20.08.2004

"Ich spüre die Bilder im Kopf."

von Eckhard Fürlus

Ein Interview mit dem Fotografen John Schuetz über seinen neuen Zyklus "bareleaf"

"Die Kamera ist für mich ein Werkinstrument wie mein Skalpell."
John Schuetz

Am 25. August 2004 eröffnet die Galerie Seitz und Partner in Berlin eine Ausstellung mit neuen Fotoarbeiten des amerikanischen Künstlers John Schuetz aus dessen aktuellem Zyklus "bareleaf". Für seine Fotografien zerschneidet der am 24. Dezember 1944 in den USA geborene Schuetz die von ihm mit einer Kamera aufgenommene Dias und setzt sie am Leuchttisch neu zusammen. Das Collage-Prinzip will John Schuetz für seine Arbeiten nicht gelten lassen. Seine Bilder versteht er als Montagen; sich selbst sieht er als Fotomonteur. Das Gespräch fand im Vorfeld zur Ausstellung am 13. August im Atelier des Künstlers statt.

Eckhard Fürlus: Wie kamst Du zur Fotografie? Gab es einen Weg dorthin, oder ging es gleich mit dem Fotografieren los?

John Schuetz: Die Fotografie hat angefangen in meiner Kindheit. Mein Vater war ein großer Fan der Fotografie. Wir sind am Wochenende losgefahren, und ich hab ihm geholfen, sein Equipment zu tragen und er hat alles fotografiert. Im Sommer 1954 haben wir nach einem ungeheuren hurricane an der Ostküste von Connecticut und Rhode Island, den Strand besichtigt. Die Fotos bzw. die Dias habe ich noch zu Hause, wo wir beide die kaputten Häuser fotografiert haben. Das hat mich wahnsinnig fasziniert – diese veränderte Architektur durch einen Sturm. Und wie gesagt: die Fotos sind noch zu Hause, die Dias sind noch zu Hause; ich habe sie seit Ewigkeiten nicht mehr angeschaut. Darauf geht alles zurück.

Später bin ich auf ein Internat, dann zum Studium zur Uni gegangen. Ich habe Kunstgeschichte, Kunst und Theaterwissenschaften studiert und habe das kombiniert mit Bildhauerei. Ich denke, das steht in Verbindung mit der veränderten Form. Und die Fotografie ist nicht aufgetaucht, bis ich 1971 wieder in Berlin gelandet bin. Damals hatte ich den Künstler Wolf Kahlen kennen gelernt. Die Fotografie ist wieder zurück zu mir gekommen. Ich habe mich getraut, wieder mit der Fotografie umzugehen. Ich bin meinen Weg mit der Fotografie gegangen, und natürlich ist das die Fotomontage.

  • John Schuetz

Eckhard Fürlus: Die neue Ausstellung, die am 25. August eröffnet wird, zeigt ja ausschließlich neue Arbeiten, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Wie viele Arbeiten werden das sein?

John Schuetz: Insgesamt ist das ein Zyklus von 27 Arbeiten. Dieser Zyklus heißt "bareleaf". Das ist eine Geschichte über eine Pflanze, die ich übernommen und gepflegt habe, und am Anfang hatte ich kein Verhältnis zu dieser Pflanze. Ich habe die Pflanze nicht geliebt oder gemocht, aber dann, in der Veränderung mit dieser Pflanze, habe ich etwas entdeckt und beobachtet, was mich fasziniert hat. Ich habe die Blätter dieser Pflanze gesammelt und hier in meinem Atelier unter Tageslicht mehrmals am Tag fotografiert. Immer mit einem wechselnden Tageslicht habe ich fotografiert. Das abgestorbene Blatt hat immer einen neuen Farbton gehabt und immer eine neue Struktur angenommen. Das hat mich fasziniert, dieses Architektonische, dieses Archaische. Veränderung der Form. Ich habe zwei Jahre an diesem Zyklus gearbeitet, und jetzt werden sieben Arbeiten ausgestellt.

Eckhard Fürlus: Ist es richtig, dass Du in erster Linie in Zyklen arbeitest, daß Deine Arbeiten in Zyklen zusammengefasst sind und ein bestimmtes Thema zum Inhalt haben?

John Schuetz: Ich mache keine dokumentarischen Fotos. Ich verarbeite dieses Fotomaterial. Das bedeutet, dass ich etwas beobachtet, etwas gesehen habe, und ich beobachte das eine lange Zeit. Ich retuschiere manchmal Information. Ich fange an zu fotografieren und sammle eine Menge Film. Dann gehe ich ins Atelier an den Leuchttisch und fange an, den Film zu schneiden und baue auf einen neuen Träger einen neuen transparency. Und dieses transparency wird dann nach weiter Bearbeitung ein neues Bild sein.

