14.09.2004

Zeitperlen

von Nils Röller

Der Betrachter stockt und taumelt als sei er für einen Moment selbst ein erschöpfter Tänzer, der zwischen rhythmischer Trance und Erschöpfung immer wieder in einen Zustand euphorischen Schwindels fällt.

"Kunst ist die Sprache der Empfindungen", schreiben Deleuze und Guattari. Nach Ansicht der französischen Philosophen "geht diese Sprache über Farben, Worte oder Steine." Man möchte, wenn man Roberto Cabots Loops betrachtet, hinzufügen, dass die Sprache der Empfindungen auch über die tückenreichen Wege verläuft, die von technischen Medien gebahnt werden: Von digitalen Videokameras, computergestützten Schnittplätzen und internationalen Formatvorgaben, mit denen im Internet Daten verteilt werden. Cabot zieht mit ihrer Hilfe Perlen heran. Die technischen Vorgaben der neuen Medien nutzt der Maler Cabot wie ein Perlenzüchter, der in Muscheln Parasiten einschleust, um die sich Perlmutt dann kreisförmig schliessen kann. Bei Cabot bilden technische Bedingungen den Fremdkörper, der von einem "Empfindungsblock" umschlossen wird.

Ein Empfindungsblock besteht aus Wahrnehmungen und Rührungen, aus Perzepten und Affekten. Der Künstler schafft sie und bewahrt damit das, was sonst flüchtig bleiben würde.

Das verstehen die beiden Philosophen, mit denen Cabot auch persönlich verbunden war, nicht im Sinne einer Dokumentation oder Sicherung von Erlebnissen. Sie argumentieren für eine Kunst, die Flüchtigkeiten, die der Wahrnehmung sonst entgehen, dauerhaft verknüpft.

Das kann verstanden werden als Arbeit und Engagement für Wahrnehmungen und sinnliche Zustände jenseits von Seh- und Hörgewohnheiten und jenseits der Meinungen. Man möchte sich auch keine Meinung mehr über den Karneval erlauben, nachdem man Cabots kurze Sequenzen gesehen hat. Es genügt ihm nicht, etwas Spektakuläres einzufangen oder mit einem Detail auf etwas Bedeutsames hinzuweisen. Das würde ihn in eine Reihe mit den Meinungsmachern stellen, den Bildjournalisten, die Wahrnehmungen benutzen, um etwas Anderes darzustellen oder um auf irgendein Motiv hinzuweisen. Cabot konzentriert sich auf das, was sich dem Kameraauge darbietet, und er "durchkaut" das solange, bis die Zeit karnevalesk zu rauschen beginnt.

Mit elektronischen Mitteln vollzieht er kauend und stammelnd die Bewegung, die Schriftsteller und Maler von Empfindungsblöcken auszeichnet. Wie ihnen fällt es Cabot schwer, das anzunehmen, was die Sprach- und Sehgewohnheiten nahe legen. Deshalb fügt er den Bildern nichts hinzu, sondern nimmt fort und kontrahiert. Auch fasst er die Aufnahmen nicht in irgendeinen Sinn stiftenden Rahmen ein. Das würde die Empfindung des Dargebotenen zerstören und die Farben und Formen dazu degradieren, bloss etwas zu dokumentieren.

Was für das Auge gilt, gilt auch für das Ohr. Niobe hat die Originaltöne, die Cabot vor Ort aufgezeichnet hat, zu einem abstrakten Soundstück verdichtet.

Die aufgenommenen Rhythmen dienen nicht mehr als soziales Metronom im massenhaften Taumel. Sie klingen vage und unzuverlässig dunkel. Dieser Vagheit korrespondiert die visuelle Desorientierung, die sich beim längeren Betrachten der Projektionen einstellt. Sie zeigen einander gegenläufige Farbflächen, die so die raumzeitlichen Bezugspunkte des Betrachters aufhaben. Je länger man die Aufeinanderfolge der roten, blauen und grünen Tänzerinnen betrachtet, desto weniger weiss man, was sich eigentlich vor dem Kameraauge in Rio de Janeiro bewegt hat: Die Tänzerinnen erscheinen in ihren Bewegungen erstarrt. Sie nehmen die Gestalt von Statuen an, die nach Leben schreien. Die Aufbauten und Dekorationen der Wagen wirken hingegen lebendig, als seien sie Fabelwesen, die soeben aus Schlaf gerissen worden sind. Man kann schliesslich nicht mehr sagen, was belebt und was unbelebt ist. Das Auge beginnt zu stammeln und zu stottern.

Die Desorientierung, die Cabot mit den raumzeitlichen Gewohnheiten betreibt, lässt einen Empfindungsblock der Schwerelosigkeit entstehen. Der Betrachter stockt und taumelt als sei er für einen Moment selbst ein erschöpfter Tänzer, der zwischen rhythmischer Trance und Erschöpfung immer wieder in einen Zustand euphorischen Schwindels fällt. Die Voraussetzung dafür ist, dass Cabot stammelnd mit den Videobildern umgeht. Er nimmt sich die aufgenommenen Filme Bild für Bild vor und bewegt jedes einzelne wie einen schwer zu fassenden Fremdkörper vor seinem Auge hin und her. Wenige Einzelbilder halten diesem Prozess stand und die verbleibenden schliesst er dann zu einem Loop zusammen. Der Betrachter spürt, dass sie mit staunenden Blick zusammengefügt worden sind. Das ist ein Blick, der darauf vertraut, dass Zeit zu rauschen und zu strahlen beginnt, wenn Gewohnheiten aus den Angeln gehoben werden.