20.06.2002

Ich bin so wie ich bin

von Eckhard Fürlus

Klaus Kinski im Museum Nicolaihaus

Ich habe schon dem Kortner gesagt: „Du Arsch“, als er mir erklären wollte, wie ich über die Bühne latschen sollte. Und er hat gesagt: „Wenn der Kinski explodiert, ruft er wenigstens nicht seinen Anwalt und schmeißt die Probe.“
Klaus Kinski

Mit mehr als 500 Exponaten, darunter viele unbekannte Photographien, Plakate, Ton- und Filmaufnahmen, dokumentierte eine von Ina Brockmann und Peter Reichelt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin erarbeitete Ausstellung im Museum Nicolaihaus in der Brüderstraße vom 24. April bis zum 9. Juni 2002 Leben und Werk des außergewöhnlichen Theater- und Filmschauspielers Klaus Kinski.

Irgendwann Mitte der 80er Jahre hatte ich zusammen mit einer Freundin in einem Kino in Berlin-Steglitz einen Kinofilm sehen wollen, der für die Spätvorstellung angekündigt worden war und nur an diesem Abend gezeigt werden sollte. Um den Film zeigen zu können, hätten wenigstens acht Karten verkauft werden müssen, doch außer uns hatten sich nur noch zwei Interessenten eingefunden. Den Film – eine Adaption des Rolandsliedes – haben wir nie gesehen. Sein Titel: Roland. In der Hauptrolle: Klaus Kinski.

Das Nicolaihaus in der Brüderstraße im Berliner Nicolaiviertel wird mehr und mehr zum Theatermuseum, d. h. zur Theaterabteilung der Berliner Museen. Dies belegt eine Suite von fünf Ausstellungen, die das Theater zum Gegenstand hatten. Von den Geldnöten der Institution Nicolaihaus kündet die an Cheap presentation erinnernde Ausgestaltung der Ausstellungsräume und eine provisorische Ausstellungsarchitektur, die den vielen ausgezeichneten Fotodokumenten dieser Ausstellung allerdings erstaunlich gut bekommt.

Während der Einführung in die Ausstellung, die dem Theater- und Filmschauspieler Klaus Kinski (18. Oktober 1926 – 23. November 1991) gilt und ihn als schillernde Figur, als extrovertierte, exzessive, hochbegabte, radikale und spektakuläre Persönlichkeit schildert, macht Ina Brockmann deutlich, dass Kinski nach Berlin gehört. In Berlin wurde der Künstler Klaus Kinski geschaffen; hier entstand der Künstlername des in Zopot bei Danzig als Nikolaus Nakszynski geborenen Schauspielers.

1930 kommt Klaus Kinski als Kind mit seiner Familie nach Berlin-Schöneberg. Vierzehn Jahre später erfolgt sein Diensteintritt in die Deutsche Luftwaffe. Am 10. Dezember 1944 wird er in Arnheim in den Niederlanden gefangengenommen. Seine Kriegsgefangenschaft verbringt Kinski in Belgien und England.

Früher sind die Leute ins Kino gegangen, um den oder jenen spielen zu sehen. Der Regisseur war piepegal. Heute schreiben Leute, die glauben, eine Einstellung hundertzwanzigmal wiederholen zu müssen, ihren Namen größer als Shakespeare. Das kotzt mich an.
Klaus Kinski

Zur Schauspielerei findet Klaus Kinski während der Kriegsgefangenschaft in Berechurch-Hall bei Colchester, Essex, in England, als eine Kriegsgefangenenbühne – das Theater des „Camp 186“ – einen Schauspieler sucht, der in der Lage ist und auch die Statur dazu hat, Frauenrollen zu übernehmen. Der Einzige, der für diese Rollen in Frage kommt, ist Klaus Kinski. Photographien und per Hand gemalte Spielpläne aus den Gefangenenlagern dokumentieren diesen Einstieg Kinskis in die Theaterwelt. Zurück in Deutschland, folgt ein Zwischenspiel bei einem Tourneetheater. 1946 stellt er sich im Berliner Schlosspark-Theater als Schauspieler vor. „Ich lüge so unverschämt, dass ich behaupte, den Hamlet dargestellt zu haben, obwohl ich das Stück gar nicht kenne. Ich weiß nicht, ob mir jemand glaubt. Barlog engagiert mich nach dem ersten Vorsprechen.“ schreibt Kinski rückblickend in seinem Buch „Ich brauche Liebe“. Eine seiner ersten Theaterrollen in Berlin – als Student in „Dr. med. Hiob Prätorius“ von Curt Goetz – hatte er von dem Intendanten des Schlosspark-Theaters in Berlin-Steglitz, Boleslaw Barlog, bekommen. An dessen Bühne kann Kinski erste Theatererfolge verbuchen, doch seine Zusammenarbeit mit Barlog endet abrupt, als Kinski dem Intendanten aus einer Laune heraus die Fensterscheiben einwirft, die dieser unter größten Schwierigkeiten unmittelbar nach Kriegsende für sein Theater besorgt hatte. Klaus Kinski lebt nun abwechselnd in Berlin und München.

