17.07.2002

Lesser Ury - Bilder der Bibel

von Eckhard Fürlus

Lesser Ury (1861-1931) gehört zu den ersten Malern in Deutschland, die die Großstadt und das Leben in der Metropole zum Thema machten. Bekannt ist er für seine Darstellungen Berliner Straßenszenen, Caféhäusern und für seine ausdrucksvollen Landschaften. Weniger bekannt sind seine großformatigen Bilder der Bibel, von denen die meisten bis heute als verschollen gelten. Eine Ausstellung im Centrum Judaicum fokussiert das unbekannte Œuvre dieses Malers.

Lesser Ury war überzeugt, dass Kunst untrennbar verbunden ist mit Gesellschaft und Humanität.

Lesser Ury gilt vielen als der Zauberer des Lichts und der Farbe. Ihn auch als den Maler der "Bilder der Bibel" vorzustellen, hat sich das Centrum Judaicum in Berlin mit einer Ausstellung zur Aufgabe gemacht, die noch bis zum 31. August 2002 zu sehen sein wird. Im Œuvre Urys nehmen diese Bilder nur einen kleinen Raum ein; von 1500 Werken sind es gerade mal 100, die biblische Themen zum Inhalt haben. Von der Kunstkritik abgelehnt, wurden sie in ihrer Einzigartigkeit lediglich von der damals noch jungen zionistischen Bewegung und von Martin Buber als ihrem Wortführer erkannt und gefeiert.

In seiner Auffassung von Kunst und Künstlertum unterscheidet sich Lesser Ury grundsätzlich von seinem Zeitgenossen Max Liebermann. Aus ihren gegensätzlichen Positionen entspringt die erbitterte Feindschaft zwischen den beiden Künstlern, die einer kurzen Phase enger Freundschaft folgte. Während Liebermann der Ansicht war, "nur ein Maler" zu sein, hat Ury sich immer auch ganz bewusst als einen jüdischen Künstler verstanden, der jüdische Kunst schafft. Lesser Ury war überzeugt, dass Kunst untrennbar verbunden ist mit Gesellschaft und Humanität.

Lesser Ury wird am 7. November 1861 in Birnbaum bei Posen geboren. 1867 stirbt sein Vater. Die Familie zieht 1872 nach Berlin. Eine Kaufmannslehre bricht Ury nach 12 Monaten ab, um sich in Düsseldorf an der Kunstakademie einzuschreiben. Weitere Studienaufenthalte sind Paris, Brüssel und München, bevor er 1887 endgültig nach Berlin zurückkehrt. 1898 vollendet Ury sein einziges Triptychon "Der Mensch". Auf der Großen Berliner Kunstausstellung von 1906 ist er mit 28 Öl- und Pastellbildern vertreten. Eine Ury-Retrospektive in der Galerie Paul Cassirer spart die biblischen Werke aus. 1921 wird Ury Ehrenmitglied der Berliner Secession. Sechs Jahre später erleidet Lesser Ury einen Herzanfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Es entstehen eine Reihe Selbstportraits, darunter das Pastell "Der kranke Ury". Als Ury 1931 stirbt, ehrt ihn die Berliner Nationalgalerie mit einer Ury-Gedenkausstellung, auf der 158 Gemälde und Pastelle aus allen Schaffensphasen zu sehen sind, darunter auch die beiden Monumentalwerke "Jeremias" und "Die Sintflut".

In seinem Bestreben, moderne jüdische Kunst zu schaffen, sucht Ury nach einer genuin jüdischen Ausdrucksweise, bei der er bewusst den Rückgriff auf christliche Vorbilder vermeidet. Anregungen empfängt er aus der Auseinandersetzung mit der hebräischen Bibel, die er als "das schönste Buch, das je geschrieben wurde", bezeichnet, aber auch aus einigen Gemälden Rembrandts.

