05.02.2004

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 24

von Nils Röller

Sie kam mit zwei grossen in Plastikfolie verpackten Objekten ins Geschäft, [...]

Ein "Na, dann" nervt. Es kommt aus dem Mund eines Typen, den Kerz von der Hausverwaltung kennt. Sie haben sich schon mehrmals miteinander unterhalten. Der Typ belegt eine der oberen Wohnungen als Büro. Man weiss nicht, womit er beschäftigt ist. Heute kam er ins Geschäft und erzählte etwas von ISDN-Anschlüssen und Kabelfernsehen, und der Kerz soll mitmachen, sich wie alle in der Hausgemeinschaft an den Umlagen beteiligen. Der Kerz hat aber weder einen Fernseher noch einen tauglichen Computer. Als er das dem Typen sagte, guckte der komisch, sagte: Na, dann, und setzte sich in einen Mittelklassewagen, der recht schnell davon fuhr. In die Parklücke bog dann ein Ford, gelenkt von einer älteren Dame, ihre Haar grau und streng zurück gebunden. Sie kam mit zwei grossen in Plastikfolie verpackten Objekten ins Geschäft, stellte sich vor und nannte die Objekte Bilder. Der Kerz war von ihren Augen überwältigt. Sie waren braun-grün, klar, so als sei sie gewohnt, in weite Entfernungen zu blicken. Sie sagte, dass sie von einem Freund den Tip bekommen habe, dass ihre Bilder hier gut aufgehoben seien, während sie in der Stadt Besorgungen mache. Sie verliess dann den Kerz, kam nach vier Stunden zurück und nahm die Bilder wieder mit. Sie bedankte sich, indem sie eine Postkarte hinterliess...

Manchmal stellt sich Kerz vor sein Geschäft und lauert auf Gefühle und Gedanken. Er kann, je länger er lauert, umso weniger Gedanken von Gefühlen unterscheiden. Deshalb beschliesst er, seine Gedanken zu üben. Zunächst testet er seine Fähigkeit zu erinnern, indem er ein Gedicht auswendig lernt und dann indem am nächsten Tag Vokabeln übt. Er überlegt, ob er einen Sprachkurs durcharbeiten soll, kann sich aber nicht für eine Sprache entscheiden. Dann fällt ihm ein Notizbuch in die Hand. In krakeliger Handschrift steht auf dem ersten Blatt: "Für meine Liebe".

Die Handschrift ist ihm vertraut, er kann sie aber niemanden aus seiner Bekanntschaft zuordnen. Beim Durchblättern des Buches bemerkt er zahlreiche Striche und Zahlen, dann wieder lange handschriftliche Passagen. Ein loses Blatt fällt heraus. Die Mitteilung ist intim und er scheut sich, sie zu lesen. Zum Glück bekommt er in diesem Moment Kundschaft: Ein türkisches Mädchen. Sie fragt, ob sie für einen Augenblick ihr Handy aufladen kann. Sie erwartet einen dringenden Anruf und tut, während sie wartet, so, als würde sie den Erwerb von Kerzen ins Auge fassen. Sie schnattert dies und das und zieht dann nach einer Viertelstunde ab. Kerz fragt sich, ob solch eine Kundin die Verfasserin des Notizbuchs sein könnte. Wie schreiben türkische Mädchen und wie unterscheidet sich ihre Handschrift von der Schrift türkischer Jungen? Hat eine Frau oder ein Mann das Notizbuch verfasst? Kerz kommt nicht umhin, zumindest die herausgefallene Seite zu lesen:
"Seitdem ich sie kenne, fange ich von vorne an, lerne die Worte Liebe, Sehnsucht, Kinder zu buchstabieren". Kerz hätte jetzt gerne jemanden, mit dem er sich über diese Zeilen austauschen könnte. Wer käme in Frage? Der Typ mit dem Mittelklassewagen nicht, eher schon die Frau mit dem alten Auto, aber was wäre mit dem Zeichenfischer, welche Antwort würde er geben, wenn man ihn fragt, wie man Liebe buchstabieren lernen kann? Vielleicht würde er weit ausholen und sagen, dass Liebe, Sehnsucht und Gefühle überhaupt nicht so einfach existieren, sondern durch Buchstaben und Worte Form gewinnen, darin unterscheiden sie sich nur graduell von den anderen 1000 Dollar-Dingern unserer Kultur wie: Freiheit, Recht, Raum und Zeit. Kerz geht diesem Gedanken nach und beginnt, in dem Stapel Bücher nach relevanten Titeln zu sehen. Er entdeckt dabei ein Bündel Karteikarten, das aus einem Buch herausfällt:

