30.11.2005

SIMONA SOARE

von Eckhard Fürlus

Zu den neuen Radierungen von Simona Soare

Mit den Anklängen an Cartoons und Comics, die es auch gibt in den hier gezeigten Bildern, sind sie uns doch ganz nah als Erinnerungs-Echo, als bruchstückhafte, be- und verzaubernde Momente aus der Zwischenwelt von Traum und Realität.

Im Rumänischen Kulturinstitut „Titu Maiorescu“ in der Königsallee in Berlin-Grunewald ist derzeit ein Zyklus von Radierungen der jungen rumänischen Künstlerin Simona Soare zu sehen. Gezeigt werden ausschließlich neue Arbeiten, die während der Sommer- und Herbstmonate dieses Jahres in Berlin entstanden sind. In dem für die Ausstellung zur Verfügung gestellten Raum der Villa Walther, der durch seine dominante Gestaltung und Auskleidung in einem nicht zu übersehenden Spannungsverhältnis steht zu den Bildern dieser Ausstellung, sind die graphischen Arbeiten Soares von der Künstlerin selbst konzeptuell in eine Ordnung gebracht worden.

Auf einer der beiden Längswände sieht sechs Arbeiten mit unterschiedlichen Motiven, die sich in dem hier ausgestellten Werk mehrmals wiederholen, ausgeführt in Aquatinta Technik. Von dort führt der Gang durch die Ausstellung zu Bearbeitungen bzw. Variationen dieser sieben Motive durch unterschiedliche Handhabung sowohl der Farbgebung als auch der Technik. Beiden auf dieser Seite gezeigten Bild- oder Werkgruppen gemeinsam ist, daß die Künstlerin oberhalb der einzelnen Blätter die unterschiedlichen Bildmotive zu einem Ganzen zusammengefügt und miteinander ins Szene gesetzt hat.

Zwei einzelne Motive in Aquaforte Technik befinden sich am äußeren rechten Ende dieser Wand.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes hat Simona Soare den in der oberen Hälfte befindlichen Balkon als Bildhalter für die ihre größte Arbeit benutzt. Wie ein Band verläuft das Blatt von oben nach unten mit vielen sich überlagernden Bildmotiven. So entsteht der Eindruck eines von oben herabfallenden Katarakts. Rechts und links daneben befinden sich je zwei größere Arbeiten mit mehreren Motiven.

Es sind nicht allein neue Arbeiten zu sehen; alle Bilder wurden in der Technik der Radierung ausgeführt. Bei der Kupferstechtechnik wird mit der Radiernadel eine Zeichnung in den Ätzgrund einer Kupfer- oder Stahlplatte eingraviert; von dieser Zeichnung kann man dann mittels einer Kupferdruckpresse einen Abzug von der geätzten Platte herstellen. Sämtliche für diese Ausstellung ausgewählten Bilder wurden in der Technik Aquatinta, Aquaforte und Aquatinta mix media koloriert. Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten von Simona Soare sind Unikate.

  • SIMONA SOARE, ©
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Das Leben ist ein Traum, hatte schon Don Pedro Calderon de la Barca geschrieben, und wie Bilder aus einem Traum wirken die neuen Arbeiten von Simona Soare, deren Motive in veränderter Form immer wiederkehren: Wir sehen Szenen am Ufer eines Baches und in einem Wald; wir erkennen Tiere wie den Fuchs und eine Ballonkatze, aber auch Protagonisten, wie sie in Fabeln und Märchen vorkommen: die Meerjungfrau, ein Hexenwesen, der Hund der Großmutter sowie tote, unbelebte Gegenstände – Blätter, Zweige, die magische Bürste und Aladins Wunderlampe. Ein Bild führt uns mit surrealistisch anmutenden Riesenschritten über große und kleine Stufen in eine nicht näher beschriebene Halle und erweckt Assoziationen an Edvard Griegs „Halle des Bergkönigs“. Ein anderes Motiv zeigt uns einen Goldenen Fluß und das Königreich des Roten Landes. Ein Traummotiv offenbart eine baumbestandene Hügellandschaft mit fliehenden, fließenden Formen, die an Einhörner und Elfen erinnern und sich am Firmament zu bewegen scheinen.

Alle in dieser Ausstellung gezeigten achtunddreißig Arbeiten kommen ohne einen Titel oder eine Bezeichnung aus. „Once upon a time ...“ – so beginnen im englischsprachigen Raum die Märchen. Dies könnte eine mögliche Überschrift sein für die in ihrer Zartheit und Märchenhaftigkeit bezaubernden achtunddreißig neuen Arbeiten von Simona Soare, doch bleibt es dahingestellt, ob die Motive aus Märchen oder Fabeln oder der Mythologie entlehnt sind. Mit den Anklängen an Cartoons und Comics, die es auch gibt in den hier gezeigten Bildern, sind sie uns doch ganz nah als Erinnerungs-Echo, als bruchstückhafte, be- und verzaubernde Momente aus der Zwischenwelt von Traum und Realität. Einige Bilder erscheinen wie Aufzeichnungen und Schilderungen von Reisenden in andere, ferne Länder und wecken Erinnerungen an Reiseberichte von Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Arbeiten von Simona Soare beschreiben eine Reise in eine Innenwelt; es sind Topographien der Seele, und wir stehen einer Kunst gegenüber, die gleichermaßen nach innen wie nach außen wirkt.

