02.03.2005

"Wenn du zu hell wirst, ist es wie ein überbelichtetes Foto."

von Eckhard Fürlus

Ein Gespräch mit der Künstlerin Sabine Herrmann

"Ich war hinter dieser Form her. Ich dachte, das sieht irre aus. Wie Augen. Oder Ufos. Das habe ich jetzt einfach gemacht."

Ab dem 1. März werden unter dem Titel "oval" in der Galerie raum 5 in der Torstraße 173 neue Bilder der Berliner Künstlerin Sabine Herrman zu sehen sein. Sabine Herrmann wurde 1961 in Meißen geboren und wuchs in Berlin auf. Von 1979 bis 1981 arbeitete sie als Restaurierungsvolontär am Institut für Denkmalpflege in Berlin. Anschließend studierte sie an der Kunsthochschule Berlin bei Heinrich Tessmer und Diether Goltzsche. Es folgten Arbeitsaufenthalte in Irland, Frankreich, Japan und in den USA und eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, so in Berlin, Bonn, Chemnitz, Frankfurt/Oder, Köln, Leipzig, Minneapolis, New York, Olinda / Brasilien, Paris, Potsdam, Sheffield, Stockholm, Tokio, Warschau, Washington und Zwickau. Arbeiten von Sabine Herrmann befinden sich in den Sammlungen der Berlinischen Galerie, der Dresdner Bank AG, der Fürst Donnersmark-Stiftung Rheinsberg, des Märkischen Museums Berlin, des INI Hannover – um nur einige zu nennen – sowie in privaten Sammlungen. Sabine Herrmann ist Mitbegründerin und Organisatorin der artschool-international Berlin. – Wir nutzten die Gelegenheit während der Ausstellungsvorbereitungen zu einem Gespräch mit Sabine Herrmann im Atelier der Künstlerin in Prenzlauer Berg.

Eckhard Fürlus: Für mich ist deine Ausstellung in der Galerie am Prater 1997 ein ganz wichtiges Ereignis gewesen ...

Sabine Herrmann: Die hieß "Excelsior am Schemiseläjk"

Eckhard Fürlus: Was für ein Lake?

Sabine Herrmann: (lacht): Das war so: ich habe in dieser Ausstellung mit einer Bildhauerin zusammen ausgestellt – mit Karina Spechter – und mein Hauptbild hieß "Excelsior", das rote, gleich wenn man reinkam. Und ihre Hauptarbeit, die daneben hing, hieß "Schemiselajk", das heißt Chiemsee auf Englisch. Das war ein Wortspiel, von ihrer Seite. Sie hat das so beschrieben – ich guck gleich mal, ob ich die Karte noch finde – Schemiseläjk. Sie hat es praktisch in Lautschrift geschrieben. Dadurch kam der Titel zustande. Das waren Skulpturen aus Pappmaché. Also – wie die Engländer Chimsee aussprechen.

Eckhard Fürlus: Diese Ausstellung war die erste Ausstellung, die ich mit deinen Bildern gesehen hab. Dabei war für mich eine ganz besondere Arbeit, "Weggang von mir selbst". So heißt es, glaube ich.

Sabine Herrmann: Das heißt so.

Eckhard Fürlus: Das hat mich völlig fasziniert. Ich war ganz verblüfft. Auch dieser Titel. Der erschien mir doch sehr bezeichnend und hätte auch Titel sein können einer Blumfeld Langspielplatte oder CD. Es gibt ein Diktum von Max Ernst, das besagt – oder er sagt es so: "Ich dränge einem Bild einen Titel niemals auf. Ich warte, bis sich der Titel mir aufdrängt." Wie hältst du es damit? Ist das Thema von Anfang an klar? Oder wartest du, was sich entwickelt?

Sabine Herrmann: Titel sind eine ganz schwere Sache. Ich denke, ich mache das auch so. Eigentlich drängen sich bei mir zunehmend weniger Titel auf. Das ist ganz schlecht, weil ich oft das Gefühl habe, daß sich die Umgebung der Ausstellung – sagen wir mal, die Galerieräume oder die Leute in ihren Erwartungen – mich nötigen, Titel zu finden für die Bilder. Oftmals ist es wirklich schwierig. Nur bei dem Bild war’s eine Ausnahme, weil da ja relativ figürlich dargestellt ist: ein Mensch oder eine Person, die ins Straucheln kommt. Warum auch immer. Die plötzlich aus dem normalen Gleichgewicht rauskippt. Einen Hauch nur. Fand ich plötzlich auf dem Bild so. Dann dachte ich, das ist der ideale Titel. Der ist mir zugefallen.

