05.12.2001

"Das Sein und das stille Leben der Dinge"

von Eckhard Fürlus

Zum Werkverzeichnis Plastik und Kunsthandwerk von Karl Schmidt-Rottluff

Am 26. November 2001 wurde im Brücke-Museum das von dem renommierten Kunsthistoriker Gerhard Wietek erstellte Werkverzeichnis "Schmidt-Rottluff - Plastik und Kunsthandwerk" in Anwesenheit des Verfassers vorgestellt. Mit diesem Werkverzeichnis ist ein wichtiger Bestandteil des künstlerischen Schaffens Karl Schmidt-Rottluffs erstmals umfassend dokumentiert.

Wer das Berliner Brücke-Museum besuchen will, muß entweder einen langen Atem oder einen fahrbaren Untersatz haben. Fernab vom hektischen Großstadtbetrieb und eben auch von U- und S-Bahn-Stationen, liegt es am Rande des Grunewalds. Mit etwa 400 Gemälden und Plastiken und einigen Tausend Zeichnungen, Aquarellen und Druckgraphik der Künstlergruppe 'Brücke' nimmt dieses Museum eine Sonderstelllung ein und dokumentiert mit dieser einzigartigen Sammlung den Aufbruch der künstlerischen Moderne in Deutschland, die mit der Gründung der 'Brücke' durch Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl am 7. Juni 1905 in Dresden ihren Anfang nahm.

In jahrzehntelanger Recherchearbeit hat Gerhard Wietek 527 plastische Arbeiten des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff erfaßt; dazu gehören Skulpturen und Schnitzereien aus Holz, Metall, Bein, Horn und Stein ebenso wie zahlreiche Schmuckstücke, aber auch Wandbilder, Möbel und Textilien, Zierkästen, Bilderrahmen und gestaltete Gebrauchsobjekte. Den Auftrag zu dieser Dokumentation hatte Gerhard Wietek von Schmidt-Rottluff selbst erhalten; dieser hatte ihn Ende der 50er Jahre gefragt, ob er nicht Lust hätte, sich mit einem Thema zu befassen, das außerhalb dessen liege, was man ohnehin schon kennt: seinem plastischen Werk. Spontan sagte Wietek zu, ohne genau zu wissen, worauf er sich eingelassen hatte.

Schon während der 50er Jahre hatte Gerhard Wietek sich vorwiegend mit der Kunst des deutschen Expressionismus befaßt und sich in besonderer Weise mit dem Werk Schmidt-Rottluffs auseinandergesetzt; seit dieser Zeit stand er zu dem Künstler auch in einer engen persönlichen Verbindung. In einem Brief an Gerhard Wietek vom 22. Dezember 1960 lobt Karl Schmidt-Rottluff die Fähigkeit des Kunsthistorikers, die Stille in seinen Arbeiten entdeckt zu haben. "Stille", so heißt es dort, "finde ich immer ein wunderbares Erlebnis". Er, Schmidt-Rottluff, habe immer das 'Sein' aufweisen wollen und 'das stille Leben der Dinge'.

Nach Stationen in Nürnberg, Oldenburg und Hamburg leitete Professor Wietek bis zu seiner Emeritierung das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum auf Schloß Gottorf. Seine äußerst umfangreiche Publikationsliste aus dem Jahr 1998 enthält viele Standardwerke zur modernen Kunst, darunter auch das Buch über die Oldenburger Jahre Schmidt-Rottluffs, in denen der Künstler sein Domizil in Dangast und Varel hatte. Mit Schmidt-Rottluff teilt Gerhard Wietek die Verbundenheit zum Oldenburger Land; so ist denn auch das Verzeichnis der plastischen Arbeiten Karl Schmidt-Rottluffs in weiten Teilen in seinem zweiten Wohnsitz im Oldenburgischen entstanden.