Auf einer Karte steht in krakeliger Schrift:

Blumen, Malerei, Primulas von Barbara Ellmerer
Löst der Anblick einer Blume Gefühle aus, die andere Objekte nicht auslösen können? Vermute, dass Blumen sich nicht von anderen Sujets unterscheiden, es sei denn in der Art und Weise, wie sie veranlassen, Farben und Formen zu organisieren. Sie ziehen die Blicke durch ihren zentralen Bau an, um den sich die Blütenblätter wie Strahlen ordnen. Das unterscheidet sie von Körpern, aber auch von Landschaften. Der Blumenrotor in den "Primulas" lässt fragile Frauengestalten vibrieren. Sie geraten in die Gewalt der einsetzenden Bewegung der Blütenblätter, in eine Spannung, sie bestimmt die zarten Frauenkörper fremd. Brüste und Beine werden voneinander fortgetrieben, schlingernde Frauen mit jeweils einer Blume (einmal keine) auf dem Körper ...
In der Mathematik tendiert die Moderne zur Befreiung des mathematischen Zeichens von jeglicher Bedeutung - hat auch eine vergleichbare Befreiung der Blume von semantischen Bezügen statt gefunden? Die Blume wäre von unterschiedlichen Bedeutungszügen zu befreien, z.B. von den symbolischen Bezügen, die im Mittelalter ausgebildet wurden, von den alltäglichen Bezügen, die durch Heilkunst und Ernährung bestimmt sind und von den wissenschaftlichen Bezügen, zum Beispiel des Vitalismus… Lässt sich eine Blume darstellen, die nicht Vorstellungen an Fruchtbarkeit oder Verwelken weckt? Besteht eine Attraktion der "Blumen des Bösen" von Baudelaire darin, dass er nicht konkrete Blumen beschreibt, sondern die Metaphernfelder, in die Blumen eingebettet sind, dynamisch einsetzt? Z.B. in:

XLII

Einsame arme Seele, was sagst du heute nacht,
Einst schon verwelktes Herz, mein Herz, was magst du fragen,
Was der so Schönen, Guten, was der so Lieben sagen,
Die dich mit Götterblick erneut zum Blühn gebracht?

-Ihr Lob zu singen ist all unser Stolz und Glück:
Nichts anderes kommt der Süsse ihrer Herrschaft gleich;
Verklärter Leib voll Düften aus der Engel Reich!
Mit einem Lichtgewand bekleidet uns ihr Blick.

Und sei es in der Nacht, sei es in Einsamkeiten,
Und mag ich durch die Strassen, in der Menge schreiten,
Tanzt einer Fackel gleich ihr Bildnis in der Lust.

"Schön bin ich und befehle", es dann zuweilen ruft,
"Dass mir zuliebe du allein das Schöne achtest
Und als Madonna, Muse, Engel mich betrachtest".

Baudelaire, Charles: Die Blumen des Bösen.
Übersetzt von Monika Fahrenbach-Wachendorff. Stuttgart 1992: Reclam

Turing-Literatur
Zunächst wird der Lesekopf installiert. Er hat eine "Ich"-Form und ist auf einem Bahnsteig positioniert. Sein Sensor nimmt etwas wahr: Gesicht, Frau, Augen, die sich ihm nähern. Sein Effektor reagiert durch Fortbewegung auf dem Bahnsteig. Die Effetorenbewegung geschieht relativ zum Sensor, der die Annäherung von Gesicht und Augen registriert. Der Effektor weicht der Bewegung aus, bis er in eine Haltestellung gerät(weil der Bahnsteig endet und keine weitere Fortbewegung möglich ist). Die Ich-Form nimmt Laute wahr, koordiniert darauf hin seine Effektorbewegungen mit denen des Objekts. Während dieser Koordination ruft die Ich-Form Tabellen auf, in die aktuelle Sensordaten mit vergangenen Daten abgeglichen werden: Klosterinternat, Erich, Eisenbahnbrücke (Fokus: Mauer, Sims), Mutprobe und der Name des Gesichts (Ruth. Faes, Urs: Und Ruth. Frankfurt/Main 2001: Suhrkamp).