Eckhard Fürlus: Andererseits gibt es ja auch Bildgruppen, die einem Themenkomplex zugeordnet sind. Stichwort: Titanic. Bei der neuen Ausstellung "oval" bezieht sich der Titel der Ausstellung auf die Form der Bilder. Wie kam es zu dieser Ausstellung? Gibt es eine Geschichte dazu?

Sabine Herrmann: Ja. Da gibt es eine Geschichte. In Hannover gibt es ein Gebäude, das International Neuroscience Institute. Dieses Institut hatte sich für meine Bilder interessiert, und ich habe am Computer versucht, in diese baulichen Gegebenheiten irgend etwas Verrücktes zu machen. Dieses Gebäude, dieses International Neuroscience Institute, ist ein riesiger Kopf auf einer Anhöhe, das ist ein Fünfetagenhaus, in Kopfform, also oval. Und innen gebogen. Die Flure in den Innenräumen sind nie gerade, sondern immer leicht gewölbt. Und da hatte ich mir für das Entree eine Geschichte ausgedacht. Das ist hier ein reinkopiertes Bild von mir, und die Form finde ich interessant. Das ist nicht zur Ausführung gelangt; sie haben andere Bilder von mir genommen; diese Sachen hier nicht. Für das Entree haben sie eine andere Variante mit kleineren Sachen genommen. Ich war hinter dieser Form her. Ich dachte, das sieht irre aus. Wie Augen. Oder Ufos. Das habe ich jetzt einfach gemacht.

Eckhard Fürlus: Seit wann arbeitest du an diesem Thema?

Sabine Herrmann: An diesem "oval"? Umgegangen mit dem Thema bin ich schon eine ganze Weile. Das ist ja schon ein älteres Thema. Das sind mindestens fünf, sechs Jahre, in denen ich mir das überlegt habe. Und dadurch, daß es eine Produzentengalerie ist, das heißt, wo ich auch mal Dinge machen kann, die ich schon lange mal machen wollte und die vielleicht in einer kommerziellen Galerie so nicht möglich wären oder in einer Gruppenausstellung, habe ich jetzt etwas ganz außergewöhnliches machen können. Etwas anderes, als meine Bilder sonst, finde ich. Eine so starke Form verlangt natürlich, daß man sich zurücknimmt. Was ich sonst so liebe, die Oberfläche so lange zu bearbeiten, bis sie ins letzte Quadratzentimeterchen rein so eine durchgeformte, durchgearbeitete Struktur bekommt, das kannst du hier nicht machen. Das ging nicht zusammen. Ich hatte versucht, so grob wie möglich zu sein, und so laut wie möglich ...

Eckhard Fürlus: Ja, ...

Sabine Herrmann: (lacht): Und nun bringe ich das so.

Eckhard Fürlus: Wie viele Arbeiten werden ausgestellt?

Sabine Herrmann: Es werden die zwei ... da muß man reingehen wie in so einen Kopf, die Augen rechts und links. So hatte ich mir das vorgestellt. Und das kommt an die Wand, auf die man zugeht. Dann kommt man in den Raum dahinter, und da werden dann ganz helle Bilder ausgestellt.

Eckhard Fürlus: Die in derselben Technik gemalt sind?

Sabine Herrmann: Ja. Die sind in derselben Technik, aber eingeschränkter in der Farbigkeit. Die wollte ich für einen ganz hellen Raum haben. Das war schwierig. Ich wollte ja weiße Bilder malen. Ganz weiß ging nicht. Denn weiß ist eine Farbe, die ist wirklich keine Farbe. Ich habe früher viele schwarze Bilder gemalt. Da haben viele Leute gesagt: Schwarz ist doch keine Farbe. Das ist doch so ... Das stimmt nicht. Schwarz kann man gut modellieren. Weiß dagegen – wenn du zu hell wirst, ist es wie ein überbelichtetes Foto. Und sofort geht das ganze Leben raus.

Die Ausstellung "oval" von Sabine Herrmann ist vom 1. März bis zum 2. April in der Galerie raum 5 in der Torstraße 173 zu sehen. Sie ist mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr und sonnabends von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es unter www.raum5-berlin.de