16.09.2004

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 28

von Nils Röller

Tagebuch
Möglicherweise stelle ich einen Kurzschluss in meinem Kopf her lasse die Sicherungen durchbrennen und fange dann von vorne an, baue mich völlig neu auf, lerne welche Nahrung, was mit mir anstellt, welche Handlungen, welche Gefühle und Worte auslösen. Ich glaube, dass jeder innovative Mensch sich immer wieder neu aufbaut, ganz von vorne beginnt, stotternd und tastend sich die Welt von neuem, von Null an zu erarbeiten versucht. Tagebuch führen ist so eine Zero-Praxis. Man hebt das eigene Ich auf den Prüfstand und lässt es vom eigenen Selbst untersuchen. Soll gut sein, wird mir empfohlen, müsste ich eigentlich machen, wenn ich weiter Erfolg haben möchte, kann ich aber nicht: Ich kann kein Tagebuch führen, ich würde gerne, möchte aber nicht zweifeln, sondern Ratschläge notieren und Listen anlegen, über die ich im Notfall verfügen kann. Ein Tagebuch kann ich nicht führen, weil mir die Idee der Zwiesprache mit mir selbst, des schriftlichen Dialogs zwischen mir und meinen möglichen Worten über Gefühle und Gedanken, suspekt ist. Ich glaube, dass ich dann kein Geld mehr verdienen könnte. Wenn ich beginnen würde Tagebuch zu schreiben, müsste ich von meinem Auto, meinem Wohlstand, den Zigarren und Anzügen Abschied nehmen. Ich könnte sie noch eine Zeitlang gebrauchen, aber sie würden, je konzentrierter und aufrechter, ich nach Worten für meine Wahrnehmungen und Gedanken suchen würde, ihren Stand verlieren, fleckig und reparaturbedürftig werden. Ich hätte keine Zeit mehr, um das Geld zu verdienen, das zu ihrer Instandhaltung notwendig wäre, sagt Zeich. Kerz, der ihm nur mit einem, allerdings weit geöffneten Ohr zuhört, während er eine Kundin bedient, deren Kinder um einem gläsernen Kerzenhalter tanzen, kann nichts dazu sagen. Er blättert später in seinen Aufzeichnungen und entdeckt einen Passus über Tagebücher:

Dialog mit einem grausamen Partner
"Im Tagebuch spricht man zu sich selbst. Wer das nicht kann, wer eine Zuhörerschaft vor sich sieht, sei es auch eine späte, sei es eine nach seinem Tod, der fälscht."
(Elias Canetti in: Das Gewissen der Worte)

Audiophilosophie
(www.suppose.de, www.tuxamoon.de/4.Notiz, Fussnote)

Am Misch- und Trennpult
"Ich merke es am Mischpult, wenn ich die Spuren mische, wie sehr die Resonanzen verschiedener Sounds ineinander reichen, und wie es oft ziemlich viel Arbeit ist, die Sachen getrennt zu halten. Du musst komprimieren, versuchen die Resonanzen herauszufiltern, denn wenn die sich überlagern, dann gibt das ein ziemliches Dröhnen und einen Klangmatsch. Und wir haben relativ viel davon in unserer Musik, das scheint eine komische Angewohnheit zu sein. Ich habe das oft: Bei 200 Hertz gibt es ein ziemlich starkes Resonanzwummern, und wenn du die Sachen masterst, also im Mastering Studio, wenn alles gemischt ist, und wir gehen hin und machen den Farbabgleich sozusagen, dann sagen die immer: Das ist echt schwierig, wir kommen da kaum dazwischen. Und das dröhnt ziemlich stark und vermischt sich mit anderem, und da habe ich gemerkt, dass es oft schwer ist, die Sachen definiert zu halten... wir verbringen auch sehr viel Zeit mit dem Mischen, die Sachen getrennt zu halten..."
(Jan St. Werner in: doku/fiction)