„Man darf sagen, den wirklichen bestand dieser mythologie leugnen, hieße ungefähr auch das hohe alter und die andauer unserer sprach in abrede stellen: jedem volk ist glaube an götter nothwendig wie die sprache.“
Jacob Grimm

Simona Soare wurde am 1. August 1979 in Galati in Rumänien geboren. Nach der Beendigung ihrer Schulzeit arbeitete sie von 2000 bis 2001 als Illustratorin für zwei Kinderbuch-Projekte und war Kuratorin der Gruppen-Ausstellung „Ikonen auf Holz und Glas“ im Friedrich Schiller Kulturhaus in Bukarest, Rumänien. Simona Soare ist ausgebildete Wand- und Freskomalerin. 2002 arbeitete sie in Bukarest als Kuratorin einer Gruppen-Ausstellung im Comödie Theater. 2003 machte Simona Soare ihren Abschluß mit Diplom an der Nationalen Kunst Universität, Fakultät für Dekorative Kunst und Design, in Bukarest und erhielt im Oktober 2003 das Erasmus Stipendium an der Kunsthochschule in Berlin–Weißensee. Seit 2004 studiert sie im Masterstudiengang „Kunst im Kontext“, und seit dem 1. August dieses Jahres ist Simona Soare, die auf zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland zurückweisen kann, Kulturreferentin beim ASTA an der Universität der Künste UdK in Berlin.

Jacob Grimm, der Begründer der deutschen Philologie, hat einmal über die deutsche Mythologie geschrieben: „Man darf sagen, den wirklichen bestand dieser mythologie leugnen, hieße ungefähr auch das hohe alter und die andauer unserer sprach in abrede stellen: jedem volk ist glaube an götter nothwendig wie die sprache.“ (Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, 1. Band, S. VI). Was Jacob Grimm über die deutsche Mythologie geschrieben hat, das hat gewiß auch Gültigkeit für die Mythologie aller Völker.

Der Wortbedeutung nach ist Mythus oder Mythos seit den Tagen des Dichters Homer soviel wie Rede oder Erzählung. Die Griechen gebrauchten das Wort für Erzählungen aus vorhistorischer Zeit. Im Unterschied zur Sage ist der Mythos eine Erzählung, in deren Mittelpunkt ein göttliches Wesen steht. So wurde der Mythos zum Inbegriff aller Erzählungen von Göttern, von dämonischen und halbgöttlichen Wesen wie auch der Lehre der Völker über ihre Götter, deren Wesen, deren Tun und deren Kult.

Mehr noch als mit den Mythen scheinen die Arbeiten Simona Soares mit den Fabeln verwandt zu sein. Der Begriff stammt von dem lateinischen Wort fabula und verweist auf den Stoff, der erzählt wird, auf den Gegenstand, den Inhalt und die Handlung einer epischen und dramatischen Dichtung. In den Fabeln spiegelt die Tierwelt die Welt des Menschen wieder. Das Menschenähnliche der Tiercharaktere wird thematisiert.

Im Gegensatz zu den Volkserzählungen und anders als Epos und Sage sind Märchen ausgesprochen unwirklich; sie sind nicht an historische Personen und Örtlichkeiten gebunden, und Feen und Zauberer, Tiere und unbelebte Gegenstände werden zu Protagonisten der Märchen.

In ihren experimentellen Radierungen hat Simona Soare Personen und Gegenstände aus einem wundervollen Ort zurückgeholt und in die Gegenwart überführt. Dabei handelt es sich nicht um Illustrationen vorgefundener Erzählungen oder gar um eine Flucht aus der Zeit, aus der Realität in eine Fabelwelt, sondern um eine ganz bewußte Hinwendung zu diesem Material. Durch eine eigenwillige Kombinatorik gelingt es der Künstlerin, überraschend neue Zusammenhänge in ihren Bildern zu schaffen und einen unverbrauchten Blick auf längst vertraut Geglaubtes zu lenken.

In den großformatigen Arbeiten, die Simona Soare in dieser Ausstellung zeigt, hat sie verschiedene Motive ihrer Radierungen übereinander gelegt und durch mehrfaches Drucken und durch verschiedene Farben unterschiedliche Farbintensitäten auf den Bildträgern erreicht, die wie Mehrfachbelichtungen eines Augenblicks anmuten. Was Thomas Wagner einmal über die Arbeit von Robert Rauschenberg gesagt hat, das gilt auch für die Überlagerungen in den Radierungen Simona Soares, dort, wo wir eine Gleichzeitigkeit ohne Zentrum ausmachen, und wo sich die Bildmotive durch ihre Ausdehnung über den festgesetzten Rahmen, den das Bildformat vorschreibt, hinaus erstrecken.

Der amerikanische Komponist und Philosoph John Cage hat das Leben einmal als einen permanenten Prozeß des Entdeckens gezeichnet. Man sieht die Dinge anders mit einem größeren Erfahrungshorizont. Während ihrer Zeit in Deutschland hat Simona Soare sehr viele Erfahrungen gesammelt und in ihr künstlerisches Werk einfließen lassen. Ihre Neigung zu ganz großen Formaten hat bei den Arbeiten für diese Ausstellung, in der ausschließlich Radierungen gezeigt werden, bis auf eine Ausnahme zurückstehen müssen.

Reproduktion, Variation und Kontinuität sind die Konstanten in den hier ausgestellten Radierungen. Nach einer ausgeprägten Phase gegenstandsloser Malerei und Graphik hat Simona Soare hier und jetzt mit dem traditionellen Medium der Radierung ein überraschend neues Werk in Szene gesetzt.



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Simona Soare: Fragmente - Nachklänge / Spiel Traum Realität. Rumänisches Kulturinstitut „Titu Maiorescu“,
Königsallee 20 A,
14193 Berlin-Grunewald.
Telefon 030.89 06 19 87.
e-mail: office@rokultur.de
www.deruge.org
www.icr.ro
www.geocities.com/simonasoareus
Öffnungszeiten: 29. November bis 22. Dezember 2005, montags bis freitags 9 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung.