02.01.2005

40 Jahre Galerie im Turm

von Eckhard Fürlus

Ein Gespräch mit dem Leiter der Galerie im Turm Karl-Friedrich Schmalwaßer

In diesem Jahr kann die im nördlichen Turm des Frankfurter Tores gelegene Galerie im Turm in Berlin-Friedrichshain auf 40 Jahre ihres Bestehens zurückblicken. Sie wurde 1965 vom ehemaligen Verband Bildender Künstler in der DDR gegründet und wurde Anfang der 90er Jahre als kommunale Galerie weitergeführt. In bis zu zehn Ausstellungen jährlich werden in dem sehr schönen Schauraum vornehmlich Positionen aus Berlin präsentiert, aber auch internationale junge Künstler finden hier ein Forum für Einzelausstellungen und für thematischen Präsentationen. Mit dem für die Organisation verantwortlichen Leiter der Galerie im Turm, Karl-Friedrich Schmalwaßer, schauten wir zurück und nach vorn.

Eckhard Fürlus: Im Jahr 1965 wurde die Galerie im Turm in der Karl-Marx-Allee in Berlin vom ehemaligen Verband Bildender Künstler in der DDR eröffnet. 2005 kann die Galerie im Turm auf ein 40jähriges Bestehen zurückblicken. Wenn Sie, Herr Schmalwaßer, zurückschauen, welche Assoziationen stellen sich ein?

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Hmm. So spontan? Zunächst einmal muß ich daran denken, daß es ja so einfach auch nicht war, weil der Raum ja ursprünglich für etwas ganz anderes vorgesehen war. Der sollte ja ein Eingang zur U-Bahn werden. Deshalb gibt’s auch Leben unter dieser Ebene ...

Eckhard Fürlus: So wie auf der anderen Seite auch.

Der Versuch, zur U-Bahn vorzustoßen, endete an den Grundmauern des Turms.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Genau. Nur ist das Treppenhaus, was sich unter der Galerie befindet, nie ein richtiges Treppenhaus geworden. Der Versuch, zur U-Bahn vorzustoßen, endete an den Grundmauern des Turms. Die sind also nie durchbrochen worden, Wahrscheinlich gab es auch statische Probleme. Der ursprüngliche Sinn des Raums ging verloren. Für den Raum selber war immer, soweit ich es weiß, der Stadtbezirk Friedrichshain zuständig, der das dann aber an den Verband übertragen hat, weil man möglicherweise keine Lust, keine Kraft hatte, eine Galerie zu betreiben. Es war aber von vornherein klar, daß es ein Ausstellungsraum werden würde. Und der Verband hat sich dann ab 65 intensiver darum gekümmert, hat dann Programm gemacht. Dann fällt mir natürlich ein, daß Egmont Schäfer 1965 dann auch hierher kam, nachdem er aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen worden ist, genau wie er vorher aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden war. Er hat sich dann um den Betrieb der Galerie gekümmert, fünfzehn Jahre lang oder sogar ein bißchen länger, wurde inzwischen dann wieder in den Verband Bildender Künstler aufgenommen, sozusagen rehabilitiert. Für mich ist er eben eine wichtige Person aus dieser Zeit. Dann denke ich daran, daß ich die Ausstellung hier sehr selektiv wahrgenommen habe, weil - diese Anbindung an den Berliner Verband hatte zur Folge, daß verschiedene Sektionen – die Fotografen, die Modegestalter, die Bühnenbildner – alle einen kleinen Anteil an der Galerie hatten. Dadurch kam ein relativ breites Programm zustande. Und da hat man sich natürlich nur das ausgesucht, was man so gerade sah. Ich habe übrigens gerade noch einen alten Artikel aus einer DDR Zeitschrift von etwa 1968 gefunden, wo Egmont Schäfer darüber spricht, daß in der damals viel belebteren Straße Karl-Marx-Allee, wo auch eine Menge Geschäfte waren, in denen man vielleicht was kaufen konnte, was man sonst in Berlin-Ost oder in der DDR nicht bekam, daß es also wirklich eine belebte Straße war, daß also 600 Besucher am Tag sich eine Ausstellung anguckten, und es wurde auch damals schon darüber gesprochen, daß ja ein Teil dieser Besucher oder ein Großteil dieser Besucher sozusagen mit dem Einkaufsbeutel in der Hand in der Galerie vorbeikamen, und das unterscheidet die Situation vielleicht auch ein bißchen von heute, wo man schon ein bißchen gezielter in die Ausstellung kommen muß. Das hat aber wohl mit der Straße nicht soviel zu tun, sondern mit der Galerie.

