Hirnforschung
14.11.2004

Hirnforschung und Willensfreiheit

Autor/en: Christian Geyer

Genau so müssen solche Sammlungen sein

von Werner Fuchs

Herzlichen Dank an den Herausgeber Christian Geyer, seines Zeichens Ressortleiter „Neue Sachbücher" im Feuilleton der FAZ. Dieses Zwischenfazit der Diskussion um Willensfreiheit war dringend notwendig. Denn so sehr ich mit den Gehirnforschern sympathisiere, beim Thema Willensfreiheit wird das Eis immer dünner und die Belastung immer grösser. Paradoxerweise sind es die Neurologen selber, die unsere Sehnsucht nach einer allumfassenden Welterklärungstheorie begründen und gleichzeitig erfüllen. Und es ist nicht ganz einfach, ihnen Widerstand zu leisten, wenn alles im Kopf passiert.

Der Herausgeber hat die 30 Beiträge sehr klug ausgewählt und lässt Hirnforscher, Philosophen, Theologen, Historiker, Literaturwissenschaftler, Juristen sowie sich selber zu Wort kommen. Das Ganze fügt sich dann zu einem Bild zusammen, das sich zwar schwer in einen Rahmen sperren lässt, aber dennoch mögliche Denkrichtungen skizziert.

Die paar Euro sind bestens investiert. Denn der Herausgeber taucht für mich in die Publikationsflut, hebt offen daliegende Schätze, sucht aber auch unter den Steinen und entdeckt so Perlen, die mir verborgen geblieben wären. Nicht alles, was er an die Oberfläche beförderte, hat mir gefallen, musste ich doch einige lieb gewonnene Bilder von der Wand nehmen oder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Aber genau das muss ja der Sinn solcher Tauchgänge sein.

Wie bei Sammlungen dieser Art unvermeidbar, sind die einzelnen Beiträge von unterschiedlicher Qualität, wobei der freie Fall ins Grässliche nie eintritt. Beim Schwierigkeitsgrad der Artikel hat Christian Geyer offenbar darauf geachtet, allzu Unverständliches, Fachspezifisches und Esoterisches gnadenlos auszuschliessen. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist eine Bestandesaufnahme, die zwar den Frontallappen und seine Umgebung fordert, aber das limbische System nicht überfordert. Anders gesagt, intellektuell anspruchvoll, aber wohltuend und sehr anregend. Die Neugier auf einzelne Autoren wurde ebenso geweckt wie die Absicht, wieder vermehrt auf die Edition Suhrkamp zu achten, wenn ich brauchbare Zwischenresultate suche.