Die Tödliche Doris
03.09.1999

Das Kumpelnest 3000 - Tempel der Dilletanten

Autor/en: Die tödliche Doris

von Nils Röller

Das Kumpelnest 3000 ist eine Berliner Bar, die 1999 in einem Bühnenstück geehrt wurde. Das künstlerische Konzept der Bar läßt sich nun anhand des Buchs "Die Tödliche Doris" erschließen. Es stellt eine Bewegung der achtziger Jahre vor, die mit dem Festival "Geniale Dilletanten" 1981 große Öffentlichkeit erhielt und die Stimmung des Lokals in der Lützowstr. 23 prägte. Die meisten Interpreten des Festivals spielten Instrumente, die sie nicht beherrschten, denen sie aber virtuos bis dahin ungehörte Musik entlockten. Die Gruppe der Einstürzenden Neubauten bearbeiteten Eisen- und Metallgegenstände und ihr Schlagzeuger F.M. Einheit verschaffte dem Duett von Elektrobohrmaschine und Stahlplatte einen bleibenden Platz in der Musikgeschichte. Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller traten als die Tödliche Doris mit eigens präparierten Instrumenten auf, unter anderem einem Elektrobass, der mit den zwei tiefsten Bassaiten und den beiden höchsten Saiten der Gitarre bespannt wurde und durch einen Tischventilator in Vibrationen versetzt wurde.

Sicherlich gab es viel Kopfschütteln, nicht zuletzt wegen der Schreibweise des Worts "Dilletant" auf Veranstaltungsplakaten, die an Dill und Tanten denken ließ und so das italienische Wort "dilettare" eigenwillig verzerrte.
Die Karriere der Tödlichen Doris war danach nicht mehr aufzuhalten. Käthe Kruse kam als drittes Bandmitglied hinzu, und manchmal wurden die drei von Tabea Blumenschein unterstützt, die nun als Sozialhilfeempfängerin in einem Plattenbau wohnt. Zahlreiche Auftritte in Japan, Amerika und besonders im Ostblock folgten, und 1987 wurden Doris’ künstlerische Ambitionen durch eine Einladung zur Documenta gewürdigt. So ist es auch das Jahr, in dem neben Lufthansa und der deutschen Bank Sponsoren wie das Punk-Magazin "Bierfront" oder das Ex-Bordell "Kumpelnest" im Documenta-Katalog genannt wurden. In diesem Jahr löste sich die Gruppe auch auf. Erhältlich ist seitdem ein Tafelwein der Marke "Die tödliche Doris", der eine wichtige Eigenschaft von Doris ironisch in einer Flasche verkörpert, nämlich den statischen Werkbegriff der Kunst zu verflüssigen.

Zwei weitere Eigenschaften zeichneten Doris aus: Sie hat ihren Erfolg mit anderen geteilt, in dem sie auch zu prestigereichen Anlässen wie der Documenta andere Künstler aus ihrem Umfeld zur Teilnahme aufforderte. So zum Beispiel die Kellner des Kumpelnests, die auch als Schriftsteller, Photographen, Schauspieler und Regisseure tätig sind und sich an der Grenze bewegen, die zwischen Kunst, Leben und Arbeit gezogen wird. Einige ihrer Werke stellt der Verleger und Galerist Martin Schmitz vor. Er hat Doris’ Prinzip übernommen und pflegt nicht nur den Erfolg von Doris, sondern auch die Literatur des Kellners und Science-fiction Autors David Holland-Moritz, die Geschichte der Band "Mutter" und die literarische Käferwelt des Performance-Künstlers Ogar Grafe.

Doris dritte Eigenschaft war ihr Wille zur Kunst des Augenblicks. Sie verwahrte ihre Bühnenkostüme, verwandelte z.B. die Unterwäsche in Lampenschirme und bot sie dem Kunstmarkt an. Ebenso widmete sie dem Bilder-Müll anonymer Berliner Bürger Aufmerksamkeit und organisierte ihn im sogenannten Foto-Dokumentar-Archiv. Wichtiger Baustein des Archivs sind zerrissene Passfotos, die neben den Fotomatonbildautomaten in Berliner U-Bahnhöfen gefunden wurden. Doris säuberte diese Bildreste, fügte sie wieder zusammen und legte sie mit einem Kommentar im Archiv ab. Anhand der hergestellten Bilder konnte Doris die Bewegungen unbekannter Mitbürger vor der Linse rekonstruieren.

Das nun erschienene Buch "Die Tödliche Doris Kunst" vermittelt den Eindruck, als habe Doris im Kunstmarkt einen schwerfälligen Goliath gesehen, der nicht auf dem schmalen Grat zwischen flüchtiger Performance und wertschaffendem Objekt balancieren konnte und der nicht auf ihre schelmische Listen reagieren konnte. Anläßlich eines Auftritts zu Sylvester sangen die Mitglieder von Doris in Kissen hinein, um die Stimmen von Leuten zu erzeugen, die hunderte von Metern entfernt "Maria" rufen.

Die Kissen stellte sie später aus und konnte sie einem Galeristen für 1500 DM verkaufen, der allerdings nur 300 DM anzahlte und dann nicht dazu bewegt werden konnte, weitere Beträge zu überweisen. Als Doris dann die vermutlich kostspieligen Anzeigen der Galerie in Kunstzeitschriften sah, ließ sie sich nicht länger narren, sondern betrieb produktive Wertvernichtung, indem sie 48 Kissen produzierte und für 250 DM anbot, so daß der Galerist einen "Wertverlust" von 50 DM hatte.
Ein andermal bot Doris dem Kunstmarkt Tische an, die in einer Nacht im Kumpelnest zu Bruch gegangen waren. In ihrer Werkstatt, "dem Haus der Tödlichen Doris", fügte sie die Überreste wieder zusammen und bot sie gemeinsam mit einer Glasschale "randvoll gefüllt mit Japonaisekeksen" an, die regelmäßig bei Ausstellungseröffnungen leer gegessen wurden. Das Objekt heißt laut Katalog "Für den kleinen Appetit". So konnte jeder Besucher etwas von Doris verinnerlichen, genau wie den Wein der gleichnamigen Marke.

Dem situativen Reagieren von Doris setzten die Gruppenmitglieder 1987 mit der Kreation der Weinmarke freiwillig ein Ende. Nicht nur, daß es nun ein Kumpelnest für die Mitglieder und Freunde der stattlichen Dame gab, es schien auch der Zeitpunkt gekommen, da Doris’ Mitglieder vom Reagieren und Ausnutzen günstiger Augenblicke zum Agieren gelangen wollten. Nikolaus Utermöhlen hat in der kurzen Zeit nach Doris Auflösung bis zu seinem Tode 1996 ein malerisches Werk geschaffen, Käthe Kruse singt, malt und kuratiert ein Hautmuseum, Wolfgang Müller setzt sich für die Kulturvermittlung zwischen Deutschland und Island ein. Er publiziert in den Sprachen beider Nationen und ist Spezialist für Elfen und Trolle geworden. Wenn nun in einer der lebendigen Nächte wieder die Gäste auf den Tischen tanzen und dabei etwas zu Bruch geht, dann gibt es zwar keine tödliche Doris mehr, die diese Relikte kittet und Galeristen anbietet, aber vielleicht einen isländischen Dichter, der mit Wolfgang Müller darüber einen Vers in Reykjavik schmiedet.