Eckhard Fürlus: Wann kamen Sie zur Galerie im Turm, und welche Pläne und Vorstellungen brachten Sie mit? Auf welche Vorgaben konnten Sie aufbauen?

Da könntest du doch, wenn du dich um diese kleine Galerie kümmern würdest, jeden Monat regelmäßig Geld aufs Konto kriegen. Das fand ich schon ein ganz einleuchtendes Argument.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Ich kam aus einer kleinen Galerie in der Frankfurter Allee. Da hatte ich – glaube ich, 88 oder so – angefangen, und das hatte einfach damit zu tun, daß der Frankfurter Allee Lückenbau entstand. Man war ja damals dabei, den Friedrichshain abzureißen und durch Plattenbauten zu ersetzen, weil die Sanierung viel zu kostspielig war und so weiter. Und da war also in der Frankfurter Allee ein Lückenbau entstanden, und in diesem Lückenbau war ein Raum, so ähnlich wie es vorher in der Galerie im Turm gewesen war. Ein Raum, den man schlecht für einen Laden oder für etwas anderes nutzen konnte, weil er zu wenig Lagerkapazitäten hatte und so weiter. Dann wurde beschlossen, daraus eine kleine Galerie zu machen, und ich wurde gefragt, so nach dem Motto: also wenn du aus dem Design-Ecke kommst und Kunst machst, dann hast du doch beide Dinge im Blick. Da könntest du doch, wenn du dich um diese kleine Galerie kümmern würdest, jeden Monat regelmäßig Geld aufs Konto kriegen. Das fand ich schon ein ganz einleuchtendes Argument. Also fing ich dort an zu arbeiten und fand mich dann 1990 oder so plötzlich im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik Deutschland. Das war die Zeit, wo dem Verband Bildender Künstler ein wenig die Luft ausging. Man wandte sich wieder an den Stadtbezirk: Könnt ihr die Galerie nicht wieder zurücknehmen und als kommunale Galerie weiterführen? Der Stadtbezirk hat richtigerweise gesagt: Ja, machen wir. Die kleine Galerie, die ja gerade mal anderthalb Jahre bestanden hatte, wurde geschlossen und ich kam hier in den Turm und brachte sozusagen aus der Galerie aus der Frankfurter Allee, die damals bestand, unterm Arm meine Vorstellungen mit, wie ein Ausstellungsprogramm aussehen könnte. Was zu leichten Konflikten mit dem damals noch bestehenden Verband führte, weil der Verband natürlich die Vorstellung hatte, man könnte das so organisieren, wie das ja früher auch gewesen ist. Man liefert sozusagen den Inhalt, und die Kommune zahlt. Verkürzt gesagt. Ich fand das aber für mich nicht so sehr befriedigend, ein Programm umsetzen zu müssen, das sich irgendwelche Gremien oder der Verband Bildender Künstler vorstellen. Ja. So. ich hatte aus der damaligen Zeit Vorstellungen, die sehr damit zu tun hatten, daß es außerhalb der Verbandsmitgliedschaft, außerhalb der offiziellen Berliner Kunst eine Menge Leute gab, die ich kannte, die zu jung waren, die falsche Kunst machen, gar nicht den Ehrgeiz hatten, in den Verband zu gehen, von denen ich aber dachte, die machen spannende Sachen, um die ich mich begonnen hatte, in der Frankfurter Allee zu kümmern. Diese kleine Galerie war unauffällig genug und hatte auch einen Status, der es erlaubte, Kunst zu zeigen, die nicht aus dem Verband Berliner Künstler kam und nicht unbedingt so öffentlich angesagt war.

Eckhard Fürlus: Gibt es Augenblicke in Ihrer Ausstellungstätigkeit, die Ihnen ganz besonders wichtig sind und an die Sie sich besonders gern erinnern?

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Wenn man Glück hat, ergibt sich eine Übereinstimmung zwischen dem, was man sich unter einer bestimmten Ausstellung vorgestellt hat, die man sich so wünschte, wie sie werden würde, und wenn es dann auch einigermaßen so funktioniert, das heißt, eine Übereinstimmung zwischen dem Künstler und dem, was er hier umsetzen will, und dem Galeristen, die Tatsache, daß man letztendlich im öffentlich-subventionierten Raum am gleichen Ziel arbeitet, also sowohl der ausstellende Künstler wie derjenige, der hier das Programm macht, das man für vier Wochen, acht Wochen, sechs Wochen ein Team darstellt, das ist vielen ausstellenden Künstlern, glaube ich, nicht mehr so richtig klar, weil die das gar nicht mehr gewöhnt sind. Da gibt’s noch andere Momente, die zum Beispiel mit der Ausstellung von Egmont Schäfer zu seinem 95. Geburtstag zu tun haben, oder mit den Berliner Kabinett-Ausstellungen, wo 24 Berliner Künstler hier in der Galerie vertreten waren, die Kapazitäten bis an den Rand ausgelastet waren, und wo es trotzdem gut funktioniert hat.

