07.07.2002

Jonathan Meese – "Young Americans"

von Eckhard Fürlus

Vor wenigen Tagen ging in der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin die Ausstellung "Young Americans" von Jonathan Meese zu Ende. Es ist die dritte Ausstellung des 1971 in Tokio geborenen Künstlers bei Contemporary Fine Arts, in der zum ersten Mal ausschließlich Gemälde präsentiert wurden.

Mich interessiert, ob jemand willens ist, bei dem, was er tut, radikaler als alle anderen zu sein.
Das ist der Ausgangspunkt.
Jonathan Meese

Der Titel der Ausstellung ist der Titel einer älteren Langspielplatte von David Bowie aus der Zeit, kurz bevor dieser von Los Angeles nach Berlin übersiedelte. Was Jonathan Meese selbst im Zusammenhang mit seinen jüngsten Ausstellungen sagt, erinnert jedoch mehr an das, was Iggy Pop nach der Veröffentlichung von "American Caesar" meinte, wenn er feststellt: "Vor drei Jahren war das noch nicht klar, aber jetzt wird deutlich, dass wir uns gesellschaftlich in einer totalen Umbruchphase befinden. Wir stehen kurz vor so was wie dem Römischen Reich, einem Ultra-Staat. Es ist die Zeit der Menschenjagd."

Radikalität ist das Kriterium für diejenigen Künstler, an denen Jonathan Meese interessiert ist, und es verwundert nicht, dass er ausgerechnet Balthus, auf den er immer wieder verwiesen hat, für die herausragende Künstlerpersönlichkeit hält. Geboren in Tokio und aufgewachsen in Ahrensburg, hat Jonathan Meese von 1995 bis 1998 an der Hamburger Kunsthochschule bei Franz Erhard Walther studiert. Zusammen mit John Boch und Christian Jankowsky bildete er eine Gruppe, die sich Neuaktionisten nannte und auf die Harald Szeemann den Begriff Konfusionisten anwendete.

Seiner Maxime gemäß, die besagt, dass man Dinge machen muß, die keine Schule machen, hat Jonathan Meese sein Studium konsequenterweise nicht beendet; Kunstpreise, Stipendien und Professuren lehnt er ab, doch schon jetzt kann Jonathan Meese auf eine äußerst rege Ausstellungstätigkeit in international renommierten Galerien in Bielefeld, Frankfurt, Köln, London, Mailand, Mönchengladbach, New York, St. Gallen Wien und Wolfsburg zurückblicken. Bekannt wurde er durch seine an Zimmer von Jugendlichen erinnernden, mit Malerei, Zeichnungen, Photographien, Skulpturen und Lichtkästen kombinierten Rauminstallationen, so bei seiner Teilnahme an der Berlin Biennale 1998, wo er den "Marquis de Sade-Raum" zeigte, oder mit der "Volkszorn / Wilhelm I-III" betitelten Ausstellung, die er im Januar 2000 in der Galerie Christian Nagel in Köln präsentierte, und seine Performances z. B. mit dem amerikanischen Künstler Raymond Pettibon.

Das ist vielleicht das Wichtigste: So lange wie möglich ein Kind bleiben.
Jonathan Meese

Seit kurzem hat Jonathan Meese auch Bilder gemalt, die – in der Form traditioneller Tafelbilder – von ungeheurer Ausdruckskraft sind. Die in dieser Ausstellung erstmals gezeigten Gemälde Meeses stammen aus den Jahren 2001 und 2002. In Formaten von 80 x 60 cm ("Der Barbarenprofessor (Selbstportrait)" bis zu 210 x 420 cm ("Wer von Euch ist fähig das Schwanzkreuz zu tragen?") erinnern sie durch ihren ungebändigten Malgestus an die vor 20 Jahren aktuelle heftige Malerei. Fast immer sind sie auch mit Texten oder Namen versehen und transportieren eine abenteuerliche Mixtur aus Popkultur und abendländischer Kulturgeschichte. In ihnen begegnen sich Figuren aus Comics, aus Fantasy- wie Science-Fiction-Filmen, aus Literatur und Zeitungsausschnitten. Sie heißen Godzilla, Homungus (nach einer Figur aus "Mad Max"), Predator, Conan, das Tittenmonster, Yves Saint-Laurent und Zardoz. Neben Adler, Echsen, Insekten, einer schwarzen, quadratischen Sonne und den Schwanzmenschen sehen wir in dieser Schau Charlie Chaplin als "Der große Diktator" und registrieren die vielen expliziten Anspielungen auf Martin Heidegger, Adolf Hitler, Isis, Alex de Large (den Protagonisten aus dem von Stanley Kubrick verfilmten Roman "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess), Keith Richard und Saint Just. Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht, sekundiert von mehreren Selbstbildnissen des Künstlers, so beispielsweise als "Dr. Cyclops Jonathan Meese", der amerikanische Dichter Ezra Pound, präziser: der wegen Hochverrats angeklagte und in einem Käfig in Pisa gefangene Dichter und Sänger Pound, der Verfasser der Pisaner Cantos. Ihn hat Meese in dieser Ausstellung thematisiert, mit dieser Ausstellung, zu der ein Katalog erschienen ist, will er ihn den Amerikanern zurückgeben.

Jonathan Meese: "Young Americans"
CFA Contemporary Fine Arts
Sophienstraße 21
10178 Berlin
20. April – 22. Juni 2002
www.cfa-berlin.com