Max Ernst
23.10.2003

Max Ernst

Autor/en: Lothar Fischer

Paddelboot und Staubsauger werden sich lieben
Zu Lothar Fischers Max-Ernst-Biographie

von Eckhard Fürlus

Gälte es ein Buch zu benennen, das mir vielfältige Anregungen und meinem weiteren Leben eine bestimmte Richtung gegeben hat, so wäre unbedingt die von Lothar Fischer verfasste Max-Ernst-Biographie zu nennen. Seit dem Tag, an dem ich es zum ersten Mal in der Hand hielt, habe ich es wieder und wieder gelesen, und noch heute entdecke ich Neues in diesem erstaunlichen und in ganz besonderer Weise eindrucksvollen Buch. Doch der Reihe nach ...

In den Adventstagen des Jahres 1969 lernte ich Hans Sünderhauf kennen, einen aus Berlin gebürtigen Maler, der am Progymnasium Hohenkirchen als Kunsterzieher beschäftigt war und neben seinem Kreuzberger Atelier auch in Jever unweit dem Haus meiner Eltern eine Werkstatt unterhielt. Zusammen mit seiner Familie wohnte Hans Sünderhauf auf dem Lükenshof, einem Gutshaus mit einem sich anschließendem kleinen Park, am Rande der Stadt. In seiner Werkstatt hatte Sünderhauf damals eine Weihnachtsausstellung initiiert und damit den Künstlerinnen und Künstlern des Küstenraumes ein Forum zur Präsentation und zum Verkauf ihrer Arbeiten geboten.

Von Hans Sünderhauf bekam ich zu Beginn der Osterferien im April 1971 die Schlüssel zu seinem Berliner Atelier, einem ehemaligen Fotostudio im fünften Stock eines Hauses in der Skalitzer Straße, mit der Aufforderung, mir einmal Berlin anzuschauen und unbedingt auch die Neue Nationalgalerie und die Deutsche Oper in der Bismarckstraße zu besuchen. Flugreisen in die geteilte Stadt wurden in jenen Tagen staatlicherseits gefördert, und ein Hin- und Rückflug von Hannover nach Berlin-Tempelhof kostete wenig mehr als 70 Mark.

Der erste Besuch der am Reichpietschufer gelegenen Neuen Nationalgalerie wie auch die darauf folgenden hatten mich nachhaltig beeindruckt. Neben den Bildern der Romantiker, der Expressionisten, der Surrealisten und einer Sonderausstellung mit Arbeiten von Renato Guttuso waren es vor allem die beiden Gemälde von Max Ernst Muschellandschaft von 1928 und Vogel auf Rot von 1956, die mich ganz besonders faszinierten. Als Geschenk des Künstlers gelangte Mitte der siebziger Jahre das Gipsmodel der Skulptur Capricorn in den Bau Mies van der Rohes; kurz darauf erwarb Dieter Honisch das großformatige Bild Die Auserwählte des Bösen, französisch L'Èlue du mal, für die Neue Nationalgalerie.

Einmal auf die Arbeiten von Max Ernst aufmerksam geworden, stellte sich bei mir eine unbändige Neugier auf die Person ein, die als Künstler hinter diesen Gemälden steht. Mein Verlangen nach biographischem Material versuchte ich mit dem Kauf von Büchern von und über Max Ernst zu stillen. So besorgte ich mir am 7. Februar 1973 in der Buchhandlung Galerie 2000 in der Berliner Knesebeckstraße zusammen mit den beiden Bänden Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen, ein Buch mit einem fiktiven Max-Ernst-Interview, und Paramythen, einen mit Collagen versehener Max-Ernst-Gedichtband, auch dasjenige Taschenbuch, das im April 1969 zum ersten Mal bei Rowohlt als Bildmonographie 151 erschienen war: Lothar Fischers Max-Ernst-Biographie.

Dieses Buch kam mir wie gerufen. Alle darin enthaltenen Anregungen nahm ich begierig auf und versuchte, den Gedanken und Sentenzen des Künstlers nachzuspüren und seine Sichtweise auf Schule, Elternhaus, Kunstbetrieb und Gesellschaft mir soweit als möglich zu eigen zu machen. Zusammen mit den Begriffen Freiheit, Liebe, Lust am Leben, Leben ohne Angst, die Lothar Fischer als Ausgangspunkt für eine Werkbetrachtung Max Ernsts als konstitutiv empfand, gehörten Ernsts Äußerung über seine literarischen Neigungen als Jugendlicher - "Alles interessierte mich. Ein junger Mensch ist wie eine Billardkugel; jeder Stoß gibt ihm eine neue Richtung ..." - ebenso wie die Lebensauffassung des Künstlers - "Er hatte Genie, aber kein Diplom ..." - seine Begeisterung für Paris und schließlich seine Bekenntnisse zur künstlerischen Arbeitsweise in einer selbstgewählten, autonom erscheinenden Unabhängigkeit ganz unbedingt zu den Signalen, für die ich während des Durchlaufs der letzten beiden Schulklassen des Gymnasiums in höchstem Maße empfänglich war.

