Nelly van Doesburg
23.03.2004

Durchschnitt reicht nicht! Nelly van Doesburg 1899-1975

Autor/en: Wies van Moorsel

Kein Durchschnitt. Nirgends.

von Eckhard Fürlus

"Nelly van Doesburg 1899-1975. De doorsnee is mij niet genoeg" lautet der Titel der holländischen Biographie einer der herausragenden, in ihrer Bedeutung jedoch unterschätzten und lange vernachlässigten Persönlichkeiten der Dada- und De Stijl-Bewegung. Das Buch über die holländische Musikerin und Pianistin Nelly von Doesburg schließt eine erhebliche Lücke sowohl in kunstgeschichtlicher als auch musikwissenschaftlicher Hinsicht. Nun liegt es in einer deutschen Übersetzung vor.

Sie lediglich als Musikerin und Pianistin zu bezeichnen, greift natürlich viel zu kurz. Mit diesen Etikettierungen ist die starke Persönlichkeit Nelly van Doesburg nicht zu fassen. Nelly van Doesburg, eigentlich Petronella van Moorsel, wird 1899 in Den Haag geboren und wächst als jüngstes von sechs Kindern in einem katholischen Elternhaus auf. Durch die Fürsprache ihres Nachbarn, des Architekten Hendrik Petrus Berlage, erhält sie eine Ausbildung als Pianistin am Konservatorium in Den Haag. 1920 lernt sie Theo van Doesburg auf einer Ausstellungseröffnung kennen. Diese Begegnung bestimmt von nun an ihr weiteres Leben. Gegen den Willen ihrer Familie begleitet sie den Maler und Architekten Theo van Doesburg 1921 auf seiner Reise nach Weimar, die zu einer De Stijl-Propagandatournee durch Belgien, Frankreich, Italien und Deutschland erweitert wird. Auf dieser Tournee hält Theo van Doesburg Vorträge über die Künstlergruppe De Stijl, deren Initiator er ist. Nelly van Doesburg umrahmt die Vorträge ihres Mannes mit zeitgenössischer Klaviermusik von Béla Bartók, Jakob van Domselaer, Josef Matthias Hauer, Arthur Honegger, Zoltán Kodály, Darius Milhaud, Vittorio Rieti, Erik Satie, Arnold Schönberg und Igor Strawinsky und leistet damit einen grundlegenden Beitrag, die Musik dieser Komponisten bekannt zu machen. "Als ausführende Künstlerin", so Wies van Moorsel über das Verhältnis der Pianistin Nelly van Doesburg und dem Kunsttheoretiker Theo van Doesburg, "war Nelly mit ihrem Klavierspiel eher eine willkommene Ergänzung als eine potenzielle Konkurrentin." Gemeinsam nehmen Theo und Nelly van Doesburg 1922 am Weimarer Kongreß der Konstruktivisten und Dadaisten teil. Sie ist befreundet mit Hans Arp, Marcel Duchamp, Paul Éluard, Max Ernst, Hannah Höch, Francis Picabia, Man Ray, Kurt Schwitters und Tristan Tzara. Nach dem Tod ihres Mannes 1931 arbeitet Nelly van Doesburg in der Bibliothek des Hauses in Meudon bei Paris, wo sie seine Entwürfe, Zeichnungen und Gemälde aufbewahrt und katalogisiert. Mit den Architekten Cornelis van Eesteren, Gerrit Rietveld und J. J. P. Oud beteiligt sich Nelly van Doesburg 1951 am Aufbau der ersten De Stijl-Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum.

"Oft reagierte sie auf meine Fragen mit einem erstaunten Unterton", schreibt Wies van Moorsel über die erste Begegnung mit ihrer "teuren und eigensinnigen Tante Nelly" van Doesburg im Jahr 1960. "Dass ich das nicht wusste! Für sie war alles so selbstverständlich. Ich bekam einen Schnellkurs und wurde zu Freundinnen mitgenommen, die phantastische Sammlungen moderner Kunst besaßen." Dass sich diese Kunstrichtung überhaupt hat durchsetzen können, ist auch ein Verdienst Nelly van Doesburgs, die stets von den Künstlern, mit denen sie befreundet war, erzählte und sich selbst nicht in den Vordergrund gestellt hat.

Die Freundschaft mit Peggy Guggenheim und Ludwig Mies van der Rohe, ihre Liaison mit dem politischen Aktivisten Sourou Migan Apithy, Nelly van Doesburgs Aufenthalt in Amerika, ihre Begeisterung für Jazz und die Begegnung mit Thelonious Monk - auf dreihundert Seiten, illustriert mit vielen bisher nicht veröffentlichten Fotos und Dokumenten, schildert Wies van Moorsel das Leben dieser außergewöhnlichen Frau, "in dessen Mittelpunkt die moderne Kunst stand".