In dem nun vorliegenden Werkverzeichnis werden auf 590 Seiten die plastischen Werke Schmidt-Rottluffs in sechs nach Gattungen ('Skulpturen und Reliefs', 'Schmuckarbeiten', 'Wand- und Raumgestaltungen', 'Buch, Schrift und Plakat') und Materialien ('Stein, Bein und Horn', 'Holz als Werkstoff') gegliederten Kapiteln dargestellt, beschrieben und kommentiert. Darauf folgt der 'Katalog der erfaßten Arbeiten'. Den Ausstellungen Karl Schmidt-Rottluffs ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Ein umfangreiches Register verweist auf etwa 1000 Namen und Begriffe.

Zu den wichtigsten Quellen für die Erschließung des plastischen Œuvre Karl Schmidt-Rottluffs gehörten Abbildungen und Fotografien der jeweiligen Werke, denn nur etwa zwanzig Prozent des zu erfassenden Materials gelangte in öffentliche Museen; der überwiegende Teil befindet sich in der Obhut von privaten Sammlern. Dies bedeutet für den Kunsthistoriker, daß er zunächst einmal Kenntnis von diesen Objekten erlangen und die privaten Sammler ausfindig machen muß; er benötigt deren Adressen, Abbildungen der von ihnen gesammelten Arbeiten und möglichst detaillierte Auskunft über das gesammelte Material. Als eine zusätzliche Schwierigkeit bewertete Wietek den Umstand, daß ein Großteil der hier besprochenen Arbeiten von Schmidt-Rottluff von Anfang an nicht für den Kunstmarkt bestimmt war, sondern von Schmidt-Rottluff verschenkt wurde. Manches gilt heute als verloren, so die 1918 in Rußland entstandenen Holzskulpturen, die von der Frau des Künstlers, Emy Schmidt-Rottluff, einer gelernten Fotografin, abgelichtet und dokumentiert worden waren.

Zu den frühen Schnitzwerken des Künstlers gehören die Objekte aus Holz, entstanden um 1911 in Dangast. Die vier Evangelisten aus getriebenem Messingblech von 1912 gehören zusammen mit den Bronzefiguren aus der Zeit um 1922 zu den Höhepunkten in Schmidt-Rottluffs plastischem Werk. Anhand der von Schmidt-Rottluff verwendeten Materialien wie Holz, Knochen und anderen Stoffen machte Professor Wietek anschaulich, "daß das Material nichts, die Form alles ist".

Obwohl Schmidt-Rottluff gern "an die Wand gehen" wollte - mit diesen Worten umschrieb der Künstler den Begriff Wandmalerei - ist lediglich ein einziges Wandbild Schmidt-Rottluffs aus dem heutigen Litauen bekannt, erhalten nur auf einer kleinen Fotografie. Daneben gibt es den Entwurf für eine Kirche in Frankfurt an der Oder, der nicht zur Ausführung gelangte. Schmuckarbeiten begleiten das übrige Werk Schmidt-Rottluffs während der gesamten Zeit von 1910 in Dangast bis 1959 in Berlin und bilden mit 156 Objekten aus unterschiedlichem Material den größten Komplex innerhalb des Werkverzeichnisses.

Bei der Präsentation des Werkverzeichnisses wurde offenbar, daß das umfangreiche plastische Œuvre Schmidt-Rottluffs dem malerischen und graphischen Werk nicht nachsteht. Mit der Bestimmung, Entstehung, Deutung und Einordnung des Materials in das Gesamtwerk des Künstlers hat Professor Gerhard Wietek einen grundlegenden Beitrag zur Wirkungsgeschichte Schmidt-Rottluffs geleistet. Nachdem nun das Werkverzeichnis vorliegt, wird - so die Vermutung von Professor Wietek - eine ganze Anzahl weiterer Arbeiten auftauchen, die bislang nicht zu eruieren waren. Für die nächste Zukunft erhofft sich Gerhard Wietek eine Ausstellung, die dem plastischen Werk Schmidt-Rottluffs gewidmet sein wird.