Umberto Eco
25.10.2004

Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana

Autor/en: Umberto Eco, Burkhart Kroeber

Riesengewinn oder Riesenfrust

von Werner Fuchs

Da bin ich aber mal gespannt, wie die Fangemeinde von Umberto Eco auf den neuen Roman reagieren wird. „Anspruchsvoll, wie immer", meinte der Buchhändler auf meine Frage, was er denn vom jüngsten Werk des italienischen Tausendsassas meine. Auf mein Insistieren, was er damit sagen wolle, gab er flugs zu, nur so drin geschmökert zu haben. Tja, das reicht bei Eco natürlich nicht. Der 72jährige Zeichenforscher von Bologna verlangt von seinen Studenten und Lesern viel. Aber er gibt auch viel. Diesmal einige faszinierende Lehrstunden über unser Gehirn, unsere Erinnerungen, unsere Konstruktion von Wirklichkeit.

Gespannt bin ich auf die Leserreaktionen, weil mein positives Urteil auf einem besonderen biografischen Hintergrund basiert. Ich war acht Jahre in Italien, kenne die Schauplätze, die Sprache, die Geschichte, viele der abgebildeten Dokumente, hatte ein faszinierendes Treffen mit dem Autor in Rom und befasse mich seit 17 Jahren intensiv mit Neurologie. Und meine Tochter hatte ebenfalls ein äusserst eingeschränktes autobiografisches Gedächtnis. Eco landete bei mir deshalb im Zentrum meiner Erinnerungen und Interessen. Und dennoch bin ich der Meinung, dass dies nicht sein bester Roman ist. Ich stiess auf absolute Highlights, die mich vom Hocker rissen, bzw. aus dem Bett hochschnellen liessen. Und dann dachte ich auch immer wieder, dass es Eco diesmal weniger gelungen ist, eine literarische Symphonie zu komponieren. Nicht die kleinen neurologischen Ungereimtheiten störten mich, sondern einzelnen Zeichnungen der Figuren, die Verteilung der Schwerpunkte, die Einsätze der verschiedenen Instrumente, Aussetzer des Dirigenten. Und trotz dieser Misstöne, empfehle ich das Buch aus Überzeugung. Denn Vergleichbares gibt es nicht, wenn man den Proust schon gelesen hat.

  • Angereichert mit vielen Illustrationen

Anspruchsvoll? Ja, aber anders als seine bisherigen Bücher. Die Leser brauchen kein enzyklopädisches Wissen, kein Fremdwörterbuch und dank der hervorragenden Übersetzungen auch kein Italienischvokabular. Aber man muss sich auf die Bilder einlassen, den schönen Schmöker hie und da zur Seite legen und Raum für eigene Erinnerungen schaffen. Dann tauchen Struwwelpeter, Fix & Fox und all die Helden unserer Kindheit auf. Was hat uns geprägt? Und weshalb wohl? Welche realen und fiktiven Figuren setzen uns in Angst und Schrecken oder gaben uns Zuversicht, das Leben zu meistern? Wo würden wir unsere Geschichte suchen, wenn unsere Erinnerungen plötzlich ausgewischt würden? Welchen Traumbildern jagen wir nach, und weshalb? Wer mit dieser Lesehaltung Ecos neues Buch angeht, wird es keine Sekunde lang bereuen, sich auf diese Reise eingelassen zu haben. Das ist selbstverständlich eine andere Route als Unterhaltung pur. Aber Eco ist ein toller Guide. Dass er nun mal 72 Jahre zählt, seinen Schatz in Italien, im Faschismus und in seiner Medienkultur gesammelt hat, ist seine Geschichte. Nehmen wir doch die Einladung an, unsere eigene zu entdecken. Es macht Spass und führt uns an Orte, die wir schon längst vergessen haben. Dass uns dies manchmal auch traurig stimmt, ist kein Grund zur Leseverweigerung. Wer nach der Lektüre mehr Frust als Lust verspürt, hat wohl einen anderen Zugang zu seinem Selbstbild als Umberto Eco. Dafür kann der Autor aber nichts.