Hartmut Geerken erotische Gedichte
16.06.2004

Erotische Gedichte des Expressionismus und Ogygia

Autor/en: Harmut Geerken

Zwei neue Publikationen von Hartmut Geerken

von Eckhard Fürlus

Von zwei neuen Büchern von Hartmut Geerken soll hier die Rede sein. Der Erscheinungstermin des ersten Buches liegt schon eine kleine Weile zurück. Im August des vergangenen Jahres veröffentlichte der yedermann Verlag in Riemerling bei München in einer Neuausgabe den Gedichtband "Dich süße Sau nenn ich die Pest von Schmargendorf", eine Anthologie erotischer Gedichte des Expressionismus, die in den 80er Jahren zum ersten Mal erschien und inzwischen längst vergriffen war.

Herausgeber dieser Anthologie ist Hartmut Geerken, langjähriger und ausgezeichneter Kenner der expressionistischen Literatur. Zusammen mit Jörg Drews und Klaus Ramm gibt er die Buchreihe "Frühe Texte der Moderne" in der Reihe Edition text und kritik heraus. Der Editionswissenschaftler Oliver Brauer und der Kammersänger Sebastian Myrus sind die Leiter des noch recht jungen und sehr engagierten yedermann Verlags. Hier erschien im Sommer 2000 als erste Publikation das Buch "Texteratur", die erste deutschsprachige Anthologie von Schriftstellern, die das Internet als literarische Spielwiese für sich entdeckt hatten. Weitere Veröffentlichungen folgten: Bücher von Ulrich Holbein, Lou A. Prosthayn, Texte junger Nachwuchstalente und Planet Slam, eine von Ko Balynzky und Rayl Patzak zusammengestellte Poetry Slam Anthologie.

Der vorliegenden Band enthält Texte von 46 Autoren, die von Geerken zusammengetragen und in 19 Kapitel eingeteilt wurden. Zu den Autoren gehören Klassiker wie Gottfried Benn, Ferdinand Hardekopf, Walter Hasenclever, Max Hermann-Neisse, Jakob van Hoddis, Alfred Lichtenstein, Mynona (d. i. Salomo Friedlaender) und Kurt Schwitters, aber auch weniger bekannte Namen wie Franz Richard Behrens, Alexander Bessmertny, Paul Boldt, Edgar Firn, Paul Paquita und Willy Küsters.

Einen Wermutstropfen bildet dabei die Tatsache, daß der Suhrkamp Verlag die Abdruckrechte für elf zum Teil bislang unveröffentlichte Gedichte Else Lasker-Schülers, der größten Lyrikerin Deutschlands - so Gottfried Benn über die Dichterin - nicht eingeräumt, sondern schlicht verweigert hatte. Das engagierte Verlegerteam Oliver Bauer und Sebastian Myrus hatte sich zusammen mit dem Herausgeber Hartmut Geerken bis zuletzt vergeblich bemüht, den Suhrkamp Verlag umzustimmen und eine Aufnahme der Gedichte Else Lasker-Schülers in die Anthologie zu erreichen. Der damalige Verlagsleiter des Suhrkamp Verlags, Günther Berg, soll sich, so heißt es, an der thematischen Einteilung der Gedichte gestört haben.

  • Hartmut Geerken auf Ogygia / Gavdos während einer Lesung im Mai 2004

Das zweite Buch "ogygia. vom ende des südens. 25 gesänge zur verherrlichung des genitivs" ist jüngst in der Bielefelder Aisthesis argonautenpresse erschienen. Ogygia ist der Name einer griechischen Insel im Mittelmeer. Der Name stammt aus homerischen Tagen. Ogygia war die Insel der Kalypso. Odysseus geriet mit seinen Gefährten in ihren Bannkreis und blieb dort jahrelang gefangen. Heute heißt die Insel Gavdos, und Kalypso scheint dort immer noch ihr Unwesen zu treiben. Es heißt: Wer nach Gavdos fährt, kehrt nicht wieder zurück. Vor Jahren strandete eine Gruppe Russen auf Gavdos; seitdem lebt sie dort in klösterlicher Abgeschiedenheit in ihrer "Pythagoräischen Schule der Arithmetik".

Ogygia / Gavdos, die Insel mit ihren dreißig Einwohnern, ist der südlichste Punkt Europas und liegt 150 Meilen vom afrikanischen Kontinent entfernt. Hartmut Geerken entdeckte die Insel im Vorbeifahren auf einer dreiwöchigen Frachterreise von Europa nach Australien.

"ogygia. vom ende des südens. 25 gesänge zur verherrlichung des genitivs" ist ein Laut- und Lesespiel. Auf 132 Seiten sind in diesem Buch in antikisierender Form Beobachtungen, Tagebuchnotizen, Lesefrüchte, mykologische Findelisten, Träume, Zitate, Regeln aus dem Alltag und viele andere Dinge nebeneinander gestellt, die in der Zeit vom 18. November bis zum 13. Dezember 2002 auf Gavdos in den Blickwinkel des Autors gerieten. Alte Bekannte - Odysseus, Zeus, Ornette Coleman, Lester Bowie, Peter Handke, Botho Strauß, Thelonious Monk, Sun Ra - und viele neue Freunde - Andreas und Boris Landa von der Pythagoräischen Schule der Arithmetik, Alan Greenspan, der Dalai Lama, drei Polizisten, ein Glatzkopf - tauchen auf; sie sind die Protagonisten in den 25 Gesängen. Spannend wird es dort, wo die Auflösung der Nomina in Genitivkonstruktionen neue Wörter entstehen lässt, wo das Grundwort völlig neu interpretiert oder in eine ganz andere, irreführende Richtung gelenkt wird. So wird das Wort "Alter" zum "Teer des Alls". Zwei Beispiele aus dem Dreizehnten Gesang Sabbato 2: "gram des pros des haupts an diesem abend / waren die lee der spätz / für sieben sonen der per", oder : "der braunen gee des zies hatten sie / die drei nee des beis zusammengebunden / sie wusste nicht wie ihr geschah / als das keln der schau begann / & begab sich in ihr sahl des schicks".

Zwei Jahre nach seinem ersten Besuch der Insel fuhr Hartmut Geerken erneut nach Gavdos. Mit einem Aufnahmegerät hat Geerken die 25 Gesänge an 16 verschiedenen Orten der Insel - Zedernhain, Schlucht, Höhle der Kalypso, Amphitheater - gelesen und aufgezeichnet, jeweils unter den unterschiedlichen, vor Ort herrschenden akustischen Bedingungen und nach ganz bestimmten, während der oben erwähnten Frachterreise erstellten Parametern. Ogygia / Gavdos ist, so beschreibt es der Autor Harmut Geerken, "eine Art Sprach- & Sprechodyssee im zweiten Fall, entstanden & hörbar gemacht an magischen Orten des antiken Ereignisses."