Im Juni 1956 spielt Kinski unter Fritz Kortner den Heinrich, Prinz von Wales, in Shakespeares „Heinrich IV.“ am Münchner Residenztheater. Der Münchner Merkur preist diese Aufführung als „die größte Shakespeare-Inszenierung, die nach dem Krieg in Deutschland gezeigt worden ist.“ Jedoch erweist er sich als immer weniger integrierbar; eine seiner Äußerungen macht dies deutlich, wenn er sagt: „Ich tue jeden Abend auf der Bühne das, was mir gerade einfällt; das ist am interessantesten.“ 1961 übernimmt Klaus Kinski in München zum letzten Mal eine Rolle für das Theater , von dem er sich 1962 endgültig verabschiedet. So überrascht es nicht, dass ein Katalog zu einer Ausstellung über Jürgen Fehling in der Akademie der Künste in Berlin Klaus Kinski mit keinem Wort erwähnt; dass er mit Fritz Kortner zusammengearbeitet hat, ist nur wenigen bekannt. Nur einmal noch ist er auf der Bühne, als er 1971 als Rezitator mit dem Programm „Jesus Christus Erlöser“ auf Tournee geht. „Kinski galt nicht wenigen damals als ein Ausnahmekünstler, als besessenes, maßloses Genie, das man nur zu gerne verehren und bewundern würde, wenn er sich nicht gar so aggressiv und vulgär gebärdete.“ formulierte Wilfried Wiegand in FAZ. Seine Lesungen aus dem Neuen Testament sind im Film festgehalten und enden in einem Debakel.

Seine Kinolaufbahn hatte Kinski 1947 als kleiner Nebendarsteller gestartet. 1960 ist er immer häufiger in Film und Fernsehen. Nach einer Zeit des Umbruchs, in der er als Rezitator von Gedichten François Villons, Arthur Rimbauds, Friedrich Nietzsches und anderen auftritt und die auf zahlreichen Schallplatteneinspielungen festgehalten sind, hat Kinski sich zum vielbeschäftigten Filmschauspieler entwickelt. Von 1947 bis 1988 spielt Klaus Kinski in 130 Filmen und zwei deutschen Fernsehspielen. Kult sind seine Edgar-Wallace-Filme und Italo-Western. Kinski tritt hier auf als die Inkarnation des Bösen. Sein Aufbegehren gegen Autoritäten und Regeln, seine Imagination von Freiheit, Nonkonformität und Widerstand tradieren den bürgerlichen Geniebegriff des 19. Jahrhunderts und bilden die Projektionsfläche für kleinbürgerliche Vorstellungen vom Künstler als Egomane und kompromisslosen Grenzüberschreiter. Am besten finde ich ihn in einem Interview mit Desiree Nosbusch am Strand von Lagunitas, dem letzten Wohnort Kinskis an der kalifornischen Küste. Fünf Filme hat Klaus Kinski mit dem Regisseur Werner Herzog gedreht: Aguirre, der Zorn Gottes; Nosferatu; Fitzcarraldo; Woyzeck und Cobra Verde. Bei der Präsentation von „Mein liebster Feind“ in Cannes – eine späte Abrechnung des oberbayerischen Regisseurs mit seinem wichtigsten Schauspieler – wurde der Film ernsthaft als „autobiographische Kostbarkeit“ des Regisseurs abgefeiert.

Viele der ausgestellten Fotos sind Leihgaben von Familienmitgliedern. Die Aufnahmen der Wiener Bühnenfotografin Elisabeth Hausmann zu „Torquato Tasso“, den Kinski 1956 am Burgtheater in Wien spielte, belegen, wie peinlich genau in Kostüm und Pose Klaus Kinski sich an Joseph Kainz orientiert. Weitere Photographen dieser Ausstellung sind Rudolf Betz, Werner Borchmann, Ilse Buhs, Harry Croner, Werner Eckelt, Siegfried Enkelmann, Oscar Horowitz, Hans Hubmann, Gerard Rancinan, Felicitas Timpe, Gabriele du Vinage, Harry Weber und andere.

In der Pressekonferenz spricht Ingo Insterburg über Klaus Kinski, mit dem er Ende der 50er Jahre zusammenarbeitete und in Berlin eine Wohnung teilte. Nach seiner Zusammenarbeit mit Klaus Kinski befragt, bezeichnet Ingo Insterburg ihn, Kinski, eher als einen Sprecher denn als Sänger und spielt damit an auf Kinskis Suche nach dem perfekten Ausdruck und auf seine Sprachorgien, die man in den Hörspielen nacherleben kann, so z. B. in „Romeo und Julia“, einer Bearbeitung für den Berliner Rundfunk aus dem Jahre 1949, in der Kinski in zügelloser Unbedingtheit die Hauptrolle spricht. Wenig gelacht habe er, so als ob er sich selbst dabei ertappt hätte, dass er mal lustig war. Kinski habe von Anfang an alles fest im Griff gehabt. „Alles, was ich an Ausbrüchen bei Kinski erlebt habe, war gerechtfertigt.“

Ein unangenehmer Mensch – so lautet die einhellige Meinung über ihn, die man lange Zeit in der Öffentlichkeit hören konnte. Menschen, die ihn näher kannten, Freunde, Kollegen und Verwandte, nennen ihn liebenswürdig und sprechen fast zärtlich über ihn. Gislint Kühbeck, seine erste Frau – Kinski war dreimal verheiratet – sagt über Klaus Kinski: „Wunderbar, aber unaushaltbar.“