Eckhard Fürlus: Das ist also durchaus ein Collage-Prinzip ...

John Schuetz: Eine Montage.

Eckhard Fürlus: Eine Montage ...

John Schuetz: Ich sage Montage, weil Collage für mich mehr zu tun hat mit Papier und wie man z. B. Papier ausgeschnitten hat und gelegt und geklebt hat auf einen neuen Träger, Leute wie Raoul Hausmann, Hannah Höch, John Heartfield, Moholy-Nagy, Robert Rauschenberg und andere Künstler, die dieses Prinzip benutzt haben. Auch die Arbeiten von Giorgio Morandi. Aber Montage hat für mich etwas zu tun mit direkter Arbeit mit dem Filmmaterial. Ich baue aus dem Film selbst, nicht aus den Abbildungen ein Filmprint, sondern direkt mit dem Film baue ich ein neues Bild. Es kommen mehrere Stücke zusammen; manchmal kann eine Arbeit aus zwei, drei Teile bestehen, und manchmal gibt es Arbeiten, die haben 33, 35, 40 verschiedene Teile.

Eckhard Fürlus: Kann man in dem Zusammenhang von Dekonstruktion sprechen?

John Schuetz: Ja. Absolut.

Eckhard Fürlus: Welche Rolle spielt für Dich und Deine Arbeit der Fotoapparat? Ist der Fotoapparat der eigentliche Farbengeber vielleicht in der Form eines Farb- oder Malkastens, eine Art painting box? Oder ist das zu pejorativ gesprochen?

John Schuetz: Nein. Die Kamera ist für mich ein Werkinstrument wie mein Skalpell. Wie eine Palette für einen Maler ein wichtige Fläche ist für seine Farben. Wie die Pinsel sehr wichtig sind, die der Maler benutzt. Verschiedene Werkzeuge, die ein Bildhauer hat in seinem Atelier. Es ist ein tool. Ja, ganz einfach ein tool. Ein anderer Teil der Arbeit sind die Skizzen, die ich mache, ein weiterer Teil der ganzen Arbeit, des ganzen Rituals, ist der Arbeitsprozess auf dem Tisch.

Eckhard Fürlus: Du hast einmal erwähnt, dass dem Licht bei Deinen Arbeiten eine ganz besondere Bedeutung und eine Aufgabe zukommt. Es ist ja nicht nur das Licht unterschiedlicher Tageszeiten, sondern auch des Ortes. Spielt Räumlichkeit, Topographie eine Rolle in dem Sinne, dass es sich um Arbeiten handelt, die in Berlin entstanden sind? Wie es auch Arbeiten gibt, die in den USA entstanden sind. Hat der Ort auch eine Bedeutung?

John Schuetz: Absolut. Für mich. Ja. Ich bin kein Mensch, der auf einen bestimmten Ort fixiert ist zu arbeiten. Wenn ich auf Reisen bin, habe ich immer mein Werkzeug mit mir, das heißt meine Kamera, genug Film, Fotos zu machen. Wenn ich etwas entdecke, das mich interessiert, dann fange ich an zu arbeiten. Ich mache dann sofort Skizzen. Manche Sachen werden fertig gemacht, manche Sachen nicht. Manche Filme liegen unbenutzt bei mir, das heißt, ich habe Bilder gemacht, die Streifen liegen da, aber das Material benutze ich nicht, weil es mich jetzt nicht anspricht. Zum Beispiel habe ich jetzt vor 18 Jahren Material auf dem Flohmarkt in London gekauft. Gerade jetzt bin ich beschäftigt mit einem neuen Zyklus mit diesem Material, weil ein Freund von Information ist zu mir gekommen, das, was ich auf dem Flohmarkt gekauft habe, hat richtig korrespondiert mit dieser Information über einen anderen Fotografen; da war eine connection, und da habe ich gesagt: Gut, ich mache jetzt eine Arbeit. Ich spüre die Arbeit; ich spüre die Bilder im Kopf, die ich habe, und ich habe jetzt angefangen, einen neuen Zyklus zu machen.

Eckhard Fürlus: Die Arbeiten von Dir sind immer auch biographisch, d. h. zum einen spiegeln sie auch die Entstehungsorte wieder, zum andern aber auch die Situation, in der Du dich befindest. Es gibt eine Arbeit, die Deiner Tochter gewidmet ist. Solche Arbeiten tauchen immer wieder auf, unabhängig von den Zyklen, nehme ich an. Das sind Dinge, die parallel entstehen.

