Judith Butler
06.09.2001

Psyche der Macht – Das Subjekt der Unterwerfung

Autor/en: Judith Butler

Was im Subjekt los ist
Judith Butler über Melancholie

von Nils Röller

Vielleicht ist Liebe eine rituelle Praktik und sie entsteht durch wiederholte Ausübung? Das fragt Judith Butler in der vorliegenden Studie, die Auswege aus einer melancholische Sackgasse skizziert. Butler geht davon aus, dass das menschliche Subjekt keinen festen Kern besitzt, sondern durch Wendungen der "Subjektivation" gebildet wird. Ein Beispiel für Subjektivation ist die Alphabetisierung: Wer schreiben lernt und den schriftlichen Ausdruck beherrscht, wird zugleich ein Beherrschter, der von den Regeln der Grammatik gelenkt wird. Butler präpariert den Moment, in dem Grenzen zwischen Innerlichkeit und Äusserlichkeit gesetzt werden. Dieser Moment wird im fünften Kapitel, das "Melancholische Geschlecht/Verweigerte Identifizierung" am Beispiel homosexueller Bindungen verdeutlicht.

Die Melancholie ist eine Trope, denn sie verwandelt ein kernloses Wesen, in eines, das zwischen richtiger und falscher Liebe unterscheidet. Diese Unterscheidung sei Produkt einer heterosexuellen Züchtung: "Die Heterosexualität wird durch Verbote herangezüchtet und eines der Objekte dieser Verbote sind homosexuelle Verhaftungen, deren Verlust damit erzwungen wird". Die Abwendung vom eigenen Geschlecht gehe der Hinwendung zum anderen voraus, und in dieser Logik entstehe Identität durch Absage. Schwule und Lesben bilden deshalb ein Ärgernis für Heterosexuelle, weil sie die Regel der Absage in Frage stellen. Aber nicht homosexuelle Neigungen seien fragwürdig, sondern vielmehr der Prozess der Subjektbildung durch Abwendung. In eine Sackgasse geraten nach Butler auch Homosexuelle, die auf einer spezifisch schwulen oder lesbischen Identität beharren, denn sie ahmen schlicht den Kohärenzanspruch der heterosexuellen Melancholiker nach. Die Melancholie birgt ein Potential an Auflehnung. Erst wenn es gelingt, sich auf dem Prozess des Trauerns um Verluste einzulassen, dann wird die Furcht um die Erschütterung der eigenen Position vermindert: "Überleben kommt nicht zustande, weil ein autonomes Ich in der Konfrontation mit einer widerständigen Welt seine Autonomie ausübt, ganz im Gegenteil kann ein Ich gar nicht ohne den belebenden Bezug zu einer solchen Welt entstehen. Überleben ist eine Frage des Eingeständnisses der Verlustspur, aus der man selbst hervorgegangen ist". Die Gender-Forschung Butlers erweist sich erneut als eine Methode, Relationen statt Substanzen zu denken. Das will geübt sein und das kann man mit Butler üben, wenn man mit ihr Fragen bedenkt, anstatt Ritualen der Ausgrenzung zu folgen.