Hinsichtlich der kompositorischen Verfahrensweise bei diesem Buch enthält schon die "Vorbemerkung" einen wichtigen Hinweis des Verfassers. "Bestimmend für den Aufbau des Textes", schreibt Lothar Fischer, "war die Tatsache, dass Max Ernsts Leben das wahrhaft exemplarische Schicksal eines Europäers ist, eng verknüpft mit den politischen und künstlerischen Ereignissen und Strömungen unseres Jahrhunderts." Dann: "Kein deutscher Maler des 20. Jahrhunderts hat so revolutionär die traditionellen abendländischen Bildauffassungen angegriffen wie Max Ernst. Keinem Künstler verdankt die bildende Kunst so viele technische Erfindungen wie ihm." Diese beiden Sätze, mit denen Lothar Fischer die Biographie im Anschluss an die "Vorbemerkung" eröffnet, können auch mehr als dreißig Jahren nach ihrer Niederschrift ihre Gültigkeit behaupten. Darauf folgt der schöne Satz aus der Phänomenologie des Geistes von Georg Wilhelm Friedrich Hegel: "Die kraftlose Schönheit hasst den Verstand, weil er ihr das zumutet, was sie nicht vermag. Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes."

Das Buch über Max Ernst ist nicht allein eine überaus einfühlsam geschriebene Biographie; sie beinhaltet neben vielem anderen auch eine Anleitung zum Sehen und Schauen. Auf Seite 12 heißt es über den Künstler: "Wenn jemand ihn fragte: 'Was ist deine Lieblingsbeschäftigung?', antwortete er stets: 'Sehen!'" "Vor dem Hintergrund der geschilderten Kindheitserlebnisse Max Ernsts stellt Lothar Fischer eine Verbindung her zu Leonardo da Vincis Traktat über die Malerei und konfrontiert ihn mit einem Zitat aus dem chinesischen Lehrbuch der Malerei von Song Ti; die in ihnen beschriebenen Anleitungen, Ratschläge und Vorschriften können als Ausgangspunkt gelten für die von Max Ernst entwickelten vielfältigen Verfahren, die Inspiration herbei zu zwingen. Aber die Art des Schauens heißt es bei Leonardo: "Sie besteht darin, dass du auf gewisse Wände hinsiehst, die mit allerlei feuchten Flecken behaftet sind, oder auf Gestein von verschiedenerlei Farbe. Hast du irgendeine Szene zu ersinnen, so kannst du da Dinge schauen, die göttlichen Landschaften gleichen, erfüllt von Gebirgen, Flüssen, Felsen, Wäldern, großen Ebenen, Tälern und Hügeln in reicher Mannigfaltigkeit." Ganz ähnlich heißt es im Lehrbuch der Malerei von Son Ti: "Wählet eine alte, zerfallene Mauer und breitet darauf ein Stück weißer Seide aus. Dann schauet sie euch morgens und abends an, so lange, bis ihr schließlich durch die Seide hindurch den Zerfall sehen könnt: die Buckel, Unebenheiten und spalten; haltet sie im Geist und in den Augen fest ... Nehmt all dies ganz in euch auf, und bald werdet ihr Menschen, Vögel, Pflanzen, Bäume und Figuren sehen, die sich dazwischen bewegen oder fliegen. Dann könnt ihr euren Pinsel nach eurer Phantasie spielen lassen. Das Ergebnis wird eine Sache des Himmels und nicht des Menschen sein."

Den kritischen Texten, die Max Ernst noch als Student im Winter 1912/1913 für die Bonner Zeitung Volksmund geschrieben und in denen er seine Sicht auf Kunst, Künstler und Publikum festgehalten hatte, hat Lothar Fischer ein eigenes, "Ein Zwischenspiel als Kunstkritiker" überschriebenes Kapitel gewidmet. Diese Kritiken sind eine deutliche Absage an den bürgerlichen Kunstbetrieb und an die "Kunstschwätzer", eine Absage aber auch "an die allgemein verbreitete Auffassung, dass von Kunst jeder " ganz gleich, ob Pädagoge oder Medizinalrat " etwas verstehe." Seine ganz persönliche Auffassung über die Situation des Künstlers beschreibt Max Ernst mit folgenden Worten: "Wenn man den Ausdruck 'eigener Weg' in einer Kritik liest, so ist dies so zu verstehen: jungen Künstlern wird der Weg mühsam und schwer gemacht durch die Schimpfereien, die Gehässigkeiten des nichtverstehenden Publikums. (Das schlimmste Publikum sind immer die Kritiker.) Ist der Künstler alt geworden und hat er das Publikum durch seine Ehrlichkeit und Konsequenz von dem Wert seiner Kunst überzeugt (es besiegt), so konstatiert es vergnügt, dass der Künstler seinen eigenen Weg ging."

