28.09.2004

Sehen Gehen Denken Handeln - The Rehearsal 1 & Walking Distance from the Studio

von Eckhard Fürlus

Francis Alÿs im Kunstmuseum Wolfsburg und im Berliner Martin-Gropius-Bau

Ihm geht es nicht um die Perpetuierung eines rationalen Weltbildes, sondern darum, über eine mythische Erzählweise einen Blick für unsere Zeit zu öffnen.

Derzeit konkurrieren zwei große Kunsthäuser mit Werken des Künstlers Francis Alÿs. Anläßlich der Verleihung des ersten "blueOrange" Preises, dem höchstdotierten Preis für bildende Kunst an Francis Alÿs, ist im Berliner Martin-Gropius-Bau ein Flügel des Gebäudes seinen Arbeiten gewidmet. Gleichzeitig zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg in einer ersten umfassenden Einzelausstellung mit Videoarbeiten, Installationen, Diaprojektionen, Fotos und Zeichnungen die wichtigsten Arbeiten aus den letzten sieben Jahren des ursprünglich als Architekt ausgebildeten Künstlers.

Das Ephemere, schreibt das Kunstmuseum Wolfsburg in seiner Ankündigung zur Ausstellung "Walking Distance from the Studio" des in Mexiko City lebenden Belgiers Francis Alÿs, sei das zentrale Prinzip seiner Kunst, und reiht ihn ein in die Tradition der Situationisten und der Fluxus-Künstler. Thema der Ausstellung sei das, was Alÿs in seiner unmittelbaren Umgebung im öffentlichen Raum in Mexiko City bewegt. Ohne die Kenntnis der sozialen Verhältnisse Mexikos ist das Werk Alÿs' kaum zu verstehen. Alle gezeigten Arbeiten entstanden in der Auseinandersetzung mit dem Gebiet rund um sein Atelier.

  • Francis Alÿs mit Gijs van Tuyl

Den Höhepunkt nicht zu erreichen ist einer der wichtigsten Aspekte im Werk des 1959 in Antwerpen geborenen Francis Alÿs. Dies wird optisch nirgendwo deutlicher als in seiner Videoinstallation "Ensayo I", "The Rehearsal 1" im Martin-Gropius-Bau, in der gezeigt wird, wie Alÿs versucht, zu den Klängen einer Blaskapelle aus Juchitan im Süden Mexikos - es ist die Banda de Maestro Robles - mit einem roten VW Käfer einen steilen Sandweg in Tijuana hinaufzufahren. Die Musik diktiert das Geschehen auf der Leinwand. Das Unterfangen will partout nicht gelingen. Jedes Mal, wenn Alÿs mit dem VW kurz vor dem Gipfel angelangt ist, bricht die Musik ab, und der Wagen rollt wieder an seinen Ausgangpunkt zurück. Diese Arbeit ist zugleich Kulminationspunkt und Ende der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau und steht beispielhaft für die Motivation der Werke Alÿs aus Performance, Film, Fotografie, Zeichnung und Malerei.

Eine weitere Videoinstallation dokumentiert eine Aktion, bei der Francis Alÿs einen ganzen Tag lang einen Eisblock durch Mexiko City schiebt. Im Lauf der Aktion schmilzt dieser Eisblock, bis am Ende des Tages nur noch eine Pfütze übrig bleibt. Die Idee des Sammelns thematisiert Alÿs in dem Werk "Collector", die auf eine Aktion aus dem Jahr 1991 zurückgeht, in der Alÿs einen kleinen magnetischen Metallhund hinter sich durch die Straßen Mexiko Citys zog. Alles Metallische, was in seine unmittelbare Nähe kam, wurde vom Hund angezogen, bis er mit Metallobjekten zugedeckt war.

Was für die Videoinstallationen gilt, trifft in gleichem Maß auch auf Alÿs' meist kleinformatigen Bilder zu. Die Arbeit von Francis Alÿs, so hat es Andreas Bee formuliert, "zielt auf das Besondere im Alltäglichen, ohne es allerdings zu erklären. Ihm geht es nicht um die Perpetuierung eines rationalen Weltbildes, sondern darum, über eine mythische Erzählweise einen Blick für unsere Zeit zu öffnen. Rückt man seinen Erzählungen analytisch zu Leibe, entziehen sie sich. Läßt man den Werken aber ihr Geheimnis, dann strahlen sie jenen poetischen Zauber aus, für den sie geliebt werden."

Die Ausstellung mit Werken von Francis Alÿs im Martin-Gropius-Bau in Berlin ist noch bis zum 8. Oktober zu sehen; das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt seine Arbeiten bis zum 28. November 2004. Der Katalog zur Ausstellung "Walking Distance from the Studio" im Kunstmuseum Wolfsburg hat 160 Seiten und kostet 19,- Euro.