16.05.2002

Das Herz in den Wolken

von Eckhard Fürlus

Hans Sünderhauf zum Geburtstag

Am 22. Mai 2002 feiert der Berliner Maler und Bildhauer Hans Sünderhauf seinen 73. Geburtstag. Zusammen mit Kurt Mühlenhaupt gehört er zu den wichtigsten Protagonisten einer Kreuzberger Boheme- und Künstlerszene, die es heute noch zu entdecken gilt.

"Ich erkannte, daß er seine Bilder malen muß wie ein Vogel singt".
Kurt Mühlenhaupt

Vor etwa dreißig Jahren lernte ich Hans Sünderhauf kennen. Ich ging damals noch zur Schule, und zusammen mit einem Schulfreund war ich im Dezember 1969 von meinem Kunsterzieher Professor Hans Joachim Beyer beauftragt worden, eine Schaufensterpuppe als Empfangsdame für eine Weihnachtsausstellung zu gestalten. Zu den Initiatoren dieser Ausstellung, an der sich zahlreiche Künstler aus Jever und dem Umland beteiligten, gehörte Hans Sünderhauf. Jeder Ausstellungsbesucher bekam eine vergoldete Walnuß in die Hand; Glühwein wurde in Plastikbechern ausgeschenkt. Veranstaltungort war ein uraltes Haus in der Steinstraße in Jever - das Atelier von Hans Sünderhauf.

Im Anschluß an seine Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin bei den Professoren Stabenau, Schuhmacher und Strecker bezog Hans Sünderhauf zunächst sein Atelier in einem ehemaligen Fotoatelier in der Skalitzer Straße über den Dächern Kreuzbergs. Von hier knüpfte er seine Kontakte zur Berliner Künstlerszene, gründete eine Familie und sah sich gründlich um in Europa. Nach einem kurzem Intermezzo in Darmstadt zog Hans Sünderhauf 1965 zusammen mit seiner Frau Waltraut Sünderhauf und seinen beiden Töchtern Friederike und Caroline von Berlin nach Friesland, um dort am Progymnasium in Hohenkirchen eine Stelle als Kunsterzieher anzutreten. In Jever wirkte Hans Sünderhauf als Initialzündung und Motor für eine Kunstszene, die eben erst im Entstehen begriffen war; auf seine Initiative fand im Sommer 1969 die Ausstellung "Maler des Küstenraumes stellen aus" im Johann-Ahlers-Haus in Jever statt, und zum ersten Mal konnten hier - dokumentiert in einem Katalog - Arbeiten von so unterschiedlichen Künstlern nebeneinander betrachtet werden wie Walter und Gisela Baumfalk, Hans Joachim Beyer, Arthur Eden-Sillenstede, Franz Radziwill und Hans Sünderhauf - um nur einige zu nennen.

In seinem Atelier hatten wir uns kennengelernt; in seinem Atelier besuchte ich ihn dann auf seine Einladung hin zu einem längeren Gespräch und blickte das erste Mal in den Kosmos, den Hans Sünderhauf in seinen Bildern ausbreitete. Wenig später kam ich regelmäßig, um ihm Leinwände aufzuspannen, einen Linolschnitt abzuziehen oder einfach nur um mit ihm zu sprechen und einen Kaffee zu trinken und durfte ihm zusehen bei seiner Malerei in Öl und Acryl.

Neben den Öl- und Acrylbildern, Monotypien und zahlreichen Holzschnitten, gehört zum Œuvre von Hans Sünderhauf - abgesehen vom plastischen Werk - ein Konvolut von ca. 110 Radierungen, die zumeist als Eigendrucke - und als solche mit Bleistift kenntlich gemacht, unten links oder rechts unten signiert - entstanden sind. In den Farben blau, braun und - überwiegend - schwarz erscheint in ihnen ein Kanon regelmäßig wiederkehrender Versatzstücke: Blumen, Vögel, Fische, Engel, Katzen, Totenschädel und immer wieder Frauen, seltener ein Mann. Oft sind dies doppelgesichtige Frauen, aus denen eine geflügelte Frau mit einem Vogelkopf herauswächst, mitunter ein dreigesichtiges Haupt mit Vögeln an der Seite. Diesem Haupt entspringt eine Frau, den Kopf in den Wolken.

