18.10.2004

"Wolfsburg leading"

von Eckhard Fürlus

Gijs van Tuyl verabschiedet sich aus Wolfsburg mit einer fulminanten China-Ausstellung

[...] "in der internationalen visuellen Sprache der Fotografie die aufregenden Veränderungen in China und ihre Auswirkungen auf den Menschen am deutlichsten abzulesen sind."
Gijs van Tuyl

Globalisierung rules. Während Karstadt 5 500 Stellen abbaut und für 760 Millionen Euro seine Versandhäuser Neckermann und Quelle sanieren läßt, streicht General Motors 12 000 Stellen im Opel Stammwerk Rüsselsheim und in Bochum. Politiker beeilen sich darauf hinzuweisen, daß nicht der Standort Deutschland für diese Entwicklung verantwortlich sei, sondern Fehler im Managementbereich und Strukturprobleme in den Branchen. Doch Wohnungen stehen längst nicht mehr nur in Ostdeutschland leer, und während die Intelligenz, sofern sie es vermag, ins Ausland abdriftet, zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg, wo es langgeht: nach China.

Ausstellungen mit spezifischem Länderschwerpunkt hat es in Wolfsburg in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, so 1995 "Die Italienische Metamorphose 1943-1968", 1996 bis 1997 die Ausstellung "Full House. Junge Britische Kunst" und 1999 bis 2000 eine Ausstellung über "Brasilianische Fotografie 1946-1998".

Die Ausstellung "Die Chinesen" hat eine Vorgeschichte. 1999 hatte Harald Szeemann chinesische Kunst gezeigt, in der Skulptur und Malerei dominierten. Da es in Beijing nicht sehr viele Möglichkeiten für Künstler gibt, ihre Werke auszustellen und so ein Feedback in ihrem Heimatland zu bekommen, war die ursprüngliche Idee Gijs van Tuyls, eine Ausstellung zu machen, die im Anschluß an die Präsentation in Wolfsburg auch in China gezeigt werden könnte. In der Wolfsburger Ausstellung sind 19 Positionen chinesischer Fotografie und Video vertreten, denn bisher hat sich noch keine Ausstellung der gesamten Breite der zeitgenössischen Fotografie gewidmet. Van Tuyl hat sich gerade für die Fotografie entschieden, weil - wie er betont - "in der internationalen visuellen Sprache der Fotografie die aufregenden Veränderungen in China und ihre Auswirkungen auf den Menschen am deutlichsten abzulesen sind." Es sind nicht immer die neuesten Arbeiten, die in dieser Wolfsburger Ausstellung zu sehen sind. "Was wir zeigen," sagt Annelie Lütgens, die Kuratorin der Ausstellung, "ist schon vorbei." Einige der hier ausgestellten Fotos zeitgenössischer Künstler sind mittlerweile 10 Jahre alt.

  • Wolfsburg leading, ©
  • Wolfsburg leading, ©
  • Wolfsburg leading, ©
  • Klicken Sie auf ein Bild um alle 29 Bilder in voller Grösse zu sehen.

Bis 1979 galt die Fotografie in China als luxuriöses Hobby und war vornehmlich Fotojournalisten vorbehalten. So konzentriert sich die Ausstellung auf die Werke der heute Dreißig- bis Vierzigjährigen. Darunter befinden sich Arbeiten von chinesischen Fotografen, die ganz offensichtlich für den europäischen oder westlichen Markt angefertigt sind. Annelie Lütgens umreißt die thematischen Schwerpunkte: Geschichte, Familie, Individuum, Urbanität, Stadt und Land, Cultural Clash. Die meisten Fotografen sind in der Malerei ausgebildete, bildende Künstler. Lütgens stellt fest, daß es in China zwei Umgehensweisen mit der Fotografie gibt. Neben den dokumentarischen Fotografien gibt es Exponate mit einem theatralischen Blick auf die Dinge. Die auf diesen Bildern gezeigten Situationen sind inszeniert.

Die Ausstellung beginnt mit "straight photography". Historische Arbeiten der in Deutschland geborenen Fotografin Eva Siao dokumentieren mit dem Blick der Außenseiterin den Aufbau des sozialistischen Chinas und das Leben in diesem Land unter Mao Zedong. Eva Siao arbeitete für staatliche Nachrichtenagentur und das Fernsehen der DDR und fotografierte das nicht offizielle China; sie zeigt China, wie sie es kennen gelernt hatte. Eva Siao verstarb 2003. Hou Bo und Xu Xiaobing waren ab 1949 die offiziellen Fotografen Maos; eine Auswahl ihrer interessanten Aufnahmen stammt aus den 50er und 60er Jahren. Hou Bo, die große Dame der chinesischen Pressefotografie, schloß sich in den 30er Jahren den Anhängern Mao Zedongs an und hat alle Fotos von Mao selber aufgenommen. Bis 1964 blieb sie Maos persönliche Fotografin. Hou Bo, die als Fotojournalistin arbeitete und sich selbst nie als Künstlerin gesehen hat, wird heute auch als Künstlerin entdeckt.

Manche Fotograien thematisieren die von der Volksrepublik China propagierte Ein-Kind-Familie. Wang Jinsong hat 200 Ein-Kind-Familien in Beijing vor leuchtend rotem Hintergrund fotografiert und diese 10x20 Fotos zu einer Arbeit zusammengestellt. Yang Zhenzhong läßt auf seinen Fotos Hühner, Hähne und Küken die Rollen der Familienmitglieder einnehmen und schafft so eine ironische Distanz zur offiziellen Propaganda. Die bei der Pressekonferenz anwesende Künstlerin Xin Danwen unterstreicht, daß die Zensur in den vergangenen Jahren weniger restriktiv geworden sei. Gruppenportraits und Einzelgänger, Lifestyle, Mode, Individualität und Konformität, staatlich kontrollierter Kapitalismus und Wirtschaftsaufschwung, dörfliches Leben und Massenwohnungsbauten in den Metropolen Chinas - der ganze Reichtum aktueller fotografischer Positionen in China, in dieser Ausstellung wird er offenbar.

Als Surplus zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg im Rahmen der Ausstellung den Film "China, September - Oktober 1978, Beijing, Yanan, Xian, Luoyang" von Klaus Mettig und Katharina Sieverding, der, entstanden im Jahr der Öffnung des Landes, das Leben in mehreren Städten der Volksrepublik China wenige Jahre nach dem Tod Mao Zedongs dokumentiert.

"Die Chinesen - Fotografie und Video aus China" ist im Kunstmuseum Wolfsburg noch bis zum 9.1.2005 zu sehen. Der Katalog zu dieser Ausstellung enthält neben dem Vorwort von Gijs van Tuyl je einen Text von Annelie Lütgens und Karen Smith und ausführliche biographische Informationen zu den ausgestellten Künstlern; er umfaßt 152 Seiten und etwa 80 Abbildungen und kostet im Museum 24 Euro.