Institute for the new Sciences of Man
Überlege, ob die Unsicherheiten, die ich selbst spüre, für die Studierenden nützlich sind und ob meine subjektive Situation einen Beitrag zum Verständnis des Umbruchs leisten kann. Rechtfertigt das, eine persönlich motivierte Lehre? Gibt es eine Alternative dazu? Vielleicht sollte ich die Fragen, die mich beschäftigen, präzisieren, also: Wie lässt sich künstlerisch leben, während gesellschaftliche und berufliche Verpflichtungen zu berücksichtigen sind? Wie lassen sich Freiräume schaffen? Eine Möglichkeit wäre, Biographien in Hinblick auf eine Typologie des medialen Menschen zu lesen und zu diskutieren. Siehe Olson.

Misosophie
Leutnant Maury vom nordamerikanischen Naval Observatory and Hydrographical Office nutzte die Logbücher der nordamerikanischen Walffangflotte intensiv, um die Verteilung von warmen und kalten Meeresströmungen festzustellen. Er ging davon aus, dass die Fanggründe und damit die Routen der Wale und Fische Indikatoren für Strömungen kalten und warmen Meerwassers sind. Pottwale meiden seiner Überlegungen nach äusserst kalte Gewässer, während "right whales" warme Gewässer meiden. So lassen sich Auskünfte der Logbücher über gefangene und gesichtete Wale nutzen, um den nach Jahreszeiten variierenden Verlauf der Wasserströme in den Weltmeeren zu bestimmen. Wale sind damit Indikatoren. Wenn ich den Walfang des neunzehnten Jahrhunderts mit der heutigen Bewusstseinsforschung vergleiche, für was wäre dann das Bewusstsein ein Indikator? Das Anwachsen der Literatur über Bewusstseinstheorie ist ein Indiz für eine neue Kartographie des menschlichen Fühlens, Handelns und Denkens. Wie verhält sich das zu Ahabs Monomanie und zu Ismaels Medialität? Liefert ihr Umgang mit den Walen Hinweise, wie wir mit dem Ungeheueren umgehen? Ahabs Jagd und Ismaels Bericht operieren an der Grenze, an der die Indikatoren zu oszillieren beginnen. Ahab und Ismael geben damit Auskunft über das Verhalten in Grauzonen. In Grauzonen verschwimmen die Unterschiede zwischen System und Abweichung, zwischen gesundem Menschenverstand und Kritik, zwischen Kunst und Gestaltung. Maury versteht Wale als Indikatoren, die durch ihre Absenz den Verlauf des Golf-Stroms markieren ("The whales by avoiding its warm waters, pointed out to the fisherman the existence of Gulf Stream", S. 66 Maury, Matthew Fontaine (1806-1873): The physical geopgraphy of the sea, and ist meteorology. Edited by John Leighyly. Cambridge, Mass. 1963: Belknap Press)Ihn beschäftigt die Regel, Ahab konzentriert sich auf den einen weissen Wal und damit auf die Abweichung von der Norm und dem Leid, das ihm diese verursacht. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen und einer misophischen Auseinandersetzung mit Walen. Misophie ist nach Deleuze der kritische Impuls: Es rührt ein Denken an, das aus dem Leiden und aus dem Gefühl und dem Widerstand gegenüber Normen und Lenkungen entspringt: "Am Anfang des Denkens steht der Einbruch, die Gewalt, der Feind, und nichts setzt die Philosophie voraus, alles beginnt mit einer Misosophie" (Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung. München 1992: Fink (EA Paris 1968), S.181.) Diese Motivation teilt die Philosophie nach Deleuze mit der Kunst.