Eckhard Fürlus: Der Schwerpunkt der von der Galerie im Turm veranstalteten Ausstellungen liegt bei den Künstlerinnen und Künstlern aus Berlin. Dabei sind etablierte Künstler, die auf eine langjährige Tätigkeit zurückblicken können, ebenso vertreten wie sehr junge Positionen. Welches sind die Auswahlkriterien für die Präsentationen?

[...] man antwortet dann gern mit Qualität oder Niveau.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Das ist schwierig. Weil – man kommt da sehr schnell auf ein – man antwortet dann gern mit Qualität oder Niveau. So zu antworten ist aber deshalb schwierig, weil ja dann die nächste Frage lautet: Wo liegen denn da die Maßstäbe? Die Maßstäbe sind letztendlich ja doch eine subjektive Angelegenheit. Das hat mit dem zu tun, woher man kommt, also sicherlich aus Berliner – aus der Berliner Szene, wo es eine gewisse Verständigung darüber gab, woran man arbeiten will und was man schätzt. Das ist sozusagen eine Tradition, die aber auch weiterhin trägt. Man muß natürlich jetzt mal schauen, wie unter veränderten Verhältnissen zum Beispiel die Arbeiten von Wolfgang Leber wirken. Die zweite Sache ist, daß man natürlich schaut, was aktuell abläuft, und daß man versucht, gerade bei jüngeren Leuten, bei einer bestimmten Generation ergeben sich für mich ja noch direkte Anschlüsse an die Generation der jetzt 60-, 65-, 70jährigen, weil - viele von jüngeren Leuten sind in die Kurse von Wolfgang Leber oder von Böhme und all jenen gegangen und haben dann anschließend ihren eigenen Weg gefunden oder sind dabei, daran zu arbeiten. Für die dann Folgenden ist es sozusagen – da gibt’s eine Menge Brüche, das gibt’s bei den anderen auch, aber da gibt’s 'ne Menge Brüche, aber gleichzeitig auch eine gewisse Kontinuität. Und das zu verfolgen und auch gegeneinander zu stellen, also sowohl eine bruchlose – soweit es zum Beispiel Generationen betrifft – Entwicklung zu sehen oder dann die Widersprüche gegeneinander zu stellen innerhalb von zwei oder drei folgenden Ausstellungen, das macht es dann schon interessant.

Eckhard Fürlus: Gibt es Kontakte z. B. zum Landesmuseum Berlinische Galerie, die ja in erster Linie Kunst sammelt, die in Berlin entstanden ist, oder zu vergleichbaren Institutionen?

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Die gibt es insoweit, wie man sich gegenseitig informiert, was aktuell im Programm läuft, und sich gegenseitig einlädt, natürlich. Eine tiefergehende Zusammenarbeit gibt es eigentlich nicht. Ich hab manchmal das Gefühl, daß in gewisser Weise die Galerie im Turm eine kleine Dependance der Berlinischen Galerie ist. Die Berlinische Galerie weiß aber nicht soviel davon. Ich denke mal, daß Merkert einiges wahrnimmt, was hier passiert. Manchmal schaut er sich ja auch Dinge an. Man arbeitet geistig unabhängig von einander. Es trifft sich dann aber schon irgendwo. Daß die Gewichte hier natürlich mehr im ehemaligen Ost-Berlin liegen, ist klar. Wenn mir bei der letzten Ausstellungseröffnung jemand sagt: Ja, das ist ja verblüffend. Ich habe die Arbeiten von Wolfgang Leber in Ahrenshoop entdeckt. Der ist aber West-Berliner. Der kommt jetzt in die Galerie im Turm, um sich Wolfgang Leber noch mal genauer anzugucken – vielleicht kauft er ja eine Zeichnung, das wäre nicht schlecht –, dann beschreibt das ein bißchen die Situation. Ich habe auch kein Problem damit zusagen, die Galerie im Turm liegt im ehemaligen Ost-Berlin an der Karl-Marx-Allee, und das ist schon ein gewisser Schwerpunkt unserer Arbeit.

Eckhard Fürlus: Ein Anliegen der Galerie im Turm ist die Einbeziehung auch internationaler Künstler in das Ausstellungsprogramm. Wie kommen diese Verbindungen zustande und welche Länder sind dabei?

