen, Kadmos von Theben. Kadmos war Herrscher der Achijawa oder Achaiader und hatte selbst Interesse an einem Einfluss über Troja. Keilschriftbriefe aus dem 13. Jahrhundert vor Christus belegen die Machtkämpfe um die Stadt. Bekannt geworden sind die geo-politischen Strategien als Kampf um Troja, der laut dem Sänger Homer um den Raub der schönen Helena geführt wurde, nun aber als ein zähes Ringen um Einfluss um Schiffahrtswege, Handel und Militär verständlich wird. Das ist weniger ernüchternd als man denkt, denn in diesem Ringen tauchen Gestalten auf, deren Verhaltensmuster nun Johnny Depp erneut belebt und für Kassenschlager sorgt. Und dann Kadmos. Er soll der Sender des Keilschriftbriefes gewesen sein. Er war der sagenhafte König von Theben. Die Legende erzählt, dass seine Gemahlin die Tochter der Götter Ares und Aphrodite war. Sie hiess Harmonia. Kadmos soll auch den Griechen in Theben und Boötien die Kunst der Schrift gelehrt haben. Allerdings bedient er sich in dem Brief nicht der griechischen Schrift, sondern der üblichen Keilschrift, die sogar die Schreiber des Pharaos verwendet haben, wenn sie ausserhalb der Grenzen ihres Reiches schriftlich verkehrten. Kadmos konnte erst jetzt als Verfasser der Keilschrift entdeckt werden, das ist der Verdienst eines Forschers aus Tübingen, dem Altanatolisten Frank Starke. (Linsmeier, Klaus-Dieter:“Troia – umkämpfter Wächter über die Dardanellen“. In: Spektrum der Wissenschaft. Oktober 2003)

Auf schwankenden Schiffen mussten sie in die gleissende Sonne blicken und verloren so ihr Augenlicht. Bei diesigem, nebeligen oder wolkenreichen Wetter waren sie oft ohne Hilfsmittel.

GMT, Greenwich Mean Time, ist eine Zeitangabe, nach der heute noch die Nachrichtenticker und zahlreiche Festplatten die Zeit zählen. Sie ist einem Konflikt geschuldet, in dem Tausende von Soldaten und Seeleuten ihr Leben verloren, hohe Summen Pfund Sterling ausgegeben und feine Uhren unsachgemäss behandelt wurden. Die Geschichte des Konflikts ist eine zwischen dem Stellenwert, dem die Menschen der Sonne und den Gestirnen als grosser Himmelsuhr einräumten, und dem Vertrauen, das sie selbst hergestellten Zeithaltern (timekeepern) schenkten. Seeleute waren Jahrhunderte auf die Navigation nach der Sonne, dem Mond und ihren Winkeln zu den übrigen Sternen angemessen. Auf schwankenden Schiffen mussten sie in die gleissende Sonne blicken und verloren so ihr Augenlicht. Bei diesigem, nebeligen oder wolkenreichen Wetter waren sie oft ohne Hilfsmittel. Der Breitengrad war nicht so schwer zu bestimmen, wie der Längengrad. Befindet man sich westlich oder östlich des gefährlichen Riffe, wenn man nun strikt nach Norden oder Süden fährt, das war eine lebenswichtige Frage auf See. Ihre Fehleinschätzung führte zu Katastrophen, wie zum Beispiel dem Tod von 2000 Soldaten in der nebligen Nacht des 22. Oktober 1707 an den Scillies. Unweit der Küste Englands lief damals die Flotte von Sir Clowdisley auf Grund, nach dem sie zuvor siegreich die französische Flotte besiegt hatte. Für ein zuverlässiges Mittel der Längenbestimmung wurde darauf hin ein Preis ausgesetzt. Der Uhrmacher John Harrisson setze sich zum Ziel, diesen Preis zu gewinnen, indem er Uhren baute, die auf See zuverlässig, trotz Schiffschwankungen, Hitze und Feuchtigkeit, die Uhrzeit anzeigten. Sein grösster Widersacher und Konkurrent war Nevil Maskelyne. Maskeylne war „astronomer royal“ der damals noch jungen Sternwarte von Greenwich, der Sternentabellen zur Navigation publizierte. Er stand in den Fusstapfen eines weltumspannenden Forschungsvorhabens, bei dem an verschiedenen Orten der Welt (Sibirien, Mikronesien, Südafrika und auf dem südatlantischen Greenwich, das auf der Insel St. Helena provisorisch eingerichtet war) Beobachtungen und Messungen der Winkelabstände zwischen Sternen vorgenommen wurden. Maskeylne „Nautic Alamanac“ wurden von Seefahrern weltweit benutzt, als aber deutlich wurde, dass Harrisons Uhren und die Nachbauten von Kendall, Mudge, Arnold und Earnshaw zuverlässig arbeiteten und leichter zu handhaben waren, wurde der Sternenalmanach nur noch gelegentlich an Bord benutzt. Der Konflikt zeigt zwei wissenschaftliche Ansätze: den der Beobachtung mit zunehmender Tendenz ihrer globalen Organisation und die des einsamen technischen Bastlers, der auf die Zuverlässigkeit des von ihm gebauten Artefakts vertraut. Sie stehen in einem Widerstreit. Er ist die Voraussetzung für die zunehmende Sicherheit der Navigation. Der Uhrmacher Harrisson baute Schiffe für Zeitreisen, Maskeylne organisierte die Karte des Himmels und machte sie weltweit zugänglich. Dass er dabei Vorteile, die ihm seine Tätigkeit an einer Institution verschaffte, gegenüber über Harrison auspielte und zum Beispiel dessen Uhren rüde behandeln liess, ist bedauerlich. Dass das nun so erscheint, mag ein Effekt der Darstellungskunst sein, die Dava Sobel in ihrer best selling Erzählung vom einsamen Uhrmacher souverän vorführt. Sobel, Dava: Longitude – The story of a lone genius who solved the Greatest Scientific Problem of His Time. London 1988: Fourth Estate.

Depp, Johnny antiker: Ein Heerführer namesn Pjjamaradu. Er entstammte der Dynastie von Arzawa, die von den Hetithern besiegt wurden. Pjamaradu erhielt Asyl in dem frühgriechischen Reich.

Troja: wurde auch Illion oder Willuso oder Assuwa genannt.

Knirschende Theorien: In Mandelstams Prosa (Rauschen der Zeit) riechen, klingen und erscheinen Begriffe farbig: Die Jahrhunderte anrufen und sie als Wetterlagen empfinden, den Zorn der Literatur leben (W.W. Gippius), Erinnern heisst- ganz allein in einem ausgetrockneten Flussbett zurückgehen müssen ... statt der lebendigen Gesichter, sich des Abdrucks ihrer Stimmen erinnern und: Eine Theorie knirscht durch den gefrorenen Schnee wie die Kufen eines Mietschlittens.