Gestaltung, Kunst, Kommunikation, Werk:
Gespräch mit einem Zürcher Architekten, in dem wir das Verhältnis seines Werks (ein Haus zu planen) und den einhergehenden Prozessen (er muss derzeit auf ein Veto einer lokalen Kommission, einer Art Architekturpolizei von Zürich, reagieren). Das geplante Haus wird einerseits sein Werk sein, andererseits etwas, das die Handlungen der Menschen, die in ihm wohnen moduliert. Das Haus ist also Produkt und zugleich Produzent künftiger Prozesse. Diese Prozesse werden durch das Haus produziert und geformt. Die Form entwirft der Architekt. Dazu muss er zunächst eine Form finden, um die Wünsche und Gewohnheiten der künftigen Bewohner kennenzulernen. Diese Formfindung geschieht in Gesprächen. Zugleich muss der Architekt die Formfindung in Wechselwirkung mit Materialeigenschaften, ästhetischen Standards und politischen Gegebenheiten organisieren. Er ist damit in erster Linie Gestalter und Moderator von bestehenden Interessen. Die Ergebnisse der Moderation verdichten sich im Entwurf des Hauses und schliesslich in Wechselwirkung mit den Kosten und technischen Bedingungen des Baus. Das Werk des Architekten ist damit Produkt einer Moderation.

Elektrisierer und open source:
Die Medienkunst ist in einer Situation, die mit der Situation der Naturwissenschaft im 18. Jahrhundert vergleichbar ist.
Sie steht vor der Herausforderung, die Öffentlichkeit und den Staat von ihrem gesellschaftlichen Nutzen zu überzeugen. Sie muss sich als unentbehrlich zu präsentieren wissen.

Bleichheit

Ich weiss den Weg nun lange wohl,
der von der Freude geht bis an das Leid.
Der andre, der mich weisen soll
aus Leid in Lust, ist mir noch unbereit.
Weil das mir zu denken übermassen weh,
überhören will ich’s drum
und tun, als ob ich’s nicht versteh.
Wenn nur von Liebe Leid geschah,
mag Minne wohl unselig sein,
da ich sie stets in bleicher Farbe sah.
(Reinmar von Hagenau)

Bunte Blumen

"Nehmt, Fraue, diesen Kranz!"
also sagt ich einer wunderhübschen Magd,
"so zieret ihr den Tanz,
wenn ihr im Haar die bunten Blumen tragt.
Hätt’ ich edelste Gesteine,
mich würde mehr beglücken,
euch damit zu schmücken,
Vertraut mir, dass ich’s treulich meine.

Ihr seid so wohlgetan,
dass ich euch mein Kränzlein gerne geben will,
so gut ich’s winden kann.
Blumen, weisse und auch rote, weiss ich viel:
Die stehn nicht fern auf jener Heide,
wo lieblich sie entspringen
bei der Vögel Singen,
da sollten wir sie pflücken beide."

Sie nahm, was ich ihr bot,
ähnlich einem Kinde, das in Züchten glüht.
Die Wange ward ihr rot,
gleich der Rose, wenn sie unter Lilien blüht.
Nieder schlug sie ihre Augen,
doch ein holdes Neigen
ward zum Lohn mir eigen,
und für mehr noch mag mein Schweigen taugen.

Ich meinte, dass mir nimmer
Liebres wurde, als ich da besass.
Die Blüten fielen immer
von den Bäumen um uns nieder in das Gras.
So fröhlich war ich, dass ich lachte,
als ich traumumsponnen
schwelgte so in Wonnen.
Da ward es tag, und ich erwachte.

Seither ist mir geschehn,
dass ich diesen Sommer allen Mädchen muss
tief in die Augen sehn.
Fände ich sie wieder, schwände mein Verdruss.
Ob sie wohl geht zu diesem Tanze?
Frauen, habt die Güte,
rückt empor die Hüte!
Ach säh ich sie doch unterm Kranze.
(Walther von der Vogelweide)