Gerhard Schulze
28.03.2003

Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert

Autor/en: Gerhard Schulze

Ten years later - still going strong

von Werner Fuchs

Vor gut zehn Jahren stiess ich auf das Buch "Erlebnisgesellschaft", weil mich seit Tim und Struppi alles interessiert, was mit Schulze zu tun hat. Und die Lektüre war ebenso spannend wie die Abenteuer von Schulze/Schulze. Denn hier hat ein Professor geforscht und dabei beste Zukunftsprognostik geleistet. Und zwar nicht so wie viele Trendgurus, die Forschung von forsch abzuleiten scheinen, indem sie ihre Quellen nur spärlich preisgeben und ihr Wissen als Originalbeiträge verkaufen. Gerhard Schulze ist Professor für Soziologie in Bamberg und alles andere als ein Bewohner des Elfenbeinturms. Frei von unsäglichem Soziologenchargon beobachtet er, was in der Welt vorgeht, um dann seine Schlüsse zu ziehen. Ich war also gespannt, was Schulze nach der Euphorie der New Economy und ihren Auswüchsen zu sagen hat, ob und wie er seine früheren Einschätzungen revidiert, was seiner Ansicht nach Bestand hat und wohin wir in den nächsten Jahren driften werden. Die Neugier hat sich gelohnt. Die gegenwärtige Ratlosigkeit ist für Schulze keine Überraschung, sondern die logische Folge eines monotonen Steigerungsspiels. Schulze ist kein Berufspessimist und Moraltheologe, sondern ein wachsamer, analytischer und vorsichtiger Sezierer menschlicher Verhaltensformen. Er glaubt nicht, dem Leser und dem Markt zuliebe alle Fragen beantworten zu müssen, versucht aber trotzdem die vielen Einzelteile wieder zu einem übersichtlichen Ganzen zusammen zu fügen. Diese Qualität und der flüssige Stil bewirkt, dass die Lektüre trotz inhaltlichem Gewicht relativ leicht ist. Schulze bringt zur Sprache, was wir fühlen: nach der Spassgesellschaft machen wir uns auf den Weg zu einer neuen Sinngesellschaft. Unmöglich, alle Thesen und Gedankengänge in knapper Form zusammen zu fassen. Ich unterlasse diese Unterfangen aber auch, weil es die zum Teil brillianten Herleitungen und überraschenden Assoziationen sind, die den Lesegenuss dieses Soziologiebuches ausmachen. Geradezu beispielhaft sind die Literaturhinweise. Denn Schulze riskiert dem Leser zuliebe Kollegenschelte, indem er die zahlreichen Bücher mit persönlichen Kommentaren versieht. Wer dem Autor während 358 Seiten beim Denken zugeschaut hat, kann auch seine Bemerkungen zu anderen Autoren richtig einordnen und frei entscheiden, mit wem er allenfalls die Fortsetzung geistiger Höhenflüge bestreiten will. Tolles Buch, das hoffentlich den Erfolg von "Erlebnisgesellschaft" noch übertreffen wird.