n diesem Buch erfuhr ich zum ersten Mal von der Absage an den bürgerlichen Geniebegriff des 19. Jahrhunderts durch einen Künstler des 20. Jahrhunderts. In seinem Aufsatz "Was ist Surrealismus?" hatte Max Ernst 1934 behauptet, dass jeder normale Mensch, nicht nur der Künstler, "einen unerschöpflichen Vorrat an vergrabenen Bildern" in sich trägt. Sie ans Tageslicht zu befördern, wie dies Max Ernst mit den anthropomorphen Figuren, den Chimären, den flugzeugfressenden Gärten, den Horden und Sirenen, den Stadtlandschaften, Vögeln und Wäldern getan hat, ist Ernst zufolge nicht zuletzt auch eine "Sache des Muts" . Mit der Erfindung neuer Techniken wie die Decalcomanie und das Dripping-Verfahren, die Frottage und Grattage, die den Zugang zum Unbewussten ermöglichen sollten, ging die Ablehnung der traditionellen Vorstellung von Talent einher. Lange vor Joseph Beuys' Diktum, das besagt, dass jeder Mensch ein Künstler sei, hat Max Ernst Schluss gemacht mit dem "Märchen vom Schöpfertum des Künstlers". "Die Rolle des Malers besteht darin, einzukreisen und zu projizieren, was er in sich selbst sieht." Ganz ähnlich heißt es bei Caspar David Friedrich: "Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen." Lothar Fischer hat diese beiden Sätze von Max Ernst und Caspar David Friedrich einander gegenübergestellt und die Unterschiede deutlich herausgehoben; er betont, dass Caspar David Friedrich zu einer Einheit von innerem Sehen und äußerlicher Entsprechung gelangen wollte. Im Gegensatz zu Max Ernst ist es für Friedrich allein das Erlebnis, das den Künstler legitimiert; Empfindung überwiegt Erfindung oder Technik.

Die von Lothar Fischer verfasste Biographie kann auch als Loblied auf die Freundschaft gelesen werden, der Freundschaft Max Ernsts vor allem mit Hans Arp und Paul Éluard. Eine meiner Lieblingsstellen in diesem wunderbaren Buch beschreibt die einer Zufallsbegegnung auf der Werkbund-Ausstellung1914 in Köln entsprungene Freundschaft zwischen Max Ernst und dem "elsässischen Dichter, Maler und Plastiker Hans Arp. Er war wie August Macke vier Jahre älter als Max Ernst, hatte aber bereits früh Anerkennung gefunden. Er war sich mit Max Ernst darin einig, trotz oder gerade wegen der Liebe beider zur deutschen Romantik, dass die Zeit gekommen war, um nach neuen, kühnen Ausdrucksformen in der Kunst zu suchen." Die Zeit der aufkeimenden Freundschaft mit Hans Arp hat Max Ernst mit den folgenden Worten beschrieben: "Wir sahen uns ständig. Während der nach Hagedorn duftenden Nächte wanderten wir über die bewaldeten Höhen um Bonn in Begleitung junger rheinischer Mädchen, wie sie Heine und Apollinaire zu ihren herrlichen Gedichten inspiriert hatten, und den Meister der weiblichen Halbfiguren zu seinen herrlichen Bildern. Wir bestiegen Tannhäusers Venusberg, die sieben Berge Schneewittchens und ihrer Zwerge, das Rolandseck, wo Karl der Große Roncevales Verzweiflungsruf hörte, den Drachenfels, der von Drachenblut durchtränkt ist, und wir gingen über die Brücke in Beuel, wo Apollinaire den Ewigen Juden getroffen hatte ... Arp las uns seine frühen Gedichte vor, die später unter dem Titel 'Die Wolkenpumpe' erschienen, und ich war erstaunt, in ihnen lange vor dem berühmten Manifest die Anfänge des Surrealismus zu erkennen." Außer mit Hans Arp war Max Ernst auch mit Paul Éluard bis zu dessen Tod in einer tief empfundenen Freundschaft verbunden; dass er mit Paul Éluard wie mit keinem anderen Menschen in seinem Fühlen und Wollen übereinstimmt, hat Max Ernst wiederholt geäußert.

"Von einem bestimmten Punkt an", konstatiert Lothar Fischer am Ende seines Buches, "ist doch primär die Persönlichkeit maßgebend, die sich den unbewussten Inhalten nähert, analog den Erfahrungen, die über die Prädisposition einer Persönlichkeit im Umgang mit Rauschmitteln vorliegen. Ebenso wenig wie es eine Definition von Kunst geben kann, kann es eine Formel für das Produzieren von Kunstwerken geben." Für das Produzieren von Biographien gilt das wohl im gleichen Maße. Lothar Fischer hat sich der Persönlichkeit Max Ernst als Biograph genähert; er hat ihn in allen seinen Facetten als Maler, Graphiker, Bildhauer und Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts aufgefasst und " Lob der Koinzidenz " aus der Perspektive des einfühlsamen und wesensverwandten Künstlers, der Lothar Fischer auch ist, geschildert. Darin liegt das Einzigartige dieses großartigen Buches.