20.10.2004

Notizen eines Kerzenhändlers - Folge 29

von Nils Röller

Tagebuch - Wiederaufbau
"Ich habe Momente, in denen ich etwas fühlen muss, aber nicht kann. Wie kommt das?", fragt Zeich. Wie starte ich nach dem Kurzschluss? Wie konfiguriere ich mich neu? Wie kann ich sicher sein, dass in der Zwischenzeit nicht in mein Betriebssystem eingegriffen wurde?
Nach dem zweiten Weltkrieg beginnen nordamerikanische Dichter, einen neuen Menschen zu konstruieren. Sie interessieren sich für die Frühgeschichte und bauen in ihren Texten nach Hinweisen auf steinzeitliche Funde einen uramerikanischen Menschen nach. Parallel dazu schreiben Autoren wie P.K. Dick über menschliche Roboter und gebaute Menschen. Ich müsste mich auch nachbauen, mit Hilfe eines Tagebuches, mein Seelenleben aufnehmen und dann rekonstruieren: Ich versuche mir zunächst, eine Demütigung beim Autohändler vorzustellen: Zwei Männer, die sich auf ihren Visitenkarten als CEO's einer Biotechnologie-Firma präsentieren, werden bevorzugt behandelt. Ich kann allerdings den Händler nicht wechseln, da ich meinen jetzigen Erstwagen bei ihm geleast habe, diese Situation habe ich heute versucht, mir vorzustellen, es ist mir nicht gelungen. Nicht dass ich keine Details gefunden hätte, um sie auszugestalten, nein, die Palette der Lackfarben des Jaguars zum Beispiel ist jederzeit abrufbar und kann in die Situation integriert werden, aber ich merke, dass ich nicht der Mensch für Demütigungen bin und deshalb kann und will ich nicht Tagebücher schreiben", das gab Zeich heute Kerz zu verstehen, der sich wundert, dass Zeich sich Zeit für solche Gedanken nimmt. Das wird er ihm nächstens erklären, auch warum er auf dem Beifahrersitz aus Schlangenleder eine Meerrettichwurzel kutschiert.

China - der neue Schrecken
bald werden das Land jährlich 2 Atomkraftwerke bauen, mehr Goldmedaillen gewonnen als in den USA und schon jetzt führt der Bedarf der chinesischen Industrien nach Metallen dazu, dass deutsche Eisenbahngleise geraubt werden. Alternativen zu diesem Chinabild hilft der Merve-Verlag zu entdecken.
Siehe:
Cheng, Francois: Fülle und Leere. Berlin 2004: Merve
Julien, Francois (Hg.): Die Kunst, Listen zu erstellen. Berlin 2004: Merve
Julien, Francois: Der Umweg über China. Berlin 2002: Merve
Heinrich Schliemann: Reise durch China und Japan im Jahre 1865, Berlin 1995: Merve

Kunst des Schlafzimmers
Haltungen beim Beischlaf aus einer Abhandlung der Tang Zeit werden in einer chinesischen Liste bezeichnet als:
- "Abspulen der Seide
- Der Drache, der sich einrollt
- Flatternde Schmetterlinge
- Umgekehrt fliegende Enten
- Die mit ihren Zweigen bedeckte Pinie
- Bambusstöcke vor dem Altar
- Fliegende Seemöwen
- Luftsprung wilder Pferde
- Streitross im Galopp"
(Francois Julien in: Die praktische Wirkkraft der Liste: von der Hand, vom Körper, vom Gedicht. In: Die Kunst, Listen zu erstellen. Berlin 2004: Merve)

Liste der Handbewegungen, die zur Erzeugung eines Tons auf einem Saiteninstrument möglich sind
- hungriger Vogel, der im Schnee pickt
- lässige Schwanzbewegung des Karpfens
- heilige Schildkröte, die aus dem Wasser auftaucht
- weisser Schmetterling dicht über den Blüten
(Francois Julien in: Die praktische Wirkkraft der Liste: von der Hand, vom Körper, vom Gedicht. In: Die Kunst, Listen zu erstellen. Berlin 2004: Merve)

Liste
Verzeichnet die Möglichkeiten einer bestimmten Wirklichkeit. Das chinesische Wort chi leitet Listen ein, die Neigung einer Wirklichkeit handelnd zu nutzen. Sie werden verfertigt in der Hoffnung "durch eine Handbewegung, durch die Zusammenfügung der Dinge - , alles an Wirksamkeit, was (bis ins Unendliche) im Universum verfügbar ist, einzufangen. Die Listen schöpfen somit direkt aus der Grundlage des ganzen Realen, die immer ein ablaufender Prozess ist... chi: zugleich Haltung und Bewegung.. es gibt immer nur Anordnungen, die so umgesetzt ein Maximum an Wirkung erzielen"
(Francois Julien in: Die praktische Wirkkraft der Liste: von der Hand, vom Körper, vom Gedicht. In: Die Kunst, Listen zu erstellen. Berlin 2004: Merve)