Ein anderes Blatt zeigt einen Mann, aus dessen rechtem Ohr ein Zweig mit Knospen wächst, einen Kopf, aus dem weitere Knospen herausragen, ein Auge, aus dem ein Zweig mit Blüten und Blättern rankt. Ganz unten ein Fisch, aus dessen Maul ein Zweig entspringt; seine Verlängerung bildet die Gräte des Fisches und wird zu seiner Schwanzflosse. Vor dem Hintergrund einer spanischen Küstenlandschaft sitzt eine Frau auf Fischen, vorn liegt eine Artischoke. Arme und Ohren der Frau werden eins. Zweige ranken an den Arm-Ohren heraus. Dann wieder Blumen, dahinter ein Fisch, eine Frau auf einem Krater mit einem Dreierkopf zwischen den gespreizten Beinen: eine Herbstfrau mit dem Dreizack des Neptun.

Ende der sechziger Jahre grenzte die Darstellung entblößter Frauen noch an ein Tabu. In den Printmedien waren sie kaum präsent, im Fernsehen überhaupt nicht. Als Teil der Pop Art tauchten sie auf in den Arbeiten von Anthony Donaldson, Richard Hamilton, Allen Jones, Fritz Köthe, Philip Pearlstein, John Wesley und Tom Wesselmann; sie waren Bestandteil der Plakatkunst oder der Coverart auf den Schallplattencovern der Jimi Hendrix Experience, von Juicy Lucy oder Grateful Dead. In dieser Zeit gruppierte Hans Sünderhauf die Frauen seiner Visionen in die friesische Sphäre, die ihn seit seinem Besuch bei Emil Nolde in Seebüll 1946 nachhaltig geprägt haben muß und die noch lange nach seinem Umzug nach Berlin 1972 seine Malerei und Graphik bestimmt.

Nähe und Verbundenheit mit der Küstenregion sprechen aus der Radierung Friesenpaar, auf der Hans Sünderhauf sich mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern monumental in die Landschaft gestellt hat. Das aus dem Januskopf des Paares heraus aufsteigende Herz strebt den Wolken zu. Links im Hintergrund erscheinen das Schloß und die Brauerei von Jever, rechts die Schlachtmühle, ganz vorn ein Hahn. Die Landschaft wird bestimmt durch Knospen, ein Herz, eine Hand und Wolken am Horizont.

In seinen Landschaften erblicken wir die Orte, an denen Sünderhauf selbst gelebt hat und heute immer noch lebt: Berlin, Spanien, Friesland und immer wieder Berlin - die Mauer, die Teilung in Ost und West, Berliner Bären nach rechts und links gewendet. Doppelgesichter und der Viererkopf durchziehen seine Bilder und repräsentieren alles das, was durch die Zahl vier bestimmt ist: die Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der englische, französische, amerikanische und russische Sektor Berlins, usw. In der christilichen Überlieferung ist die Drei die Zahl der Seele; ihr folgt die Vier als die traditionelle Zahl des irdischen Universums und des Körpers. Sie steht für die vier Grundtugenden Klugheit, Starkmut, Gerechtigkeit und Mäßigkeit, die vier Temperamente, die vier Winde und die vier apokalyptischen Reiter. Auf einer seiner Radierungen hat Hans Sünderhauf Kanonen in den Vordergrund gestellt. Apokalypse auch hier: Kinder mit erhobenen Händen, ein Frauen-kopf, ein Kind mit Schwert und Fackel, im Hintergrund Berlin, darüber der Viererkopf-Vogel - der Krieg.

Eros, Liebe, Geburt und Tod, der ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen - in den Arbeiten von Hans Sünderhauf sind dies die Symbole für das irdische Universum wie für das Wesen der Welt überhaupt.

Was für seine Malerei gilt, das hat Gültigkeit gerade auch für die graphischen, von Lyrismus verdichteten Arbeiten Hans Sünderhaufs: sie entstehen aus einem innerem Zwang heraus. Auf sehr treffende Art hat dies wohl Kurt Mühlenhaupt beschrieben, als er sagte: "Ich erkannte, daß er seine Bilder malen muß wie ein Vogel singt".