30.11.2004

Drei Installationen des Gestalters Bruce Mau

von Nils Röller

"Wir zählen zu den am besten ausgebildeten Büros, weil wir Philosophie, Architekturtheorie, Psychologie und Literaturkritik von den besten Autoren lesen".
Bruce Mau

"Designer sind Zeitdiebe", schreibt der Kanadier Bruce Mau, der selbst hochkarätige Publikationen zum Urbanismus gestaltete und sich damit ein Feld von so erlesenen Auftraggebern wie der Getty Foundation und der japanischen Gesellschaft zur Stadtentwicklung, der Mori Building Company, erschlossen hat. Denn innerhalb weniger Stunden müssen durchschnittliche Gestalter, die nicht so arbeiten wie er, für ein Buch, an dem ein Autor Monate gearbeitet hat, ein Cover finden. Bruce Mau, der mehrmals in seiner Karriere kurz vor dem Ruin stand, weil er zu viel Zeit mit den Inhalten zwischen den Buchdeckeln verbracht hat, propagiert ein engagiertes und an Recherchen orientiertes Designprinzip. Eben das sei der Schlüssel zum Erfolg, heisst es in einer Mitteilung von BMD, der Bruce Mau Design Company: "Wir zählen zu den am besten ausgebildeten Büros, weil wir Philosophie, Architekturtheorie, Psychologie und Literaturkritik von den besten Autoren lesen".

In einem ehemaligen Kraftwerk am Hafen von Toronto zeigte er in der Ausstellung "Three Moving Projects" die Herausforderungen, denen sich sein international arbeitendes Büro ausgesetzt sieht und das ist vor allem: "Stress". So der Titel der zentralen Arbeit. Auf sechs Leinwänden werden dreissig Minuten lang Bilder von Strassenschlachten, Flüchtlingslagern, Logos der Global Player und Aussagen von Opfern des KZ-Arztes Mengele gezeigt. Bruce Maus Vision der eigenen Zunft ist pessimistisch: Im Zeitalter des Stress verkommen Gestalter zur Ordnungskräften im Getriebe des globalen Kapitalismus. Diese Wirtschaftsform strapaziere mit Hilfe von Mediengestaltern und Marketingstrategien die Wahrnehmung der Konsumenten bis zur Erschöpfung. 16.000 Logos sollen täglich auf die Bewohner der westlichen Welt einfluten und Maus Installation "Stress" erhöht diesen Tagessatz auch noch erheblich. Aber trotz der visuellen Wucht sensibilisiert die Ausstellung für die problematische Grenze zwischen Schrift und Bild. Denn die Diskrepanzen zwischen der strikten Bilderfolge der Installation und den lebendigen Büchern Maus frappiert. In der Dunkelkammer der Installation hämmern Statements zur bedrohlichen Zukunft auf die Wahrnehmung der Betrachter ein, während im lichten Treppenhaus des Ausstellungsgebäudes Bücher präsentiert werden, mit denen Mau die Wertschätzung der Kunstwelt erlangt hat.

Mau glaubt an die Zukunft des Buches gerade in Zeiten der digitalen Medien.

Die Installation "Zone 6: Incorporations" im Nebenraum definiert die Beziehung zwischen Buch und Film. Ein 16mm-Filmprojektor wirft die Seiten des gleichnamigen legendären Readers auf die Leinwand. Den zwei-minütigen Film drehte Mau 1991, um vor der Publikation die gestalterische Komposition des Zone Book zu veranschaulichen. Mit der Komposition soll das lesende Gehirn wie ein fragiler Filmprojektor in Gang gesetzt werden, der während der Lektüre seinen eigenen mentalen Film abspielt. Mau glaubt an die Zukunft des Buches gerade in Zeiten der digitalen Medien. Mit dem Computer, so schreibt er, werden die Möglichkeiten der Buchkultur erweitert. Sein Büro recherchiert prinzipiell gemeinsam mit den Autoren nach Bildern, um Text und Bild im Buch zu einer neuen Synthese zu führen. Mit dem Architekten Rem Koolhaas hat Mau fünf Jahre lang an dem Buch S,M,L,XL gearbeitet. Entstanden ist eine Wunderkammer in Gestalt eines silbernen Ziegelsteins. Ursprünglich sollten 364 Seiten Dokumentation in 365 Tagen entstehen, aber das war der Praxis des Urbanisten Koolhaas nicht angemessen und so sind es 1345 Seiten geworden. Bücher sind für Mau Generatoren von künftigen, vor allem sozialen Ereignissen. Zunächst hat er als Teilhaber des Büros "Public Good" Veröffentlichungen von Gewerkschaften und Bildungsinitiativen in Toronto gestaltet und dann entwickelte er für den New Yorker Verlag Urzone die Zeitschrift Zone. Die Zeitschrift für Urbanismus sollte selbst ein urbanes Modell sein, anstatt nur urbane Themen zu illustrieren. Dabei orientierte sich Bruce Mau an der Typographie der Pinguin-Books und dann an einer chinesischen Weisheit über das Zeichnen eines Karpfens. Die Weisheit lehrt, dass es nicht ausreicht, den Körper eines Karpfen zu zeichnen, sondern dass der Lebensweg des Fisches und die Spuren, die er hinterlässt, sichtbar werden müssen.

Unter engagiertem Design versteht Mau die Herstellung von Brücken zwischen ökonomischen Fakten und kulturellen Ansprüchen. Zu seinen Auftragsgebern und Geschäftspartner zählen auch Frank Gehry, die Elektritzitätswerke Minden-Ravensberg (EMR), das Schmidt Coca-Cola Museum und der Park des Lebens, der in Panama City entstehen soll. Für die Mori Building Company in Tokyo entwickelte Mau die dritte Installation der Ausstellung. "Tokyo Countdown" informierte die Bewohner der Mega City über das grössste private Bauvorhaben in Japan. Dargestellt werden die Hintergründe für den Bau auf Roppongi Hills, vor allem statistische Daten über Verstädterung, Armut und Wassermangel. Mau mutet den Betrachtern seiner Installationen Fakten und Konzepte zu. Das bestimmt ihren Ausstellungswert an der Grenze zwischen Kunst und Gestaltung. Wer mehr über Mau wissen möchte, der sollte seine Armmuskeln für "Life Style" trainieren. Das Buch über das Mau-Design umfasst 600 Seiten und wiegt zwei Kilo. Es ist offensichtlich nicht als Handbuch für angehende Gestalter ausgelegt, sondern für Liebhaber, die über ausreichend Zeit und Musse verfügen, um in Büchern zu blättern. Gestaltern, die wie Bruce Mau nach eigenen Aussagen täglich 18 Stunden arbeiten, dürfte diese Zeit fehlen.

Bruce Mau Design
Three Moving Projects 1991-2002-05-03
The Power Plant Contempory Art Gallery
Toronto bis zum 26. Mai.