Gehirnwissenschaft
"Aha, ein Irrer, sagt der Normalverbraucher und legt das Buch weg...", schrieb Prof. Dr. Valentin Braitenberg 1990 über den Künstler Tomas Schmit im "Spektrum der Wissenschaft". Braitenberg war dazumal kein Normalverbraucher, sondern Direktor am Max-Planck-Institut für Kybernetik Tübingen. Als solcher empfiehlt er das Buch des Künstlers als Einführung in die Gehirnwissenschaft. Dieses Buch bekommt man nicht einfach in die Hände. Es ist 1989 im Selbstverlag erschienen und heute nur teuer erworben werden (Tomas Schmit: erster entwurf (einer zentralen ästhetik). Leichter zu erwerben ist nun Schmits DVD "e-constellations". Sie ist anlässlich der Ausstellung von Schmits Zeichnungen in der Galerie und Buchhandlung für Kunstbücher Barbara Wien (Linienstr. 158 - 10115 Berlin) erschienen. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Oktober geöffnet. (www.barbarawien.de)

Beethoven, Van Gogh und Heraklit im Keller
"Der Mann [Ludwig Hohl (1904-1980)] wies eine glatte und eine bärtige Wange vor, wie ein zweifarbiges Landsknechtswams: er habe nicht die Kraft gehabt, sich fertig zu rasieren, gab er leicht verlegen von sich. Der erste Anblick den Ludwig Hohl mir bot, nachdem ich die dunkle Treppe hinunter gestiegen war, die zu seinem Keller führte, rue David-Dufour 8 in Genf war nicht ohne terribilità. Er deckte sich mit dem Bild Beethovens, Van Goghs oder Artauds, an die er mit seiner weissen Mähne und seinen hinter den Brillengläsern aufgerissenen Augen abwechselnd erinnerte. Recht bald empfand ich, was Aristoteles ausdrückt, wenn er von den Fremden berichtet, die Heraklit besuchen wollten: 'Als sie sahen, dass er sich an einem Ofen wärmte, zögerten sie, näher zu treten. 'Kommt herein, habt keine Furcht', sagte er zu ihnen, 'auch hier sind Götter'". Rainer Michael in Mason in: Ludwig Hohl: Alles ist Werk. Hrsg. Von Peter Erismann, Rudolf Probst und Hugo Sarbach. Frankfurt/M. 2004: Suhrkamp. Eine Publikation des Schweizerischen Literaturarchivs und von Strauhof Zürich Literaturausstellungen. Die Ausstellung ist noch im Strauhof Zürich zu sehen bis zum 28.11.2004.

Sex-Appeal des Wissens
Soll Humboldt in Berlin vermittelt haben, er benutzte als Instrumente, "alles, was das damals messingglänzende Präzision versprach und state of the art war und für teueres Geld zu kriegen war... er ist das, was heute als Networker bezeichnet wird. Er schafft die Vorformen zu internationalen Think-Tanks...der Ausnahme-Deutsche"
(Matthias Matussek in: Spiegel 38/13.9. 2004)

Ohr
"der innerlichste Sinn..., welcher von den verborgensten Erzitterungen der raumerfüllenden Erscheinung bewegt wird".
(Carl Gustav Carus: Vorlesung über die Psychologie 1831)

Verzerrte Sounds
Manche liegen in den Räumen weiter hinten oder manche kommen nur ganz kurz. Manche bleiben die ganze Zeit da, manche haben eine Ausklangphase, werden immer wieder angespielt und klingen schnell wieder aus. Und es gibt Verwischungen, Sounds, die länger ausklingen und in andere hineinragen, du kannst es beobachten."
(Jan St. Werner in: doku/fiction)

Hören und unpräzises Sprechen
Am Beginn einer diplomatischen Verhandlung, vielleicht jedes Gespräches, hört man erst einmal zu und nimmt zur Kenntnis, was das Gegenüber denkt. Verkehrt ist es, zu Beginn des Gesprächs schon das Ergebnis des Gesprächs, das Ziel der Verhandlung auszudrücken. Der Sinn des Gespräches liegt darin, die unterschiedlichen Vorstellungen kennen zu lernen und im Verlauf des Gesprächs gemeinsame Vorstellungen und Ziele zu präzisieren. So erklärt das der Diplomat Stefan Hessel in einem Interview an einem Sonntagnachmittag im Deutschlandfunk anlässlich des Erscheinens seiner Memoiren.

Nicht alles sagen, was man weiss und denkt
Soll ein Papst in der jüngsten Vergangenheit gesagt haben

Grillen
"Man erzählt, dass zur Zeit, da das Reich der Sung von den Mongolen überrannt wurde, der Oberbefehlshaber der Chinesen platt auf dem Bauche lag und einem Grillenkampf zusah, als ihm die Nachricht von der Umzingelung der Hauptstadt durch den Fein und ihrer höchsten Gefahr überbracht wurde. Er vermochte es nicht, sich von den Grillen zu trennen, erst musste er sehen, wer hier siegte; die Hauptstadt fiel und das Reich der Sung war zu Ende."
(Canetti, Elias in: Der andere Prozess)