Ludwig Hohl
27.03.2004

Aus der Tiefsee. Paris 1926

Autor/en: Ludwig Hohl

Recht

von Nils Röller

"Die wahren Schriften geben dem Leben nicht recht; aber das Leben wird ihnen recht geben", schreibt Ludwig Hohl in dem Fragment "Von den hereinbrechenden Rändern". Hohls Werk wird schon seit langem recht gegeben. Er geniesst Anerkennung und Bewunderung als Schweizer Schriftsteller für Schriftsteller. Nun stellt eine Ausstellung im Strauhof Zürich und eine gleichnamige Publikation das Leben des Mannes vor, der viel trank, in einem Genfer Kellerloch wohnte und der seine Werke auf Zetteln notierte, wenn seine Schreibmaschine im Pfandhaus deponiert war und er, der Spross einer Familie von Papierfabrikanten, kein Geld für Blätter aufwenden konnte.

Welches Leben gibt Hohl recht? Sein eigenes, das auf den Fotografien inszeniert wirkt? Oder das Leben der anderen, wie zum Beispiel Friedrich Dürrenmatts, der ihn bei sich aufnahm und dessen Familienfrieden in Neuchatel zeitwillig von Hohl gestört wurde? Oder das des Verlegers Siegfried Unseld, der den Poeten in dessen Keller besuchte und sich zwischen Wäscheleinen, an denen Zettel hängen, ablichten liess? Oder ist es das Leben von alljenen, die sich mit einem wie Hohl, dem kaum stilistischen Können, selten überzeugende Gedanken, noch eine beherzte oder bedachte Wortwahl zugesprochen werden, dennoch beschäftigen und Zeit dafür verwenden, Werk und Leben des Mannes zu würdigen?

Es ist nicht das Leben, sondern die Attraktion, die Leben und Werk auf die Werke und Zeiten anderer ausüben, die recht geben. Recht geben bedeutet im Fall Hohls, dass ein behaupteter Anspruch erwidert wird. Woher sich der Anspruch ableitet, das ist eine Frage der Aufmerksamkeit und nicht ästhetischer Rechtsprechung. Im Unterschied zum statischen Gebäude der Rechtsprechung ist die Aufmerksamkeit eine dynamisch rücksichtsvolle Bewegung. Es scheint, dass nun Hohl eine Sorgfältigkeit zuteil wird, die er, der viel mit seinem Leben beschäftigt war, gegenüber anderen vermissen liess. Er kanzelt häufig ab, wie in seinen Aufzeichnungen "Aus der Tiefsee - Paris 1926" (Frankfurt/2004: Suhrkamp) zu lesen ist: "Dieser Duzendmensch [Otto Alder (1886-1971)]ist insofern doch nicht nur ein Dutzendmensch als er mehr oder weniger daran leidet [,] dass er nicht etwas Anderes ist. Gross wird dieses Leiden aber nie [,] sonst wäre er kein Duzendmensch ...".

Sympathisch wird Hohl in seiner "Tiefsee" dem Leser, wenn er Missgeschicke, wie das Verpassen eines letzten Zuges im Vorort oder langweilige vertrunkene Abende, also unbeholfene Erfahrungen von Dutzendmenschen unbeholfen beschreibt. Sympathisch ist das, weil so eine fragile Gemeinschaft der nicht Besonderen gebildet wird. Unsympathisch wird Hohl, wenn er auf die Distanz zu Dutzendmenschen geht, wenn er ein Recht, anders als die anderen zu sein, behauptet, aber nicht einsichtig werden lässt. Hohl bleibt seinen Lesern vieles schuldig. Sie bleiben auch ihm etwas schuldig, wenn sie pauschal urteilen. Robert Musil sprach von ihm als einem "Hohlkopf". Das lässt sich als Lob verstehen, wenn man die Durchlässigkeit von Gedanken und Gefühlen als Chance begreif. Der eingangs zitierte Satz von Ludwig Hohl stimmt jedoch skeptisch, dass Hohl diese Durchlässigkeit selbst sympathisch war.