John Schuetz: Korrekt. Natürlich sind meine Arbeiten für mich sehr intim, denn Kunst ist eine sehr intime Sache. Es ist egal, in welcher Form, in welchem Medium es ausgedrückt wird. Es ist ein sehr privates Erlebnis. Wenn eine Arbeit schon fertig ist, dann kann ich egoistisch sein und sagen: Gut, ich behalte das Bild für mich. Aber das macht mir keinen Spaß. Das finde ich nicht interessant genug für mich. Ich finde es noch interessanter, es abzugeben an andere Leute und zu hören: Haben sie auch das gleiche Erlebnis wie ich? Manchmal doch, ja, haben sie. Ich finde, wir sind manchmal ähnlich in dem was wir sehen und hören und erlebn, und manchmal auch nicht. Wir sind in ein total anderes sphere. Das interessiert mich. Doch, ja. Alle meine Arbeiten haben etwas mir mit zu tun. Ich arbeite nicht aus einer fremden Phantasie. Aber es kommt immer sehr nahe. So funktioniert es mit meiner Arbeit.

Eckhard Fürlus: Haben die Bilder, die am Leuchttisch entstehen, ein bestimmtes Format? Oder sind sie unterschiedlich bezüglich ihrer Größe?

John Schuetz: Es ist unterschiedlich. Ich habe 1978 angefangen mit der Fotomontage. Damals habe ich alle meine Bilder 35 Millimeter groß gemacht. Heute bin ich auf einem viel größeren Format. Ich brauche eine große Fläche zum Arbeiten, denn ich habe mit einem großen Träger mehr Bewegungsfreiheit. Ich kann auf dieser Fläche mehr machen als auf einer kleinen Fläche von 35 Millimetern. Auf jeder Arbeit gibt es ein oder zwei Flächen, wo das Bild sehr scharf ist. Das Bild wird weicher. Vorher habe ich das Bild geschnitten, und die Kanten waren alle sehr keen. Keen. Keen bedeutet sehr scharf.

Eckhard Fürlus: Hard edge.

John Schuetz: Absolut hard edge. Jetzt habe ich diese hard edge Linie weicher gemacht, weil wir das nicht so sehen. Wir sehen immer das sehr scharfe und dann im Hintergrund das Unscharfe. Und das habe ich hineingebracht als ein neues effect in meine Arbeiten. Das Auge kann wandern über das Blatt, über das Bild, und immer eine neue visuelle Entdeckung machen. Und trotzdem innerhalb des gesamten Bildes ist es ein neues Erlebnis.

Eckhard Fürlus: Was mir auch sehr gut gefällt bei den Arbeiten sind diese natürlichen Linien der Blätter, die mit den geometrischen Formen kombiniert werden.

John Schuetz: Ich habe diese Methode immer in meinen Arbeiten benutzt. Jetzt, in diesem Zyklus, habe ich das auch benutzt, und ich habe langsam das Gefühl gehabt, ich sei gehemmt, ich könnte nichts mehr bewegen. Ich wollte rausbrechen, und darum sind einige der Bilder geöffnet; sie sind offen. Es ist eine ganz andere Bildsprache. Und das ist alles, was ich innerhalb dieses Arbeitsprozesses erlebt habe, innerlich. Ich wollte frei sein mit dem image selber. Ich habe immer versucht, die Farben von dem image in Hintergrund reinzubringen und zu bearbeiten. Das heißt, diese Farben sind zu finden in dem image selber. Irgendwo in dem Bild kann man das finden. Dieses Grün ist im unteren Teil des Blattes zu sehen. Dieses Lila ist hier oben als Schimmer zu finden. Diese dunkle rote Linie als Schwergewicht oben habe ich dort oben gemalt, weil es im Blatt unten ist. Es zieht die Augen runter. Man sieht durch das Bild. Das Auge fällt langsam runter, hebt dann wieder hoch durch das helle Grün von unten.

Eckhard Fürlus: Eine der ganz großen Überraschungen dieser Arbeiten ist für mich, dass es funktioniert, dass es aufgeht, dass Schwarzweiß und Farbe nebeneinander bestehen können und sehr gut nebeneinander bestehen können.

John Schuetz: Richtig. Ich habe das vorher benutzt, aber dieses Mal auch ein wenig anders, ich habe auch hinter dem Schwarzweißnegativ manchmal ein bisschen Farbe eingebracht, das ist ganz leicht zu entdecken. Die Methode, die ich benutze, ist, mit dem Finger manchmal einen kleinen Abdruck zu machen, ein bisschen Kosmetik zu machen.

Eckhard Fürlus: Vielen Dank für das Gespräch.



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Die Ausstellung "bareleafs" mit Photographien von John Schuetz wird vom 25. August bis zum 28. September 2004 in der Galerie Seitz & Partner in den Hackeschen Höfen, Rosenthaler Str. 40/41 in 10178 Berlin, Tel. 030-886 790 41 - www.galerie-seitz.de - zu sehen sein.