Kant für Kinder
22.03.2005

Kant für Kinder

Autor/en: Salomo Friedlaender

In die Leere-Empfindung fallende Körper

von Corinna Schwarz

Salomo Friedlaenders „Kant für Kinder“ neu aufgelegt. Mit einem Essay von Detlef Thiel und einem Vorwort von Hartmut Geerken.

Ostern 1924 kam in Hannover ein Buch mit dem verheißungsvollen Titel „Kant für Kinder“ heraus. Der Verfasser Salomo Friedlaender war dem Publikum besonders durch Aufsätze und Grotesken, die unter dem Pseudonym Mynona erschienen, bekannt. Seinen Kinderkant hatte er ohne satirische Absicht geschrieben. Er hoffte, daß dieser als Schulbuch Verwendung finden würde. Der Wunsch des Autors ging nicht in Erfüllung: nicht in den zwanziger Jahren, auch nicht als Friedlaender sich 1938 im Pariser Exil (wo er 1946 im Alter von 75 Jahren verstarb) erneut um eine Veröffentlichung in einem Schweizer Verlag bemühte. 80 Jahre nach seinem ersten Erscheinen hat nun der Georg Olms Verlag das Buch noch einmal herausgebracht.

„Kant für Kinder. Fragelehrbuch zum sittlichen Unterricht“ ist nicht nur äußerlich nach dem Frage-und-Antwort-Schema eines Katechismus aufgebaut (z.B. „Woher erkennst du dein Elend? – Aus dem Gesetz Gottes.“; Heidelberger Katechismus). Nach Friedlaenders Absicht sollte sein Buch das Studium des Katechismus und der Heiligen Schrift in der Schule ersetzen, wie die Kantische Sittenlehre und Vernunftreligion alle Offenbarungsreligionen ersetzen soll (S. 15). Kant als Begründer einer humanistischen Menschheitsreligion?

Das Buch ist nach den drei berühmten Fragen Kants: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? (Kritik der reinen Vernunft A 805 / B 833) gegliedert. Friedlaender setzt sie in die Pluralform und eine andere Reihenfolge „Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Was können wir wissen?“ und ergänzt den ersten Abschnitt noch mit einem Anhang „Grundsätze der geschlechtlichen Sittlichkeit“. Friedlaender liest Kants Morallehre im Licht des Satzes vom (zu vermeidenden) Widerspruch. Abgesehen davon, daß Kants Originalität nicht gerade hier zu finden ist (vgl. Thomas von Aquin, S. th. II/I, 94,2), mag diese Simplifizierung des kategorischen Imperativs zwar rein logisch schon vom sechsjährigen Kind begriffen werden (S. 11), ob sie von Kindern in die praktischen Konflikte des realen Lebens übersetzt werden kann, ist zu bezweifeln. Die Abschnitte „Was dürfen wir hoffen?“ und „Was können wir wissen?“ präsentieren Grundbegriffe der Kritik der reinen Vernunft als Glaubenssätze. Nach Friedlaender erhalten wir allein bei Kant Antwort auf das, was wir zu wissen suchen: „Die Wahrheit. Die Wahrheit über die ganze Welt, die Lösung aller ihrer Rätsel.“ (S. 53). Der Autor vermeidet dabei alle philosophischen Fachtermini: aus Kausalität wird Verhältnisbegriff von Ursache und Wirkung; unter Vermeidung des Ausdrucks von der Idealität des Raumes heißt es, die Körper fielen in eine Leere-Empfindung hinein (S.59). Die didaktische Effizienz solcher Übersetzungen ist wohl zumindest diskutabel.

Das Frage-Antwort-Schema eines christlichen Katechismus hat vor allem eine mnemotechnische Funktion, inhaltlich geht es um die allgemein verständliche, ungefälschte Verkündigung der christlichen Dogmen. Mit sokrateischer Maieutik hat es wenig zu tun. Zur Dogmenverkündigung geronnene Philosophie, entbehrt der symbolischen Vielschichtigkeit der christlichen Dogmen genauso wie der kritischen Gedankenarbeit der Philosophie. Friedländers Kinderkant hat seinen Wert wohl mehr als zeitgeschichtliches Dokument, denn als Lehrbuch. Wer spielerischen Umgang mit Kants Philosophie erwartet, wird enttäuscht – daran kann auch die sorgfältige Arbeit der Herausgeber und vor allem der lesenswerte Essay von Detlef Thiel nichts ändern.