Man wollte schon den Blick nach außen richten und sich nicht an den Berliner Stadtgrenzen aufhalten.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Es gab früher, zu Verbandszeiten, öfter mal Ausstellungen von Künstlern aus Polen oder der Tschechoslowakei. Man wollte schon den Blick nach außen richten und sich nicht an den Berliner Stadtgrenzen aufhalten. Es ist ja sowieso so, daß ja territoriale Begrenzungen eigentlich kaum eine Rolle spielen. Wo Kreuzberg endet, weiß ich nicht so genau, schon gar nicht künstlerisch. Man schaut schon nach außen, man lernt die Künstler kennen, weil gemeinsame Projekte mit Berliner Künstlern irgendwo realisiert worden sind, die man gesehen hat, wo man sich kennengelernt hat. Es gibt Kontakte zwischen den Künstlern natürlich. Manchmal sogar Projekte, wo internationale Künstler zusammenarbeiten, die dann einen passenden Raum suchen. Wir haben drei Quaternia-Ausstellungen gemacht, die genauso konzipiert waren. Also die Informationen sind vielfältig; das Problem besteht bloß eher darin, wie man eine solche Ausstellung in das Jahresprogramm integriert. Aber da findet man dann – denke ich – doch schon einen Platz.

Eckhard Fürlus: Ich hatte bei den verschiedenen Ausstellungseröffnungen den Eindruck, daß es hinsichtlich der Besucher im wesentlichen zwei Kategorien gibt. Das sind einmal ältere Galeriebesucher, die zu den Eröffnungen der etablierten Künstler kommen, und junge Leute, die gerade an den aktuellen Strömungen interessiert sind.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Was man sich wünschen würde, wäre natürlich, daß sich das stärker vermischt. Der Integrationsgedanke, man macht Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Generationen, aus Kreuzberg und Friedrichshain, aus Schweden und Rumänien, und daß dann eher an eine Vermischung gedacht wird, daß bleibt zwar Ziel, funktioniert aber schwer. Es gibt Schnittmengen an Besuchern; man kann aber gleichzeitig auch Trennungen der Wahrnehmungen sehen. Das ist einfach so. Ich finde es aber nicht falsch, dagegen zu steuern.

Eckhard Fürlus: Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Bildhauerei, Objektkunst und Installationen – das Spektrum der Galerie im Turm ist breit gefächert. Ist eine Erweiterung des Programms mit Ausstellungen von Photographie denkbar oder angestrebt?

Ich hätte vor einiger Zeit noch locker antworten können: Nein.

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Ich hätte vor einiger Zeit noch locker antworten können: Nein. Mach’s jetzt nicht mehr ganz so locker. Das Nein hatte ich dadurch begründet, daß es in der Trägerschaft eine Galerie gab, die sich ausschließlich mit Photographie beschäftigt hat. Die Galerie hat inzwischen eine andere Trägerschaft – es ist die Galerie am Helsingforser Platz – und von daher wäre es schon eine Überlegung wert. Das Programm ist mir aber, so wie es jetzt ist, schon vielfältig genug. Ich habe überhaupt nichts gegen Photographie, im Gegenteil, würde es dann doch wahrscheinlich, um es nicht noch weiter ausufern zu lassen, in diesem Bereich belassen.

Eckhard Fürlus: Gibt es eine Möglichkeit, sich über vorausgegangene Ausstellungen zu informieren? Ist anläßlich des 40jährigen Bestehens eine Dokumentation zur Galerie im Turm geplant?

Karl-Friedrich Schmalwaßer: Es wäre schön, wenn so etwas zustande käme, übersteigt aber in gewisser Weise meine Kräfte und die finanziellen Möglichkeiten der Galerie. Das ist einerseits bedauerlich. Andererseits: So sehr man sich auf Tradition berufen kann und versucht, auch aus der Tradition heraus zu arbeiten, da Ansätze zu finden, habe ich aktuell das Gefühl, daß die Tradition – das ist keine Begründung für die Existenz oder Nicht-Existenz oder Verdienste der Galerie, sondern das, was aktuell entsteht, muß sich aktuell beweisen. Da es aus der Tradition heraus entsteht, sind die Aussichten groß, hoffe ich. Aber man sollte nicht allzusehr zurückschauen.

Eckhard Fürlus: Dann danke ich für das Gespräch und schalte ab.

Die Galerie im Turm befindet sich am Frankfurter Tor 1 in Berlin-Friedrichshain; sie ist dienstags bis sonntags von 14 bis 20 Uhr geöffnet. Weitere Informationen zum aktuellen Ausstellungsprogramm gibt es unter www.kulturamt-friedrichshain-kreuzberg.de.