Ahabs Steuer
30.03.2005

Ahabs Steuer

Autor/en: Nils Röller

Kybernetik mit Melville - Ein Leserbrief

von Otto E. Rössler

Was ist Lesen? Die Endophysik nähert sich dieser Frage im Wechselspiel zwischen internen und externen Beobachtungen. Zur Hilfe kommen ihr dabei, überlieferte Beobachtungen, in denen Schriftsteller und Künstler Weisen des Lesens und Schreibens reflektieren. In endophysikalischer Sicht ist das Merve-Bändchen „Ahabs Steuer“ sehr geschickt aufgebaut und aus einem Guss, mit unglaublich starker Verzahnung, so dass die vielen neuen Dinge, die man daraus lernt, nicht isoliert bleiben: Melville, Olson, Weyl, das schwarzer-Berg-Kolleg, der Weyl-Kompass, das Gleichgewicht zwischen Ahab und Ismael, 1000 Erleuchtungen. Und am Schluss das Bewusstsein. Ein Meisterwerk. Das Interface-Problem wird unter den Begriff des Weyl-Kompass gestellt. Was heisst das? Melville war so klug wie Maxwell später, als er seine wunderbare Frage formulierte (S.55/56): „Was passierte mit dem Messen, als die Starrheiten aufhörten?... Was heisst Messen, wenn das Universum pulsiert?“ Ich wüsste sehr gern, ob er Boscovich kannte, oder ob er unabhängig von diesem auf dessen tiefste Erkenntnis gekommen war („als die Starrheiten aufhörten“) („pulsiert“). Spielt es eine Rolle, dass Olson und nicht Melville diese Worte benutzte? Auch Olson ist ein neuer Freund, den die „Navigationen zwischen Kunst und Naturwissenschaft“ den Menschen zuführen. Olson`s Mexiko gefällt. Mit der Wendung „keine starren Probekörper“ (S. 57 oben) wird auch Weyl sehr boskovitisch. Er ist vielleicht allein darauf gekommen, dass nur die Differenz erkennbar ist.

Was mich mit Staunen erfüllt, ist der Medienschwerpunkt von Ahabs Steuer. Jeder wird in Zukunft Medien (inklusive Physik) richtig verstehen können nach der Lektüre. Ich habe Melville nie gelesen. Die „Pappmasken der Erscheinungen“ (S. 94) haben mich sehr beeindruckt. Auch das Hineinzwingen der Wiener (und Wieners) in das Bild, oder besser in die Seekarte, nach der navigiert wird, ist legitim. Οίαξ (joystick) war ein kleiner Hebel am Ruder des altgriechischen Bootes. Heraklit nennt ihn in seinem πάντα οιακίζει Κεραυνός" („alles steuert der Blitz“, also Blitzewerfer), mit der richtigen Gefängnis- (oder eben nicht!) Einsicht. Rombach schrieb darüber ein Buch, kennt aber das Wort joystickt nicht. „Die Parzen in der Regieanweisung“ (S. 129): ein Kick. Deleuze kenne ich leider immer noch nicht. „Nahe am Vorhang zu navigieren“ ist toll gesagt. Auf Seite 130 wird das Steuer umgeworfen und ein zweites Thema angepeilt („dass diese Grenze vom Bewusstsein abhängig ist“), wobei Bewusstsein jetzt gesellschaftlich wird potentiell. Zunächst kommt die „gesegnete Minute“ (Melville`s Trick habe ich kürzlich ebenfalls verwendet, ohne ihn zu kennen, als ich in einem Paper die Uhrzeit seiner Entstehung angab). Dann kommen die (wichtigen) „Verarbeitungsmöglichkeiten des Menschen“ (S.133), ein eigenes grosses Thema, wenn man in die makroskopische Gehirntheorie eintritt. Vorher war das Prinzip der Navigation (in meiner Denkweise) rein mikroskopisch. Ich sehe das so deutlich, weil ich früher rein makroskopisch dachte im Zusammenhang mit der Biologie (Lebensentstehung) und Gehirntheorie. Roth und Wiener haben für mich einen makroskopischen Touch: Gehirnkybernetik, Gehirn-Gleichungen. In letzter Zeit zieht es mich zu diesem Thema zurück. Die makroskopische Bewusstseinstheorie ist ebenso wichtig und unentwickelt wie die mikroskopische (objektive-Welt-Theorie).

Das „Rezept, dort hinschauhen, wo sich nichts bewegt“ (S. 135) ist genial. Psychologen machen zur Zeit genau dort Experimente, mit gutem Erfolg, wie ich von Sebastian Fischer gelernt habe.

Jetzt-Theorie. Empfindungsraum. Ahabs Steuer vertraut darauf, dass diese beiden Approaches (der makroskopische und der objektiv mikroskopische) zusammengebracht werden müssen. Wie schnell die Zeit vergeht und dass Zeit vergeht, folgt aus der makroskopischen Verdrahtung. Die Welt spaltet sich auf in Gehirn (makro-) Funktionsabhängig, und Gehirn (mikro-)Physik-abhängig. Beide „Medien“ sind für die Zukunft gleich hoch interessant.

„Die witzige Situation der Zwitterstellung“ (S. 140) trifft den Nagel auf den Kopf. Das Buch ist eine Bombe. Ich bin sprachlos. Nur Barbaras Blume ist noch schöner: Blue Spanish Sky.