Hannah Hoech Buch
22.09.2004

Hannah Höch, Album.

Autor/en: Gunda Luyken, Berlinische Galerie (Hrsg.)

Suchen, Sammeln, Ordnen – Hannah Höchs ganz persönliches Sammelalbum

von Eckhard Fürlus

Als einen ihrer größten Schätze beherbergt die Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur seit 1979 den Nachlaß der Künstlerin Hannah Höch, das Hannah-Höch-Corpus. Mit einer Fülle von schriftlichen Zeugnissen aus ihrem Leben, einer repräsentativen Auswahl von Dokumenten zu ihrem künstlerischen Lebenswerk und seltenen Archivalien aus der Blütezeit des Berliner Dadaismus, den Rarissima, bildet es den Schwerpunkt der Dada-Sammlung.

Zusammen mit Raoul Hausmann, John Heartfield und George Grosz gehört die 1889 in Gotha in Thüringen geborene Hannah Höch zu den Erfindern der zeitkritischen Photomontage, die als eigenständige künstlerische Technik den originären Berliner Beitrag zum europäischen Dadaismus darstellt. Als spezifische Form der gestalterischen Auseinandersetzung mit der vorgegebenen sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit sollte die Photomontage aufräumen mit dem Mythos vom Schöpfertum des Künstlers. Hannah Höch: "Wir nannten diese Technik Photomontage, weil dies unsere Aversion enthielt, den Künstler zu spielen. Wir betrachteten uns als Ingenieure, wir gaben vor, zu konstruieren, unsere Arbeit zu 'montieren' (wie ein Schlosser)."

Heinz Ohff, Hannah Höchs erster Biograph, macht vor allem drei Dinge aus, die das Werk von Hannah Höch geprägt haben: ihren Fleiß, der für drei Lebensleistungen ausreichend gewesen wäre, die chronische Lust am Ausprobieren neuer oder gewagter Techniken und eine bedingungslose Freiheit im Stilistischen und erhebt das Gesamtwerk Hannah Höchs "künstlerisch zum Reichsten und Besten, was Dada hinterlassen hat".

  • Wir danken der Berlinischen Galerie für die Abbildungsgenehmigung des Fotos Hannah Höch um 1924.

Zeitlebens hat Hannah Höch Zeugnisse ihres persönlichen und künstlerischen Werdegangs gesammelt und diese zusammen mit wichtigen Kunstwerken und Dokumenten ihrer Künstlerfreunde während der Zeit des Nationalsozialismus vor der Vernichtung bewahrt. Innerhalb des Hannah Höch Corpus befindet sich ein von der Künstlerin angelegtes Sammelalbum, ein auf zwei Ausgaben der Zeitschrift "Die Dame" beruhendes, 116 Seiten starkes Buch, in das Hannah Höch über 400 nach Themen geordnete fotografische Abbildungen aus verschiedenen illustrierten Zeitschriften aus den Jahren 1925 bis 1933 eingeklebt hat. Einige dieser Abbildungen hat Hannah Höch für ihre Collagen oder auch als Motivvorlagen für ihre Zeichnungen verwendet; hier im Album sind die Zeitungsausschnitte so belassen, wie Hannah Höch sie vorgefunden hatte.

Die aus Magazinen, Illustrierten und Zeitschriften ausgeschnittenen Fotos – oft sind es vier, manchmal drei, mitunter fünf oder mehr auf einer Seite – entstammen den Ullstein-Zeitschriften "Uhu", "Die Dame" und "Berliner Illustrirte Zeitung"; sie lassen sich den Themenbereichen Natur, Sport, Tanz, Technik, Ethnologie und Film zuordnen. Die Doppelseiten des Albums sind nicht willkürlich beklebt, sondern im besten Sinne durchkomponiert und zeigen Winterlandschaften mit Skiläufern und Bergsteigern, Tieraufnahmen der afrikanischen Wildnis, Karl Blossfelds Knospenfotografien, Luftaufnahmen der Städte Chicago, New York und Hollywood, Frauen bei der Gymnastik und beim Tanz, Säuglinge, kleine Kinder, junge Frauen, Schauspielerinnen und Tänzerinnen wie Gret Palucca, Josephine Baker, Kiki in einer Aufnahme von Man Ray, Raquel Meller von der Pariser Palace-Revue, Anna May Wong, Elisabeth Bergner und Nelly van Doesburg.

Ob Hannah Höch dieses Album als Materialsammlung für Fotomontagen und Collagen angelegt hat, ob es als Skizzenbuch angelegt wurde oder ob es als singuläre Arbeit im Werk der Künstlerin eine eigenständige künstlerische Leistung darstellt, diese Fragen läßt die Herausgeberin Gunda Luyken unbeantwortet, vermutet aber, daß das Album als Index für Hannah Höchs Bilderfundus konzipiert wurde und verweist auf die Archivierungsmethode des Fotografen Karl Blossfeld; Blossfeld habe seine Kontaktabzüge – wie Hannah Höch die von ihr ausgeschnittenen Bilder – nach Themengruppen geordnet.

In ihrem dreisprachig gehaltenen, im Erscheinungsbild optisch das Prinzip der Klebetechnik Höchs aufgreifenden Vorwort verweist Gunda Luyken auf ein ähnliches Album, das George Grosz in der Zeit zwischen 1941 und 1958 angelegt hat und für das Grosz den Titel "The Musterbook, Textures" fand. Sind bei Hannah Höch Freikörperkultur, Babys und romantisch verschneite Winterlandschaften Gegenstand ihres Interesses, so überwiegen bei George Grosz die Themen Alkohol, Rausch und Frauen. Luyken unterstreicht die persönliche Note, die dem Album Hannah Höchs aus ihrer Sicht mehr noch als ihren kritischen Fotomontagen anhaftet. Somit wird das Album zu einem großartigen Dokument der Erinnerung Hannah Höchs an Erlebnisse und Ereignisse während der Jahre der Weimarer Republik.