  • Lesser Ury im seinem Atelier am Nollendorfplatz 1 vor dem Triptychon Der Mensch (1898), um 1927

Die meisten Monumentalbilder mit biblischen Motiven stammen aus der Zeit zwischen 1890 und 1910; sie konzentrieren sich auf die Darstellung einzelner Figuren auf großen Leinwänden wie z. B. in den Gemälden "Adam und Eva mit ihrem Erstgeborenen" (1896), "Rebekka am Brunnen" (1908), "Jakob segnet Benjamin" (1926) oder in den Moses Darstellungen in seinen verschiedenen Lebensphasen. Das erste der Öffentlichkeit präsentierte Werk mit religiöser Thematik ist das Bild "Jerusalem". In eindrucksvoller Weise zeigt es trauernde Juden – Männer und Frauen im Gegenlicht - an den Wassern von Babylon. 1896 wurde es von dem Zürcher Kommerzienrat Gustav Henneberg gekauft, der es 1903 dem Kaiser-Friedrich-Museum in Görlitz schenkte. Seit 1945 galt dieses Gemälde als verschollen. Völlig überraschend tauchte es im vergangenen Februar im Berliner Kunsthandel auf, darf aber aufgrund einer Weisung der Berliner Staatsanwaltschaft nicht gezeigt werden. Nur als großformatige Reproduktion ist es in der Ausstellung zu sehen.

Aus dem Jahr 1897 stammt das Gemälde "Jeremias". Auf fast drei mal drei Metern hat sich der Künstler selbst als Propheten dargestellt, der auf der weiten dunklen Erde liegt. Schon von den Zeitgenossen Urys wurde es als bewusste Abkehr von der üblichen Darstellung dieses Themas begriffen. Auf der ersten Ausstellung jüdischer Künstler anlässlich des V. Zionistischen Kongresses in Basel 1901 ist das Werk enthusiastisch gefeiert worden, doch es blieb bis zum Tod des Malers am 13. Oktober 1931 in dessen Atelier am Nollendorfplatz. Martin Buber hat über dieses Gemälde geschrieben: "Die Stilverderbnis unserer Zeit hat uns gewöhnt, bei Nennung eines Jeremias-Bildes an einen effektvoll drapierten Greis zu denken, der mit pathetischer Trauergeberde auf kulissenartigen Ruinen thront. Nun treten wir vor diesen Jeremias. Ein weiter, mit allen Schauern der Unendlichkeit wirkender Nachthimmel über einem kleinen, wüsten Erdenstücke." Das großformatige "Jeremias"-Gemälde ist heute verschollen, und lediglich in einer kleineren Fassung aus einer privaten Sammlung ist es in der Ausstellung zu sehen.

Ebenfalls als verschollen gelten andere großformatige Bilder Urys, so z. B. das riesige Triptychon "Der Mensch", das sich im Besitz der Berliner Jüdischen Reformgemeinde befand, und so bleibt "Die Sintflut" das einzige Monumentalgemälde Urys, das in dieser Ausstellung präsentiert wird. Nachdem es im Dezember 1931 auf der Lesser Ury Gedenkausstellung in der Berliner Nationalgalerie gezeigt wurde, ist es nun, nach mehr als 70 Jahren, zum ersten Mal wieder in Berlin zu sehen.

Bis an sein Lebensende hielt Lesser Ury die Bilder der Bibel für den wichtigsten Teil seines künstlerischen Schaffens; an seinem 65. Geburtstag sagte er über diese Bilder, sie seien die einzigen guten Bilder, die er gemalt habe. Eigens für diese Ausstellung, zu der auch ein Katalog erschienen ist, wurden viele Bilder Urys aus Israel und aus New York nach Berlin geholt; dazu kommen Werke aus öffentlichem und privatem Besitz in Deutschland. Zusammen geben sie einen umfassenden Einblick in die Welt eines Malers, dessen Ziel es war, an der "Erhöhung des Menschentums" mitzuwirken und eine Antwort zu finden auf die Frage nach jüdischer Existenz in der modernen Gesellschaft.

Lesser Ury - Bilder der Bibel
Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum"
Oranienburger Straße 28-30
10117 Berlin
9.6.-31.8.2002
www.cjudaicum.de