Douwe Draaisma
14.09.2004

Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird

Autor/en: Douwe Draaisma

Alles über das Gedächtnis in Geschichtenform

von Werner Fuchs

Die Gedächtnisleistung nimmt im Alter ab. Erinnerungsfetzen liegen lose herum, fügen sich nicht mehr zusammen, gehen schliesslich ganz verloren. Wir haben Déjà-vu-Erlebnisse, begradigen und beschönigen unsere Vergangenheit, wundern uns über temporäre geistige Aussetzer, zweifeln am Wahrheitsgehalt von Zeugenaussagen, hören von der rasanten Zunahme von Alzheimer-Patienten und haben irgendwie noch immer das Gefühl, unser Gedächtnis sei eine riesige Bibliothek. Bei diesem allgemeinen Wissensstand holt uns der Autor ab. Gleich auf den ersten Seiten macht er uns mit der Besonderheit seines Buches bekannt, indem er uns mit den Leben der beiden Forscher Galton und Ebbinghaus bekannt macht. Douwe Draaisma verpackt wissenschaftliches Forschen in Geschichten. Denn das ist sein Job als Dozent für Psychologiegeschichte an der Universität Grooningen, den er offenbar exzessiv betreibt. Schon bei seinem letzten Buch „Die Metaphern-Maschine" staunte ich über Materialfülle, die geschickte Auswahl und gekonnte Aufarbeitung. Im neuen Buch tritt er historisch etwas kürzer und setzt vor zwei Jahrhunderten ein, als es zu einer fatalen Weichenstellung kam. Weil Ebbinghaus' Resultate und Methoden dem naturwissenschaftlichen Denken besser entsprachen, kümmerte man sich bis in jüngste Zeit nur um die messbaren Aspekte des Gehirns. Fatal, weil man damit das wichtige biographische Gedächtnis weiterhin den Künstlern überliess.

Douwe Draaisma erzählt Wissenschaftsgeschichte auf höchstem Niveau und Spannungsfaktor. Die Storys von verrückten Wissenschaftlern, Zeugen, Verbrechern, Künstlern, Spinnern, behinderten und weniger behinderten Menschen sind der Teppich, auf dem uns der Autor die Botschaften der Neurologen und Psychologen serviert. Wer sich bislang noch nicht sehr weit in die faszinierende Welt unserer Erinnerungsspeicher wagte, wird sehr viel Neues erfahren. Alles hier aufzuzählen, würde die Spannung bei der Lektüre mindern. Weil der holländische Forscher ein Meister der Metaphern, Analogien und Bilder ist, kann ich das Buch uneingeschränkt alle interessierten Laien empfehlen. Douwe Draaisma nimmt seine Leser auf eine Expedition durch einen Dschungel mit, den die Wissenschaftler bis vor kurzem mit der falschen Ausrüstung erforschen wollten. Die Reisebeschreibungen sind klar, einfach und präzis. Für Neulinge auf dieser Route gibt es wohl nichts Besseres.

Wegerfahrenen ergeht es aber vielleicht wie mir. Ich hätte gerne mehr Zwischenhalte gehabt. Oder eine gut konstruierte Rahmenerzählung, die das Ganze zusammenhält. Wahrscheinlich, weil ich mich vom Zappen endgültig verabschiedete. Und da ich mich seit längeren Zeit für die Vorkommnisse in unseren Köpfen interessiere, war der Neuigkeitswert für mich geringer als für das Zielpublikum, das Autor und Verlag im Auge haben.