Oswald Wiener
05.11.2000

Kosmos unter Strom

von Eckhard Fürlus

2:3 - Oswald Wiener zum 65. Geburtstag. Ein Geburtstagstusch für den Kybernetiker Oswald Wiener

Mit einer CD, die Aufnahmen von Freunden, Bekannten, Weggefährten und Schülern versammelt, gratuliert der Kölner Supposé Verlag dem Kybernetiker, Musiker, Musikwissenschaftler und Schriftsteller Oswald Wiener zu dessen 65. Geburtstag.

Oswald Wiener hat Geburtstag. Wir dürfen seine Geschenke auspacken. Verpackt, verschnürt und via CD auf die Reise geschickt wurden sie von Nils Röller und Klaus Sander vom Kölner Supposé-Verlag, die auch für die Gästeliste verantwortlich zeichnen.

Zu den Gratulanten, die auf dieser CD versammelt sind, gehören Schüler und Verehrer, Freunde und Weggefährten wie Ingrid Wiener und Valie Export, H. C. Artmann und Mario Subassis. Ihre akustische Hommage versteht sich als Auseinandersetzung mit Wieners Ästhetik des Scheiterns in der Tradition der Wiener Gruppe. Attersee singt, am Klavier begleitet, "Das Oswald Wiener Schöpfungsstück". Die "electro-kraut-dub-grind"-Band Mouse On Mars schlagen sich überlegen "2 gegen 1 im Wienerwald". Wolfgang Müller, gleich zweimal auf der CD vertreten, gibt mit dem Óskakorinn eine "Fürchterliche Wike-Waka Musik" zum besten. "Wovon man nicht sprechen kann" ist der Titel des Stücks, in dem er gemeinsam mit John Henry Nyenhuis die musikalische Verbindung zu Ludwig Wittgenstein herstellt und auf den wichtigsten Einfluss in der Sprachkritik Oswald Wieners verweist.

Wiener wurde am 5. Oktober 1935 in Wien geboren, studierte Jura, Musikwissenschaften, afrikanische Sprachen und Mathematik. Er beschäftigte sich mit Jazz und widmete sich der Erweiterung des Bewußtseins durch Krankheit und Rauschzustände. Mit 24 vernichtete Oswald Wiener seine bis dahin entstandenen Texte und distanzierte sich von der Wiener Gruppe, deren Gründungsmitglied er war. Während der nächsten 18 Jahre oblag ihm als Kybernetiker die Datenverarbeitung der Firma "Olivetti" in Wien. Seine Jahre in Berlin sind Legende und brauchen hier nicht kolportiert zu werden.

Ira G. Wool bezeichnet Wiener als "modern Renaissance man extraordinaire". Seine Hommage à Oswald Wiener ist ein mit acht wissenschaftsphilosophischen Dikta gespickter Vortrag über Ribosomen, DNA und MessengerRNA: "Dictum four: it is better to be approximately right than precisely wrong." Gerhard Rühm umkreist in den für diese CD ausgewählten Sprechstücken den "rhythmus r". Dann nimmt Hubert Fichte uns an die Hand und beweist, dass Gott ein Mathematiker ist; er erzählt uns von den vielen verschiedenen Bezeichnungen des Irreseins bei den Bewohnern der togolesischen Küste. Und er weiß, dass Sprachverweigerung Teil des Irrsinns ist.

Das Vorhaben der an dieser CD Beteiligten, eine Ästhetik des Scheiterns, des Nichtkönnens, des Möchtens und Wollens auszuprobieren, die schmerzhaft, blamabel usw. sein soll, ist nur zum Teil gelungen und stellt insofern einen weiteren Aspekt des Scheiterns dar. Manchmal wird es richtig herzig, etwa wenn H. C. Artmann seine "Fürbitte beim Großen Geist" formuliert und seine Glückwünsche zum Ausdruck bringt. Zum Schluß noch ein Diktum: "Speak loudly when unsure of the facts."