06.06.2004

Grace Kairos oder Die Gunst des entscheidenden Augenblicks

von Eckhard Fürlus

Zur Henri Cartier-Bresson Retrospektive im Martin-Gropius-Bau

Dieser entscheidende Augenblick, so hat es Cartier-Bresson selbst einmal formuliert, mache es möglich, das Leben auf frischer Tat zu ertappen.

Nach der Retrospektiv-Ausstellung in der Bibliothèq ue nationale de France in Paris anlässlich seines 95. Geburtstages im vergangenen Jahr zeigen die Berliner Festspiele und die Fondation Henri Cartier-Bresson vom 15. Mai bis zum 15. August 2004 im Martin-Gropius-Bau in Berlin über 350 Arbeiten des Fotografen und Zeichners Henri Cartier-Bresson.

In der griechischen Mythologie bezeichnet Kairos den Gott des günstigen Augenblicks. Die christliche Religionsphilosophie hat unter diesem Begriff die erfüllte Zeit zusammengefasst oder auch die Zeitwende so benannt. In der Existenzphilosophie ist mit Kairos der Augenblick einer weittragenden Entscheidung gemeint. In seinem Katalogbeitrag zur Henri Cartier-Bresson Retrospektive schreibt Jean Clair, Direktor des Pariser Musée de Picasso: "Kairos, das ist die Kunst der Beherrschung der Dinge."

Dass Henri Cartier-Bresson es verstanden hat, die Dinge zu beherrschen, das macht die Ausstellung deutlich, die im vergangenen Jahr in der Bibliothèque nationale de France in Paris zu sehen war und die vor wenigen Tagen im Martin-Gropius-Bau in Berlin eröffnet wurde. Für Henri Cartier-Bresson, den Jahrhundertfotografen, ist der Kairos der "moment décisive", der "entscheidenden Augenblick". Dieser entscheidende Augenblick, so hat es Cartier-Bresson selbst einmal formuliert, mache es möglich, das Leben auf frischer Tat zu ertappen. Jean-Noël Jeanneney meint dasselbe, wenn er sagt: "Die besondere Beziehung, die Henri Cartier-Bresson zum Zufall unterhält, ermöglicht ihm oft, genau den Augenblick zu erfassen, in dem die Geschichte umschlägt. Die letzten Momente Chinas vor Mao, die letzten Momente Indiens unter britischer Kolonialherrschaft, aber auch die letzten Momente großer Persönlichkeiten aus Politik und Literatur, wie die Fotografie von Gandhi, der eine Stunde nach der Sitzung, die er dem Fotografen gewährt hatte, ermordet wurde - oder Faulkner kurz vor seinem Tod."

  • Henri Cartier-Bresson, ©
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Zu den "moments décisives" gehört ebenso das Foto von Alberto Giacometti, wie er 1961 in strömendem Regen mit dem über den Kopf gezogenen Mantel eine Straße in Paris überquert, das Portrait des französischen Schriftstellers Jean-Paul Sartre in Paris 1946, bekannte Portraitaufnahmen von Personen wie Ezra Pound, Truman Capote, Jean Genet, Pierre Bonnard, Igor Stravinsky - sie erscheinen als Teil eines kollektiven Gedächtnisses, ohne jedes Mal auf ihren Urheber zu verweisen.

Eigentlich hatte er selbst kommen wollen, um bei der Eröffnung der Ausstellung, die Cartier-Bresson als einen Zeugen des 20. Jahrhunderts ausweist, anwesend zu sein. Ein Unfall verhinderte dann seine Teilnahme bei diesem Ereignis.

Henri Cartier-Bresson, kurz HCB, wurde am 22. August 1908 in Chanteloup geboren. Mit 15 Jahren entdeckt er seine Leidenschaft für die Malerei und für den Surrealismus, und er beginnt 1927 das Studium der Malerei. Bei einem einjährigen Aufenthalt an der Elfenbeinküste 1931 mach Cartier-Bresson seine ersten Fotografien. Ein Jahr später kauft er eine Leica. Erste Arbeiten zeigt der Galerist und Kunstliebhaber Julien Levy 1932 in New York. Es folgen Ausstellungen in Madrid und Mexiko. 1936 und 1939 ist HCB Produktionsassistent bei Regisseur Jean Renoir in Paris. Schon im ersten Kriegsjahr gerät Cartier-Bresson, der in den Filmdienst der Armee eingezogen wird, in deutsche Gefangenschaft. Nachdem zwei frühere Fluchtversuche gescheitert waren, gelingt ihm 1943 die Flucht. Henri Cartier-Bresson schließt sich einer geheimen Hilfsorganisation für Gefangene und Geflohene an. Er portraitiert Künstler und Schriftsteller, darunter Henri Matisse, Pierre Bonnard, Pablo Picasso und Paul Claudel. 1947 gründet er zusammen mit Robert Capa, David Seymour, William Vandiver und Georges Roger die genossenschaftlich organisierte Fotoagentur Magnum Photos. Cartier-Bresson arbeitet für Harper's Bazar, Life Magazine und für die linke Tageszeitung "Ce Soir". Für seine Fotografien reist HCB nach Burma und Pakistan, durch Europa, die UdSSR und die Volksrepublik China. Vier Kontinente hat Henri Cartier-Bresson in nicht ganz 40 Jahren bereist und dabei mit seiner Leica Situationen politischer, wirtschaftlicher sowie sozio-kultureller Umwälzungen aufgenommen. Seit 1974 widmet sich Cartier-Bresson vorwiegend der Zeichnung. Mit dem Diktum "Das Photo ist eine unmittelbare Handlung, die Zeichnung ist eine Meditation." hat Henri Cartier-Bresson den Unterschied zwischen Fotografieren und Zeichnen deutlich gemacht.

Die Retrospektivausstellung im Martin-Gropius-Bau zeigt zum ersten Mal eine umfassende Zusammenstellung von Materialien, die bislang noch nicht gemeinsam zu sehen waren: seine ersten Fotografien und unveröffentlichte Originalabzüge, die Vintage prints, eine Auswahl aus dem fotografischen Hauptwerk, dazu Bücher, Monografien und persönliche Erinnerungen an diesen großartigen Fotografen. Ein eigener Bereich ist dem Zeichner und Künstler Henri Cartier-Bresson gewidmet.

Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter gründete er 2003 die Fondation Henri Cartier-Bresson in Paris. Cartier-Bresson, der heute in Paris lebt, hat einmal behauptet: "Letztendlich interessiert mich das Foto selbst überhaupt nicht. Das einzige, was ich will, ist, einen Sekundenbruchteil der Wirklichkeit festhalten."

Die Retrospektive über den Fotografen und Künstler Henri Cartier-Bresson, der im vergangenen Jahr 95 Jahre alt wurde, ist bis zum 15. August außer an Dienstagen täglich von 10 bis 20 Uhr im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Das prächtige Begleitbuch zu dieser Schau mit dem Titel "Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson? Das Lebenswerk in 602 Bildern" Ist bei Schirmer/Mosel erschienen, hat 434 Seiten und kostet als broschierte Ausgabe in der Ausstellung 49,80 EUR.

Vom 2. Juni bis zum 14. August 2004 ist in der Galerie Berinson in der Auguststraße 22 in Berlin-Mitte eine Ausstellung mit Vintage silver prints von Henri Cartier-Bresson zu sehen. Diese Ausstellung ist dienstags bis samstags von 14 bis 19 Uhr geöffnet. Informationen dazu gibt es im Internet unter www.berinson.de.